Stoned from the Underground



Tausende Anhänger der gepflegten Tiefdruck-Musik treffen sich in Erfurt-Stotternheim, um gemeinsam dem ultimativen Riff zu huldigen. TätowierMagazin war dabei und hat Augen und Ohren offen gehalten.

Zelt ist aufgebaut, es ist Donnerstagnachmittag, der erste Tag des Festivals. Vor der Bühne sehe ich schon die Menschentraube, die der ersten Band des Abends entgegenfiebert. Ehrlich gesagt, ich bin noch ein wenig übermusikalisiert, weil mein Fahrer mich die ganze Anfahrt mit Schallgeräuschen aus seiner halbgaren Anlage penetriert hat. Doch was soll’s, wegen der Mucke bin ich ja da!

Tausende Anhänger der gepflegten Tiefdruck-Musik treffen sich in Erfurt-Stotternheim, um gemeinsam dem ultimativen Riff zu huldigen
Tausende Anhänger der gepflegten Tiefdruck-Musik treffen sich in Erfurt-Stotternheim, um gemeinsam dem ultimativen Riff zu huldigen.

Like a Summer Thursday (Townes Van Zandt)
Pfiiiiiiiieeeeep!!! Autsch, aber geil! Die erste Band fängt an mit ’nem Feedback. Isoptera aus Deutschland, junge Gruppe mit recht viel Wumms von unten. Nicht schlecht für den Anfang. Die Jungs grooven mich schön in Festivalstimmung, die US-Amerikaner Mirror Queen brauchen das Level nur noch zu halten. Schöner Retro-Rock, der mich und einige andere dazu animiert, den Arsch zu heben und mitzuwippen.

Bunte Haut und tolle Stimmung charakterisierten  das kultige Stoner-Festival bei Erfurt.Herkules Propaganda bewiesen Style und rockten bei 30 Grad im Schatten in Latex, Lack und Leder!

(links) Herkules Propaganda bewiesen Style und rockten bei 30 Grad im Schatten in Latex, Lack und Leder. (rechts) Bunte Haut und tolle Stimmung charakterisierten das kultige Stoner-Festival bei Erfurt. 



Und dann ist es so weit: Eine meiner Lieblingsbands betritt die Bühne, Pelican aus Chicago, Illinois. Intrumentale Magengrubenmassage par excellence. Vor und neben mir wird es immer voller, bald schon sieht man nur noch fliegende Haare. Neben mir steht ein Typ, der über und über mit eigenwilligen Tattoos bedeckt ist. Ich frage ihn, wie er heißt, und er sagt, er sei der Käpt’n Fettsau Texas Bob. Okay, ich lass’ das so stehen. Nach ein paar rhythmischen Nackenübungen und drei Bier später betreten Earthless aus San Diego, Kalifornien, die Bühne. Neben mir höre ich nur noch ein junges Mädchen hysterisch und zugleich total euphorisch kreischen: »Die Götter, die Götter, hört euch das an!« Wohlgemerkt hat zu diesem Zeitpunkt die Band noch nicht mal eine Note gespielt. »Hoffentlich steigt uns die Gute nicht aus«, sag ich zu meinen beiden Fotografen. Aber die hören mich auch schon nicht mehr, weil sie abwechselnd Tattoos schießen und zu den äußerst Hendrix-lastigen Klängen von Earthless headbangen.

Pelican war eines der Highlights des Festivals. Ein Gänsehaut-Instrumental-Inferno.Ein alljährlicher Besucher und unser Festivalliebling »Der Kranich«.
(links) Pelican war eines der Highlights des Festivals. Ein Gänsehaut-Instrumental-Inferno. (rechts) Ein alljährlicher Besucher und unser Festivalliebling »Der Kranich«. 
 

