Guil Zekri: Vom Barock inspiriert


»Jetzt kommt alles zusammen: meine Musik, mein Mal- und mein Tätowierstil. Das neue Studio bietet dafür den perfekten Rahmen!« Guil Zekri, Köln, Juli 2014Fünf Treppenstufen reichen aus, um in Guil Zekris Welt abzutauchen. Sie führen in sein im Souterrain gelegenes neues Studio im Kölner Szenebezirk »Kwartier Latäng« (Neustadt-Süd).

Gedämpfte Beleuchtung. Nur Lichtspots leiten die Aufmerksamkeit zu großformatigen Ölgemälden in schweren Holzrahmen, die an Wänden mit golddurchwirkten, dunkelroten Tapeten hängen. Die kleinen Scheinwerfer führen den Blick zu edlen Barockmöbeln, die auf den dunkel gebeizten Holzdielen stehen, zu Vitrinen mit Piercingschmuck, weiter zum Tresen, wo zwei große braune Augen den Besucher mit offenem, warmem Blick empfangen. Das ist das Reich des Wahlkölners Guil Zekri, der im Juli dieses Jahres offiziell sein zweites Studio »Reinkarnation« eröffnet hat, um sich hier auf seine neuen Projekte konzentrieren zu können. »Im Moment ist es wie ein Clash, alles kommt perfekt zusammen. Das neue Studio, meine stilistische Neuorientierung, meine Musik, die Malerei … Alles passt. I love it so much!«
 
Aliens und Barock? Stilistisch transfomiert Guil die Alien-Figuren zurück ins 16. Jht.. Tattoo Guil Zekri, Reinkarnation, Köln.Aliens und Barock? Stilistisch transfomiert Guil die Alien-Figuren zurück ins 16. Jht.. Tattoo Guil Zekri, Reinkarnation, Köln.
Aliens und Barock? Stilistisch transfomiert Guil die Alien-Figuren zurück ins 16. Jht.. Tattoo Guil Zekri, Reinkarnation, Köln.
Aliens und Barock kommen zusammen: Stilistisch transfomiert Guil die Alien-Figuren zurück ins 16. Jht


Chaot mit Bauchgefühl
Seine Begeisterung ist ansteckend und der Schlüssel zu seinem Erfolg. Er selbst bezeichnet sich als Chaot, als einer, der nie entspannen kann, immer etwas tun muss. »Und anscheinend hab ich auch ein gutes Gefühl für die richtigen Menschen an meiner Seite, die meine Schwächen kompensieren und meinen Aktionismus organisatorisch in die richtigen Bahnen lenken.« Wie die Shop-managerin Maria, die vorher bei Andy Engel in Kitzingen gearbeitet hat, und die – wie es Guil respektvoll ausdrückt – »durch die gute Andy-Engel-Schule gegangen ist.«
Das neue Studio ist ihm eine Herzensangelegenheit. »Es geht nicht ums Geld, wie vielleicht manche denken, sondern es ist eine ganz persönliche Sache, ein Ort zur Weiterentwicklung. Und der Rahmen dafür ist perfekt.«
 
Eine dramatische Wirkung erzielt Guil durch die Farbwahl.
Eine dramatische Wirkung erzielt Guil durch die Farbwahl.
Eine dramatische Wirkung erzielt Guil durch die Farbwahl.


Kulturschock
Das Interieur ist das Abbild dessen, was den gebürtigen Israeli schon immer begeistert hat und auf was er sich jetzt auch mit seiner Arbeit als Tätowierer fokussieren möchte: Stilistisch will er zukünftig seine Arbeiten am Barock ausrichten. So verbindet er futuristische Elemente mit Einflüssen dieser Epoche. Es ist eine künstlerische Entwicklung, die – aus dem Blickwinkel seiner Biografie betrachtet – nachvollziehbar ist. Der gebürtige Israeli ist in Netanya aufgewachsen, einer kleinen, auf dem Reißbrett entstandenen Stadt nördlich von Tel Aviv, und in der er für sich keinen Raum für Entwicklung sah. Das gesellschaftliche Umfeld empfand er als repressiv.

