The Sinner and The Saint: Tätowierungen mit Eiern


Andreas und Imme von "The Sinner and The Saint" (Nilz Böhme)In Aachen führt eigentlich kein Weg an ihm vorbei: Wenn es um Tätowierungen geht, ist Andreas Coenen mit seinem Team von The Sinner And The Saint die erste Adresse. Wir haben mit ihm über Tattoos, Tradition und Tätowierer, die keine sind, gesprochen…

RNR: Andreas, vor etwas mehr als 12 Jahren hast du in Aachen deinen Shop eröffnet – inzwischen arbeiten fünf Tätowierer für dich. Sieht so aus, als sei das damals die richtige Entscheidung gewesen…

Andreas: Nach Aachen zu gehen war die zweitbeste Entscheidung meines Lebens – neben der Entscheidung, Tätowierer zu werden.

RNR: Und wie kam es zu dieser Entscheidung?

Andreas: Ich habe in Mönchengladbach gelernt, bei Chris von Dermagraphics. Und der Kodex besagt ja nun mal, dass man aus Respekt vor seinem Lehrmeister nicht in derselben Stadt einen Tattoo-Shop aufmacht. Also war mir schon klar, dass ich weg musste. Aachen kannte ich durch ein paar Verwandte und hatte ich schon immer gemocht. Außerdem gab es hier zu der Zeit keinen vergleichbaren Tätowierer. Das war ja nicht wie heute, wo du quasi in jeder Stadt einen guten Tätowierer hast. Die ersten anderthalb Jahre ganz alleine waren natürlich hart. Dann kam ein Lehrling dazu und so hat sich das langsam weiterentwickelt. Ich habe es nicht drauf angelegt, so viele Leute zu beschäftigen. Nur, wenn das Potenzial da ist, wäre man ja ein Idiot, wenn man es nicht macht.

RNR: Es ist aber schon so, dass dir die Rolle als Geschäftsmann nicht so richtig gefällt?

Tattoo von ImmeAndreas: Ob man jetzt alleine arbeitet oder mit fünf Leuten – man ist immer auch Geschäftsmann und nicht nur Tätowierer. Aber ich bin natürlich nicht Tätowierer geworden, um Geschäftsmann zu sein. Deswegen habe ich ja Marko und Frodo eingestellt, damit ich dieses ganze Drumherum nicht alleine machen muss. Es stimmt allerdings, dass ich nicht gerne Chef bin. Ich mag es zum Beispiel überhaupt nicht, wenn man in die Situation gerät, dass man jemandem in den Arsch treten muss – und das muss man als Chef ja nun manchmal. Ich verstehe halt einfach nicht, warum Menschen nicht das Richtige tun.

RNR: Wenn man sich deine Belegschaft so ansieht, fällt auf, dass sich jeder auf Traditionals versteht oder sogar spezialisiert hat…

Andreas: Das sind Dinge, die sich im Laufe der Zeit geändert haben. Wenn du früher einen Laden eröffnet hast, warst du natürlich gezwungen, alles zu können. Wenn du einen Stil nicht konntest, musstest du den Kunden wieder wegschicken. Aber heute gibt es einfach nicht mehr so viele junge Tätowierer, die jeden Stil beherrschen. Und das ist auch völlig in Ordnung, weil wir hier mit sechs Leuten arbeiten. Wenn einer jetzt zum Beispiel überhaupt keinen Bezug zu realistischen Porträts hat, dann macht das halt jemand anders. Aber das heißt nicht, dass wir hier nur Traditionals stechen. Natürlich machen wir hier auch erst dreimal chinesische Schriftzeichen oder Blumenranken, bevor dann mal wieder ein traditionelles Tattoo verlangt wird.

Tattoo von StephanRNR: Du sagst traditionell – warum vermeidest du das Wort Old School?

Andreas: (überlegt) … also a) klingt mir das zu sehr nach Flammenhemden und b) hört es sich an, als ob es irgendwie verlorengegangen wäre und jemand es plötzlich wiederentdeckt hat. Und das ist natürlich völliger Blödsinn. In Amerika ist traditionelles Tätowieren nie weg gewesen. Die Menschen brauchen immer Klassifizierungen, die einfach sind, zum Beispiel, dass ein Eightball Old School ist. Das stimmt so nicht, weil Old School nur eine Art zu tätowieren ist. Das hat damit zu tun, wie die Linienführung ist, wie viel Farbe und wie viel Schattierungen reinkommen. Du kannst einen Eightball auch realistisch oder sonst wie stechen. Das hat nichts mit dem Motiv zu tun. Wenn du das erstmal begriffen hast, kannst du auch ein klassisches, traditionell-westliches Motiv wie Jesus japanisch darstellen.

RNR: Ebbt die Welle der traditionellen Motive denn langsam ab?

