Sun Records ? The Place Where Rock?n?Roll Was Born


Das Label, das wie kein zweites die Musikgeschichte revolutionieren sollteVor rund 60 Jahren begann die Erfolgsgeschichte eines kleinen Labels, das wie kein zweites die Musikgeschichte revolutionieren sollte. Legendäre Stars wie Elvis Presley, Johnny Cash oder Jerry Lee Lewis starteten ihre Karriere in einem kleinen Studio in Memphis, von dem aus der Rock’n’Roll die Welt eroberte.


Sam Phillips mit seinem Freund und zeitweisen Partner Dewey Phillips (rechts)Als WS „Fluke“ Holland eines Abends während eines Auftritts der Perkins-Brüder auf die Bühne stieg, wusste er nicht, dass dies den weiteren Verlauf seines Lebens besiegeln würde. Während das Trio einen Hank-Williams-Song spielte, stellte er sich neben Clayton Perkins und trommelte mit den Fingern auf dessen Kontrabass – Carl und seine Perkins Brothers Band waren zu diesem Zeitpunkt noch völlig unbekannt und traten ausschließlich in der Umgebung ihrer Heimatstadt Jackson, Tennessee, auf – ohne Drummer. Doch das sollte sich bald ändern, wie die lebende Sun-Records-Legende erzählt: „Eines Samstagabends sagte Carl zu mir ,Hey, wir haben einen Termin bei Sun Records nächsten Donnerstag. Leih dir ein paar Drums und komm mit uns nach Memphis.‘ Und ich sagte ,Mann, ich kann kein Schlagzeug spielen.‘“ Doch Carl Perkins überzeugte ihn und so besorgte sich WS Holland ein Drumkit. Als er es im Haus seiner Mutter aufbaute, stellte er die Hi-Hat auf die falsche, rechte Seite. Doch es fühlte sich richtig an – und so spielt er Snare-Drum und Hi-Hat bis heute nicht über Kreuz. Ein paar Tage später fuhren sie alle nach Memphis und spielten vor Sun-Records-Chef Sam Phillips. Die spätere, erste Aufnahme wurde „Movie Magg“, beim nächsten Besuch in Memphis wurde bereits der legendäre Klassiker „Blue Suede Shoes“ aufgenommen. Der Rest ist Geschichte: WS „Fluke“ Holland wurde zum „Father of the Drums“, spielte auf allen Sun-Records-Aufnahmen Carl Perkins’ das Schlagzeug und wurde schließlich der einzige Schlagzeuger Johnny Cashs, nachdem dieser Sun Records verlassen hatte und WS sich eigentlich wieder aus dem Musikbusiness zurückziehen wollte. Eine Geschichte wie aus einem Märchen, die stellvertretend für das steht, was den Erfolg von Sun Records schlussendlich ausmachte. WS Holland: „Du weißt nicht, wie du spielen sollst und machst es am Ende doch – das ist wirklich nicht alltäglich. Aber der Grund, warum so etwas bei Sun Records passierte, war: Sam Phillips hörte zu.“ Der Sun-Records-Gründer und -Produzent hat wie kaum ein Zweiter die Geschichte des Rock’n’Rolls bestimmt. Dabei war er zunächst vom Betreiben eines Labels genau so weit entfernt wie WS Holland vom Schlagzeugspielen in einer Band ...

Die erste veröffentlichte Sun-Single kam vom damals 16-jährigen Blues-Musiker Johnny LondonMusik-Metropole Memphis

Als Sam Phillips kurz nach Kriegsende im Juni 1945 eine Stelle beim Radiosender WREC in Memphis antrat, konnte der spätere Gründer und Produzent des legendären Labels Sun Records schon auf einige Erfahrungen in der Musikwelt zurückblicken. Er selbst leitete in der High School die Schulband und arbeitete zu dieser Zeit bereits nebenbei als Radiomoderator. Der Nebenjob war nötig, da er als jüngstes von acht Kindern seine Mutter unterstützen musste – sein Vater war im Krieg gefallen. Unter anderen Umständen hätte er wohl seinen ursprünglichen Plan verwirklicht und sich an einer Universität für Jura eingeschrieben. Als er in Memphis sesshaft wurde, war die Stadt bereits durch die Musik geprägt, vor allem der ländliche Blues war hier zu Hause. Und der Blues hatte es Phillips angetan, er war begeistert von der schwarzen Kultur der Stadt. Dass in Memphis eine reiche schwarze Musikszene aufleben konnte, war nicht zuletzt der geografischen Lage der Stadt geschuldet: Viele Landarbeiter, die der technische Fortschritt überflüssig gemacht hatte, zogen mit dem Blues im Gepäck aus dem südlichen Mississippi-Delta in die nördlich gelegenen Städte, um Arbeit zu finden – der erste Stopp war dabei oft Memphis.

