Rockabilly-Tattoos (TS 04_09)


Szene Rockabilly TattooRockabilly-Szene: Musik, Maschinen und Tattoos

Wohl in keiner anderen Szene findet sich so viel tätowiertes Volk wie bei den Rockabillys. Das ist um so verwunderlicher, da die Vorbilder aus den 50er Jahren sicherlich nicht mit Pin-ups, Motoren, Kirschen und Sternen tätowiert waren. Dafür geht es heute auf der Haut um so bunter zu.

TattooStyle
Musik, Bier, Motoren und Tattoos – sind das die vier Attribute, mit denen man die Szene plakativ beschreiben kann?
Jessica Ich höre schon einen Aufschrei durch die Rockabillyreihen gehen *lach*. Wie ich die Szene beschreiben würde, weiß ich gar nicht – da gehört so viel mehr dazu als Musik, Bier, Motoren und Tattoos. Natürlich sind diese vier Schlagworte ein Teil der Bewegung, aber es ist der Stil und die »große« Rock‘n‘Roll-Familie, die die Szene wirklich ausmachen. Richtig begreifen kann man das nur, wenn man mal dabei war. Zu einem guten Event gehören für mich aber auf jeden Fall gute Musik, ein kühles Getränk (ob nun alkoholischer Art oder nicht, ist dabei völlig zweitrangig), gute Gespräche mit Leuten aus der ganzen Welt. Wenn dann noch coole Karren zum Anschauen und bestaunen da sind, bin ich jedenfalls zufrieden.

TS Erzähl doch mal was zu den Anfängen dieser Jugendkultur, deren Anhänger mittlerweile auch nicht mehr ganz so jung sind.
Jessica Naja, wie definiert man »nicht mehr ganz so jung«? Ich denke, die Szene ist bunt gemischt: da gibt es Leute, die schon sehr lange dabei sind, aber genau so junge Anhänger, die eben schon früh entdeckt haben, dass es da noch eine andere Welt gibt, die ihnen ganz gut gefällt.
Angefangen hat alles in den 1950er Jahren, als weiße Künstler wie Elvis Presley oder Johnny Cash bei Sun Records Platten aufgenommen haben und den Sound der Schwarzen, den Rock‘n‘Roll mit »ihrem« Hillbilly kombiniert haben. Daraus ist der Begriff Rockabilly entstanden ist. Das war eine völlig neue Form der Musik für die Jugendlichen, die sonst nur die eher seichte Musik kannten, die ihre Eltern noch hörten. Damals ganz klar eine Form der Rebellion. Dazu kamen im Laufe der Jahre einige weitere Stilrichtungen – sowohl musikalisch, als auch kleidungstechnisch.

Tattoo, Rockabilly, Musik Tattoo, Rockabilly, Musik Vom straighten Rock’n’Roll im Stil der Stray Cats (Brian Setzer-Porträt von Andie Engel, Kitzingen) bis zum Psychobilly (Bassist von Christoph, One-O-One Tattoo, Hagen) reicht heute das Musikspektrum.
Tattoo, Rockabilly, Musik Heiß gemachte Motoren, aufgestylte Karren und heiße Grid-Girls – damit waren alle Komponenten für illegale Straßenrennen zusammen. Tattoo linsk von Fide, Für Immer (Berlin), die Rennmaus wurde von Amandio, Lookart Tattoo (Braga, P) gestochen.
Tattoo, Rockabilly, Musik Kirschen, Katzen, Südsee und Mikros … – die klassischen Tattoo-Motive gibt es in allen Variationen.
Mikro und Kater von Andys Body Electric (Willich-Neersen).

