Melancholisch ? von wegen - Millencolin


 Melancholisch – von wegen 

Wer kennt sie nicht, die vier Jungs aus Örebro, die seit 1992 gemeinsam unter dem Namen Millencolin unterwegs sind, um guten Skatepunk unters Volk zu bringen? Wer sich jetzt ertappt fühlt, dem sei geraten, sich hurtig „Life On A Plate“ oder „Home From Home“ anzuhören, denn mit diesen Platten haben die Schweden bereits vor über einem Jahrzehnt Punkrock-Geschichte geschrieben. Gitarrist Mathias Färm über ein Leben auf Tour, Jetlags und das neue Album „True Brew“, das am 24. April via Epitaph in Europa erscheint.



Drei Jahre nach ihrer B-Seiten-Sammlung „The Melancholy Connection“ melden sich Millencolin zurück – mit neuem Album, neuen Tourdaten und neuer Motivation. Auch nach 23 Jahren Bandgeschichte sind sie noch längst nicht müde, höchstens gejetlagt. Denn der Auftakt zu ihrer internationalen Tournee fand im rund 17 000 Kilometer entfernten Australien statt. Jedes Jahr wird dort im Februar, dem australischen Sommer, in den Städten Adelaide, Melbourne, Sydney und Brisbane das Soundwave Festival zelebriert. Für die Band ist das nicht der erste Trip nach „Down Under“. Im Gegenteil, die Aussies stehen total auf schwedischen Punkrock und schwedische Punkrocker stehen wiederum auf den australischen Sommer! Denn den wissen sie als Skandinavier zu schätzen. Zurück in der Heimat haben die Musiker erst einmal mit den zehn Stunden Zeitverschiebung zu kämpfen. „Der Jetlag ist fürchterlich, wie immer“, beklagt sich Gitarrist Mathias Färm, „doch immerhin war es ein guter Zeitpunkt, um nach Schweden zurückzukehren, denn der Frühling nähert sich.“ Trotz aller Anstrengungen, freuen sich die Jungs, wieder „on the road“ zu sein, vor allem, da sie ein neues Album am Start haben. Australien fühle sich fast wie ein zweites Zuhause an, dennoch vermisse er eine Sache, die auf dem westlichen Kontinent anders läuft: „In Europa ist das Zelten bei Festivals ein Riesending. Für mich macht das einen Großteil eines Festivalaufenthaltes und der Atmosphäre aus. Ihr wisst schon, am Zeltplatz abzuhängen, sich zu betrinken und am Ende zu versacken. ..“ Der wohl größte Unterschied, denn gefeiert wird in Australien gleichermaßen, bloß verpassen die Festivalbesucher dort weniger Bands, weil sie sich nicht auf dem Campingplatz festquatschen. 


Startklar!

Für viele Bands ist es schwer, sich nach der Rückkehr aus dem Tour-Paralleluniversum wieder im Alltag zurechtzufinden. Der Rhythmus auf Tour ist ein komplett anderer und die Umstellung im Anschluss fällt Musikern oft nicht leicht, besonders wenn diese Familie haben. Auch der Millencolin-Gitarrist kennt das Problem: „Ja, das ist manchmal schon komisch. Die Familie erwartet, dass man nach einer Tour total entspannt nach Hause kommt und bereit für den Alltagstrott ist, doch in Wirklichkeit will man einfach nur schlafen.“ Es hat niemand behauptet, dass das Rockstarleben ein einfaches ist, doch von diesen Schwierigkeiten einmal abgesehen, wirken die vier Schweden nicht, als ob ihnen das Musikerdasein allzu großen Stress bereiten würde. Nachdem sie es live in der letzten Zeit etwas langsamer haben angehen lassen, scheint es 2015 für die Skatepunks wieder turbulent zu werden. So ist seit einiger Zeit eine neue Band-Website online, die Europatour steht und das zehnte Studioalbum „True Brew“ wird im April weltweit veröffentlicht. So mancher routinierte Musiker würde nun vielleicht versuchen, den Coolen zu geben, Mathias Färm macht sich hingegen keine Mühe, seine Euphorie zu verbergen: „Es ist super, wieder zurück zu sein und die Band hat ihre Batterie zu 110 % aufgeladen – wir sind startklar!“ Für die Musiker eine willkommene Abwechslung, denn seit „Machine 15“ erschienen ist, waren die Schweden lange Zeit auf Tour. Auch privat ist in der Zwischenzeit eine Menge passiert. So hat Frontmann Nikola Sarcevic noch mal die Schulbank gedrückt und braut mittlerweile sein eigenes Bier, Drummer Fredrik Larzon hat sich unterdessen seinem Label De:Nihil Records und dem damit verbundenen Managementkram gewidmet, Gitarrist Erik Ohlsson hat viel Arbeit in seine Artwork-Firma gesteckt und Mathias Färm selbst hat in den Soundlab Studios währenddessen verschiedene Bands aufgenommen und produziert sowie an seiner Dragracing-Karriere gearbeitet. 