Before Sunrise

Umso überraschender ist, dass es selbst Anfang der Fünfzigerjahre noch immer kein Aufnahmestudio in der Stadt gab, das den zahlreichen lokalen Talenten eine Möglichkeit gab, ihr Können in Vinyl zu pressen. Und genau diese Lücke sollte Phillips füllen: Ende 1949 mietete er in der 706 Union Avenue ein Ladengeschäft, um ein kleines Aufnahmestudio einzurichten – in unmittelbarer Nähe zur Beale Street und damit zur afroamerikanischen Community der Stadt. Im Januar 1950 eröffnete dann sein Phillips Recording Service unter dem Motto „We record anything, anywhere, anytime“. Und dieses Motto ist für die erste Phase des Studios durchaus wörtlich zu nehmen, denn neben Musik nahm Phillips auch Familienfeste oder Beerdigungen auf und ließ das Geschehen anschließend in Platten pressen. Doch bereits im Laufe desselben Jahres gründete er mit seinem Freund, dem Radio-DJ Dewey Phillips, sein erstes eigenes Label It’s The Phillips, das nach nur einer Platte des Bluesmusikers Joe Hill Louis allerdings schnell wieder dichtmachte. Dennoch war die Aufnahme ein weiterer Schritt zur Produzenten-Karriere Phillips’, denn nach der Session von Louis sprach es sich schnell in der Stadt herum, dass da ein Studio ist, wo man den Musikern nicht das Geld aus der Tasche zieht, sondern wirklich an der Musik interessiert ist. „Zunächst konnten sie es nicht glauben, also hatte ich genau so viele Schwierigkeiten damit, sie dazu zu bringen, ihre Musik unverfälscht zu spielen, wie mit dem Verkauf. Aber die Anstrengung hat sich gelohnt“, erinnert sich Phillips später in Gesprächen mit Martin Hawkins, die in den Begleitbüchern der neuen, anlässlich des Jubiläums zusammengestellten Bear-Family-Boxen dokumentiert sind.

Der Start der Rock’n’Roll-Rakete

Sam Phillips und Carl Perkins posieren mit der goldenen Schallplatte von „Blue Suede Shoes“In den folgenden Monaten konzentrierte sich Phillips zwar wieder auf die Musik, veröffentlichte die Aufnahmen aber nicht selbst, sondern verkaufte sie an andere Labels wie Chess, RPM oder Trumpet. Unter den Songs, die er an Chess verkaufte, war auch das Anfang 1951 von Jackie Brenston eingespielte „Rocket 88“. Im Mai desselben Jahres kletterte der Song auf Platz 1 der R’n’B-Charts, heute gilt er als einer der ersten Rock’n’Roll-Songs überhaupt. Und die Veröffentlichung war ein weiterer Schritt in Richtung Sun Records, denn Phillips und Leonard Chess gerieten in einen Streit darüber, wie die Erlöse aufgeteilt werden sollten – schriftlich fixiert wurden die Deals damals kaum, man arbeitete mit Handschlag. Ein Umstand, der für Phillips zum Problem wurde. Seinen Aussagen zu Folge wurde er damals von den Chess- und RPM-Betreibern unfair behandelt und das letzte, was er vorhatte, sei die Gründung eines eigenen Labels gewesen – er wollte sich eigentlich nur auf die kreative Seite des Aufnehmens konzentrieren: „Ich wurde von diesen Labels in das Business gezwungen; entweder würden sie nach Memphis kommen, um Aufnahmen zu machen, oder meine Künstler woanders hin mitnehmen“, so Phillips gegenüber Hawkins. „Sun Records wurde mir aufgenötigt, aber zur gleichen Zeit eröffnete es die Möglichkeit, genau das zu tun, was ich wollte.“  Den Job als Radiomoderator hängte Phillips daraufhin an den Nagel, um sich ganz seiner Arbeit als Produzent und Labelmacher zu widmen. Im Frühling 1952 wurde Sun Records gegründet, die erste Veröffentlichung war die Single „Drivin’ Slow/Flat Tire“ des damals 16-jährigen Johnny London – die erste offizielle Scheibe des Sun-Katalogs mit der Nummer 174 („Blues In My Condition“/„Sellin’ My Whiskey“ von Jackie Boy & Little Walter) blieb aufgrund schlechter Kritiken unveröffentlicht. Die niedrigen Nummern der ersten Veröffentlichungen waren bewusst gewählt, Phillips hoffte, dass die DJs sie sich so besser merken konnten. 1952 gilt zwar als offizielles Gründungsjahr von Sun Records, allerdings wurde neben der Single von Johnny London nur eine weitere Blues-7“ veröffentlicht. Phillips nahm zu dieser Zeit weiterhin für andere Labels auf, Sun Records selbst wurde schnell wieder inaktiv.
 