Der Bibliothekar Jorge de Burgos aus dem Film »Der Name der Rose« war Vorlage für dieses Black-and-Grey-Porträt.Linien brechen zwar den Realismus, aber bei einem Tattoo sind sie trotz starker Hell-Dunkel-Kontraste notwendig.
(l) Linien brechen zwar den Realismus, aber bei einem Tattoo sind sie trotz starker Hell-Dunkel-Kontraste notwendig. (r) Der Bibliothekar Jorge de Burgos aus dem Film »Der Name der Rose« war Vorlage für dieses Black-and-Grey-Porträt


»Ich wollte raus und bin 1997 zuerst ein Jahr in den USA gewesen und ein Jahr später nach Paris umgezogen. Die Stadt empfand er als einen Kulturschock. Diese Opulenz, all die Verzierungen an den Gebäuden, die Museen, die Kultur, das Schöne, die künstlerische Freiheit und auch die Übertreibung …«
Er war so stark in diesem Thema, dass ihn ein Dozent an der Universität mit dem Vorwurf konfrontierte: »Wenn du so barock bleibst, wird nie ein Künstler aus dir!« In seinem jugendlichen Enthusiasmus wusste er sich nicht anders zu helfen, als den respektierten Lehrer mit der Antwort zu brüskieren: »Ihr habt den Barock nur alle nicht verstanden!« Dieser Mann arbeitet immer noch an der Universität. Heute sind sie gute Freunde.
 
 
 Biografie Guil Zekri (40)
  Sein Arbeitsumfeld spiegelt Guil Zekris Leidenschaft für den Barock.
Sein zweites Studio in Köln spiegelt Guil Zekris Leidenschaft für den Barock.
Sein erstes Tattoo ließ sich Guil Zekri mit 17 Jahren auf die Schulter stechen, weitere folgten, er half sogar in einem Tattoo-Studio aus. Dass er jemals Tätowierer sein wird, hatte der in Israel geborene Guil damals noch nicht im Blick.

MUSIK IN DEN USA
Der Musik gehörte seine Leidenschaft; noch heute spielt er Bass in einer Progressive-Metal-Band. Nach seiner dreijährigen Wehrpflicht ging er in die USA. Er hatte die Hofnung, dort als professioneller Musiker arbeiten zu können. »Vielleicht sogar Rockstar zu werden«, lacht er.
STUDIUM IN FRANKREICH
Nach einem Jahr in Los Angeles und New York zog Guil im August 1998 für ein Studium nach Paris, nebenher jobbte er als Assistent in einem Tattoo-Studio. »Ich studierte ›Art Plastique‹, eine Mischung aus Philosophie und Kunstästhetik, das hatte nicht mit Kunstgeschichte oder Malerei zu tun. Es ging darum, dass wir Studenten Kunst hinterfragen sollten. Botschaft, Schönheit, Kitsch, Groteske waren Begriffe, mit denen wir uns auseinandersetzten.«
TÄTOWIEREN IN DEUTSCHLAND
Das Studium brach er ein Semester vor seinem Masters Degree ab und zog nach Münster – der Liebe wegen. »Dort nahm ich das Telefonbuch und suchte nach Tattoo-Studios. Unter A fand ich Alan Dixon vom Studio Robinson & Dixon. Ich rief an, bewarb mich und blieb zehn Monate.« Von da ging es weiter nach Köln, wo er David Laszlo traf, zusammen eröffneten sie am 12. Juli 2007 das erste Reinkarnation.»Es war ein kleiner, 35 Quadratmeter großer Laden im Souterrain, in dem wir in zwei Jahren vier Wasserschäden hatten und deshalb in das Studio in die Brüsseler Straße zogen. Was für uns beide viel zu groß und zu teuer war, deshalb vermieteten wir unter.« Mittlerweile arbeiten zwölf Leute im Studio. In diesem Jahr, genau sieben Jahre später, eröffnete er am 12. Juli 2014 sein zweites Studio.
Fest der Sinne
Die prachtvoll dekorierten und ausgestalteten Gebäude und Gärten des Barock (Ende 16 Jh. bis Mitte 18. Jh.) dienten vor allem repräsentativen Zwecken, waren Ausdruck der Macht, die sowohl die katholische Kirche als auch die europäischen Herrscher zum Ausdruck bringen wollten. Und obwohl die Auftraggeber meist Geistliche und Adlige waren, fingen die Künstler an, sich von den Vorgaben ihrer Arbeitgeber zu lösen und künstlerisch autonom zu arbeiten. Die Faszination, die diese Epoche auf Guil ausübt, ist allein der Schönheit gewidmet, der durch theatralische Lichtführung und Komposition geschaffenen Illusion einer Wirklichkeit, in der die Fülle und der Reichtum des Lebens zum Ausdruck kommen. Religiöse und mythologische Symbole aus der griechischen und römischen Antike fließen in die Bilder ein, sie zeigen surreale Aspekte, Fantasieelemente und immer wieder organische Strukturen. »Diese Bildwelten habe ich vorher nur auf Leinwand gemalt. Kollegen wie Robert Hernandez und Boris haben mir zugesprochen, dass ich meine Malerei und das Tätowieren zusammenbringen soll. Zukünftig werde ich mich voll darauf konzentrieren, meine künstlerischen Vorstellungen als Tattoo umzusetzen.«
Obwohl Göttergestalten in seinen Bildern ein Thema sind, spielt für ihn persönlich der Glaube keine Rolle. »Die Menschen haben Erklärungen gesucht und dafür Götterbilder geschaffen. In der Antike war Zeus für die Blitze verantwortlich und Poseidon für die Gefahren des Meeres. Genauso wie noch niemand ein Alien gesehen hat, hat auch niemand Gott als Gestalt gesehen. Ich respektiere den Glauben anderer Menschen, das endet dann, wenn er in Fanatismus umschlägt.«
 