Nach den ersten fünf Minuten ertappe ich mich aber auch beim Hin- und Herschütteln meines Hauptes. »Willste noch ein Bier oder willste nen Pfeffi?«, ruft eine Stimme neben mir. Total irritiert drehe ich mich zur Seite. Na klar, ich nehme und schlucke, ohne zu wissen, wer der nette Mensch überhaupt ist. Vom Bierstand aus gucke ich schließlich zusammen mit den Typen den Rest von Earthless an. Seinen Namen weiß ich bis heute nicht.
Nun betritt die letzte Band des Abends die Bretter, The Atomic Bitchwax, ebenfalls aus den USA. Wie mir von einem duften Besucher erzählt wird, haben die Jungs schon eine Odyssee hinter sich, da sie in Paris ihren Flug verpasst und es gerade so zum Festival geschafft haben. Aber den Stress lassen sich die drei Jungs nicht anmerken. Von den 70ern inspirierter Jamrock kocht aus den meterhohen Speakern. Das schon biergeschwängerte Publikum geht voll mit. Mir fliegen die fetten Riffs nur so um die Ohren.

Friday On My Mind (The Easybeats)
Der Freitag beginnt recht entspannt,
morgens um neun kann man eh nicht mehr pennen, weil die Sonne aufs Zelt knallt. Also erst ’mal Kaffee oder Konterbier. Gott, was für große Entscheidungen am Morgen! Der Zufall richtet’s, ein Zeltnachbar bietet Carajillo an, die gute Mischung aus beidem – zwei Zentiliter Osborne 103, ein Teelöffel Zucker, fünf Zentiliter Espresso. So fängt der Tag doch gleich besser an, und solcherlei solidarische Bekundung passiert auf dem Stoned from the Underground ständig: Jeder scheint jeden zu kennen, man wird eingeladen und lädt ein. Ein Festival nach meinem Geschmack – friedlich, familiär und total entspannt.
Ab 14 Uhr brummt es vom Gelände herüber: Trecker aus Deutschland geben ganz schön Gas. Die Routine hat mich zurück, ich steuere von der Bühne dem Bierstand entgegen, an dem ich die aktuellsten News über Bands und Szene erfahre.

Lori von Acid King haute ein Monster-Riff nach dem anderen raus.Mustasch sorgten für großes Rock-Kino!

(links) Mustasch sorgten für großes Rock-Kino. (rechts) Lori von Acid King haute ein Monster-Riff nach dem anderen raus.


»Jetzt kommen Operators«, sagt mein Tresennachbar. Sechs junge Männer betreten die Bühne, es werden schöne, griffige Riffs gespielt. Die 40 Minuten verfliegen, dann ein fliegender Wechsel mit Pet the Preacher aus Dänemark – Black Sabbath meets Soundgarden, richtig schön erdig, einfach nur fett. Drei Bier und  fünf Pfeffis später kommen Horisont aus Schweden. Die Jungs katapultieren mich direkt in die Siebziger, ihre langen Haare, weiten Schlaghosen und Koteletten lassen einfach jeden Metzger neidisch werden. Ebenso retro ist die Mukke. Aber jetzt brauche ich erstmal ne Pause, und zwar mit einem »Pulled Pork Burger«, direkt vom überdimensionalen Smoker, herrlich.
Gestärkt geht es zur nächsten Kapelle. Sardonis aus Belgien. Leck mich am Arsch! Die beiden Jungs gehen ganz schön derbe ans Werk, ein Hammer-Riff nach dem anderen. Ein bisschen wie Slayer auf Downers. Hmmm, wer soll das noch toppen? Kein Problem, weil Troubled Horse aus Schweden als nächste dran sind. Ich als großer Blue-Öyster-Cult- und Captain-Beyond-Fan bin völlig weggeblasen von den fünf Jungs.
Dann kreischt ein junges Mädchen: »Truckfighters, Truckfighters, Truckfighters!« Ich frage zunächst mich, und als ich selbst keine Antwort finde, meinen Nachbarn, wer denn diese Truckfighters sind. »Mensch, die kennste nicht?«, fragt er mich ungläubig. »Nö«, sage ich, »nie gehört.« Eine Bildungslücke: Ein Schweinefett-Riff nach dem anderen, wild herumspringende Musikanten, Headbanging, Stage-Diving. Schöne Show, das will man sehen. Weiter geht’s mit dem Tieftöner-Marathon: Acid King aus San Francisco. Mensch, was habe ich mich darauf gefreut, das Dreiergespann rund um Frontfrau Lori liefert den Vollwaschgang fürs Gehirn. Jawohl, hier wird das Riff zelebriert und abgefeiert, da dauert ein Lied auch mal acht oder neun Minuten.
»We are fucking Mustasch, Stoned from the Underground«, schreit der nächste Frontmann von oben herunter. Yes, Mustasch bilden an diesem musikalisch mehr als ausgefüllten Tag den würdigen Abschluss mit Metal deluxe. Aftershow? Ja, auch diese habe ich noch mitgenommen.