Relaunch 1953

Auch wenn die jetzigen Rechteinhaber von Sun Records den 27. März 1952 als offizielles Gründungsdatum handeln, startete Phillips streng genommen erst ein knappes Jahr später mit Sun Records durch: Im Januar 1953 gab es einen Relaunch, mit seinem Bruder Jud und Jim Bulleit hatte Phillips neue Partner gefunden. Während Jud beim Verkauf half, war Jim für den Vertrieb und das Marketing zuständig. In der Zwischenzeit hatten sich auch Meteor und Duke Records in Memphis angesiedelt, die sich ebenfalls im Blues und R’n’B bewegten. Mit ihnen stand Sun Records in Konkurrenz, der kleine Markt musste geteilt werden. Allerdings hatten die Schellackrationierungen des Krieges die großen Labels gezwungen, sich auf Platten der Musiker mit nationaler Bedeutung zu konzentrieren; nur langsam stiegen sie wieder ins Business ein und allerorten entstanden kleine Independent-Labels, deren Zeit gekommen war. Die überwiegende Mehrheit der Musiker hatte zudem kein Management – eine ideale Situation für kleine, gewitzte Labels also, die oft auch nicht davor zurückschraken, Radio-DJs zu bestechen, damit diese ihre neuen Veröffentlichungen spielten. Auch Philipps’ Bücher listen einige Zahlungen an DJs.

Die Geburt des Rockabilly

Elvis Presley wurde von Sam Phillips entdeckt –  der spätere Verkauf seines Vertrages an RCA half, Sun Records finanziell zu sanierenNoch im selben Jahr sollte Sun Records Geschichte schreiben: Im Juni 1953 erschien Elvis Presley im Studio, um Aufnahmen für private Zwecke zu machen – Phillips war nicht vor Ort, doch die von Elvis’ Stimme begeisterte Assistentin Marion Kreisker notierte sich die Kontaktdaten des jungen Künstlers. Im nächsten Jahr kam Elvis erneut, wieder um auf eigene Kosten Countrysongs aufzunehmen. Doch dieses Mal war Phillips dabei und begann in Folge, das junge Talent zu fördern. Im Juli 1954 kam es dann zur ersten kommerziellen Aufnahme im Sun Studio. In einer Session mit Scotty Moore und Bill Black versuchte sich der spätere King of Rock’n’Roll zunächst an einigen Countrysongs, bevor er in einer Pause „That’s Allright (Mama)“ anstimmte und eine völlig neue Interpretation des Blues-Klassikers von Arthur „Big Boy“ Crudup ablieferte. Die Mischung des weißen Country und schwarzen R’n’B und die sparsam eingesetzten Instrumente ergaben einen völlig neuen Sound: Der Rockabilly war geboren. Begeistert eilte Phillips mit der Aufnahme zu seinem Freund Dewey, der es umgehend in seiner Sendung spielte. Noch während er on air war, gingen Anrufe und Telegramme der begeisterten Hörer ein, sodass er die Nummer mehrmals wiederholte. Schnell musste Phillips am nächsten Tag mit „Blue Moon Of Kentucky“ noch eine B-Seite für die geplante Single aufnehmen lassen. Allein mit der Entdeckung Elvis Presleys hat Sam Phillips Musikgeschichte geschrieben – obwohl dessen unerhörter kommerzieller Erfolg erst nach seiner Sun-Zeit einsetzte; Ende 1955 verkaufte Phillips seinen Vertrag mit Elvis Presley für 35000 Dollar – damals viel Geld – an RCA, die dem Rockabilly-Pionier den Weg auf den Rock’n’Roll-Thron ebneten. Phillips selbst hatte mit seinen anderen, heute ebenfalls legendären  Musikern durchaus mehr Erfolg: Die Plattenumsätze von Johnny Cashs Sun-Aufnahmen übertrafen die von Elvis deutlich und den ersten Millionenseller lieferte Anfang 1956 Carl Perkins mit „Blue Suede Shoes/Honey Don’t“. Mit den Klassikern von Jerry Lee Lewis („Whole Lotta Shakin’ Goin’ On“ und „Great Balls Of Fire“) sollten ca. ein Jahr später noch einmal millionenfach verkaufte Singles dazukommen. Sun Records war zum wichtigsten Independent-Label der USA aufgestiegen.

