Aleksandr Pashkov



Unter zahlreichen Realismusexperten in Russland sticht der 35-jährige Aleksandr Pashkov vom Tattoo X aus dem sibirischen Barnaul hervor. Seine eleganten Tätowierungen von Naturdarstellungen in Farbe oder Schwarzgrau sind mit Liebe ausgeführt und an technischer Präzision schwer zu übertreffen. Vielseitigkeit und der Trieb zur Perfektion lassen den ruhigen Mann aus dem Altai-Gebirge zu einer der allerersten Adressen in Sachen Tattoo in Russland werden. Und hin und wieder arbeitet er auch in Deutschland!

 

Wenn Aleksandr zur Nadel greift, ist er hochkonzentriert und arbeitet präzise wie ein Uhrwerk.
Wenn Aleksandr zur Nadel greift, ist er hochkonzentriert und arbeitet präzise wie ein Uhrwerk.

Aleksandr, wie kommt man in Sibirien zum Tätowieren?
Unser Nachbar malte im surrealistischen Stil. Das hat mich mit dreizehn Jahren so fasziniert, dass ich selbst auf die Kunstschule gegangen bin. Ich weiß nicht, was aus mir ohne diesen Nachbarn geworden wäre. Das war eine Offenbarung, durch die sich mir die Welt geöffnet hat. Nur, Kunst bringt ja, wie überall, zunächst mal kein Geld, also musste ich als Bauarbeiter schuften. Ein Bekannter hatte aber in Moskau Erfahrungen als Tätowierer gesammelt, und diese Begegnung von Kunst mit dem lebendigen Medium Haut und Mensch, gefiel mir. Ende 2005 kaufte ich also Equipment in der Hauptstadt und legte los. Mein Schlüsselerlebnis war dann die erste Tattoo-Convention in St. Petersburg, wo ich auf Anhieb den dritten Platz in der Kategorie Porträt gewonnen habe! Als die meinen Namen aufriefen, war ich vollkommen schockiert.

Giraffe von AlexandrPashkovObwohl ursprünglich anders gedacht, bedeutet ein Harlekin eigentlich nie etwas Gutes.

»Klar entnehme ich die Hauptmotive von Fotos aus dem Internet oder Büchern, aber die Kreativität liegt im Zusammenbasteln, also in der Komposition eines Sleeves oder eines Rückens.«
Aleksandr Pashkov
 


Was hat sich durch das Tätowieren und diesen Erfolg für dich geändert?

Mein Leben nahm einen neuen Verlauf! Plötzlich kannte mich jeder in der Szene, und ich wurde akzeptiert und in der Tattoo-Familie aufgenommen. Ich gewann Selbstvertrauen und bin ganz anders an meine Arbeit herangegangen. Ab da konnte ich mich auf Conventions wohl fühlen und Erfahrungen mit den Kollegen austauschen. Es ist doch etwas ganz anderes, Bilder im Internet zu sehen, oder wirklich zuzuschauen, wie ein Tattoo eines Meisters live entsteht.

Deine eigenen Tattoos, wie zum Beispiel dein berühmter Rücken, die Gnome, die sich durch ein steinernes Celtic-Design beißen, sind ja von Dmitrij Chikai in Novosibirsk.
Meine erste Tattooerfahrung war in Moskau, und sie war für eine ganze Weile meine einzige, bis ich dann Dmitrij Chikai kennen-gelernt habe. Seitdem tätowiert er mich, und seine Technik und sein Stil sind mein absolutes Vorbild. Das ist meines Erachtens nach der beste Weg: Vertraue dich und deinen Körper ganz dem besten Meister an, dann lernst du am meisten. Individuelle Elemente meiner eigenen Kreativität und Technik kamen dann erst später.
 

Nicht nur seine Farbrealismus ist beeindruckend, sondern auch seine schwarzgrauen Tattoos erzeugen manchmal eine noch intensivere und vor allem unvergänglichere Wirkung.

Nicht nur seine Farbrealismus ist beeindruckend, sondern auch seine schwarzgrauen Tattoos erzeugen manchmal eine noch intensivere und vor allem unvergänglichere Wirkung.

Ähnlich wie bei Chikai und auch vielen anderen russischen Tätowierern liegen deine Wurzeln im Realismus, vor allem mit Motiven aus der Natur. Wo liegt für dich die eigene Kreativität in dieser Stilrichtung?
Klar entnehme ich die Hauptmotive von Fotos aus dem Internet oder Büchern, aber die Kreativität liegt im Zusammenbasteln, also in der Komposition eines Sleeves oder eines Rückens. 
 
Dein Sinn für Proportionen und Dynamik ist kaum zu übertreffen. Wie verbindest du denn die Hintergründe mit den Hauptmotiven? Es ergibt sich eine solch gelungene Balance, wo liegt da das Geheimnis?
Ach, das entsteht einfach bei mir im Kopf, durch Ausbildung, Training und Übung zusammengenommen. Das ist nicht so einfach zu erklären. Diese Dinge fallen mir einfach leicht. Ich erträume mir meine Motive tatsächlich; sie entstehen über Nacht. Ich stelle mir mental am Abend eine Aufgabe und überlasse dem Unterbewusstsein die Verarbeitung. In der Frühe ist das Bild in meinem Kopf fertig, und ich zeichne es auf.

