Tattoo-Festival 2013 Berlin


In Berlin gab es dieses Jahr, wenn man so will, gleich zwei Convention-Premieren; die internationale Tattoo-Convention fand in neuer Location bereits im Sommer statt und das kleinere Tattoo-Festival mit vorwiegend deutschen Tätowierern wurde heuer erstmals am ersten Dezemberwochenende abgehalten, dem früheren traditionellen Termin der »großen« Berlin-Convention. Termintausch der beiden Tattoo-Messen in der Hauptstadt also, und der hat gut funktioniert.

Tattoo-Festival Berlin 2013
Zwischen edel-schick und leicht angeranzt: Die stuckverzierte Veranstaltungshalle Neue Welt verkörpert die Stadt Berlin und ihre Athmosphäre wie keine andere!


Erinnerungen an die »gute alte Zeit«
Nicht nur für Veranstalter Frank Weber brachten die Räumlichkeiten des 3. Tattoo-Festivals nostalgische Erinnerungen mit sich, denn in »Huxley’s Neuer Welt« fand noch in den 90er Jahren die große Berlin-Convention statt. Als ich die mit Stuck verzierte Halle betrat, die eine behagliche Atmosphäre ausstrahlt, die irgendwo zwischen edel-schick und leicht berlinerisch-angeranzt rangiert, kamen auch bei mir Erinnerungen auf an meine damaligen Tattoo-Sessions bei Jens Sohla aus Cottbus oder Derek Baker aus Südafrika – aber vor allem dachte ich mir: Haben die hier inzwischen ’ne Zwischenwand eingezogen? War das Huxleys immer schon so klein? War wirklich hier drin früher die große, internationale, maßstäbesetzende Berlin-Convention? Können Hallen schrumpfen?

Ein Pekinese wär schneller fertig gewesen. Imposantes Hunde-Tattoo von Olaf vom Hautdesign aus Langehagen.Zünftig gekleidetes Karnickel von Tanja vom Berliner Studio Stilbruch.Mandala-Tribal von Janey vom Studio White Light
(l) Mandala-Tribal von Janey vom Studio White Light. (m) Karnickel von Tanja vom Berliner Studio Stilbruch. (r) Imposantes Hunde-Tattoo von Olaf vom Hautdesign aus Langehagen.


Nicht nur mir ging es so, auch andere Besucher und Künstler, die das Huxleys von früher als Veranstaltungsort der Berliner Tattoo-Messe kannten, empfanden es ähnlich: In der Erinnerung erscheinen Dinge wohl automatisch größer und beeindruckender. Aber früher brauchte man eben auch nicht hunderte von Ausstellern, um beim Publikum Eindruck zu hinterlassen, da konnte man mit Namen wie TinTin, Paulo Suluape oder Horiwaka auftrumpfen, die beinahe schon Rockstar-Status hatten. Hier wurde jedenfalls Tattoo-Geschichte geschrieben, auch wenn die Größe von Huxleys Neuer Welt mit den Ausmaßen manch heutiger Mega-Convention nicht mehr mithalten kann.
 

Ganz klassisches Tattoo von Anna vom Studio White Light aus Berlin.
Traditional mit Hund von Mark Lane vom Berliner All Style Tattoo.Dia-de-los-Muertos-Motiv von Rolf vom Studio Herzstich aus München.
(l) Klassisches Tattoo von Anna vom Studio White Light aus Berlin. (m) Traditional mit Hund von Mark Lane vom Berliner All Style Tattoo. (r) Wird doch immer noch nachgefragt: Dia-de-los-Muertos-Motiv von Rolf vom Studio Herzstich aus München.


Kommunikative Tattoo-Party
Aber wie gesagt, um ein Mega-Event sollte es ja am Nikolaus-Wochenende gar nicht gehen. Das Tattoo-Festival hat das Selbstverständnis, eine überschaubare, entspannte Tattoo-Party zu sein, mit einem Querschnitt durch die deutsche Tattoo-Szene. Wobei das selbst auferlegte »national« im Titel des Nationalen Tattoo Festivals eigentlich irreführend war. Gut, Benjamin Moss ist ja inzwischen Wahl-Berliner und der grandiose Bartek Kos aus Krakau nahm als Gasttätowierer vom Berliner Studio Signs and Wonders am Tattoo-Festival teil, aber mit der Tuhaka Tattoo Family aus Neuseeland, Tattoo Moon aus Barcelona oder auch Golden Arrow aus Istanbul waren hier bald mehr ausländische Tattoo-Artists anwesend als bei Events, die sich gern mit dem Attribut »international« schmücken, wo aber bestenfalls die Garderobenfrau aus Tschechien kommt.
Berlin Neue Welt
Die Neue Welt in der Hasenheide
Unten Spielcasinos, Supermarkt und Klamotten-Discounter, oben ein großer Saal mit hohen Decken und goldbemaltem Stuck; die »Neue Welt« in der Berliner Hasenheide ist eine widersprüchliche Location mit Geschichte. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts diente die »Neue Welt« als Konzert- und Ballsaal, die Gegend um die Hasenheide war damals bekannt für Tanzcafés und Offizierscasinos. Während des Dritten Reichs musste der Veranstaltungsraum für Propaganda-Veranstaltungen der NSDAP herhalten, nach Ende des Zweiten Weltkrieges fanden darin Boxveranstaltungen statt; auch Box-Legende Bubi Scholz bestritt hier einige seiner Kämpfe. Von den zahlreichen Musikern, die ab den 60er Jahren hier Konzerte gaben, dürfte Jimi Hendrix der berühmteste gewesen sein.
Den Namenszusatz »Huxleys« erhielt der Veranstaltungsort erst in den 60er oder 70er Jahren in Anspielung auf Aldous Huxleys sozialkritischen Roman »Schöne neue Welt«.