Die Stars wandern ab

Die Erfolgsgeschichte des Labels sollte allerdings nicht lange anhalten. Nach und nach verließen die stilprägenden Musiker Sun Records: Carl Perkins wechselte im Februar 1958 zu Columbia, gefolgt von Johnny Cash im August. Jerry Lee Lewis blieb noch bis Mitte 1963. Große Erfolge und Millionenseller blieben aus, neue vergleichbare Talente wurden nicht aufgetrieben. Auch das neue, mit Stereo-Technik ausgestattete Aufnahmestudio in der 639 Madison Avenue und ein zweites in Nashville konnten die schwindende Bedeutung von Sun Records nicht aufhalten. Die Abstände zwischen den Veröffentlichungen wurden immer größer, bis im Januar 1968 die letzte Single erschien. Nicht zuletzt aufgrund veränderten Kaufverhaltens konnte Sun Records seinen Erfolg nicht aufrechterhalten: Girlgroups und Beat waren im Aufschwung und mit Stax Records war auch in Memphis ein neues Studio auf Erfolgskurs, das mit Southern Soul einen neuen „Memphis Sound“ lieferte.

Der Verkauf von Sun Records

Am 1. Juli 1969 verkaufte Sam Phillips Sun Records und den gesamten Labelkatalog für eine Million Dollar an Shelby Singleton. Der Musikproduzent Singleton war 1962 zum Vizepräsidenten des Major-Labels Mercury aufgestiegen und hatte bereits vor dem Kauf ein Auge auf Sun Records: Für das Mercury-Sublabel Smash Records gewann er Jerry Lee Lewis, nachdem dieser Sun Records verlassen hatte und seine Karriere ins Stocken geraten war – Ironie der Geschichte: Für die ersten Smash-Aufnahmen Jerry Lees mietete er ausgerechnet das neue Sun Studio in Nashville. Bereits 1967 verließ Shelby Singleton Mercury wieder und gründete mit 1000 Dollar seine eigene Firma „Shelby Singleton Productions“, deren Wert schon knapp zwei Jahre später auf ca. zwei Millionen Dollar geschätzt wurde. Dies ist vor allem dem Erfolg eines Songs zu verdanken: „Harper Valley P.T.A.“ in der Fassung von Jeannie C. Riley. Genau vom Erlös dieser Veröffentlichung konnte Singleton Sun Records kaufen.

1969 verkaufte Sam Phillips das Label an Shelby SingletonIm April 1997 verschmolz Sun Records mit der Brave Entertainment Corporation zur Sun Music Group, offiziell tritt das Label aber als Sun Entertainment Corporation auf. Die Besitzer sind im Wesentlichen damit beschäftigt, Lizenzen für Wiederveröffentlichungen zu vergeben und zu überwachen. Seit dem Besitzerwechsel wurden unzählige, auch zuvor unveröffentlichte Aufnahmen durch Lizenznehmer rausgebracht – was mitunter auch zu Kritik an den Besitzern führte. Nachdem Shelby Singleton im Oktober 2009 verstarb, übernahm sein jüngerer Bruder John das Geschäft. Seit dem Verkauf im Jahre 1969 hat Sun Records keine neuen Künstler unter Vertrag genommen, bis heute finanziert sich die Firma ausschließlich durch die Verwaltung der Rechte an Namen und Aufnahmen des legendären Labels. „Wir können nicht mit den Major-Labels im heutigen Markt konkurrieren und wir haben nicht die Infrastruktur, um neue Künstler zu produzieren und zu promoten“, kommentiert John Singleton den Grundsatz der Firma. Eigene Wiederveröffentlichungen aus dem offiziellen Hause Sun Records gibt es nicht: „Wir produzieren selbst keine Re-Issues, sondern überlassen das unseren Lizenznehmern“, so Singleton. Besondere Voraussetzungen müssen Lizenznehmer nicht erfüllen – außer dass das Produkt erstklassig sein muss und genug Geld an die Rechteinhaber fließt, so der Sun-Records-Chef.

