Gezi-Park Istanbul: Revolte unter der Haut


»Kommt schon, gebt uns Gas!«

Die Proteste gegen die Zerstörung des Gezi-Parks in Istanbul brachte viele Türken, die sich bis dahin wenig für Politik interessiert hatten, dazu, Stellung zu beziehen. Mit Entschlossenheit und Kreativität bekennen viele inzwischen ganz offen Farbe – auch auf der Haut!
 

Tausende gingen in Istanbul auf die Straße, um zu demonstrieren.Die Unterschrift des Staatsgründers Kemal Atatürk als Tattoo. Auf dem Schild steht »Bruderschaft«
(links) Tausende gingen in Istanbul auf die Straße, um zu demonstrieren. (rechts) Die Unterschrift des Staatsgründers Kemal Atatürk als Tattoo.
Auf dem Schild steht »Bruderschaft«


#OccupyGezi
Ende Mai haben in praktisch allen Großstädten der Türkei die wichtigsten Demonstrationen der modernen Geschichte des Landes stattgefunden. Auslöser war die geplante Zerstörung des Gezi-Parks, einem historischen Versammlungsort in Istanbul, in der Nähe des zentralen Taksim-Platzes; er sollte einem Einkaufszentrum weichen. Hunderte Demonstranten gingen in den Park, um gegen dieses Projekt zu protestieren. Ein paar Tage lang hatte sich dort eine eigene kleine Welt gegründet, ein Protest-Dorf wo Debatten geführt wurden, in dem es Bibliotheken gab und Künstlervorführungen. Doch eines Nachts wurde der Park von Polizisten geräumt – mit Schlagstöcken, Tränengas und Wasserwerfern.

Die Faust mit den Baumwurzeln vereint zwei Symbole der Protestbewegung.
Das Victory-Zeichen kombiniert mit einem Baum, einem der Symbole der Protestbewegung.
Das Victory-Zeichen kombiniert mit einem Baum, einem der Symbole der Protestbewegung. 


Aus dem Kampf für die Umwelt wurde daraufhin ein Kampf gegen die Polizeigewalt, und schließlich gegen die Regierungspolitik unter Premierminister Recep Tayyip Erdogan. Der umstrittene Parteichef der islamistischen, rechtsgewandten AKP bekam bald in Anspielung auf den Einsatz von Tränengas den Spitznamen »Tayyip der Chemische«. In einem Fernsehauftritt beschimpfte Erdogan die Demonstranten als besoffene Anarchisten und çapulçu (Gauner), was zu einem der populärsten Slogans der Revolte führen sollte: »Wir sind alle çapulçu!« Auf diese öffentliche Verachtung des Volkes durch das Staatsoberhaupt reagierten die Türken mit Kreativität, Filmen, T-Shirts, Graffiti, Satire-Videos − und Tattoo-Motiven. Eine Führung durch die Tattoo-Symbole der Revolution.
 

Der unspektakuläre  Eingang zum Gate Tattoo.

Der unspektakuläre Eingang zum Gate Tattoo.