TS
Woher kommt die Sehnsucht für die 50er Jahre. In die bornierte Miefigkeit dieser Zeit wird sich doch keiner ernsthaft zurückwünschen?
Jessica Ich denke, der Hauptgrund ist schon die Musik. Wenn man die einmal für sich entdeckt hat kommt man nicht umhin, sich auch mit der Kleidung und den Autos aus dieser Zeit zu beschäftigen. Dabei geht es aber sicherlich nicht nur um die 1950er Jahre, sondern meist schon ab den 1930ern und das lebt eben bei Vielen heute weiter.
Ich persönlich hätte wahrscheinlich ein Problem, wenn man mich jetzt in die 50er zurückbeamen würde – ich gelte ja heute schon als aufmüpfig, damals hätte man mich  wie eine Aussätzige behandelt ;) Wichtig sind für mich allerdings auch die Werte und Umgangsformen, die damals als selbstverständlich galten: Respekt, Manieren und so weiter – das findet man heute leider viel zu selten. Wenn man es mal so sieht, haben wir doch eigentlich Glück: wir können uns das Beste aus den Fünfzigern aussuchen und im Hier und Jetzt weiterleben.

TS Musikalisch hat sich die Szene ja sehr stark aufgesplittet. Welche Hautpströmungen gibt es denn mittlerweile?
Jessica Also eigentlich hat sich die Szene nicht erst jetzt aufgesplittet, es gab schon immer diverse Gruppierungen innerhalb der Szene. Wenn man sich die Geschichten von vor 20-25 Jahren anhört, dann war das damals viel krasser. Da gab es grundsätzlich Ärger, wenn sich zwei unterschiedliche Gruppierungen wie beispielsweise Rockabillies und Teddy Boys auf einer Veranstaltung getroffen haben – sofern das überhaupt vorkam. Die eine oder andere Massenschlägerei war da vorprogrammiert.
Die unterschiedlichen Stilrichtungen haben sich schon von Anfang an entwickelt. Als letztes kam dann wohl in den 1980ern der Psychobilly hinzu, wobei es da bis heute natürlich auch wieder Unterteilungen gibt, aber das würde jetzt einfach zu lange dauern, alles aufzudröseln. Sehr grob gesagt sind die Hauptbestandteile wohl Rockabillies und Psychobillies, wobei dann noch Jiver, Countryfreunde, Hillbillies, Teddy Boys und so weiter dazukommen.

TS Wie geht ihr in Dynamite damit um. Wie überbrückt ihr – wenn es sie denn überhaupt gibt – die Gräben zwischen den einzelnen Fraktionen?
Jessica Uns ist es sehr wichtig, den Lesern ein breites Spektrum zu bieten – immer mit dem Schwerpunkt auf Rockabilly. So nehmen wir in letzter Zeit auch in jede Ausgabe einen Artikel über eine Punkband mit rein, denn auch viele Punkfreunde sind inzwischen auf »unseren«“ Veranstaltungen anzutreffen. Natürlich bekommen wir von den Authentikern dafür schwere Kritik zu hören, aber wir wollten die Scheuklappen etwas aufmachen und ich denke, das ist uns ganz gut gelungen. Das DYNAMITE! versucht also Rock‘n‘Roll, Rockabilly, Psychobilly, Country, ein wenig Punk und natürlich Pin Ups, heiße Karren und den Lifestyle zu kombinieren und somit möglichst vielen, die an dieser Szene interessiert oder ein Teil davon sind, gerecht zu werden.

TS Wie kommt es, dass die Rockabilly-Szene so eine starke Affinität zu Tattoos hat. Historisch wird das wohl kaum begründet sein, oder?
Jessica Dazu kann ich Dir gar nicht viel sagen. Ich denke, das hat sich im Laufe der Jahre so entwickelt …

