Tattoo Motiv: Narben


Narben, die das Leben schlägt

Narben- und Wunden-Tattoos können einfach nur schocken –oder von körperlichen und seelischen Verletzungen der Träger erzählen
 

 Ein Herz hinter Stacheldraht: Realistische und tiefe Einblicke erzeugt SoFat vom Tattoo Zentrum Lübeck.
Ein Herz hinter Stacheldraht: Realistische und tiefe Einblicke erzeugt SoFat vom Tattoo Zentrum Lübeck.

Tattoos als Schockeffekt haben Tradition
In den 70er und 80er Jahren war ganz klar: Tattoos müssen schocken! Tätowierungen waren ein Statement der Punkrock- und Biker-Subkultur, die sich die Provokation der bürgerlichen Spießergesellschaft als oberste Priorität auf die Fahne geschrieben hatte. Und zur Provokation brauchte es  nicht viel: Ein Totenkopf reichte. Oder ein Spinnennetz am Ellenbogen. Ein Kerl mit einem Dolch auf dem Arm wirkte damals absolut ultrabrutal, eine Frau mit Rose im Dekolleté war ganz offenbar eine Schlampe, die mit jedem mitging. Es reichten oft schon kleine Tattoos, um »Spießer« dazu zu bringen, auf die andere Straßenseite zu wechseln. Heute ist dagegen bald jede Arzthelferin mit tätowierten Blumenranken geschmückt und auch in Hemd-und-Krawatten-Jobs sind Tätowierte schon lange keine Seltenheit mehr. Wer heute noch mit Tattoos schocken will, muss schwere Geschütze auffahren.

Auch als Black-and-Grey-Tattoo entfalten Narbenmotive ihre Wirkung. Tattoo von Fadi vom Genfer Studio Triptycs.Mit dem Reißverschluss ist das Auge nach Bedarf zu aktivieren. Tätowiert von Tim Kern vom Tribulation Tattoo-Studio.

(links) Mit dem Reißverschluss ist das Auge nach Bedarf zu aktivieren. Tätowiert von Tim Kern vom Tribulation Tattoo-Studio..
(rechts) Auch als Black-and-Grey-Tattoo entfalten Narbenmotive ihre Wirkung. Tattoo von Fadi vom Genfer Studio Triptycs. 


Bilder, die scheinbar unter die Haut gehen
Eine ziemlich sichere Methode für größere Schockeffekte sind Tattoos, die nicht aussehen wie Tattoos; Hautbilder, die aussehen, als gäben sie den Blick frei auf das, was unter der Haut liegt, wie Muskeln, Knochen, Sehnen und Gelenke. Selbst für eingefleischte (Wortwitz beabsichtigt …) Tattoo-Fans sind das schon eher Hardcore-Motive – für diejenigen, die sich mit der Tattoo-Szene nicht auskennen und bei gut gemachten Muskel- und Knochen-Tattoos auf Anhieb tatsächlich nicht erkennen können, dass es sich »nur« um eine Tätowierung handelt, ist der Schock-Effekt garantiert! Was denkt die Rentnerin, die im Supermarkt an der Kasse hinter einem jungen Mann steht, dessen Arm scheinbar gehäutet wurde und die glauben muss, direkt auf das rot durchblutete, von Sehnen durchzogene Muskelfleisch zu blicken? Was geht im Kopf eines Tattoounkundigen vor, der jemandem gegenübersteht, durch dessen Hals sich ein tiefer, blutiger Schnitt zieht, der nur durch eine grobe Naht notdürftig geflickt wurde? Auch wenn dem einen oder anderen auf den zweiten Blick auffallen wird, dass das, was er sieht, nicht »echt« ist – der Schock sitzt erstmal! Und selbst wenn die Tätowierung also solche erkannt wurde, bleibt für Außenstehende die Frage: Warum in aller Welt lässt man sich so etwas Ekelhaftes tätowieren?

 

Schnittwunden, aus denen Borsten wachsen von Skinelectrics, The Penetration Incorporation aus Wien.

Schnittwunden, aus denen Borsten wachsen von Skinelectrics, The Penetration Incorporation aus Wien.


