Erinnerungen an die Kindheit


Die Kindheit erscheint uns im Rückblick oft als eine magische, beinahe unwirkliche Zeit: Wir wissen noch, dass wir die Welt damals mit anderen Augen gesehen haben, anders gedacht und gefühlt haben, eine andere Vorstellung von Zeit und Zukunft gehabt haben. Aber wie genau sich das angefühlt hat, davon haben wir nur noch verschwommene Vorstellungen, und die Fähigkeit, die Welt wie ein Kind wahrzunehmen, haben wir als Erwachsene verloren.

Der erste fahrbare Untersatz vieler Kinder: Die Holzlok. Tattoo von Lajos, Electrographic Tattoo, Rosenheim.

Der erste fahrbare Untersatz vieler Kinder: Die Holzlok. Tattoo von Lajos, Electrographic Tattoo, Rosenheim.

Die Kindheit war nicht grundsätzlich immer und für jeden ständig eine tolle Zeit, schließlich gab es auch Dinge wie den fiesen Nachbarshund, an dem man sich nie vorbei getraut hat, es wohnten diverse Monster unterm Bett und im Kleiderschrank, dann war da noch dieser eine ältere Junge, der einem öfter mal das Pausenbrot geklaut hat. Und nicht zu vergessen die eher unwirsch reagierenden Eltern, die unsere künstlerischen Betätigungen auf der Tapete im Flur nicht in dem Maße würdigten, wie man sich das mit vier Jahren gewünscht hätte. Aber der Rückblick verklärt vieles – und unser Blick zurück auf unsere Kindheit ist natürlich nicht vergleichbar damit, wie wir uns selbst mit sechs, neun oder elf Jahren tatsächlich gefühlt haben.

Verspielt-luftig-leichte Kindertattoos von Pengi, on the road und Hamburg.
Disneys Schneewittchen, tätowiert von Akos, Pendragon Tattoo, Neuenstein.
Disneys Schneewittchen, tätowiert von Akos, Pendragon Tattoo, Neuenstein.
Verspielt-luftig-leichte Kindertattoos von Pengi, on the road und Hamburg. 


Vielleicht träumen wir heute, während wir über der Steuererklärung sitzen, Bewerbungen schreiben oder Spesenabrechnungen erledigen, davon, wie wir selbstvergessen im Bach hinterm Haus einen Staudamm gebaut oder im Wald Höhlen gebuddelt haben, und dann wünschen wir uns zurück in diese Zeit ohne Finanzamt, Stellenausschreibungen und Bürokratie. Und vergessen den Schrecken, der uns damals von den Haarspitzen bis in die Zehen durchzuckte, als uns, nachdem wir stolz unseren Staudamm oder unsere geheime Höhle bewundert haben, klar wurde, dass wir uns zum wiederholten Male (und trotz expliziter anderslautender Mahnung unsrer Eltern) komplett von oben bis unten eingesaut hatten – und zudem vergessen hatten, das Kinderzimmer aufzuräumen. Vieles war schöner, leichter, unbeschwerter, einerseits – aber andrerseits war eine Standpauke von Mutti und Papi die Apokalypse.

Pinocchio-Marionette von Morof, Moro Tattoo, aus Genua in Italien.
Tiger, Bär und Tigerente waren für manche von uns treue Kindheitsbegleiter.  Tattoo von Clemens, CIA Tattoo aus Salzburg.Mika vom Electric Crown Tattoo aus Finnland stach eine explosivere Version von Pu dem Bären.
Kindheitsbegleiter! Links: Pinocchio-Marionette, tätowiert von Morof, Moro Tattoo, aus Genua in Italien. Mitte: Tiger, Bär und Tigerente, Tattoo von Clemens, CIA Tattoo aus Salzburg. Rechts: Pu der Bär, in einer explosiven Interpretation von Mika, Electric Crown Tattoo aus Finnland.
 

Kleiner Aufwand – große 
Freude
Die Erinnerung, insbesondere die selektive Erinnerung, ist doch eine tolle Sache. Wir brauchen den ersten Fünfer in Mathe und den bleischweren Heimweg in Erwartung des Donnerwetters, das zweifellos über uns hereinbrechen würde, nicht nochmal durchleben, auch nicht die unendliche Trauer um das tote Meerschweinchen oder das namenlose Grauen und Entsetzen, das uns befiel, als wir versehentlich unsere schöne Plastik-Ritterburg kaputt getreten haben. Wir erinnern uns lieber an die ersten Frühlingstage, als wir Papierschiffchen auf die Reise schickten oder an den Herbst, als wir unseren ersten selbstgebauten Drachen steigen ließen. Heute fliegen wir zum Tauchen ans Great Barrier Reef oder gehen zum Paragliding in die Alpen. Das ist sicher auch nicht übel – aber als Kind war der Aufwand, den man zum Erreichen vergleichbarer Freude, Nervenkitzel und Befriedigung brauchte, irgendwie deutlich geringer. Und wer braucht Ego-Shooter, wenn man eine Lupe auftreiben kann und weiß, wo ein Ameisenhaufen ist? Zugegeben, besonders viel Bewegung verschaffen einem beide Aktivitäten nicht, aber bei letzterer war man wenigs-tens an der frischen Luft. Um als Erwachsener ein Glücksgefühl zu erleben, das vergleichbar ist mit dem, das man als Kind hatte, als man zum ersten Mal mit dem ferngesteuerten Auto um den Weihnachtsbaum raste, müsste man sich inzwischen schon ein flottes Cabrio kaufen. Nur würde sich heute gleich noch die Sorge um steigende Benzinpreise und die Frage nach der besten Versicherung in die Freude über das Männerspielzeug schleichen.