Porträt- von David Giersch vom Studio True Color Arts aus Berlin.Mitorganisator Helmut, ein wandelndes Lexikon, mit seiner hübschen Assistentin Alice la Douce.
(l) Fluffig-farbiges Porträt-Tattoo von David Giersch vom Studio True Color Arts aus Berlin. (r) Mitorganisator Helmut, ein wandelndes Lexikon, mit seiner hübschen Assistentin Alice la Douce.


Aber egal.
Das ist eben Berliner Understatement. Und zum größten Teil kamen die Tätowierer ja auch wirklich aus Deutschland, ungefähr ein Drittel sogar aus Berlin und Umgebung. Und irgendwie hatte das Wochenende auch etwas von einem Klassentreffen. Zwei Bars, ausreichend Tische und Sitzgelegenheiten und die Tatsache, dass man nicht totgetrampelt wurde, sorgten für eine überaus angenehme, entspannte und kommunikative Atmosphäre. Man konnte, ohne von Menschenmassen durch die Gänge gequetscht zu werden, in aller Ausführlichkeit genau das tun, was man auf Conventions eben tun sollte: in aller Ruhe gucken und in aller Ruhe quatschen. Das war die Intention der Veranstaltung, und das hat prima geklappt, wovon ich mich auch selbst überzeugen konnte. Beispielsweise, indem ich Steffi Eff vom Utgard Tattoo beim Stechen einer sehr schönen Blüte zuschauen konnte oder ein längeres Gespräch mit Rolf von Herzstich und Mark von Lebensart Tattoo führen konnte, in dem wir in Erinnerungen an längst vergangene Tattoo-Zeiten schwelgten – bis mir irgendwann mal auffiel, dass es schon irgendwie ein Indiz dafür ist, dass man womöglich ein bisschen alt wird, wenn man damit anfängt, Geschichten von früher rauszukramen.

Früher war halt doch nicht alles besser
Dass aber früher nicht alles besser war, konnten wir erkennen, als zwei Mitarbeiter des Gesundheitsamtes unseren nostalgiegeschwängerten Trialog unterbrachen. Sie wollten einen Blick auf die Farben von Rolf und Mark werfen. Nachdem sie Kriterien wie korrekte Etikettierung, Haltbarkeit nach Öffnung der Flaschen usw. kontrolliert hatten, war das Urteil, wie zu erwarten: keine Probleme, alles okay. Das gab es zum Beispiel in den frühen Jahren der Tattoo-Conventions in Deutschland noch nicht, und irgendwie ist es ja doch ganz beruhigend zu wissen dass a) so was kontrolliert wird und es b) in der Regel keine Beanstandungen gibt.

Die Sieger der Tattoo-Contests präsentierten ihre Tattoos und ihre Pokale.
Die Sieger der Tattoo-Contests präsentierten ihre Tattoos und ihre Pokale.


Während Ralf und Mark also die Herren vom Gesundheitsamt bespaßten, wandte ich mich um 180 Grad dem Stand von Rose of No Man’s Land zu, wo ich in Sven Losinsky einen interessanten Gesprächspartner fand, der nebenbei auch am Stand seine mit Traditionals bemalten Bügeleisen ausstellte (und bei Gefallen auch verkaufte). Ganz druckfrisch hatte Sven auch ein aufwändig produziertes Buch mit dabei, in dem Flashes und Kunstwerke zahlreicher Freunde und Tattoo-Kollegen von Sven und Studiopartner Fabian Nitz enthalten sind. Der limitierte Bildband hat eine tolle Ausstattung: kräftiges Papier, Hardcover mit Leinenbindung, limitiert auf 300 Stück, ein echtes Liebhaber-Objekt. So was entsteht halt bei Leuten, die gar nicht wissen, wo sie mit ihrer Kreativität hin sollen.

Fazit des Festival-Wochenendes: Hat Spaß gemacht. Kein absurder Aussteller-Overkill, kein Tattoo-Promi-Wettrüsten, sondern einfach eine relaxte, aber dennoch professionell organisierte Tattoo-Party mit ausreichend Möglichkeit sich alles anzuschauen und sich auszutauschen, wobei das Level der eingeladenen Tätowierer durchweg hochklassig war. Daumen hoch – gerne wieder!


Noch mehr Bilder findet ihr hier: taetowiermagazin.de/cam/tattoo-convention-berlin


Text: Dirk-Boris
Bilder: Travelingmic




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12.03.2014
Text: Dirk-Boris Bilder: Travelingmic
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