Motive, die keinen kalt lassen
Die einfachste – und naheliegende – Antwort wäre: Eben weil es ekelhaft aussieht. Wie gesagt, ein Schockeffekt ist eine völlig ausreichende Legitimation für Tätowierungen – so, wie man sich alberne Tattoos stechen lässt, einfach weil sie albern sind. Naheliegende Motivationen sind nicht die schlechtesten und oft langlebiger als künstlich herbeiphilosophierte Pseudogründe für dieses oder jenes Hautbild. Tattoos funktionieren oft als Kommunikationsmittel, die beim Gegenüber eine Reaktion hervorrufen sollen: mit solchen Schock-Tätowierungen wird diese Aufgabe mühelos erfüllt.
Und der Schockeffekt lässt sich noch mühelos steigern, wenn unter der scheinbar abgezogenen Haut nicht nur das hervortritt, was man erwarten würde, wenn der Blick nicht nur auf Muskeln und Sehnen, sondern gar auf innere Organe wie ein verblüffend realistisches Herz fällt. Oder wenn unter klaffenden Wunden Dinge zutage treten, die dort wirklich nichts zu suchen haben: Augen, Stacheldraht, Freddy Krüger – es ist erstaunlich, was manche Mitmenschen unter der Haut mit sich herumtragen. Den ultimativen Ekel erreicht man allerdings, wenn man die Tattoo-Wunde noch mit Würmern und Maden bevölkert – allenfalls unser Kolumnist, der forensische Biologe Dr. Mark Benecke, dürfte so etwas noch interessant finden, alle anderen kämpfen hier schon so langsam mit dem Würgereiz.

Narben als Zeichen für überwundene Hindernisse

Aber oft geht die Motivation für ein Narben- oder Wunden-Tattoo doch noch etwas tiefer. Tätowierungen können »echte« Narben überdecken, sie können sie aber auch hervorheben und ins Blickfeld rücken. Ähnlich wie Tätowierungen sind Narben Zeichen, die das Leben auf der Haut hinterlassen hat. Oft ist der Ursprung einer Narbe mit einem Unfall verbunden oder einer Operation – nicht unbedingt positive Ereignisse, an die man gern zurückdenkt, sollte man zunächst meinen. Allerdings nur auf den ersten Blick: Oft berichten Menschen, dass sie aus einschneidenden Erlebnissen und Gefahrensituationen letztendlich gestärkt hervorgingen. Das Phänomen der sogenannten »posttraumatischen Verbesserung« wurde bisher kaum beachtet. Bislang standen vor allem die negativen Folgeerscheinungen nach traumatischen Erfahrungen im Fokus der Psychologie, erst seit kurzem wird zur Kenntnis genommen, dass Menschen durch solche Erlebnisse, wenn sie entsprechend aufgearbeitet werden, tatsächlich mehr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen entwickeln können. Das Wissen, eine Extremsituation wie eine riskante Operation oder einen schweren Unfall überstanden zu haben, verleiht Mut und die Zuversicht, es auch in Zukunft mit schweren Schicksalsschlägen aufnehmen zu können. Unter diesen Vorzeichen sind die Narben keine Zeichen der Verletzlichkeit mehr, sondern der Beweis dafür, aus einer bedrohlichen Situation erfolgreich hervorgegangen zu sein. Und wer Narben also nicht als Zeichen von Niederlagen, sondern als Belege für erfolgreich gemeisterte Ausnahmesituationen ansieht, kann Kraft und Zuversicht daraus ziehen – und da liegt es auch nahe, eine Narbe durch ein entsprechendes Tattoo noch zusätzlich zu betonen. Dass man Narben mit Stolz tragen kann, zeigen ja beispielsweise auch Angehörige von »schlagenden« Studentenverbindungen, die sich bei ritualisierten Fechtkämpfen absichtlich Verletzungen im Gesicht zufügen, die sogenannten »Schmisse«.


Extrem plastisch! Tim Kern vom New Yorker Studio Tribulation Tattoo tätowierte diese tiefen Schnitte.

Extrem plastisch! Tim Kern vom New Yorker Studio Tribulation Tattoo tätowierte diese tiefen Schnitte.   


Seelische Narben sichtbar gemacht

Doch nicht alle Verletzungen sind äußerlich sichtbar; oft werden mit Tattoos auch seelische Narben verarbeitet. Auftätowierte Narben am Handgelenk sprechen eine deutliche, verstörende Sprache; hier hat sich jemand offenbar schon sehr konkret mit der Möglichkeit auseinandergesetzt, seinem Leben ein Ende zu setzen. Doch letzten Endes fiel die Entscheidung für das Leben: Statt sich tatsächlich die Pulsschlagader aufzuschneiden entschied sich die Person für auftätowierte Schnitte, die wieder zugenäht wurden. Ein Tattoo, dessen Bedeutung tief ins Innere eines Menschen reicht und definitiv ein Motiv, für das man einiges an Kraft braucht, um es zu (er)tragen.
Wunden und Narben als Tattoo-Motive können vom simplen Schockeffekt bis zur Trauma-Verarbeitung eine breite Palette an Bedeutungen haben – es sind oft keine Tätowierungen, deren Sinn sich für den Betrachter auf den ersten Blick erschließt. In jedem Fall sind es aber Tattoos, die sprichwörtlich unter die Haut gehen!


Text: Dirk-Boris
Bilder: Archiv TätowierMagazin




22.10.2013
Text: Dirk-Boris Bilder: Archiv TätowierMagazin
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