Convention Budapest 2014


In Sachen Farbrealismus sind die Ungarn ganz vorne mit dabei. Alljährlich zeigen die magyarischen Horden in Budapest, dass man hier in der Lage ist, auch wirklich kreativ zu sein. Einer ordentlichen Party ist man dort ebenfalls nicht abgeneigt. So reihte sich die vierte Convention in Budapest im Einkaufszentrum Lurdy Haz in die Abfolge der wichtigen europäischen Tattoo-Events ein.
 
Um die Jury zu überzeugen, waren oft einige Verenkungen nötig.
 Um die Jury zu überzeugen, waren oft einige Verenkungen nötig.


Was macht man, wenn man jedes Jahr eine tolle Convention auf die Beine stellt, aber die Besucherzahlen zu wünschen übrig lassen? Das fragte sich auch Jimmy von Crime Ink in Budapest, der bereits drei Mal die gesamte ungarische Tattoo-Elite im Einkaufszentrum Lurdy Haz auflaufen ließ, aber nie wirklich die Massen in die gepflegte und saubere Location locken konnte. Dazu muss man unter anderem wissen, dass Tattoos in Ungarn trotz der überdurchschnittlich hohen Qualität immer noch einen recht anrüchigen Ruf genießen und keineswegs im Mainstream angekommen sind.
Es ist jetzt nicht so, dass sich nicht viele junge Leute für die bunten Kunstwerke interessieren würden, die ihre Landsleute zuhauf in die Haut pieksen können. Doch angesichts einer schwierigen wirtschaftlichen Lage im Lande kann es sich einfach nicht jeder leisten, aus purer Neugierde mal eben den Gegenwert vieler Stundenlöhne als Eintrittsgeld auf den Tisch zu legen.

Unfallopfer von Lehel Nyeste vom Perfect Chaos in Budapest.Mondlandung in Aquarell von Lehel Nyeste aus Budapest.Morgan-Freeman-Porträt von Peter Csörz, der »on the road« tätowiert.

(l) Morgan-Freeman-Porträt von Peter Csörz, der »on the road« tätowiert. (m) Mondlandung in Aquarell von Lehel Nyeste aus Budapest. (r) Unfallopfer von Lehel Nyeste vom Perfect Chaos in Budapest.


Runter mit den Eintrittspreisen!
Doch Jimmy wollte sich nicht damit abfinden, dass seine Convention, die nach drei Jahren bereits eine Art Baby des Organisators wurde, unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden sollte. Also: Trotz hoher Produktionskosten, runter mit den Eintrittspreisen! 1000 Forint, umgerechnet 3,50 Euro; das kann sich beinahe jeder abknapsen. Und es wirkte: Am Samstagmittag brachen alle Dämme, und die Warteschlange reichte quer durch das Shoppingcenter und staute sich am Drogeriemarkt, mehreren Bars und dem Food-Court vorbei, bevor die tattoohungrige Menge die Halle stürmen konnte. Am Ende stellte sich heraus, dass etwa 5000 Besucher sich die Chance nicht haben entgehen lassen, für kleines Geld eine ausgezeichnete Auswahl von Tätowierern aus ihrem eigenen Land bewundern zu können.
 

Traditional-Sleeve von Tamas Ikits vom Grinning Fool im ungarischen Eötvös. Großer, böser und vollbärtiger Traditional-Mann von Tamas Ikits. Baphomet in Black and Red von Robert Borbas vom Dark Art Tattoo in Budapest.

(l) Traditional-Sleeve von Tamas Ikits vom Grinning Fool im ungarischen Eötvös. (m) Großer, böser und vollbärtiger Traditional-Mann von Tamas Ikits. (r) Baphomet in Black and Red von Robert Borbas vom Dark Art Tattoo in Budapest.


Unter Ungarn
Mittlerweile ist es tatsächlich so, dass mit wenigen Ausnahmen in Budapest die Einheimischen unter sich sind. Natürlich mischt sich der eine oder andere Ausländer unter die Stände. So kamen aus Kroatien beispielsweise Zvaki von Anubis Tattoo und Zele herüber. Celtic-Spezialist Zele, einer der dienstältesten Tätowierer auf dem Balkan überhaupt, ist mittlerweile Organisator der Zagreb-Convention, die im Mai zum zweiten Mal über die Bühne gehen wird.

Detail aus der Arbeit von Zsolt Kelemen vom Studio Invictus in Budapest.Makelloser Tank-Girl-Sleeve von Zsolt Kelemen vom Studio Invictus in Budapest.Schrecklich nett: Diese Besucherin lässt sich gerade ein Peggy-Bundy-Realistic-Tattoo stechen.

(l) Schrecklich nett: Diese Besucherin lässt sich gerade ein Peggy-Bundy-Realistic-Tattoo stechen. (m) Makelloser Tank-Girl-Sleeve von Zsolt Kelemen vom Studio Invictus in Budapest. (r) Detail aus der Arbeit von Zsolt Kelemen vom Studio Invictus in Budapest.


