Ray Collins' Hot-Club


Die Kapelle in Long Beach (Kalifornien) vor dem ausrangierten und zum Hotel umfunktionierten Schiff RMS Queen MarySchlag auf Schlag geht’s bei unseren Lieblings-Swing-R’n’B-Musikern von Ray Collins’ Hot-Club zu. Nachdem erst vor Kurzem das Album „High Life“ erschienen ist, steht nun schon die nächste Veröffentlichung an, auf der die Band Saxofonlegende Big Jay McNeely begleitet. Wir sprachen mit Andreas aka Ray Collins.


DYNAMITE: Hi Andreas, gleich zu Beginn: Ich bin etwas verwirrt. Vor Kurzem habt ihr erst „High Life“ veröffentlicht. Jetzt steht aber schon das nächste Album an, auf dem ihr Big Jay McNeely unterstützt. War das einfach ein glücklicher Zufall?
Andreas: Ja, das ist Zufall gewesen. Mit dem Hot-Club nehmen wir immer mal wieder auf, wenn sich die Gelegenheit bietet. Irgendwann merken wir dann, dass wir genug tolle Songs für ein Album haben. Diesmal ist das zufällig mit der Big-Jay-Geschichte zusammengefallen. Und damit nicht genug, denn ich habe auch noch eine Soloplatte fertig.

Für den Titelsong des aktuellen Albums hat sich die Band weibliche Gesangsunterstützung ins Boot geholt, in der Stammbesetzung will der Hot-Club aber ein Männerverein bleibenDYNAMITE: Was erwartet uns denn bei deinem Soloalbum und wann kommt das raus?
Andreas: Ich habe immer mal ein paar Songideen, die irgendwie nirgendwo reinpassen. Davon habe ich jetzt zwölf Stück aufgenommen. Zusammen mit ein paar Mann von TB4Q und den Ballroom Rockets. Eigentlich wollte ich die Platte „Different Shit“ nennen. Aber jetzt haben wir mit dem Hot-Club den Song „The Shit“ aufgenommen. Das wird vielleicht alles ein bisschen zu viel Shit. Ich denke, Ende 2012 bringe ich die noch raus.


Spontane Sessions


DYNAMITE: Erzähl doch mal, wie es zu eurer neuesten Platte „Life Story“ mit Big Jay McNeely gekommen ist!
Andreas: Big Jay rief mich Mitte 2011 an und sagte, er habe Flugtickets nach Europa, aber die geplanten Shows wären nicht zustande gekommen. Ob ich nicht ein paar Konzerte für ihn organisieren könnte. Das habe ich dann getan. Dann hatten wir die Idee, dass wir doch gleich noch Aufnahmen machen könnten. Am Ende war das zwar viel Arbeit, aber ich bin glücklich, dass mich die Situation so überrollt hat. Sonst hätte ich das wahrscheinlich nie gemacht.

 Mit Größen wie Big Jay McNeely zu spielen, ist für die Band zwar immer etwas Besonderes, am liebsten machen sie aber nach wie vor ihre eigenen SachenDYNAMITE: Ihr wurdet während der Sessions auch gefilmt. Was wird das für ein Film? Wann und wo werden wir den sehen können?
Andreas: Ich hatte schon vor vielen Jahren vor, eine Doku über Big Jay zu machen. Aber das ist immer an tausend verschiedenen Sachen gescheitert. Zu viel Arbeit, zu wenig Geld, L.A. zu weit weg, usw. Aber jetzt lag plötzlich alles so nahe und es brauchte im Endeffekt nur noch jemand die Kamera auszulösen. Der Film wird wahrscheinlich etwas improvisiert werden. Ich bin da selbst noch gespannt.

DYNAMITE: Was hat es denn mit dem Titel „Life Story“ auf sich?
Andreas: Auf der Platte ist ein episches Lied von fast 15 Minuten Länge. Darin erzählt Big Jay aus seinem Leben. Vor allem aber fängt die Platte musikalisch mit ganz alten Big-Band-Sounds an. Big Jay vergleicht uns manchmal mit Jimmie Lunceford – was natürlich ein Hammer-Kompliment ist. Die ersten Songs klingen nach Ende Vierzigerjahre. Dann geht es eben soundmäßig ein bisschen durch die Zeit. Der letzte Song klingt dann eher nach den frühen Sechzigerjahren. Es ist eigentlich nicht so geplant gewesen, aber jetzt macht es irgendwie Sinn.
 