Zentral steht das japanische Motiv eines Samurai, das von Guil im Stil einer barocken Steinskulptur umgesetzt wurde.
Tattoos im Spannungsfeld zwischen Mythologie und Kitsch. Übrigens ein Begriff, mit dem Guil Zekri kein Problem hat.
(l) Zentral steht das japanische Motiv eines Samurai, das von Guil im Stil einer barocken Steinskulptur umgesetzt wurde. (r) Tattoos im Spannungsfeld zwischen Mythologie und Kitsch. Übrigens ein Begriff, mit dem Guil Zekri kein Problem hat.  


Grenzen
»Tätowierer sind in erster Linie Dienstleister. Wir verkaufen unser Talent und erfüllen die Wünsche unserer Kunden. Als Tätowierer haben wir uns nicht für das Medium entschieden, sondern das Medium hat sich für uns entschieden.« Und damit gibt das Medium, nämlich die Haut, auch die Regeln vor. Eine klare Aussage des 40-Jährigen, die auf den ersten Blick im Widerspruch zu seiner neuen Ausrichtung steht. »Bis vor einem halben Jahr hätte ich noch gesagt, dass Tätowierer Dienstleister sind und so auch ich. Aber ich habe neben dem Tätowieren immer gemalt und tue das schon viel länger, als ich tätowiere. Jetzt versuche ich diese beiden Bereiche meines Lebens zusammenzubringen. Dabei kann ich meine Erfahrung als Tätowierer nicht ignorieren. Ich weiß, dass ich viel Schwarz brauche, bei farbigen Tätowierungen arbeite ich mit Komplementärfarben, um die Kontraste zu bekommen, ich ziehe sogar schwarze Linien in realistische Motive, obwohl sie den Realismus brechen. Sagen wir es so: Als Künstler hat man zuerst ein Konzept, dann sucht man die Inspiration, danach arbeitet man an der Interpretation und zum Schluss kommt die Umsetzung. Beim letzten Punkt muss ich technische Abstriche machen. Aber alles zusammen ist jetzt Guil!« 

Text: Heide Heim
Bilder: Guil Zekri, Ilja Mazar




T-Shirt Victorville schwarz
T-Shirt Victorville schwarz
24,90€
14,90€
T-Shirt Riding Reaper schwarz
T-Shirt Riding Reaper schwarz
34,90€
9,90€
T-Shirt Radio Waves
T-Shirt Radio Waves
34,90€
17,90€
T-Shirt Legendary Red Baron weiß
T-Shirt Legendary Red Baron weiß
29,90€
14,90€
30.08.2014
Text: Heide Heim Bilder: Guil Zekri, Ilja Mazar
auf Facebook teilen

tattoo kuenstler

Verwandte Artikel

Art Faktors Tattoo
Studio

Moni Marino versucht den Tattoos Seele zu geben. Dafür gehen dem Tätowierprozess lange Gspräche mit dem Kunden voraus.

da Silva Tattoo
(Bielefeld)

Ohne Outlines, aber nicht konturlos: Roberto Moreira vom Studio da Silva Tattoo in Bielefeld sticht realistischen Tätowierungen in Black-and-Grey und in Farbe.

Tattoo Freestyle

Aus einer Auswahl von bis zu zehn Tätowierern können die Kunden zeitweise im Hamburger Studio Tattoo Freestyle wählen. Von Massenbetrieb aber keine Spur.

Studio 74 Tattoos

Auch in der Januar-Februar-Ausgabe präsentiert TattooStyle wieder sechs ausgewählte Tätowierkünstler und Studios aus eurer Region! Kurz und knackig stellen wir euch im Kurzporträts die Tätowierer und ihren bevorzugten Stil vor; in einer Checkliste sind die wichtigsten Eckdaten zu anwesende Gasttätowierern im Studio, Conventionbesuche des Tätowierers, Besonderheiten des Studios, Kontaktaufnahme usw. zusammengefasst.

