Wein, Weib und Gesang: Gin Wigmore


Gin Wigmore gelingt es, kommerzielle Popmusik so kantig und charaktervoll zu verpacken, dass man zu keiner Sekunde an der Aufrichtigkeit ihrer Songs zweifelt. Mit ihrem zweiten Album lässt sie ihren Ruf als blondes Amy-Winehouse-Pendant hinter sich und findet ihre ganz eigene Identität. Wir haben die neuseeländische Sängerin in Berlin getroffen, über ihre Jugendsünden in Sachen Tattoos geplaudert und die Gretchenfrage in Sachen Wein gestellt.
 
Gin Wigmore bekennt: »Ich habe mir die Hände tätowieren lassen, um nie in einer Bank arbeiten zu können«Gin Wigmore bekennt: »Ich habe mir die Hände tätowieren lassen, um nie in einer Bank arbeiten zu können«
Gin Wigmore bekennt: »Ich habe mir die Hände tätowieren lassen, um nie in einer Bank arbeiten zu können.«

Alles andere als langweilig 
Obgleich ihr Künstlername auf die Spirituose mit Wacholder verweist, klingt eher der rauchige Geschmack von Whiskey in ihrer Stimme nach. Hinter blonder Mähne und Smokey Eyes verbirgt sich kein 08/15-Pop-Sternchen, sondern eine charismatische Lady mit ausgeprägter Rock ’n’ Roll-Attitüde. Mit zarten 17 gewinnt der Wildfang die International Songwriting Competition in den USA, sowohl ihr Debüt als auch das zweite Album stehen in ihrer Heimat an der Spitze der Charts, nun macht sie sich auf, um auch unsere Breitengrade zu erobern: »Es ist verrückt, ich bin so ziemlich jede Woche in einem anderen Land, fast schon alle paar Tage, nun erscheint mein zweites Album auch in Deutschland. Es hat sich seither viel verändert. Gravel & Wine ist so viel düsterer und heftiger als mein Debüt. Es hat sich herausgestellt, dass ich ein Faible für elektrische Gitarren habe. Als Songwriter und insbesondere als Mädel wird man schnell in diese Schublade gesteckt, in der alles rein, weich und hübsch sein soll. Aber das ist so verdammt langweilig, das bin nicht ich. Ich will das nicht machen, ich will Regeln brechen und Spaß haben. Mit Freunden rede ich eine Menge Scheiß und das ist jedes Mal wahnsinnig komisch. Warum sollte  man das nicht auch mit der Musik so machen?«
 

Dum spiro, spero: Solange ich atme, hoffe ich.Schönheit und Vergänglichkeit – aber eigentlich will Gin ihren Tattoos gar nicht so viel Bedeutung überstülpen.

Schönheit und Vergänglichkeit – aber eigentlich will Gin ihren Tattoos gar nicht so viel Bedeutung überstülpen. Und manche Aussagen drückt sie ganz direkt aus: Dum spiro, spero: Solange ich atme, hoffe ich. Die Inspiration zu ihrem Bären-Tattoo fand Gin beim Zahnarzt.


Die Suche nach dem eigenen Weg 

Ebendiese Einstellung reflektiert sich in ihren Lyrics, aber auch grundsätzlichen Ansichten und schließlich in ihrer Einstellung zum Tätowieren. »In Black Sheep geht es darum, seinen eigenen Weg zu finden, ein Anführer und kein Mitläufer zu sein. Wenn du in deine Zwanziger kommst, beginnst du erst wirklich zu leben und herauszufinden wer du bist. Es fühlt sich so an, als hätte ich das mit diesem Album für mich herausgefunden. Kompromisse sind okay, so lange man sich dabei nicht verbiegen muss – alles andere ist reine Zeitverschwendung. Gewissermaßen geht es bei Black Sheep aber auch um mich. Ich finde zwar immer Gleichgesinnte auf meinem Weg, die ähnlich denken, aber die sind dann wohl selbst schwarze Schafe. Ich mag die Sichtweise, einfach zu tun, wonach einem ist. Das Leben ist viel zu kurz, um sich einen Kopf darum zu machen, was andere Leute von einem denken. Darum habe ich mir auch die Hände tätowieren lassen, ich werde nie in einer Bank arbeiten können.«

Nachts um drei betrunken ins Tattoo-Studio 
Über Akzeptanz im Berufsleben braucht sie sich als Musikerin keine allzu großen Sorgen machen, dennoch reflektiert sie kritisch, ob es überhaupt sinnvoll ist, sich entsprechend anzupassen. »Ich finde man sollte es einfach tun, es ist schließlich nur ein Bild. Du musst dich selbst fragen, ob du wirklich in einem Job arbeiten willst, wo man dich deswegen ablehnt. Letztendlich spielt es doch nur eine Rolle, ob du das, was du tust, mit Leidenschaft machst. Wenn du besorgt bist, was Andere denken, ist das doch nur eine Art von Konformität, die man ablegen sollte. Aber Handtattoos sind dennoch etwas Besonderes.« Auf der linken Hand trägt sie ein kleines Motiv, das sie sich gemeinsam mit ihrem Ex-Freund hat stechen lassen, weil die beiden so von den Blues Brothers besessen waren. Doch zu der Rose auf der anderen Hand gibt es eine noch bessere Anekdote: »Ich bin nachts um drei am Sunset Strip in Los Angeles in irgendeines dieser richtig schlechten Tattoo-Studios mit blinkender 24h-Leuchtreklame gegangen. Erst wollten die mich gar nicht tätowieren, weil ich total betrunken war, aber ich habe so lange rumgejammert, bis sie mir auf eigenes Risiko irgendjemand vorgesetzt haben, der mir dann diesen Schädel auf die Hand gestochen hat. Drumherum waren obendrein Musiknoten. Wer lässt sich bitte als Musiker Noten auf die Hand stechen? Als müsste ich mich selbst daran erinnern, was ich tue! Ich habe das dann alles mit einer großen Rose covern lassen, die ist zum Glück ziemlich gut geworden.«

Die Inspiration zu ihrem Bären-Tattoo fand Gin beim Zahnarzt.»Nein, ich bereue nichts!« – Gins Motto für ihr Leben und ihre Tattoos.

