Ausstellung: Gestochen scharf


Tätowierungen sind etwas Besonderes. Vor knapp 20 Jahren schrieb Herbert Hoffmann einmal in einer seiner Kolumnen über das Unverständnis des größten Teils der Menschen gegenüber Tätowierten: »Nichttätowierte vermögen sich nicht in unsere Empfindungen und unsere Mentalität hineinzudenken. Sie begreifen nicht, wie tief die Wurzeln der Tätowierung in uns hineinreichen; sie kennen nicht das Gefühl von besonderer Freiheit, von Unabhängigkeit und Lebensglück.«

Wim Delvoye tätowiert – unter Narkose – Schweine. Nach dem Tod werden sie zu Kunstobjekten.

Wim Delvoye tätowiert – unter Narkose – Schweine. Nach dem Tod werden sie zu Kunstobjekten. Noch zu sehen bis 28. Juli im Museum Villa Rot.

Für Herbert Hoffmann waren Tätowierungen und Tätowierte immer etwas Besonderes und etwas Außergewöhnliches. Sie waren so außergewöhnlich wie Kunst oder sogar selbst eine Art Kunst für ihn. Dennoch war es viele Jahre klar: Tattoos haben nichts mit Kunst gemeinsam. Tattoos hatten nichts in Museen und Galerien zu suchen. Dabei haben spätestens seit den 1970er Jahren Künstler wie Valie Export oder Tim Ulrichs Tattoos für sich entdeckt. Mittlerweile hat sich viel geändert. Tätowiertechnisch gibt es die High-End-Tätowierungen, die den Maßstab vorgeben. Umgekehrt setzen sich seit einigen Jahren auch immer mehr Künstler mit Tattoos auseinander. Viele Tätowierer kommen aus der Kunst- oder Grafik-Ecke, einige wie Tom Grundmann und Berit Uhlhorn, um nur einige zu nennen, stellen auch in Kunstgalerien aus. Künstler wie Wim Delvoye, Chris Eckert oder Flatz etwa, lassen tätowieren oder tätowieren selbst.

Verstörend: Am Computer verfremdet Fumie Sasabuchi Kinder zu Ganzkörpertätowierten.Die Künstlerin Fumie Sasabuchi bemalt Playmobil-Figürchen mit japanischen Tattoo-Motiven.

Die Künstlerin Fumie Sasabuchi bemalt Playmobil-Figürchen mit japanischen Tattoo-Motiven.


Die äußerst spannende Ausstellung »gestochen scharf: Tätowierungen in der Kunst« im Museum Villa Rot, die u. a. in Zusammenarbeit mit dem TätowierMagazin gezeigt wird, geht dieser Entwicklung nach. Internationale Künstler setzen sich mit Tätowierungen auseinander, lassen sich tätowieren, greifen Motive auf oder tätowieren selbst. Eine der Ersten, die damit angefangen hat, ist Valie Export. Sie ließ sich 1970 schon einen Strumpfhalter auf ihr Bein tätowieren. Sie wollte damit die Verbindung von eigenem Körper und Sexualisierung thematisieren. Timm Ulrichs dagegen hatte sich schon 1961 zum lebenden Kunstwert erklärt. Dementsprechend ließ er sich zehn Jahre später die eigene Signatur samt Datum tätowieren. Später kam dann noch eine Zielscheibe auf der Brust dazu und 1981 ließ er sich von Samy Streckenbach »The End« auf das Augenlid tätowieren. Flatz setzt seinen Körper auch als Kunstprodukt ein. Er lässt sich immer wieder verschiedene Tätowierungen stechen. Bekannt etwa ist sein Barcode-Tattoo, mit dem er sich zum Objekt macht.
 