Gegenwart und Erbe

Und das Studio in der 706 Union Avenue in Memphis? Nachdem Shelby Singleton den Firmensitz nach Nashville verlegt hatte, zog zunächst eine Klempner-Firma, dann eine für Autoteile in die Räumlichkeiten. In den späten Siebzigern kamen die Sun-Records-Käufer allerdings bereits wieder zurück und öffneten in Memphis zusammen mit der Grayline Tour Company erneut die Tore des alten Gebäudes unter dem Namen „The Historic Sun Records“, zogen sich aber schon in den frühen Achtzigern wieder aus dem Geschäft zurück. Bereits 1984 kam der nächste Interessent: Die Elvis Presley Enterprises mieteten das Gebäude und machten es unter dem Namen „The Memphis Recording Service“ im Rahmen von Touren für Besucher zugänglich – bis 1987. Dann wurde der Studioteil des Gebäudes von einem Musiker aus Memphis erstmals unter dem Namen „Sun Studio“ aufgemacht, erneut wurden Besichtigungstouren angeboten, auch Merchandise wurde verkauft. Seit 1993 sind das Sun Studio und der Rest des Gebäudes (708 und 710 Union Avenue) nun dauerhaft in denselben Händen, die es 1997 auch kauften: Die Schorr-Familie. Die Brüder John, Chris, Mike und Jim teilen sich die anfallenden Arbeiten. 1991 hatten sie die Firma „Sun Studio“ gekauft. President John Schorr: „Zu dieser Zeit (1991) wurde das Studio von den Witwen der zwei Brüder vermietet, die es damals in den Fünfzigern an Sam Phillips vermietet hatten.“

Das Sun Studio wird Denkmal

Seit 2003 ist das Studio offiziell „National Historic Landmark“, wurde von der amerikanischen Regierung also als Ort geadelt, der von besonderer Bedeutung für die nationale Geschichte ist. Kein einfacher Weg für die Schorr-Family, wie John im Interview verriet: „Es gab beträchtliche Hindernisse im Vorfeld der Auszeichnung als National Historic Landmark zu überwinden. Ich habe fast zwei Jahre mit dem National Park Service zusammengearbeitet, um den Papierkram zu erledigen, der nötig war. Ich musste auch Empfehlungsschreiben von unseren Senatoren, Kongressabgeordneten, unserem Gouverneur und Lokalpolitikern aus Memphis besorgen, um den Rat des National Park Service dazu zu bringen, überhaupt über die Auszeichnung nachzudenken. Kurz gesagt: Wir mussten sie davon überzeugen, dass unser Besitz irgendwie wichtig für die Entwicklung der Geschichte Amerikas als Ganzes war. Das Mädchen, mit dem ich beim National Park Service zusammengearbeitet habe, ist Musikfan, was das Procedere sehr vereinfacht hat. Davor hatten wir bereits zehn Jahre daran gearbeitet, das Studio so zu erhalten, wie es war. Ich war in Washington DC bei der Zeremonie im Capitol – und in der Nacht vor der Auszeichnung starb Sam Phillips in Memphis.“

Seitdem muss das Sun Studio von den Geldern der Touristen leben, Förderungen durch die öffentliche Hand gab es bislang nicht. Das Sun Studio steht heute auch wieder Künstlern offen: 13 Mal im Jahr kommen etablierte Musiker und Newcomer im Rahmen der „Sun Sessions“ nach Memphis; ihre Darbietungen werden landesweit über PBS (Public Broadcasting Service, das Gegenstück zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland, Anmerk. d. Red.) übertragen. Wer im Rahmen der Sessions auftritt, entscheiden die Fernsehmacher, mit dabei waren zum Beispiel schon Lee Rocker und Eli „Paperboy“ Reed. Und manchmal kann man dort auch einen der alten Sun-Recken treffen, WS Holland kommt gleich mehrmals im Jahr und nutzt das Studio. Er hat das Glück, immer noch auf der Bühne stehen und Aufnahmen machen zu können. Jüngster Streich aus dem letzten Jahr ist die zusammen mit der WS Holland Band aufgenommene Single „Million Dollar Memories“. Auch andere alte Sun-Recken sind aktiv wie eh und je, Jerry Lee Lewis eröffnete erst vor einigen Tagen ein Restaurant in Memphis, in dem Fans seinen Spuren folgen können. Andere sind noch näher im Sun-Umfeld geblieben, wie Roland Janes: Er war einer der wichtigsten Session-Musiker Phillips’, verließ 1960 Sun Records, bevor er ab 1982 wieder für Phillips arbeitete. Noch heute ist er als Techniker und Gitarrist im „Sam Phillips Recording Service“ in der 639 Madison Avenue tätig. Viele andere sind leider inzwischen von uns gegangen, erst am 15. März verstarb mit Hardrock Gunter ein weiterer Sun-Artist.