Andreas: Nein. Es ist eher so, dass sich der Stil extrem entwickelt. Da gibt es mittlerweile tausend Richtungen. Von Originalvorlagen aus den 30er Jahren bis hin zu einer Tätowiererin wie Imme, die die Grenzen im eigenen Stil verschiebt. Bei Imme ist es zum Beispiel so, dass sie sehr detailverliebt ist. Das gefällt vielen Frauen. Trotzdem sind ihre Tattoos traditionell ausgeführt und nicht irgendwie girly. Ich muss sagen, dass Imme eine meiner Lieblingstätowierer ist. Ich kriege ja jeden Tag mit, was sie leistet, und ich muss sagen, das ist wirklich enorm.

RNR: Imme hat bei dir gelernt, oder?

Tattoo von Andreas Andreas: Ja. 2002 hat sie in Aachen angefangen. Vorher hat sie eine Kunsthochschule in Leipzig besucht und war anschließend Layouterin in Hamburg.

RNR: Sie arbeitet aber nicht nur in Aachen?

Andreas: Nein. Imme ist auch regelmäßig bei Times of Grace in Essen und bei Peter Siwak in Magdeburg. Ich fahre jeweils zwei Tage im Monat nach Duisburg zu Kailitos Way, Blue Harvest in Bielefeld und Magic Moon in Erkelenz. Ich möchte halt auch rauskommen und mich mit anderen Tätowierern austauschen und nicht immer nur in meinem Laden sitzen.

RNR: Sind Tätowierer Künstler oder Handwerker?

Andreas: Kunst-Handwerker. Ein Tätowierer kann auf keinen Fall Künstler sein. Sobald ich für jemanden zeichne, ist es keine Kunst mehr. Ich finde, Kunst sollte frei entstehen. Es würde ja auch niemand auf die Idee kommen, einen Grafikdesigner als Künstler zu bezeichnen.

RNR: Und wenn dir jemand, sagen wir mal, seinen kompletten Arm frei zur Verfügung stellt?

Tattoo von OstiAndreas: Dann auch noch nicht zwangsläufig. Wenn ich jetzt zum Beispiel für mich zu Hause Bilder male, dann ist das nicht unbedingt Kunst, sondern erstmal Malerei. Kunst muss abstrakt sein. Nicht vom Stil her, aber sie muss einen Denkprozess auslösen. Also ich habe schon immer ein Problem damit gehabt, Tätowieren als Kunst zu bezeichnen.

RNR: Wenn man sich die frühen Tätowierer ansieht, dann waren das ja auch alles andere als Künstlertypen…

Andreas: Es war Volkskunst. Und Tätowieren war ein hartes Business. Man hatte es mit Besoffenen zu tun, Zechprellern und Typen, die sich mit dem Tätowierer prügeln wollten. Das war das eine Extrem. Auf der anderen Seite stehen heutzutage Studios mit verschlossener Tür, in die man nur reinkommt, wenn man einen Termin hat. Versteh mich nicht falsch: Ich habe auch keine Lust auf Besoffene oder darauf, mich mit meinen Kunden zu prügeln. Aber Tätowierungen kommen nun mal aus der Unterschicht. Und bei manchen Tätowierern hat man heutzutage das Gefühl, dass sie sich dafür schämen.

RNR: Braucht ein Tätowierer eine Philosophie?

Andreas: (überlegt lange und lächelt) Super Frage…ich hab eine super Antwort: Es gibt ‘ne Menge Leute, die tätowieren, aber nur sehr wenige Tätowierer.

RNR: Okay, das musst du erklären…

Tattoo von DavidAndreas: Also die meisten haben heute keine Ahnung mehr von den Motiven, die sie stechen. Wenn mir ein Motiv gefällt, dann will ich alles, aber auch wirklich alles darüber wissen. Ich finde es schlimm, wenn Leute inzwischen die vierte Kopie von etwas machen und gar nicht mehr wissen, was der erste sich ursprünglich dabei gedacht hat. Es gibt eine Menge Leute, die machen technisch wirklich gute Sachen – aber die berühren mich nicht. Wenn ich mich mit denen unterhalte, dann ist das, als wären die aus einer anderen Welt. Es geht beim Tätowieren nicht darum, Bildchen unter die Haut zu bringen. Du kannst die besten Jazzmusiker der Welt zusammenbringen und Punkrock spielen lassen – das wird bestimmt technisch einwandfrei. Aber das wird niemals die Energie von so ‘ner jungen Punkband Ende der 70er Jahre haben.

RNR: Also was ist das genau, was eine Tätowierung ausmacht?

Andreas: Eier! Eine Tätowierung muss Eier haben. Oder Balls, wie die Amerikaner sagen. Das ist die Hauptsache.








The Sinner and The Saint
Sandkaulstr. 46
52062 Aachen
Tel. 0241 – 40 52 86
www.thesinnerandthesaint.com

Text: Oliver Wagner
Bilder: The Sinner and The Saint / Nilz Böhme




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13.09.2012
Text: Oliver Wagner Bilder: The Sinner and The Saint / Nilz Böhme
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Stand:11 December 2018 21:46:05