Hausgebraut und frisch gezapft

Der Titel des Ende April erscheinenden Albums „True Brew“ bringt auf den Punkt, worauf die Band besonders stolz ist, nämlich die Tatsache, dass es eine wirklich hausgebraute Platte ist. Das Album wurde von Färm und Sarcevic in den eigenen Soundlab Studios produziert. Das Ergebnis: ein sehr ehrliches Album, das nach eigener Aussage so gut klingt wie keins zuvor. Bis auf den Song „Autopilot Mode“, handelt es sich bei dem Album um ein typisches Millencolin-Gebräu lockere Skatepunk-Nummern mit einem Schuss Ska. Der besagte Song handelt hingegen davon, manchmal in der alltäglichen Routine festzustecken und das Reflektieren zu vergessen – derselbe Refrain wird dabei gleich auf drei unterschiedliche Arten umgesetzt. „Der Song ,Autopilot Mode’ ist ein sehr außergewöhnlicher, so ein Lied haben wir noch nie zuvor geschrieben“, bestätigt Färm. „Wir wurden dabei von der kanadischen Band Billy Talent beeinflusst, denn die ‚schnattern‘ ihre Melodien manchmal auf eine ähnlich individuelle Weise.“ 

Wie es sich für eine Epitaph-Platte gehört, erinnert der Album-Opener „Egocentric Man“ dagegen stark an Bad Religion. Für den Gitarrist kein Wunder: „Die Band ist einer der Gründe, warum wir südkalifornischen Punkrock überhaupt so sehr mögen. Bad Religion haben einige richtig große Lieder über die Jahre herausgebracht und uns all die Zeit über sehr beeinflusst – das tun sie bis heute.“ Mit „True Brew“ sind Millencolin zurück zu ihren Wurzeln gekehrt. Den Wunsch, ein solches Album aufzunehmen, gab es in der Band bereits seit längerem – jetzt war bloß der perfekte Zeitpunkt für die Umsetzung gekommen. Die Platte ist vielleicht Millencolins seriösestes Werk oder wie Mathias Färm es nennt: „The most unhappy album ever.“ Das hat seine Gründe, denn auch ernste Themen wie Ebola, Krieg, Terroranschläge und rasant steigende Flüchtlingszahlen, lassen die Band beim Songwriting nicht unbeeinflusst.


Heute hier, morgen dort

Nach dem kommenden Sommer in Europa wird die Tour der Band weitergehen. Zuerst wird die Reise in die Staaten gehen, dann nach Südamerika, nochmal zurück nach Europa und schließlich wird es auch schon wieder an der Zeit sein, den australischen Sommer in Form einer Clubtour mitzunehmen. Nicht nur die Fans freuen sich drauf, auch die Band selbst ist bereits ganz heiß darauf, ein ganzes Jahr lang unterwegs zu sein. Dauerhaft würde Mathias Färm Schweden jedoch nicht den Rücken kehren, denn der Gitarrist liebt seine Heimat, der seiner Meinung nach lediglich ein wenig australische oder kalifornische Sonne gut tun würde. Strapaziös finden die Musiker das ständige Reisen nicht. Im Gegenteil, man hat den Eindruck, die Schweden seien nicht zu bremsen, denn die sind nicht nur musikalisch engagiert: Ob Merchandise-Design, Skate-Wettbewerbe, die Organisation von Festivals wie dem, das sie zum 20-jährigen Bandbestehen auf die Beine gestellt haben, Labelarbeit oder die Kunst, Bier zu brauen – die Skandinavier lassen nichts aus. Da drängt sich die Frage auf, wann es die erste Bandbiografie in Form eines Films oder eines Buches geben wird. Dem Gitarrist gefällt die Idee: „Wir haben über die Jahre schon einen ganzen Haufen Sachen gemacht, ein Buch oder einen Film herauszubringen, wäre sicher nicht schlecht.“ Die Fans dürfen also gespannt bleiben, was da noch alles kommt, denn fest steht, dass Millencolin noch längst nicht müde sind. Auch ein Album in schwedischer Sprache schließt Färm nicht aus: „Das wäre toll und ich glaube, dass die Leute das mögen würden. Wir haben auf jeden Fall einige sehr gute Ideen am Start.“ 


Jäg aelskar dig, Schweden

Wenn er die Wahl hätte, würde der Millencolin-Gitarrist gerne mal mit Mötley Crue und Ozzy Osbourne auf Tour gehen. Dabei scheint es ihm jedoch weniger um die musikalische Bereicherung, als um den Partyfaktor zu gehen: „Mitte der Achtziger wussten die Bands auf jeden Fall, wie man eine gute Zeit verbringt.“ Er selbst ist schließlich auch kein Kind von Traurigkeit, sondern trinkt nach eigenen Angaben um die zwei Flaschen „sehr teuren Cognac“ pro Monat. Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass er sich selbst gern vor zwanzig Jahren treffen würde, wenn es eine Möglichkeit dazu gäbe: „Manchmal wüsste ich gerne, was damals so alles in meinem Kopf vorging.“



 Check: 
millencolin.com
facebook.com/Millencolin

Text: Janine
Bilder: Johannes Dreuw, Stephan Raithel




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19.06.2015
Text: Janine Bilder: Johannes Dreuw, Stephan Raithel
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