Der beste Freund war immer der Teddy.Dieser wurde von Morof aus dem italienischen Genua gestochen.
Ein echter Roboter! Tattoo von Morof.Kinder können sogar Krokodile als Freunde haben! Tattoo von Human Fly Studio, Madrid.
Kinder können sogar Krokodile als Freunde haben (Tattoo von Human Fly Studio, Madrid), Roboter oder natürlich denn Klassiker, den Teddy. Beide gestochen von Morof, Genua.


Ein Freundeskreis aus Bären, Ferkeln und Robotern
Und der nahezu unbegrenzte Kreis von Freunden, den man als Kind hatte! Bei Erwachsenen setzt sich ja in den allermeisten Fällen der Freundeskreis aus Menschen zusammen (manchmal ist auch ein Hund oder eine Katze dabei), aber als Kind kannte man da keinerlei Einschränkungen: Der Plüschhase und der Plastik-Roboter, die Tigerente und das Ferkel aus »Pu der Bär« – alles Freunde! Und bei Bedarf konnte man sich jederzeit noch welche dazu fantasieren, die einem nie widersprachen, stets derselben Meinung waren und Trost spendeten, wenn es mal ordentlich eine gesetzt hatte, weil man die gute Sonntagshose einem äußerst wichtigen Staudammprojekt opfern musste, dessen Dringlichkeit die Eltern einfach nicht verstanden.

Familienglück auf die einfachste Formel gebracht. Von Christina, Helbeck  Tattoo, Düren.
Ein Tattoo von Noon von der Boucherie Moderne aus Troyes, das die  unbeschwerte Leichtigkeit der Kindheit zum Ausdruck bringt.Einfacher Spaß aus Kindertagen: Papierflieger. Von Maldita, Moro Tattoo, aus Genua in Italien.
Links: Familienglück, tätowiert von Christina (Helbeck Tattoo, Düren). Mitte: Leichtigkeit der Kindheit von Noon (Boucherie Moderne, Troyes) und einfacher Spaß aus Kindertagen, der Papierflieger. Gestochen von Maldita (Moro Tattoo, Genua)

Die Welt war einfacher, wenn Tiger und Bär nach Panama wollten, marschierten sie einfach los und buchten nicht erst bei TUI oder trivago. Dass wir selbst bei dieser Vorgehensweise nicht viel weiter kamen, als bis zum Acker hinterm Friedhof, konnte unser kindliches Vertrauen in die Reiseplanung von Bär und Tiger nicht erschüttern. Wir waren sicher, hätten wir nicht zum Abendbrot nach Hause gemusst, hätten wir Panama spielend erreichen können. Sicher lag es gleich hinter diesem einen Hügel. Wir wären auch nie auf die Idee gekommen, die Mondlandung in Frage zu stellen. Wir selbst flogen schließlich im Kinderzimmer regelmäßig zum Mars und unterhielten mit den dortigen Bewohnern hervorragende diplomatische Beziehungen, wieso hätte da nicht auch jemand zum Mond fliegen sollen? Mädchen (oder für Mädchen: Jungs) waren grundsätzlich einfach doof – eine grundlegende Erkenntnis, die man sich als Erwachsener erst wieder hart erarbeiten muss, obwohl man das doch eigentlich als Kind schon wusste! Lernen war ein Klacks – solange wir es nicht mussten. Wir wussten die lateinischen Namen sämtlicher Dinosaurier, kannten alle Sternbilder und konnten alle Panzer- und Bombertypenbezeichnungen des Zweiten Weltkriegs auswendig. Eine erstaunliche Gabe, die wir seltsamerweise jedes Mal einbüßten, sobald wir die Schwelle zu unserem Klassenzimmer überschritten. Bestimmt war es irgendein Bannfluch dieses fiesen Hexenmeis-ters, an dessen Tür »Schuldirektor« stand.

Lajos vom Electrographic Tattoo aus Rosenheim stach dieses hübsche Bauklötzchen-Tattoo.

Lajos vom Electrographic Tattoo aus Rosenheim stach dieses hübsche Bauklötzchen-Tattoo.


Selektive Kindheitserinnerungen
Bis zu einem gewissen Grad kann man sich auch als Erwachsener – trotz der Zwänge und Pflichten des Alltags – noch einiges bewahren oder wieder aneignen, was man als Kind konnte: sich über Kleinigkeiten freuen, im Hier und Jetzt leben, Fantasie und Kreativität ausleben. Und man kann sich jederzeit an die schönen Dinge aus der Kindheit erinnern. Zum Beispiel an den Lieblingsteddy oder an ein besonders schönes Buch, an die Herbsttage und den Papierdrachen oder die glückseligen Stunden mit der Holzlokomotive.
Und eine Sache können wir heute machen, die wir als Kinder nie und nimmer hätten tun können: Wir können uns den Teddy, die Holzlok, den Drachen und unsere Kinderbuchhelden tätowieren lassen! Als Kinder hatten wir gerade mal diese Kaugummi-Klebetattoos, die eigentlich schon nach dem Aufkleben scheiße aussahen … und damit will doch wirklich keiner mehr tauschen, oder?  



Text: Dirk-Boris
Bilder: Archiv TätowierMagazin




28.06.2013
Text: Dirk-Boris Bilder: Archiv TätowierMagazin
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tattoo motive

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