Tattoo Motiv: Ungeziefer


Das Große Krabbeln

Wenn man erst mal Ungeziefer hat, ist es schwierig, es wieder loszuwerden – vor allem, wenn  man es sich in die Haut stechen lässt.
 

Ungeziefer oder Schmuck? Spektakuläres Insekten-Chestpiece von Ryan Mason vom Studio Scapegoat Tattoo   aus dem amerikanischen Portland. 
Ungeziefer oder Schmuck? Spektakuläres Insekten-Chestpiece von Ryan Mason vom Studio Scapegoat Tattoo aus dem amerikanischen Portland. 

Das Gegenteil von Geziefer
Eigentlich ganz logisch: Wenn es Ungeziefer gibt, muss es auch Geziefer geben. »Un« ist schließlich nur das Präfix, das die Bedeutung eines Adjektivs oder auch eines Hauptworts verneint, ins Gegenteil verkehrt. Unglück gäbe es nicht ohne Glück, »unschön« ist nach der Logik unserer Grammatik das Gegenteil von schön. So weit, so schön, oder auch unschön – aber was ist denn nun Geziefer? Heute wird das Wort sehr selten gebraucht, und wenn, dann oft ebenso fälschlich wie auch irreführend in einer ähnlichen Bedeutung wie »Ungeziefer«, was ja aber eben das Gegenteil darstellen müsste. Mit der Aussage »hier wimmelt es ja nur so von Geziefer!« meint man Spinnen, Silberfische und Kakerlaken – aber das ist eben Ungeziefer und kein Geziefer. Wir wollen es nicht unnötig spannend machen: wenn Ungeziefer unnützes, lästiges Kleingetier ist, müsste es sich der Logik nach bei Geziefer um große Nutztiere handeln. Und siehe da, genau so ist es auch: In sehr alten Texten, teilweise in frühen Übersetzungen der Bibel, stößt man auf Nutzvieh wie Schafe und Ziegen, die als Geziefer, althochdeutsch »Zebar« bezeichnet werden. Vorwiegend handelt es sich um Tiere, die geopfert wurden. Diese Tiere waren durch ihre Eignung als Opfertiere besonders wertvoll und erfüllten einen wichtigen religiösen Zweck, sie genossen also ein hohes Ansehen. Und umso höher der Wert des Geziefers, umso wertloser muss demnach das Gegenteil sein, also das Ungeziefer: Das Gegenteil zum domestizierten, reinen, gottgefälligen Nutzvieh, das Milch, Wolle und Fleisch gibt, ist das schmutzige, nutzlose und sogar krank machende Ungeziefer.

Der Küchenhorror: eine Schabe! Von Peter, Bekö Art, Leipzig.Spooky: Einäugiger Monster-Käfer von Jessica Mach aus Berlin.

(links) Spooky: Einäugiger Monster-Käfer von Jessica Mach aus Berlin.
(rechts) Der Küchenhorror: eine Schabe! Von Peter, Bekö Art, Leipzig. 


Ungeziefer: biologisch nicht fassba
r
Die Bezeichnung ist keine Definition im biologischen Sinne, sie subsummiert verschiedenste Tierklassen wie Insekten, Spinnentiere, Amphibien und Reptilien oder sogar Säugetiere. Fliegen und Spinnen, Ratten und Kröten, Würmer und Schlangen oder auch Mäuse können als Ungeziefer bezeichnet werden, auch wenn man heute bei dem Begriff vor allem an Insekten denkt. Innerhalb einer Klasse, beispielsweise der Insekten, ist die subjektive Beurteilung wiederum keineswegs einheitlich. Schmeißfliegen und Motten gelten als schädliches Ungeziefer, Bienen hingegen gelten als fleißig und Schmetterlinge wurden in der christlichen Symbolik sogar mit dem auferstandenen Jesus assoziiert. Die Art, wie der schöne Schmetterling seinem leblos scheinenden Kokon entschlüpft, der an einen Sarg erinnert, galt als Sinnbild für die Überwindung des Todes und der Erlangung des ewigen Lebens. Dreck und Ungeziefer gehören seit jeher zusammen. Im Mittelalter ging man davon aus, dass Fliegen, Spinnen, Schaben und Käfer sich aus Schmutz, Staub und Unrat entwickelten. Da man diese Art von Krabbelgetier oft in unmittelbarer Nähe von Dreck vorfand, lag diese Annahme ja auch nahe. Dass Insekten und Spinnentiere aus mikroskopisch kleinen Eiern schlüpfen, konnten die Menschen vor hunderten von Jahren ja noch nicht wissen.

 

Fünf Marienkäferchen – der Einfachheit halber mit einem roten Schmierer eingefärbt. Von Xoil von Needles Side aus Thonon-Les-Bains in Frankreich.

Fünf Marienkäferchen – der Einfachheit halber mit einem roten Schmierer eingefärbt. Von Xoil von Needles Side aus Thonon-Les-Bains in Frankreich.