Doch großteils gehören die Stände sowie die Bühne während der Contests den hunnischen Horden aus Ungarn. Besonders schön ist es dabei zu sehen, dass Pioniere wie Zsolt Sarközi oder Sandor Nyiri mittlerweile gerne den Weg frei machen für neue Leute, die sie in ihren eigenen Shops herangezogen haben. Adam Szabo demonstriert am Stand von Locomotive Tattoo beeindruckend, was er bei Sandor gelernt hat, während Oravecz Szabolcs, der bei Zsolts Dark Art in Lehre war, jetzt mit seinem eigenen Shop mit Partner Lehel Nyeste im perfekten Chaos arbeitet.
Csaba Müllner, ebenfalls einer der wichtigsten Vertreter der ungarischen Szene, hatte täglich seinen großen Auftritt, genoss die Aufmerksamkeit und verkündete schließlich, ab Mitte des Jahres sein Glück in den USA bei Paul Booth in dessen legendärer Last Rites Gallery in New York versuchen zu wollen.

  Alles ist kariert – Entertainer Matt Gone
  Entertainer Matt Gone mit FanMatt Gone ist ein 43-jähriger Performer aus Portland, Oregon, der sich stets ausgezeichnet aufgelegt auf Tattoo-Conventions präsentiert. Das Markenzeichen des Amerikaners jüdisch-deutscher Abstammung ist ein geschickt angelegtes Schachbrettmuster, das sich auf seinem gesamten Körper wiederholt. Seit seiner Geburt leidet er unter dem so genannten Poland-Syndrom, einem extrem seltenen Defekt, aufgrund dessen sich Muskulatur und Organe irregulär entwickeln. Matt Gone wird demnächst auch auf der Convention in Gera zu Gast sein.

Warum hast du dich eigentlich für ein Schachbrettmuster als Motiv entschieden?
Schach ist nichts Bedrohliches. Selbst Kinder reagieren positiv darauf. Und ich habe immer Schachmuster gesammelt. Meine Unterwäsche, Schuhe, Taschen, einfach alles ist kariert.

Du warst bereits mit 17 Jahren fast komplett von Sailor Moses zutätowiert. Wie kam das denn zustande?
Ich komme aus schwierigen Verhältnissen. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt, meine Mutter starb, als ich 16 war. Ich hatte nie das Gefühl von meiner restlichen Familie angenommen zu werden. Gleichzeitig bemerkte ich, wie meine Behinderungen mein Leben negativ beeinflussten. Ich wollte davon wegkommen, meinen Körper zu hassen, und erlangte die Kontrolle wieder dadurch, dass ich mich tätowieren ließ.

Wie hast du das denn damals finanziert?
Das Geld hatte ich geerbt, später als Koch in New Orleans erarbeitet. Daher auch die Gemüse- und Fleischtattoos auf meinen Händen. Wegen des Jobs habe ich auch erst 2006 mein Gesicht tätowieren lassen. Mein Chef wollte das nicht, aber ich war nach dem Hurricane Katrina nach Portland gegangen, und musste bald die Arbeit aufgeben, da sich meine Gesundheit verschlechterte. Das Geld, das ich mit meinen Auftritten verdiene, das gebe ich jetzt für Medikamente und Futter für meine drei ebenfalls behinderten Katzen aus. Ich brauche nicht viel.

Du hast ja außer dem Schachbrett noch einige weitere Klassiker auf dir. Besonders deine Ohren interessieren mich.
Ja, das Skelett, das durch meine Rippen steigt, ist wohl das früheste Tattoo dieser Art. Es wurde 1986 von Sailor Moses gestochen. Und der Tutenchamun auf meinem Bein von Shotsie Gorman war wohl auch in jeder Zeitschrift. Meine Ohren sind Blumen, die Dave Lum gestochen hat. Sie sind perfekt! Dave tätowiert übrigens immer noch, mittlerweile in Salem, Oregon, obwohl er schon seit Jahren zurück nach Texas in Rente möchte.
Lehrzeit im Ausland
Überhaupt waren die ungarischen Künstler – oft aus Abenteuerlust, meist aber aus Geldnot – im Ausland erst wirklich groß geworden. Otte und James tätowieren des Öfteren in Deutschland und Österreich, genauso wie ihre noch jüngeren Landsleute Erik Adamik oder Sandor Pongor.
Es ist äußerst beeindruckend, all diese ehrgeizigen Nachwuchstätowierer, die sonst in ganz Europa verteilt sind, hier einträchtig auf engstem Raum, teilweise Seite an Seite wunderbare Tattoo-Kunst schaffen zu sehen.
Neu dabei in der Riege derjenigen, die es ganz weit nach vorne schaffen können, sind beispielsweise die attraktive Zsofi Beltecky, der ebenfalls oft in Deutschland arbeitende Casper, Porträt-Zauberer Jani aus Brent McCowns österreichischem Studio Tattoo Tatau, der witzige Comic-Spezialist Zsolt Kelemen oder der Newcomer Mad Joe, der auf Anhieb den ersten Preis für das realistischste Tattoo im Contest mitgenommen hat. Eine gewaltige Ehre auf einem Event, wo sich einige der Allerbesten Europas in diesem Genre tummeln.
Auf diese Weise wird sich Budapest weiter als Party-Convention mit reichhaltigem Rahmenprogramm, hervorragender Infrastruktur, vielen fröhlichen bunten Menschen und vor allem einer unglaublichen Fülle von Killertinte etablieren können. Weiter so!


Text: Travelingmic
Bilder: Travelingmic




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25.04.2014
Text: Travelingmic Bilder: Travelingmic
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