Kreuzstich Tattoo
(Berlin)

Karls Stil mit dem Etikett Tribal zu versehen, wird seinen Arbeiten nicht gerecht. Tribals, also Stammestätowierungen, sind nicht die Inspirationsquelle für den gebürtigen Frankfurter, der seit dreieinhalb Jahren im Berliner Studio Kreuzstich arbeitet.

Verbundenheit mit
Berufen durch
Tattoos darstellen

»Ich arbeite gern« oder »Ich liebe meinen Beruf!«. Wer das sagen kann, kann sich glücklich schätzen – und ist es wahrscheinlich auch in hohem Maße. Schließlich verbringen wir in der Regel an fünf Tagen in der Woche mehr als ein Drittel unserer Zeit auf der Arbeit.

Hanadi, Bubblegum
Art Tattoo (Hamburg)

Illustrationen nennt die aus Syrien stammende Tätowiererin Hanadi ihre Arbeiten. Die Einordnung in die Scetch-Art-Schublade greift bei ihr definitiv zu kurz. Bei den grafischen Elementen bedient sich Hanadi natürlich dieses Stils, kombiniert ihn jedoch mit klassischen Schattierungen und Farbverläufen. Und immer sind sie witzig oder skurril!

Skull Tattoos von
Chancy aus Sonthofen

Im ländlichen Umfeld des Städtchens Sonthofen betreibt Chancy seit 1988 sein Studio. Mittlerweile in einem original Allgäuer Bauernhaus. Von außen ahnt der Besucher nichts von dem, was in seinem Inneren vor sich geht. Erst beim Eintritt durch die schwere Holztür offenbart sich das kreative Potential.

Black Bell
(Mannheim)

Liebhaber traditioneller Tätowierungen sind im Studio PMA an der richtigen Adresse. Döner hat das Studio im Mai letzten Jahres eröffnet, seit September arbeitet Dani fest mit im Studio. »Ich bin ziemlich froh darüber, dass Dani jetzt hier ist, wir ergänzen uns super«, erklärt Döner.

Donots

Die Brüder Ingo und Guido Knollmann der Alternativ-Rockband Donots über Tätowierschübe und wahnsinnige Fans.

Free Your Mind

»Die meisten der Kunden kommen gut vorbereitet ins Studio. Sie wissen, was sie wollen und wählen meist auch größere Tätowierungen«, so Marcels Eindruck von seiner Kölner Kundschaft.

Affen

Sie sind lustig, stets gut gelaunt, äffen alles nach und veranstalten am liebsten ein richtiges Affentheater. Egal ob der Mensch nun vom Affen abstammt oder nicht, die Primaten üben schon seit jeher eine große Faszination auf uns aus.

Los Tiki Phantoms

Obwohl die Ursprünge von Surfmusik in Kalifornien liegen, kommen die besten Bands mittlerweile aus Europa. Neu in der Szene sind die Los Tiki Phantoms aus Spanien, die mit ihrem gruseligen Image und rockigem Sound für Aufsehen sorgen. El Kahuna, Bassist der Combo, gibt uns nähere Einblicke in die Welt der Totenkopfmasken-Träger.

Tattoo Studio Sundo

Eine große stilistische Vielfalt zeichnet Sundo aus Ober-Schwaben aus. Viel Zeit nimmt er sich für den Prozess des Verstehens und Umsetzens.

Eluveitie

Folk- oder Pagen-Metal steht derzeit hoch im Kurs, und eine Band, die in diesem Genre besonders heraussticht, ist die eidgenössische Truppe »Eluveitie«. Wir sprachen mit Chrigel sowie den Zwillingen Rafi und Sevan..

Nadelwerk Konstanz

»Respekt ist uns wichtig. Der Schlüssel für die Zusammenarbeit mit dem Kunden ist Kommunikation!« So lauter das Credo des Teams vom Nadelwerk Konstanz.

Mint Club (Salzburg)

Liebhaber traditioneller Tätowierungen sind im Studio PMA an der richtigen Adresse. Döner hat das Studio im Mai letzten Jahres eröffnet, seit September arbeitet Dani fest mit im Studio. »Ich bin ziemlich froh darüber, dass Dani jetzt hier ist, wir ergänzen uns super«, erklärt Döner.

Realistic von Rich
Pineda

Rich Pineda vom Liquid Tattoo in Yucca Valley, Kalifornien, sticht Realistic-Tattoos auf den Spurean von Nikko Hurtado. Inspirieren lässt er sich vom Leben und alles, was ihn umgibt. Am liebsten zeichnet und tätowiert er Schädel und Frauengesichter.
Newsletter bestellen
weiter
Welche Themen interessiern dich?
Bike Auto Tattoo Musik
Stand:19 December 2018 10:33:00