DYNAMITE: Versteh ich das richtig, dass alle Songs durch Jam-Sessions statt durch „richtiges“ Songwriting entstanden sind? Beschreib doch einmal für einen Nichtmusiker, wie so etwas abläuft!
Andreas: Jemanden wie Big Jay ein fest vorgeplantes Arrangement spielen zu lassen, kann man auf jeden Fall gleich mal komplett vergessen. Wir haben vorher ein paar Ideen auf einen Kassettenrekorder gesungen, um überhaupt ein paar erste Ansätze zu haben. Bei den Aufnahmen ist dann aber schließlich etwas komplett Anderes draus geworden.

 

Gänsehautmomente


DYNAMITE: Mich erinnert die Art, wie ihr und vor allem Big Jay McNeely spielt, total an das, was Jack Kerouac in seinem Roman „On the Road“ beschreibt. Von den Schwarzen, die in den Jazzkneipen die ganze Nacht wilden Jazz spielen. Und auch in der CD erwähnt Big Jay „blowing brains out“. Geht’s dir da ähnlich? Wie ist es, mit einem so tollen Musiker zu spielen? Gab’s da während der Session Gänsehautmomente?
Andreas: Gänsehautmomente gab’s schon direkt vom ersten Ton an einige. Weil Big Jay einfach ganz anders klingt und ungefähr viermal so laut ist wie andere Saxofonisten. Früher hat der ja auch mal einen Song eine Stunde lang gespielt. Und auch heute ist der immer noch wahnsinnig. Wenn er gerade Bock hat, spielt er „3-D“, einen absolut geisteskranken Song, einfach dreimal hintereinander. Da muss man sich von seiner eigenen Vorstellung eines Konzertes erst mal lösen. Wenn man das schafft, dann kann es supercool werden. Wenn nicht, geht man auch schon mal über seine Grenzen hinaus auf der Bühne und ist danach total fertig. Jack Kerouacs „On the Road“ habe ich mal versucht zu lesen, hat aber nicht geklappt. Daher kann ich dazu nicht viel sagen. Ich bin aber mal auf den Film gespannt.

DYNAMITE: Für jede Band ist das neueste Album immer das beste. Warum ist „High Life“ besser als eure Vorgängeralben?
Andreas: Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich immer noch sagen, dass unser erstes Album „Shaking That Boogie“ das beste ist. Aber mir gefällt das neue Album auch sehr gut, vor allem, weil ich den Sound und die Songs sehr mag.

DYNAMITE: Was ich bei eurer Band erstaunlich finde, ist, wie konsequent ihr es schafft, den Fan und Hörer in die Zeitmaschine zu stecken und in die Fünfzigerjahre zu katapultieren. Das fängt beim Sound an und hört bei euren toll gelayouteten Postern auf. Lebt ihr gerne im Gestern? Was fasziniert euch an dieser Zeit, diesem Sound, diesem Lifestyle?
Andreas: Jacket und Turnschuhe oder Krawatte und dazu das Hemd aus der Hose, so ein „Stilbruch“ ist heute doch normal. Das ist aber einfach nicht so unser Ding. Uns gefällt es besser, wenn das alles von Anfang bis Ende zusammenpasst, also sowohl modisch als auch musikalisch. Im Endeffekt ist das einfach Geschmacksache.


