Sicher tätowieren


Am 6. und 7. Juni fand in Berlin die erste internationale Konferenz zur Sicherheit beim Tätowieren statt. Organisiert wurde sie vom Bundesinstitut für Risikobewertung, kurz BfR, das die Aufgabe hat, den Verbraucher über Risiken in Bezug auf Lebensmittel, Stoffe und Produkte zu informieren sowie diese sicherer zu machen. Seit einiger Zeit beschäftigt sich das BfR auch mit der Frage, ob und welche Gesundheitsrisiken vom Tätowieren ausgehen können.

Zur ersten Konferenz über Sicherheit beim Tätowieren waren Mediziner, Chemiker und Laser-Experten, aber auch Vertreter der Tattoo-Szene eingeladen.
Zur ersten Konferenz über Sicherheit beim Tätowieren waren Mediziner, Chemiker und Laser-Experten, aber auch Vertreter der Tattoo-Szene eingeladen.


Zur First International Conference on Tattoo Safety waren Dermatologen, Experten für Laser-Entfernung, Mitarbeiter von Gesundheitsministerien, Chemiker, aber auch Vertreter aus der Tattoo-Szene eingeladen.
Den Eröffnungsvortrag zur Konferenz hielt Lars Krutak vom Smithsonian Institute aus Washington, der regelmäßig im TätowierMagazin über Tattoo-Praktiken bei indigenen Völkern berichtet. Lars Krutak bot einen überaus interessanten Vortrag, der – passend zum Gesundheitsaspekt der Konferenz – auf die medizinischen Heilwirkungen von Stammestätowierungen abzielte. Die Relevanz seiner Ausführung dürfte leider den meisten Teilnehmern verborgen geblieben sein, die sich, wie sich zeigen sollte, oft nur sehr oberflächlich und meist rein theoretisch mit ihrem Forschungsgegenstand beschäftigt hatten.

Zahlenspielereien: Verwirrung statt Aufklärung
Die Notwendigkeit zu einer Konferenz über Tattoo-Sicherheit ergab sich für das BfR zum einen aus dem großen Prozentsatz von Menschen, die inzwischen tätowiert sind – in Deutschland, den USA und Großbritannien sollen es geschätzt zusammengenommen 120 Millionen sein – und der Anzahl von Fällen, in denen es zu Gesundheitsproblemen kam: direkt nach dem Tätowieren, so ergab eine Umfrage, seien bei 67 Prozent gesundheitliche Probleme zu beobachten. Doch bereits hier wurde klar, wie viele Boulevardmedien zu ihren reißerischen Horrorschlagzeilen kommen; wenn zwei Drittel aller Tätowierten Gesundheitsprobleme hätten, wäre das natürlich äußerst dramatisch. Wenn man jedoch weiß, dass auch Hautrötungen, Schmerzen, Erschöpfung usw. unter »Gesundheitsproblem« subsumiert werden, wird klar, wie bedeutungslos diese Zahl tatsächlich ist. Und wer auf handfeste Horrornachrichten gehofft hatte, wurde bei dieser Konferenz eher enttäuscht.

TM-Chefredakteur Dirk-Boris forderte Mediziner und Wissenschaftler dazu auf, sich nicht nur theoretisch mit ihrem Forschungsgegenstand zu beschäftigen. Links: Tätowierer Andy Schmidt, rechts: Prof. Dr. Dr. Andreas Luch vom BfR.

TM-Chefredakteur Dirk-Boris forderte Mediziner und Wissenschaftler dazu auf, sich nicht nur theoretisch mit ihrem Forschungsgegenstand zu beschäftigen. Links: Tätowierer Andy Schmidt, rechts: Prof. Dr. Dr. Andreas Luch vom BfR.


 … Kontrolle ist besser
Selbst Tattoo-Kritiker wie Prof. Dr. Bäumler von der Universität Regensburg, der bislang regelmäßig in Zeitungsberichten über »Autolack in Tattoo-Farbe« zitiert wurde, warnte vor Vorverurteilung und stellte zur Diskussion, ob vom Tätowieren tatsächlich Risiken ausgehen, ob es tatsächlich ein Problem gebe oder ob einzelne Fälle von Gesundheitsproblemen – die ja tatsächlich auch auftreten – einfach ein »Grundrauschen« darstellen. Dr. Mildau vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe, der in Studios und Conventions zu beanstandende Farbproben genommen hatte, forderte vor allem schärfere Kontrollen. Denn viele Farben, die in Beiträgen verschiedener Redner thematisiert wurden, beinhalteten die problematischen Azofarbstoffe, die nach der Deutschen Tätowiermittelverordnung von 2008 hierzulande ohnehin schon verboten sind. Dass diese dennoch in manchen Studios noch verwendet werden, beklagte auch Farbenhersteller Ralf Michel. Farben, die nicht der Tätowiermittelverordnung entsprechen, würden von manchen Anbietern einfach als »Künstlerfarbe« deklariert und gelangten dann eben dennoch in den Handel.