Der belgische Künstler Wim Delvoye ließ narkotisierte Schweine tätowieren. Nach ihrem Tod werden sie, wie das ausgestellte Schwein »Donata«, ausgestopft und ausgestellt. Dazu passt die automatische Tätowiermaschine von Chris Eckert, die per Zufallsprinzip religiöse Tattoos sticht. Viele Künstler reizt das Unveränderliche und Unvergängliche von Tätowierungen. Santiago Sierra benutzt die Verzweiflung von Tagelöhnern, Drogenabhängigen oder Prostituierten. Sie ließ untätowierten Personen gegen wenig Geld eine Linie auf den Rücken tätowieren, um die eigene Käuflichkeit im Kapitalismus zu veranschaulichen.

»The End« tätowiert vom Frankfurter Tätowierer Samy Streckenbach.
Ein tätowierter und mumifizierter Kopf eines Maori.
»The End« tätowiert vom Frankfurter Tätowierer Samy Streckenbach. Daneben ein tätowierter und mumifizierter Kopf eines Maori.
Daniele Buetti »tätowiert« scheinbar makellosen Modelkörpern Markenlogos ins Gesicht. Fumie Sasabuchi überarbeit für ihre Kunstwerke Werbefotos aus Kindermodezeitschriften und appliziert auf sie täuschend echte japanische Tätowierungen. Bei ihren circa 50 Zentimeter großen, tätowierten Playmobilfiguren prallen wieder Tradition, Stigma und Massenkonsum aufeinander. Das wohl beklemmendste und berührendste Kunstwerk ist der Kurzfilm »80064« von Artur Zmijewski, bei dem der KZ-Überlebende Josef Tarnawa überredet wird, sich seine KZ-Nummer nachtätowieren zu lassen. Einerseits wird so das Stigma wiederholt, andererseits ein Mahnmal geschaffen.

Flatz Nortons erstes signiertes Selbstporträt.Werbefotografien von Maud Arizona, einer  tätowierten Schaustellerin.

Werbefotografien von Maud Arizona, einer
tätowierten Schaustellerin. daneben Flatz Nortons erstes signiertes Selbstporträt.


Für die Ausstellung wurden auch viele internationale Stars der Tattooszene wie Yann Black, Berit Uhlhorn, Simone Pfaff, Volko Merschky, Patrick Hüttlinger, Volker Kloth oder Luke Atkinson eingeladen, sich mit Kunst auseinanderzusetzen oder gleich ihre Haut-Kunstwerke auszustellen. Ergänzt werden diese durch einen weiteren Grenzgänger, den Künstler und Tätowierer Tom Grundmann, der mit seinen grellfarbigen Aquarellen und Versatzstücken aus der Popkultur auffällt. Spannend sind auch die Fotografien von Klaus Pichler, der Knast-Tattoos sowohl künstlerisch als auch dokumentarisch aufarbeitet, ohne dabei zu werten. Die historische Tattoo-Praxis kommt auch nicht zu kurz: Traditionelle japanische Stiche, unter anderem aus der Sammlung von TätowierMagazin-Chefredakteur Dirk-Boris werden ebenso wie historische Fotografien mit tätowierten Schaustellern oder Skizzenbücher von Tätowierern aus den 1920er Jahren gezeigt.
Um die Ausstellung zu sehen, muss man eine weite Anfahrt in Kauf nehmen. Das Museum Villa Rot liegt in keiner Großstadt, sondern im oberschwäbischen Landkreis Biberach, fünf Kilometer von dem Städtchen Laupheim entfernt, in der kleinen Gemeinde Burgrieden. Die Anreise ist weiter. Doch das Museum macht das voll und ganz wett. »gestochen scharf« ist sicher eine der spannendsten 
Ausstellungen derzeit.                                                


INFOS

Ausstellung
»gestochen scharf. Tätowierung in der Kunst«

Noch zu sehen bis 28.07.2013

MUSEUM VILLA ROT
Schlossweg 2
88483 Burgrieden – Rot
www.villa-rot.de


Text: Igor Eberhard
Bilder: Igor Eberhard




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28.06.2013
Text: Igor Eberhard Bilder: Igor Eberhard
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tattoo szene

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