TS Was sind denn die klassischen Motive, wie sind sie entstanden und für was stehen sie?
Jessica Ganz klassisch und leider auch schon etwas abgenutzt sind natürlich Sterne, Kirschen, Schwalben, Würfel, Nautical Stars, Flaming Heart  – mit oder  ohne Bannern und 8-Balls. Abgesehen davon finden sich immer wieder auch Themen wie Lady Luck, Man‘s Ruin, Spielkarten, Teufel und so weiter in allen Variationen. Auch das Pik und die Zahlen 13 und 7 sieht man recht häufig.
Musikalisch gesehen sieht man immer wieder ’50er Jahre-Mikros, Instrumente und Musikerportraits. Die Autoliebhaber lassen sich gerne mal ihre Karre, ’nen Kolben oder sonstige autobezogene Themen stechen. Ganz großes Thema sind logischerweise auch Pin-ups – inspiriert von der Nose Art der Flieger im 2. Weltkrieg, die damals als Glücksbringer galten. Die findet man auch heute noch sehr oft und in all ihren Facetten. Last but not least sind einige Tattoos auch von den Seefahrer-Motiven wie Anker oder Segelschiffe inspiriert und Südseethemen sind sehr populär: Tikis, Hula-Schönheiten und alles was dazugehört. Und am besten alles schön Oldschool ;)

TS Du bist ja selbst tätowiert. Entsprechen diese auch der »Rockabilly-Ästhetik«? Was ist dir bei deinen Motiven wichtig – natürlich auch bei der Auswahl des Tätowierers?
Jessica Meine Motive entsprechen nicht wirklich der Rockabilly-Ästhetik. Tätowierungen sind für mich eine sehr persönliche Sache. Natürlich gefallen mir viele der Motive aus dem Rockabilly-Bereich, aber oftmals lasse ich mir die dann nicht stechen, gerade weil sie schon so viele tragen. Meistens finden meine Motive mich, wenn man das so sagen kann. Bisher sind es sechs Tätowierungen, die alle Andy von Andys Body Electric aus Willich-Neersen gestochen wurden: Nautical Star, Herz mit Mom & Dad, noch ein Stern mit Schriftzug, Schriftzug im Innenarm und zwei Disney-Figuren auf meinen Füßen, die für die zwei Seiten meines Charakters stehen. Als nächstes werde ich mir den kompletten linken Arm von Maze (Maze GrafX) verschönern lassen –- mehr wird aber noch nicht verraten.
Meine Tätowierungen haben alle eine bestimmte Bedeutung für mich. Mir ist es einfach wichtig, dass die Tätowierung zu mir passt, dass das Motiv nicht aus einem Motivbuch stammt, sondern in meinem Kopf entstanden ist und vor allem, dass es sich richtig anfühlt! Bei der Wahl des Tätowierers rate ich jedem vorher zu vergleichen und nicht gleich zum Erstbesten zu rennen. Mir persönlich ist da wichtig, dass mir der Stil gefällt und der Tätowierer sympathisch ist. Ich könnte mich nicht von jemandem tätowieren lassen, der mir komisch vorkommt oder den ich nicht leiden kann. Die Chemie muss stimmen … die Qualität der Tätowierung natürlich auch ;)

TS Was ist dein Rockabilly-All-Time-Favorite-Motiv! Was ist der Rockabilly-Klassiker?
Jessica Wie gesagt, für mich gibt es keinen Klassiker in dem Sinn … Eine Tätowierung muss zum Träger passen und für ihn einen Sinn ergeben. Ich will jetzt auch nicht sagen »für mich ist DER Klassiker schlechthin das 50s Mikrophon kombiniert mit einem Kontrabass« und dann rennen einige los und lassen sich das stechen, weil sie denken, es ist Rockabilly. Wer Interesse hat, sollte sich einfach mal mit der Thematik, der Musik und der Szene auseinandersetzen – ich denke, dann findet jeder das passende Motiv.

Der komplette Artikel mit vielen Rockabilly Tattoo-Ideen könnt ihr in TattooStyle 04_2009 nachzulesen.


Text: Heide
Bilder: Archiv TattooStyle




15.06.2009
Text: Heide Bilder: Archiv TattooStyle
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