Gin Wigmore bekennt: »Ich habe mir die Hände tätowieren lassen, um nie in einer Bank arbeiten zu können.«
Daneben: »Nein, ich bereue nichts!« – Gins Motto für ihr Leben und ihre Tattoos.


Ein illegaler Arschgeweih-Drache 
Doch dabei allein bleibt es nicht. Gin hat einiges an Jugendsünden in petto und erzählt mit ironischer Distanz aus den wilden Tagen als Teenie. »Mein erstes Tattoo war ein Arschgeweih; ein Drache, der richtig scheiße aussieht. Da war ich 14, das war natürlich nicht legal. Aber mein Bruder hat zu der Zeit gefälschte Ausweise für die Kids in der Schule gemacht und für ‘nen Zehner verkauft. Ich habe auch einen bekommen und dann das Tattoo machen lassen. Damals war es noch über dem Hintern, doch weil ich so jung war und noch gewachsen bin, ist es nach oben gewandert – nun habe ich den Drachen mitten auf dem Rücken. Ich liebe es Dinge spontan zu tun, man kann sich darüber später noch genug Kopfzerbrechen machen. Man sollte zwar schon wissen, was man tut, aber manches muss man einfach ausprobieren. Ich habe einige wirklich dämliche Sachen getan, aber ich lebe noch, also kann es nicht so schlimm gewesen sein.« Auch wenn das eine oder andere Motiv nichts geworden ist, die Geschichten um die Entstehung ihrer Hautbilder sind dafür umso besser. Ebenso wie die zu dem Bären auf ihrem Unterarm: »Ich saß im Wartezimmer einer Arztpraxis und überall lagen diese seltsamen, todlangweiligen Zeitschriften rum, über Computer und so. Dann war da dieses Jagd-Magazin mit dem Bär, der mir so gefallen hat. Ich habe die Seite herausgerissen und dem Tätowierer vorgelegt – nun gehört er mir.« Tiefsinnige Symbolik braucht sie nicht, sie betont vielmehr ihre Affektivität und Nostalgie. »Ich habe viele Freunde, die unbedingt total viel Bedeutung oder Bezug zur Familie in ihrem Tattoo haben müssen. Aber es ist doch die Erinnerung, die es ausmacht. Der Tag und die Umstände an dem es entstanden ist, macht es zu einer Erfahrung an sich.«

Rückbesinnung auf die alten Meister 
Doch diese Art der Rückbesinnung hat auch musikalisch stattgefunden, die junge Dame hat sich im Vorfeld auf die alten Herren besonnen. »Ich habe eine Menge Elvis gehört, Johnny Cash und Tom Waits. Natürlich kannte ich Elvis schon vorher, aber ich brauchte einiges an Zeit, um ihn wirklich zu verstehen. Elvis ist fantastisch, ich hatte nie verstanden, was es mit ihm auf sich hat. Es dauerte, bis ich hinter all dem Glitzer und Glamour diese wunderschönen Songs entdeckte. Dieses Ursprüngliche, der Einfluss von Blues und Gospel hat mich inspiriert.« Jene Reise zu den Wurzeln der populären Musik brachte den nötigen Willen zum Weitergehen mit sich. Während viele Künstler Schwierigkeiten haben, nach einem erfolgreichen Debüt mit dem Folgewerk etwas anders zu machen, stellt sich Gin erfrischend unkonventionell gegen diese Erwartungshaltungen. »Jedes Album ist das erste Album. Man verändert sich doch ständig als Person. Ich mache mir auch da nicht zu sehr einen Kopf drum, so etwas entwickelt sich ganz von alleine. Es ist wahrscheinlich wie ein weiteres Kind zu bekommen, sie werden sich gewissermaßen ähnlich sein, aber dennoch verschiedene Charaktere haben, die man unterschiedlich behandeln muss, die andere Hoffnungen und Träume haben. Es war keine bewusste Entscheidung, sondern einfach meine Entwicklung.«

Kieswege und Rotwein 

Diese Entwicklung hat sie letztendlich zu sich selbst geführt, denn Wigmore macht genau das aus, was der Titel ihres Zweitwerks mit den plakativen Schlagworten Gravel & Wine verspricht. »Du schreibst ein Album, all diese Songs und dann brauchst du plötzlich einen griffigen Titel. Ich bin meine Texte durchgegangen und diese Worte sprangen einfach hervor. Schotter, Kies – das hat diese Ungeschliffenheit, etwas von einem alten, einsamen Weg. Und Wein ... ich liebe Wein. Vor einem Auftritt bevorzuge ich ihn in der weißen Variante, auf der Bühne bevorzuge ich dann aber Rotwein.«    
 


Text: Matthias Ziegenhain
Bilder: Bastian Fischer, Universal Music




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13.08.2013
Text: Matthias Ziegenhain Bilder: Bastian Fischer, Universal Music
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Stand:18 July 2018 20:35:44