Das ist wohl dieser geniale Funke, den wir Kreativität nennen.
Dafür gibt es ein russisches Sprichwort: Nachts gelingt dir nichts, und am Morgen geht es von alleine. Schau dir diesen Sleeve an, der auf der Erschaffung Adams von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle beruht. Ein Kunde wollte dieses Motiv auf dem Unterarm, aber viel kleiner. Ich habe ihm gesagt, dass das blöd wäre, da machen wir einen Sleeve daraus, den ich dann in einer Art Comic-Story in verschiedene Elemente aufgeteilt habe.

Als wäre er lebendig! Ein Waschbär im Dickicht von Eichenblättern.Oft liefert die Natur die spannendsten Vorlagen.

Oft liefert die Natur die spannendsten Vorlagen.


Faszinierend, dies konkret an einem Beispiel zu sehen. In Berlin auf der Convention 2012 hast du an diesem Sleeve mit Schädel, Weintrauben, Singvögeln und einem Chamäleon gestochen. Das wäre eine zwar technisch perfekte, aber ansonsten nicht ungewöhnliche Puzzlearbeit gewesen, wenn du dir nicht ein paar Besonderheiten ausgedacht hättest.

Ja, der ursprüngliche Gedanke des Kunden aus Israel war eher konservativ, aber ich wollte das interessant machen. Das Chamäleon brachte mich auf die Idee; da dieses Tier die eigene Farbe ändern kann. Also begann ich den Sleeve am Handgelenk in Black-and-Grey und brachte dann in Richtung Oberarm und Schulter immer mehr Farbe ein. Er flog extra nach Novosibirsk, und in Berlin konnte ich den Arm fertigstellen.

Am Rotkehlchen-Sleeve seiner Frau stach Alexandr ein halbels Jahr lang jeder Woche eine Stunde.
Detail des Rotkehlchen-Sleeves.
Am Rotkehlchen-Sleeve seiner Frau stach Alexandr ein halbels Jahr lang jeder Woche eine Stunde.

Russische Realistic-Tätowierer haben den Ruf, ausgesprochen exakt, aber nicht besonders schnell zu arbeiten. Wie lange hast du dafür gebraucht?
Der Sleeve dauerte 35 Stunden, also nicht so schnell. Mir ist Perfektion wichtig. Alles muss 100 Prozent sein, immer. Am Rotkehlchen-Sleeve meiner Frau habe ich etwa ein halbes Jahr gearbeitet, circa eine Stunde in der Woche. Teilweise ging ich gegen Ende wieder in Abschnitte hinein, die ich bereits fertig geglaubt hatte. In der Zwischenzeit hatte ich aber wieder neue Tricks und technische Finessen gelernt, die ich dann anwenden konnte. So hat sich das alles verzögert.

Für diese Details denke ich, dass der Zeitaufwand gerechtfertigt ist. Und man ist ja als Künstler nie perfekt, sondern sollte immer noch dazu lernen wollen.
Oh ja, ich habe einen Kunden, mit dem ich vor vier Jahren zwei erste Plätze in St. Petersburg gewonnen habe. Mittlerweile überarbeite ich seine Tattoos, weil ich nicht mehr 100 Prozent damit zufrieden bin.

Die Sonne scheint von rechts. Zu erkennen am weißen Schimmern im rechten Bereich der Blüten.Bei Dmitrij Chikai  schaute er sich viele Kniffe ab.

Details, Dynamik und Lichteinfall lassen die Tattoos von Alexandr so real wirken.


Du reist jetzt auch außerhalb von 
Russland, speziell nach Deutschland auf die Berlin-Convention oder als Gast zu Viktor in Fürth. Was für eine Erfahrung sind diese Auslandsaufenthalte für dich?
Als ich das erste Mal nach Deutschland kam, wollte ich sofort dort bleiben! Ich liebe meine Heimatstadt Barnaul, und ich würde nie tauschen wollen, aber in Deutschland lebt es sich im Gegensatz zu Russland doch viel besser: Es ist sauber, die Menschen sind herzlich und ehrlich. Wir haben schon viele gute Freunde hier gewonnen!

Dann hast du meine Heimat von ihrer besten Seite gesehen. Wo denkst du, liegt der Unterschied, in Sibirien oder Moskau zu tätowieren oder in einem westlichen Land wie Deutschland?
Für mich gibt es da gar keinen Unterschied. Ich arbeite eben. Obwohl, in Sibirien haben die Menschen mehr Seele, mehr Herz. In Moskau sind die Leute nicht so entspannt. In Sibirien lieben wir einfach jeden, wir können nicht anders. Ich könnte niemals einen Termin verschieben und damit jemanden enttäuschen. Das bringen wir nicht übers Herz!

Das war auch mein eigener Eindruck von Sibirien und seinen Menschen. Aleksandr, ich danke dir für das 
Interview.                            



KONTAKTE

Aleksandr Pashkov
Tattoo X
pr. Krasnoarmeysky 72, Barnaul
Russland
www.tattoo-x.ru
Mail: tattoo-x@rambler.ru


Text: Travelingmic
Bilder: Aleksandr Pashkov, Travelingmic




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24.01.2014
Text: Travelingmic Bilder: Aleksandr Pashkov, Travelingmic
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Stand:17 November 2018 08:12:16