Zirkus: Menschen, Tiere, Kuriositäten!


Von der Reitvorführung über Akrobatik und Tierdressuren bis hin zu den modernen Freakshows – der Zirkus ist seit 200 Jahren im Wandel. Konstant scheint nur eines zu sein: Tätowierte gehörten immer dazu!

Das Tribut-Tattoo an das legendäre New Yorker »The Sandow Trocadero Vaudevilles« wurde von Inge aus dem Studio Lucky 7 in Oslo gestochenRollentausch:  Eva Schatz aus dem Studio Mint Club Tattoo Atelier (Salzburg) lässt den Dompteur durch den Feuerring springen.
(l) Das Tribut-Tattoo an das legendäre New Yorker »The Sandow Trocadero Vaudevilles« wurde von Inge aus dem Studio Lucky 7 in Oslo gestochen. Vaudevilles boten den Zuschauern ein buntes, zirkusähnliches Programm mit Gewichthebern, Komödianten, Magiern, Akrobaten, Dressuren, Gymnastikkünstlern und auch Menschen mit körperlichen Fehlbildungen. (r) Rollentausch:  Eva Schatz aus dem Studio Mint Club Tattoo Atelier (Salzburg) lässt den Dompteur durch den Feuerring springen.


Sonntag, kurz nach der Mittagessenszeit. Die Conventionhalle füllt sich mit Besuchern, die sich vor allem dadurch von den bereits Anwesenden unterscheiden, dass sie nicht tätowiert sind. Lediglich auf ihrer Stirn steht wie mit unsichtbarer Tinte geschrieben: »Kommt, lasst uns Tätowierte schaun«. So war das vor zehn Jahren noch, als Tätowierte einen Exotenstatus hatten und sie die Aura des Außergewöhnlichen umgab. Ein Schild mit der Aufschrift  »Bitte nicht füttern« war jedoch unnötig.

Freak-Show-Tattoo von Matzon, Zombie Tattoo (Helsinki, FIN).Freak-Show-Tattoo von Matzon, Zombie Tattoo (Helsinki, FIN).Der scratchy Tattoostil von Gypy vom Kustom Ink aus dem belgischen Mol unterstreicht die Freak-Show-Szenerie.
(l) Der scratchy Tattoostil von Gypy vom Kustom Ink aus dem belgischen Mol unterstreicht die Freak-Show-Szenerie. (rechts daneben) Freak-Show-Szenerie von Matzon, Zombie Tattoo (Helsinki, FIN).


Unter Freaks

Eine Ahnung stellte sich ein, wie es in der Hochzeit der so genannten Freak-Shows gewesen sein musste, die sich über 100 Jahre von circa 1840 bis 1940 spannte. Stark Tätowierte traten im Beiprogramm der Zirkus- und Jahrmarktsveranstaltungen, in fest installierten Panoptiken oder naturhistorischen Museen auf.
Seite an Seite wurden sie neben fehlgebildeten Menschen zur Schau gestellt: Riesen und Zwerge, Fettleibige und Skelettmenschen, Männer und Frauen mit Löwen-, Bären- und Pferdegesichtern. Angepriesen als menschliche Kuriositäten sollte das körperlich Andere den Besuchern einen Schauer über den Rücken jagen. Im Unterschied zu den durch Krankheit oder körperliche Fehlbildungen zum Freak abgestempelten Menschen, gab es ab dem 19. Jahrhundert auch zahlreiche Frauen, die sich als Volltätowierte ihren Lebensunterhalt verdienten. Mit ihren Kunstwerken auf der Haut hatten sie sowohl eine exotische als auch eine erotische Ausstrahlung.
 

Entfesselungskünstler ließen das Publikum die Luft anhalten. Tattoo von Myke Chambers, Art Machine Productions, USA.Starke Männer gehören genauso zur Zirkustradition wie Schwertschlucker und Feuerspucker. Klassisch umgesetzt von Imme Böhme vom Aachener Studio The Sinner And The Saint.  Gefährlich: Sexy Messerwerferin mit Augenklappe von Rachel Baldwin aus dem Studio Modern Body Art in Birmingham.
(l) Entfesselungskünstler ließen das Publikum die Luft anhalten. Tattoo von Myke Chambers, Art Machine Productions, USA. (m) Starke Männer gehören genauso zur Zirkustradition wie Schwertschlucker und Feuerspucker. Tattoo von Imme Böhme, The Sinner And The Saint, Aachen. (r) Sexy Messerwerferin mit Augenklappe von Rachel Baldwin aus dem Studio Modern Body Art in Birmingham.


Auch wenn die Zurschaustellung von Menschen mit abweichender Physiognomie uns als menschenunwürdig erscheint, war es für die Betroffenen damals die einzige Möglichkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Nicht selten war es auch für die tätowierten Frauen ein Akt der Selbstbestimmung, indem sie sich mit ihren Tattoos bewusst gegen gesellschaftliche Vorgaben stellten und damit aus den strengen Rollenvorstellungen ihrer Zeit entflohen.

Oldschoolig gestochenes Musikäffchen von Miss Arianna, Skinwear Tattoo in Rimini.Tierdressuren werden immer seltener. Tattoo von Imme Böhme, The Sinner And The Saint (Aachen).Der Clown von Mike aus dem Studio ATS (Toulon, F) ist keine Spaßkanone, sondern verbreitet eher Melancholie.
(l) Der Clown von Mike aus dem Studio ATS (Toulon, F) ist keine Spaßkanone, sondern verbreitet eher Melancholie. (m) Tierdressuren geraten im Zirkus immer mehr aus der Mode, die Auflagen des Tierschutzes können nur noch wenige Unternehmen erfüllen. Tattoo von  Imme Böhme, The Sinner And The Saint (Aachen). (r) Oldschoolig gestochenes Musikäffchen von Miss Arianna, Skinwear Tattoo in Rimini.


