Tattoos als Bildstörung


Die Bilder von Christian Rex van Minnen leben vom Spannungsverhältnis zwischen der Ästhetik der Barockmalerei und Gesichtern, die oft nur noch aus Geschwüren bestehen, »Hope and wait«, 2013.Christian Rex van Minnens Arbeiten sind ein bunter, tödlicher Cocktail, gemacht aus flämischer Porträtkultur und einem Spritzer Arcimboldo-Stil, gewürzt mit einer Prise aus den besten Science-Fiction-Streifen. Wir haben ihn in seinem Haus in Brooklyn getroffen und mit ihm gesprochen.

Woher stammt du?
Ich wurde in Providence, Rhode Island, geboren und wuchs in Colorado auf. Jetzt lebe ich in Brooklyn, New York.
 
Was hat dich nach New York geführt?
Wir waren pleite und hatten ein Baby, also dachten wir, New York wäre der richtige Ort für uns. Es ist immer noch das kulturelle und künstlerische Epizentrum, auch wenn das Internet diese Stellung ?inzwischen für sich beansprucht. Seitdem ich hier bin, habe ich schon so viele großartige Künstler und so viel fantastische Kunst gesehen!

Mit dem Titel »Bouguereau geht nach Westen«, 2014, verweist van Minnen auf den französischen Maler des Klassischen Realismus im 19. Jhd.
Tattoomotive dienen van Minnen als Symbol oder Allegorie, um die Botschaft des Bildes zu entschlüsseln. »Vernünftige Einfälle«, 2013
(l) Tattoomotive dienen van Minnen als Symbol oder Allegorie, um die Botschaft des Bildes zu entschlüsseln. »Vernünftige Einfälle«, 2013. (r)Mit dem Titel »Bouguereau geht nach Westen«, 2014, verweist van Minnen auf den französischen Maler des Klassischen Realismus im 19. Jhd. 


Wie hast du angefangen, Kunst zu machen?

Mit kurzen Bleistiften und Papierschnipseln auf der Rückenlehne von Kirchenbänken. Und ich hatte einen wirklich tollen Kunstlehrer an der Highschool, der mich in die Malerei einführte, als ich 14 oder 15 war. Da habe ich mich sofort darin verliebt.
 
Barock und harte Metal-Musik passen in ihrer Verspieltheit und Übertreibung gut zusammen. »Selbstporträt mit Metallica«, 2014Verwirrspiel aus poppigen Farben und  gekonnt krude ausgeführten Knasttattoos, »Selbstporträt mit Gefängniszeit«, 2014.

(l) Barock und harte Metal-Musik passen in ihrer Verspieltheit und Übertreibung gut zusammen. »Selbstporträt mit Metallica«, 2014. (r) Verwirrspiel aus poppigen Farben und  gekonnt krude ausgeführten Knasttattoos, »Selbstporträt mit Gefängniszeit«, 2014.


 
 Giuseppe Arcimboldo
  Porträt aus Obst und Gemüse von Giuseppe Arcimboldo.Giuseppe Arcimboldo wurde um 1526 in Mailand geboren und starb dort 1593. Dazwischen war er lange als Maler am Hofe in Wien. Bekannt wurde Arcimboldo vor allem durch seine Gemälde, in denen er Obst und Gemüse so arrangierte, dass in der Fantasie des Betrachters daraus Porträts von Menschen entstanden – oft von tatsächlich lebenden, zeitgenössischen Personen. Auf dem unten stehenden Werk »Vertumnus« ist der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Rudolf II., zu sehen. Arcimboldo ist auch für seine Stillleben-»Umkehrbilder« bekannt, die, auf den Kopf gestellt, ebenfalls Porträts zeigen. Der Spätrenaissance- und Manierismus-Künstler gilt außerdem als Erfinder hydraulischer Maschinen.




Du hast Kunst studiert. Deine Werke erinnern beispielsweise an Giuseppe Arcimboldo, der im 16. Jahrhundert Personen aus Gegenständen und Obst porträtiert hat (siehe Infobox). Wer oder was beeinflusst dich in Sachen Kunst?