»We don’t see cancer!«
Was aber ergab die Konferenz nun zu den schwerwiegendsten potentiellen Risiken – dem vielzitierten Krebs oder auch Allergien? »Wir können (in diesem Zusammenhang) keine Krebserkrankungen beobachten«, erklärte Prof. Dr. Serup, Dermatologe aus Kopenhagen, und setzt nochmals nach: »Ich wiederhole: Wir können keinen Krebs beobachten.« Auch Nicolas Kluger von der Universität Helsinki machte deutlich, dass sich ein Zusammenhang zwischen Tattoos und Krebs wissenschaftlich nicht nachweisen lässt. Bereits seit 1985 gebe es hierzu  Untersuchungen, dennoch sei bislang kein Beleg gefunden worden, dass Tattoos mit einer erhöhten Krebsrate in Verbindung stünden. Hautkrebs entstehe auch nicht in der Hautschicht, in der Tattoofarbe eingelagert wird. Wie diese dennoch zum Entstehen von Krebs beitragen solle, sei nicht nachvollziehbar. Zwar gibt es Fälle, in denen Hautkrebs in tätowierten Haut-bereichen auftritt, doch wenn jemand zu 50 Prozent tätowiert ist und an Hautkrebs erkrankt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser an tätowierten Stellen entsteht eben genauso hoch, wie dass er an nicht tätowierter Haut auftritt. »Das ist einfach Mathematik«, erklärte Kluger. In Bezug auf Allergien stellt Prof. Dr. Schnuch vom Information Network of Departments of Dermatology aus Hannover fest, dass allergische Reaktionen auf Tattoos zwar möglich, aber so selten wären, dass sie in der Allergologie kaum von Relevanz seien.

Problemfälle durch unprofessionelles Arbeiten
Also: Totale Entwarnung? Leider nicht; es gab während der Konferenz mehr als genug Beispiele von durchaus ernsten gesundheitlichen Problemen, die in Zusammenhang mit Tattoos standen. Victoria Scott-Lang von der Royal Infirmary Edinburgh berichtete beispielsweise von einem gehäuften Auftreten schwerer Entzündungen bei Tattoos im Südosten Schottlands, das sich darauf zurückführen ließ, dass Tätowierer zum Verdünnen von schwarzer Tattoofarbe nicht-steriles, verkeimtes Leitungswasser verwendet hatten. Ähnliche Fälle wurden auch aus den USA gemeldet.
Tätowierer
Andy Schmidt von Andy’s Body Electric Tattoo verwies darauf, dass – wie im Fall aus Schottland deutlich wurde – für einen Großteil der Probleme, die bei Tätowierungen auftreten, die Ursachen in unprofessioneller Arbeitsweise zu finden seien, d. h. mangelhafter Hygiene und Verwendung minderwertiger Tattoofarben, wie sie beispielsweise über E-Bay vertrieben werden.

TM-Chefredakteur Dirk-Boris Rödel

Mehr Kommunikation zwischen allen Beteiligten ist nötig!


Erschreckende Unkenntnis bei manchen Referenten

Bereits während der Konferenz, aber auch beim Besuch des Classic Tattoo Studios am Donnerstagabend, zu der alle Referenten eingeladen waren, zeigte sich erschreckenderweise, dass viele der Mediziner, Wissenschaftler oder auch Mitarbeiter von Gesundheitsämtern sich bislang nur rein theoretisch mit dem Thema Tattoo beschäftigt hatten, von den tatsächlichen Arbeitsabläufen im Studio aber keine Ahnung hatten. »Bio-Tattoos«, von denen manche Referenten im Internet gelesen hatten, wurden so behandelt, als ob es sie tatsächlich gäbe, Henna-Tattoos, die ja letzten Endes Bemalungen sind, wurden mit echten Tattoos gleichgesetzt und es wurde mehrfach vor Schwarzlicht-Tattoos gewarnt, die tatsächlich in der Tattoo-Szene eine vollkommene Randerscheinung darstellen und praktisch überhaupt keine Rolle spielen. Eine Sprecherin aus Belgien gab Tätowierern allen Ernstes den Rat, sie sollten Tattoo-Nadeln nicht ablecken – sie hatte in der Literatur von einem Fall aus dem Jahr 1895 gelesen, in dem dies zu einer Infektion geführt hatte und war davon ausgegangen, dass dieses Verhalten bei Tätowierern normal sei. Im Classic Tattoo war sie dann sehr überrascht als sie sah, dass Tätowierer sogar Einmal-Handschuhe tragen … Auch wenn diese Referentin sicher den Vogel abschoss, war sie leider nicht die Einzige, die ihr klischeebelastetes Halbwissen entweder aus veralteten Veröffentlichungen oder aus zweifelhaften Internetquellen bezog, anstatt sich den Gegenstand ihrer Forschung selbst und unmittelbar anzuschauen.

Mehr Kommunikation ist nötig
Das Fazit der Konferenz war nicht eindeutig; die Frage ob oder wie die Deutsche Tätowiermittelverordnung von 2008 überarbeitet werden soll, blieb unbeantwortet, manche Teilnehmer beklagten zudem, einige der Vorträge bereits in derselben Form schon vor Jahren gehört zu haben. Deutlich wurde jedoch, dass ein Zusammenarbeiten der (professionellen) Tattoo-Szene mit Forschern und Entscheidungsträgern unerlässlich ist, um sicheres Tätowieren zu gewährleisten.


Text: Dirk-Boris
Bilder: Volker Müller-Veith




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04.08.2013
Text: Dirk-Boris Bilder: Volker Müller-Veith
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