Jonny Barber während seiner Aufnahmen im Sun StudioDas Erbe des legendären Labels allerdings wird weiterleben. Auch und vor allem durch die Musiker von heute, die dem Geist von Sun Records auf der Spur sind. Manche von ihnen suchen ihn in Memphis selbst, denn auch als Aufnahmestudio kann das Sun Studio wieder gemietet werden –
eine weitere, wichtige Einnahmequelle neben den Touristen. Jeden Abend, ab 18:30 Uhr. Studio-Techniker Matt Ross-Spang verrät: „Das Studio ist das ganze Jahr über gut gebucht. Es gibt keine Warteliste, man muss nur lange genug im Voraus buchen.“ Im Studio erwartet die Musiker von heute neben dem Bewusstsein, in den heiligen Hallen des Rock’n’Rolls zu spielen, echtes Vintage-Equipment. Das allerdings mussten sich die Betreiber im Laufe der Zeit zusammensuchen, wie Matt erzählt: „Sam Phillips hat das ganze Aufnahme-Equipment aus dem Studio mitgenommen, als er 1960 ging, aber in den letzten Jahren habe ich die gleichen Modelle zusammengesammelt und installiert, die er benutzt hat.“

Aufnahmen in den Sun Studios

Ein Angebot, das von vielen Künstlern genutzt wird, wie vom amerikanischen Rockabilly-Musiker Jonny Barber, der einige Zeit als Elvis-Imitator auftrat. Den 35. Todestag von Elvis’ am 16. August 2012 nahm er zum Anlass für eine Pilgerfahrt nach Memphis, um dem King im Sun Studio Tribut zu zollen und rauszufinden, was die Magie dieses kleinen Raumes ist. Das Vorhaben: Die fünf originalen Sun-Singles von Elvis in zwei Nächten einspielen. Seine Begeisterung gilt auch dem Studiotechniker: „Unser Vorhaben, den Sound der Aufnahmen nachzubilden, die entstanden sind noch bevor ich geboren wurde, lag nun in den Händen von Studiotechniker Matt Ross-Spang. Er hat Jahre damit verbracht, Sam Phillips’ Aufnahmetechniken zu studieren. Scotty Moore selbst hat ihm beigebracht, wie man die Gitarren-Riffs auf den Aufnahmen spielt. Auch wenn einige Skeptiker meinen, Sun sei nur ,ein Raum‘, glaubt Matt fest daran, dass die Tafeln, die Phillips entworfen hat, um den Sound zu dämpfen, in Kombination mit dem engen Raum eine einmalige und charakteristische Hör-Dynamik erzeugen. Er glaubt auch, dass der einzige Weg zum authentischen Sun-Sound der ist, so aufzunehmen wie damals – ohne Kopfhörer, ohne Overdubs, kein Instrument alleine; nur ein paar Mikrofone und das Live-Spiel der Band.“ Auch für John war es die Magie des Ortes, die das Erlebnis einmalig machte; die Vorstellung, in den Fußstapfen der Legenden des Rock’n’Rolls zu wandeln. Und John kam nach den Aufnahmen zu einer Erkenntnis, die seinen weiteren Lebensweg in eine andere Richtung lenken sollte: „Als wir die finalen Versionen hörten, waren wir begeistert, aber so nah wir auch an die Originale rankamen: Es gibt weder jemanden auf der Erde, der wie Elvis singen, noch einen, der wie Scotty und Bill rocken kann. Nach der Session beerdigte ich The Velvet Elvis und sagte lebe wohl. Jetzt spiele ich in einer Band namens Jonny Barber & The Rhythm Razors und versuche, die einzige Person zu sein, die ich wirklich imitieren kann: mich!“ Ein Vorhaben, das ganz im Sinne von Sam Phillips sein dürfte. «

www.sunrecords.com
www.sunstudio.com

Text: Tilmann Ziegenhain
Bilder: Bear Family Records (historisch) und andere


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DYNAMITE 27.05.2013
Text: Tilmann Ziegenhain Bilder: Bear Family Records (historisch) und andere
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