Zirkus im Wandel
Vor allem nach dem 2. Weltkrieg war der Hunger der Menschen nach Unterhaltung gewaltig, die bunten Zirkusplakate versprachen einen Tag des unbeschwerten Vergnügens: Auf dem Kopf stehende Elefanten, der tollpatschige Dumme August und fliegende Trapezkünstler brachten Kinderaugen zum Funkeln. Erwachsene fühlten sich ob des Unterhaltungswerts dieser immer gleichen Vorführungen jedoch bald unterfordert. Die Besucher blieben aus, der Zirkus schlitterte in die Krise.
Ab den 1970er Jahren bildete sich neben der traditionellen Form des Zirkus mit Tierdressuren und lustigen Clownsnummern eine neue Gattung heraus, die auch Erwachsene wieder unter die Kuppeln der Zelte locken sollte. Namen wie Cirque du Soleil, Archaos oder Circus Roncalli stehen für den »Cirque Nouveau«, dessen Schwerpunkt auf Artistik, Theaterkunst und Livemusik liegt.

Viele Performer wie ThEnigma führen ganz bewusst die Tradition der Circus-Side-Shows fort. Mit BodyMods und Tattoos unterstreichen sie ihre Rolle.
Viele Performer wie ThEnigma führen ganz bewusst die Tradition der Circus-Side-Shows fort. Mit BodyMods und Tattoos unterstreichen sie ihre Rolle.


Freak freiwillig
Daneben bildete sich eine weitere Facette der modernen Zirkusunterhaltung heraus. Die Lust der Menschen am Grusel erkannte der Kaufmann Jim Rose in den frühen 1990er Jahren, der sein Konzept ganz in die Tradition der Circus-Side-Show stellte. Aus moralisch-ethischen Gründen war es zu dieser Zeit natürlich nicht mehr geboten, dem Publikum Menschen mit körperlichen Abweichungen vorzuführen. Obwohl, selbst noch Mitte der 1990er Jahre bot der Freizeitpark in Hassloch seinen Besuchern eine Liliputaner-Stadt. 

 
Freaks!
 
Als Freaks oder menschliche Wunder wurden sie angepriesen und in Kuriositätenkabinetten, Museen und in den Schaubuden (engl. Sideshows) der Jahrmärkte ausgestellt. Menschen zeigten ihre körperlichen Schwächen und durch Krankheit erworbenen Anomalien. Zwergwüchsige standen neben Riesen, der Mann mit der elastischen Haut zog seine Stirnhaut wie ein Vorhang über sein ganzes Gesicht, die Frau ohne Unterleib war auf einem Podest positioniert, und die vierbeinige Lady saß daneben.
Unsterblich wurden die Stars der Circus-Side-Shows durch den Film »Freaks« (1932 ) von Todd Browning, der das Leben und die Liebe der Menschen in einer Kuriositätenshow thematisierte. Eigentlich als Horrorfilm in Auftrag gegeben, erschreckte er zwar die Kinobesucher, jedoch anders als gewollt. Regisseur Browning hatte die Rollen mit echten körperlich Missgebildeten besetzt, die er auf Rummelplätzen und  in Zirkuszelten fand. Entgegen der Intention, mit diesem Film bei den Zuschauern Verständnis für die Andersartigkeit zu wecken, in dem die Freaks die Sympathieträger sind und die »Normalen« die Bösen und Schlechten verkörpern, erreichte er das Gegenteil.
Da er gegen die Moralvorstellungen seiner Zeit verstieß, wurde der Film in vielen Bundesstaaten der USA verboten, und auch in England mit einem 30 Jahre dauernden Aufführverbot belegt.
Erst in den 1960er Jahren wurde die wahre Größe des Films vom Publikum erkannt. Seine gebührende Würdigung erfuhr er 1994, als er vom Amerikanischen Filminstitut in die Liste der »schützenswerten Filme« aufgenommen wurde.

Die Jim-Rose-Circus-Sideshow zeigte so genannte »made freaks«, also Menschen, die aus freien Stücken von der Norm abweichen. Neben klassischen Side-Show-Acts wie Messerwerfen und Schwertschlucken wurde das Publikum mit bizarren bis masochistischen Vorführungen zum Staunen gebracht. Viele der auftretenden Künstler unterstrichen die Attitüde des Freaks durch extreme Bodymodifikationen wie Piercings und Tattoos. Im Jahr 2005 gab der Jim Rose Circus seine letzte Vorstellung, viele der Artisten sind aber heute noch als Solokünstler unterwegs.

Bewahrer der Tradition
Wenn auf der Bühne Maden gegessen, mit unter die Haut geschobenen Haken Büro­stühle über die Bühne gezogen, Nägel in die Nase gebohrt und Schwerter verschluckt werden, dann läuft Conventionbesuchern ein Schauer über den Rücken. Nicht selten wenden sie sich voller Furcht und Ekel ab. Das Auftreten einer Freak-Show ist auf Conventions keine Seltenheit. Gut im Geschäft sind beispielsweise der mit einem Puzzlemuster tätowierte ThEnigma, der zu 100 Prozent am ganzen Körper tätowierte Performancekünstler Lucky Diamond Rich, Lord Insanity, auf dessen Bauch in großen Buchstaben zu lesen ist, was viele von ihm denken: »Sick Boy«. Und natürlich John Kamikaze. Fünf Buchstaben auf seinem Unterarm sagen, wie er gesehen werden will, als selfmade FREAK!


Text: Heide Heim
Bilder: Archiv TätowierMagazin




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19.03.2014
Text: Heide Heim Bilder: Archiv TätowierMagazin
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