Die Haustierchen des Teufels
Die Assoziation zu Schmutz, Dreck und Erde rückte das Ungeziefer in der Vorstellung der mittelalterlichen Menschen in die Nähe des Teufels. Auch aus der Wortbildung heraus ist das logisch, denn wenn das Geziefer, also das Opfertier, Gott gefiel, dann musste er dementsprechend das Ungeziefer verabscheuen. Beelzebub, ein Dämon der sich wahrscheinlich aus dem Namen des vorchristlichen Gottes Baal ableitet und der später mit dem Teufel gleichgesetzt wurde, wird oft als riesige Fliege dargestellt, und in Goethes Faust bezeichnet sich Mephisto als »der Herr der Ratten und der Mäuse, der Fliegen, Frösche, Wanzen und Läuse«, sprich, als Herr über sämtliche Arten von Ungeziefer. Auch William Goldings Romantitel »Der Herr der Fliegen« bezieht sich auf den Teufel und das Böse, Unzivilisierte und Rohe im Menschen. Die Ablehnung und Furcht vor Kleingetier hatte schon zu alttestamentarischen Zeiten für die Menschen in Nordafrika und im vorderen Orient ganz konkrete Gründe: Heuschreckenschwärme, die dort immer wieder in unvorstellbaren Größenordnungen auftreten, konnten die Ernte eines ganzen Jahres zunichtemachen und dadurch Hungersnöte verursachen. Ungeziefer wurde also nicht nur aufgrund eines unspezifischen Ekels abgelehnt, es war, wenn es in entsprechenden Massen auftrat, tatsächlich eine tödliche Bedrohung. Durch die biblischen Beschreibungen von der Heuschreckenplage, mit der Moses den Pharao strafte, breitete sich das Negativ-Image dieser Insekten schließlich im gesamten christlichen Kulturkreis aus. Aber auch hier ging von Ungeziefer eine konkrete Gefahr aus: Mäuse konnten Wintervorräte verderben, Ratten übertrugen Krankheiten wie beispielsweise die Pest.

Grille? Zikade? Heuschrecke? Eins von diesen Dingern, die im Sommer Lärm machen. Von Philip Yarnell, Skin Yard Tattoos in Southend on Sea in England.

Grille? Zikade? Heuschrecke? Eins von diesen Dingern, die im Sommer Lärm machen. Von Philip Yarnell, Skin Yard Tattoos in Southend on Sea in England.  


Horrorszenarien und Ekel
Insbesondere die aufdringliche Nähe ist ein weiterer Aspekt, der uns an Ungeziefer so abstößt. Zwar sind Ameisen und Fliegen, Spinnen und Wanzen nur sehr klein und stellen einzeln kaum eine gesundheitliche Bedrohung dar. Doch wenn sie uns über den Körper krabbeln, gar in Körperöffnungen wie Mund, Ohr und Nase eindringen, ist das eine unangenehme Grenzüberschreitung, der wir uns oft kaum erwehren können. Die Invasion unseres Körpers mit Kleingetier empfinden wir als lästig, sogar als bedrohlich. Die Vorstellung von Insekten, die womöglich ihre Eier in die menschliche Haut legen, worauf tausende von Käfern oder Spinnen darunter schlüpfen und unkontrolliert im menschlichen Körper umherkrabbeln, bis die Haut schließlich aufbricht und eine Flut von Krabbeltieren aus dem Körper hervorquillt, ist ein archetypischer Alptraum, der jedem eine Gänsehaut bereitet, der sich das Szenario bildhaft vorstellt. Und völlig unrealistisch ist das gar nicht: Die Larven der Dasselfliege können sich tatsächlich in die menschliche Haut bohren, auch verschiedene andere Insekten und sogar manche Arten von Würmern können sich unter der Haut einnisten. Die Vorstellung von Spinnen, die sich im menschlichen Körper entwickeln, ist jedoch ein Märchen. Und warum lässt man sich nun solches Getier auch noch tätowieren? Wer Schädlingsbefall in der Wohnung zu beklagen hat, beispielsweise Mehlmotten, Schaben, Mäuse oder Ameisen, wird diesem nur mit hohem zeitlichen und auch finanziellen Aufwand wieder Herr: Kammerjäger sind nicht billig! Sich dieses Viechzeugs auch noch auf ewig in die Haut stechen zu lassen, scheint da ziemlich unsinnig zu sein.

Die Gottesanbeterin erinnert an ein Alien. Tattoo von Brandon Heffron, Beloved Tattoo aus Saint Paul in den USA.

Die Gottesanbeterin erinnert an ein Alien. Tattoo von Brandon Heffron, Beloved Tattoo aus Saint Paul in den USA.


Können Kakerlaken ästhetisch sein?
Aber Tattoos dienten auch immer schon dazu, zu schockieren. Und heute, wo man mit einem Totenschädel – früher ein einschüchterndes Todessymbol – kaum noch ein Vorschulkind aus der Fassung bringen kann, bedarf es anderer Motive, um bei Außenstehenden noch Schock- und Ekelreaktionen hervorzurufen. Da kann eine riesige tätowierte Kakerlake inzwischen schon mal wirkungsvoller sein als ein bleicher Totenkopf. Und letzten Endes sind viele dieser Tiere, ungeachtet ihres schlechten Leumundes, einfach überaus schön und ästhetisch anzuschauen! Manche Käfer wirken mit ihrem grünlich schimmernden Panzer regelrecht wie Edelsteine, Grillen und Gottesanbeterinnen wiederum sehen in der Vergrößerung skurriler, abgefahrener und unwirklicher aus als jegliche Science-Fiction- oder Fantasy-Gestalt, die man sich in Hollywood je ausdenken könnte. Geziefer oder Ungeziefer, das war schon immer eine subjektive Einteilung. Und während man inzwischen seitens der Naturwissenschaften belegen kann, dass alle Lebewesen, auch jene, die oft als Schädlinge bezeichnet werden, einen biologischen Sinn und Nutzen haben, entdeckt die Tattoo-Szene die Ästhetik von Motten, Zikaden oder Ratten. Schönheit liegt im Auge das Betrachters. Eine Frage bleibt jedoch: Wenn das Gegenstück zum Ungeziefer das Geziefer ist – was muss man sich dann eigentlich unter einem Getüm vorstellen?


Text: Dirk-Boris
Bilder: Archiv TätowierMagazin




10.09.2013
Text: Dirk-Boris Bilder: Archiv TätowierMagazin
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