Ich habe meinen Bachelor an einer kleinen Jesuitenuniversität gemacht, an der Regis-Universität, und habe in Kunst abgeschlossen. HR Giger ist seit jeher mein absoluter Lieblingskünstler, der mich von allen am frühesten inspiriert hat. Als ich wirklich sehr jung war, war ich quasi von Aliens besessen, und meine Mutter kaufte mir ein Buch über seine Kunst, als ich 15 oder 16 war. Das hat für mich alles ?verändert. Seine Kunst ist irgendetwas zwischen dem Figürlichen ?und dem Abstrakten, ein emotionaler, sexuell aufgeladener Raum, mystisch und wissenschaftlich zugleich, verführerisch und abstoßend gleichermaßen. Später habe ich die früheren Surrealisten entdeckt, etwa Max Ernst, René Magritte und Yves Tanguy. Sie hatten ebenfalls großen Einfluss auf mich. Heute sind die Meister des niederländischen goldenen Zeitalters meine Mentoren (etwa das 17. Jh.; Anm. D. Red.).
 
Sind Tätowierer richtige Künstler oder eher Kunsthandwerker?
Tätowierer sind auf jeden Fall Künstler. Ich finde, man kann Tattoos im wirklichen Wortsinn nicht als praktisch oder nützlich betrachten. Natürlich ist es eine sensible Frage und hat viel damit zu tun, wie du dich selbst bezeichnen möchtest. Das ist sehr subjektiv und es gibt mehr als eine richtige Antwort.

Was hast du mit dem Tätowieren zu tun?
Als ich in Colorado war, habe ich für eine kurze Zeit einen kleinen Raum ganz hinten im Tattoo-Shop eines Freundes gemietet. Es war sehr interessant, da zu sein. Aber da gab es viel zu viele Leute, die dort nur abgehangen haben, vielmehr als ich bei dieser Arbeit ?hätte gebrauchen können. Für mich war es ein guter Deal und ich hatte für einige Monate Spaß. Zugleich ging ich in ein Programm des Anderson-Ranch-Kunst-Centers in Snowmass – und neben all dem lernte ich definitiv ?die Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kreativität, Geduld und Ausdauer zu schätzen, die die Tätowierkunst erfordert.

Dass der Maler in seiner New Yorker Anfangszeit tiefere Einblicke in die Ikonographie des Tätowierens hatte, ist unverkennbar. »Tupac entdeckt Amerika«, 2014.»Stillleben mit Tupac«, 2013

(l) Dass der Maler in seiner New Yorker Anfangszeit tiefere Einblicke in die Ikonographie des Tätowierens hatte, ist unverkennbar. »Tupac entdeckt Amerika«, 2014.. (r) »Stillleben mit Tupac«, 2013.


Hast du jemals versucht, Tätowierer zu werden?
Nein, ich habe nie versucht, Tätowierer zu werden. Ich mag es nicht, Auftragsarbeiten zu erledigen, und habe bisher wenig von ihnen gemacht. Und: Ich denke nicht, dass ich das Blut mögen würde und irgendwelche Fremden in der Mangel zu haben. Trotzdem habe ich allen Respekt der Welt gegenüber Tattoo-Künstlern. Wenn du wirklich gut bist im Malen, dann scheint es mir ein besserer Weg zu sein, Kunst in lebendiger Form zu machen, anstatt in der Mainstream-Kunstwelt.
 
Gibt es Tätowierer, die du als Maler bewunderst?
Duke Riley und Daniel Albrigo sind wirklich beeindruckend.

Einige der Figuren in deinen Bildern sind tätowiert. Warum?
Manche sind es. Manche tragen Make-up oder Schmuck, haben Schönheitsfehler oder Leiden. Ich genieße es, die Beschaffenheit der Haut zu entwickeln. Etwa mit Tattoos, um eine Art Bildstörung zu bewirken und so eine Dissonanz mit den Formen herzustellen, auf denen sie liegen. Bei den Tattoos benutze ich eine bläulich-schwarze Farbe im nassen Glanz der Haut.
 
Magst du es auch, mit anderen Medien zu arbeiten?
Ich habe begonnen, mit einer Monotype-Presse zu arbeiten, die ich mir für daheim gekauft habe. Ich hatte in diesen Monaten nicht gemalt und suchte etwas, was dem Malen ebenbürtig wäre, und Monotypes sind die Lösung. Ich habe es satt, mit Linien zu arbeiten, ich mag die Masse, das Hell und Dunkel der Druckmedien.
 



Text: Marco Annunziata
Bilder: Christian Rex van Minnen, Übersetzung: Boris Glatthaar




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09.10.2014
Text: Marco Annunziata Bilder: Christian Rex van Minnen, Übersetzung: Boris Glatthaar
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