Harte Musik, knallharte Tattoos!
Kochten herrliches veganes  Essen: Einer der Jungs von Green Food Machine.
(links) Harte Musik, knallharte Tattoos! (rechts) Kochten herrliches veganes Essen: Einer der Jungs von Green Food Machine. 

Saturday Night Special (Lynyrd Skynyrd)
Der Samstag beginnt, wie der Freitag aufgehört hat. Mit dem kleinen Unterschied, dass mein Zeltnachbar mir den Carajillo nebst einem eiskalten Bier und ein paar Bockwürs-ten schon auf den Campingtisch gestellt hat. Es fehlen nur noch die Blumen. Ehrlich gesagt, ich war gerührt, so etwas habe ich noch nie auf einem Festival erlebt. Der Tag kann kommen. 14.30 Uhr, Hyne aus Hamburg, na das fängt ja gut an. Riff-Rock par excellence. Saubere Handarbeit. Noch etwas beballert vom Tag zuvor lege ich meinen schlaffen Körper auf einer kleine Anhöhe ab. Gefühlte sechs Stunden später wache ich auf. Thomas, der Fotograf, sitzt neben mir. »Habe ich was verpasst?« Thomas antwortet: »Ach, nur Herkules Propaganda, so ’ne Band, die angezogen war wie Transen, und Schweinerock gespielt haben. War lustig!« Gerade mal aufgewacht, hauen mir Deville aus Schweden ihre Mischung aus Stoner- und Alternative-Rock um die Ohren. Schade, hier bekomme ich nur 20 Minuten mit. Die sehr unterhaltsamen Aufführungen von Black Bommbain aus Portugal und Been Obscene aus Österreich rauschen an mir vorbei, beides sehr junge Bands, die Göttern aus längst vergangenen Rockjahren huldigen. Coole Sache.

Wo man hinschaute bunte Haut. Rock und Tattoos  gehören eben doch zusammen!Wo man hinschaute bunte Haut. Rock und Tattoos  gehören eben doch zusammen!

Von Kopf bis Fuß: Wo man hinschaute bunte Haut. Rock und Tattoos gehören eben doch zusammen!


Ein Raunen geht durch die Menge. Ich frage mich, was jetzt kommt. Ah, Lord Vicar aus Finnland, sozusagen eine Allstar-Doom-Band. Der Sänger war eines der Gründungsmitglieder der Doom-Legenden Count-Raven und Anfang der 90er Sänger der allmächtigen Saint Vitus. Na, da kann man auch was erwarten. Die vier Doom-Titanen legen einen astreinen Gig hin. Five Horse Johnson aus Ohio, ich muss zugeben, dass ich alle Platten dieser Jungs habe, weil ich verdammt nochmal auf Heavy-Blues-Rock stehe. Und wenn, wie hier, auch noch eine Mundharmonika spielt, bekomm ich Gänsehaut. Fantastisch! Die letzte Band des Abends soll jetzt kommen. Lowrider, auch aus Schweden. Ich, noch ganz benommen von Five Horse Johnson, tanze einfach weiter zu fetten Gitarrensounds und brummenden Bässen und lasse dieses einzigartige Festival würdig ausklingen – mit Bier, Pfeffi und einem mehr oder weniger gelungenen Stage-Diving-Versuch.

Fazit: Absolut empfehlenswertes Festival. Nicht nur die Musik nimmt einen hier mit, sondern auch die ganze familiäre Atmosphäre bringt mich ins Schwärmen. Big Respect an das herrliche Publikum, die Bands und die Organisatoren für den reibungslosen 
Ablauf.                           


Mehr Infos unter www.sftu.de


Text: RB
Bilder: Thomas & Silvia Lang (lantho.net)




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25.10.2013
Text: RB Bilder: Thomas & Silvia Lang (lantho.net)
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