Die Jugend kämpft für ihre Zukunft
Sie ist das Symbol der grenzenlosen Kreativität türkischer Künstler in den Wochen der Massenproteste: Die Tattoowelle, die durch die Revolte losgetreten wurde, ist ein einzigartiges Phänomen. Wir sprachen mit einigen der Tätowierer der Protestbewegung.
Erster Halt unserer Istanbul-Tour: Das Gate Tattoo, in einer kleinen Gasse am Ende der Istiqal-Allee, der Hauptverkehrsader der Stadt. Ein junger Mann kommt raus, mit einer Zigarette im Mund und einem Tattoo mit einer Faust über einem Baumstamm auf dem Bein. Kerem ist 17 und seine gesamte Familie gehört der republikanischen Oppositionspartei an: »Die Gezi-Bewegung gibt mir Hoffnung. Ich liebe die Menschen mit denen ich zusammen demonstriert habe, auch wenn ich nicht weiß, ob dabei irgendetwas herauskommen wird.«
Anfang Juni bot Gate Tattoo kostenlos Revolutionstattoos an. Gemeinsam mit seinen Freunden Hakan und Aliçan arbeitet Baris seit vier Jahren in diesem Shop: »Die Revolution hat uns bei unseren Motiven sehr inspiriert. Das sind für mich die wichtigsten Tattoos – die, mit dem meisten Sinn. Es ist enorm wichtig, diese Geschehnisse in Erinnerung zu behalten. Unsere Eltern haben unpolitische Kinder erzogen, aber diese Regierung hat uns verärgert. Genug ist genug!« Der Shopbesitzer, mit Pferdeschwanz und Sonnenbrille, hat in Marmaris, im Süden der Türkei, gegenüber der Insel Rhodos, angefangen zu tätowieren. Seit sieben Jahren lebt er in Istanbul. »Wir haben festgestellt, dass die junge Generation nicht nur an Sex und Alkohol denkt. Sie will nicht eingeschränkt leben, wie etwa in Ägypten oder Saudi-Arabien, sie will für ihre Zukunft kämpfen.«

Levent von Elephant Tattoo trägt einen Elefanten mit Gasmaske auf dem Handrücken, Ausdruck des trotzigen Protests gegen den Tränengas-Terror der Polizei.

Levent von Elephant Tattoo trägt einen Elefanten mit Gasmaske auf dem Handrücken, Ausdruck des trotzigen Protests gegen den Tränengas-Terror der Polizei.


»Jetzt sind wir an der Reihe!«
Im Wohlstandsviertel Caddebostan sitzt Levent Candas gegenüber dem Schaufenster von Elephant Tattoo. Er trinkt Tee, zusammen mit seinem Freund und Geschäftspartner, der auch sein Sohn sein könnte. Hinter dem Fens-ter hängt ein Poster von Mustapha Kemal Atatürk, dem Gründer der demokratischen Türkei, der Religion und Politik voneinander trennte. Auf Levents Hand: Ein Elefant mit Gasmaske, für immer eingraviert. Beide Tätowierer hatten den Shop eine ganze Woche lang geschlossen, um zu den Demonstrationen zu gehen, anfangs nur aus Neugier. »Am Anfang hatten wir Angst, denn wir hatten keine Erfahrungen als Demonstranten. Ich folge nicht wirklich den sozialen Netzwerken und wusste nicht so recht, was da draußen passiert. Dann sind wir zusammen hingegangen und haben zusammen Tränengas gefressen. Das Volk schrie: ›Kommt schon, gebt uns Gas!‹ Es gibt kein zweites Land auf der Welt, in dem die Regierung so intensiv mit Tränengas gegen Zivilisten vorgegangen ist!«, erzählt derjenige, der für viele als bester Bassist der Türkei gilt.
Sein Freund Berkay Yazici fügt hinzu: »Es ist eine Bewegung der 1990er-Generation. Dabei haben die Leute eine Solidarität und Höflichkeit wiederauferstehen lassen, die es in Istanbul längst nicht mehr gab. Das ganze Jahr über respektieren die Menschen sich nicht, sie warten nicht, bis sie an der Reihe sind, nehmen sich die Vorfahrt, beschimpfen sich … Und jetzt sagt jedes Mal jemand, wenn ich niese: ›Gesundheit!‹, das hat mich überrascht«, sagt er lachend. »Ich liebe den Slogan ›Bleib nicht stumm, bald bist du an der Reihe‹. Jetzt sind wir an der Reihe und wir können nicht länger passiv bleiben!«, sagt Levent abschließend.


Text: Laure Siegel, Übersetzung: Dorothée Haffner
Bilder: P-mod, Illustration: Berkay Daglar




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25.10.2013
Text: Laure Siegel, Übersetzung: Dorothée Haffner Bilder: P-mod, Illustration: Berkay Daglar
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