Synthie-Pop vs. Rock’n’Roll


DYNAMITE: Wie kommt man denn dazu, diesen Sound so originalgetreu wie möglich nachzuspielen?
Andreas: Wir machen Musik, die meiner Meinung nach mit diesem Sound eben am besten klingt. In den Achtzigern haben alle gedacht, man muss Musik so aufnehmen, dass alle Instrumente auf den Spuren fein säuberlich getrennt sind, um es dann im Mix zusammenzufügen. Wir haben das auch Mal so gemacht. Im Nachhinein war das Blödsinn. Denn der Sound passt vielleicht super zu Synthie-Pop, aber Rock’n’Roll klingt lärmig und natürlich aufgenommen einfach viel besser. So sind jetzt auch die meisten Sachen entstanden. In dem kleinen Studio von den Ballroom Rockets. Da haben wir alles live eingespielt, praktisch schon bei der Aufnahme gemischt und auf eine Spur aufgenommen. Das ist viel einfacher, schneller und klingt einfach besser als der Weg über die getrennten Spuren. Zumindest wenn die Soundleute es drauf haben und die Band halbwegs zusammen spielen kann.

DYNAMITE: Hört ihr privat auch „neuere“ Musik? Reizt es euch manchmal, auch was ganz Anderes zu machen?
Andreas: In der Band wird eigentlich alles Mögliche gehört. Von Punk bis Jazz, von Rockabilly bis Schlager. Auf meine Soloplatte kommt zum Beispiel Easy Listening, Country, Bossa oder auch Gospel. Ach, ich weiß eigentlich auch nicht, was es ist. Bin mal gespannt, ob sich das jemand anhören kann.

DYNAMITE: Ihr habt schon Gigs in über 20 Ländern gespielt. Wie darf ich das einschätzen? Seid ihr eine große Nummer, wenn ihr in anderen Ländern spielt?
Andreas: Du meinst so wie die deutschen Metal-Bands in den Achtzigern, die dann in Japan Megastars waren oder so? Nein, eine richtig große Nummer sind wir nirgends. Aber wir fühlen uns schon geehrt, dass man uns überhaupt einlädt. Ein Typ in Kalifornien hat sich eine lächelnde Witwe tätowiert, aus „Hot-Club Is Coming To Town“. Ein Typ in England hat „Honk My Horn“ über seinen Dödel tätowiert. Bei sowas sind wir immer wieder überrascht, wie viele Leute es gibt, die unsere Musik so sehr schätzen.


Filmreif


DYNAMITE: Einige Leute kennen euch vielleicht, ohne dies zu wissen, aus dem Film „Barfuss“. Für den habt ihr den Track „Barefoot“ beigesteuert. Wie seid ihr dazu gekommen? Was war zuerst da: Film oder Song? Inwiefern hat euch dieser Song als Band weitergebracht?
Andreas: Der Film war zuerst da. Die haben eine Band für eine Hochzeitsszene gesucht und sind dann auf uns gekommen. Till Schweiger hat vorgeschlagen, wir könnten auch einen Titelsong machen und das haben wir dann auch gemacht. Der Soundtrack kam später auf Universal raus. Und obwohl der Song im Film schon irgendwie der logische Titelsong ist, wollte Universal einen anderen Song zum Hit machen. Als der floppte, haben sie es dann mit einem anderen Song probiert. Das hat aber auch nicht funktioniert. Die wollten ums Verrecken nichts mit „Barefoot“ anfangen. Damals waren die der Meinung, dass ein Fünfzigerjahre-Sound nichts bringen kann. Und heute haben sie Kitty Daisy & Lewis unter Vertrag. So ändern sich eben die Zeiten. Na ja, soviel zu Universal. Der Song hat uns aber auf jeden Fall viel gebracht, weil er einfach vielen Leuten gefällt –
uns inklusive.

DYNAMITE: Seid ihr jetzt Kumpels von Till Schweiger? Spielt ihr jetzt bald im Hamburger Tatort mal irgendwo im Hintergrund?
Andreas: Ne, wir haben nach dem Film nichts mehr miteinander zu tun gehabt. Aber rückblickend ist das für uns schon gut gelaufen.

DYNAMITE: Was steht jetzt alles für die nächste Zeit auf dem Plan? Wie geht’s weiter mit dem Hot-Club? Ist nach dem Album auch – gleich wie beim Fußball – vor dem Album?
Andreas: Jetzt kommt eben nach unserem Album „High Life“, dem Big-Jay-Album „Life Story“ noch das Soloalbum raus. Ansonsten geht’s einfach immer so weiter. Wir spielen wieder viele Konzerte, zum Glück! «

www.the-hot-club.com

Text: Martin Weber
Bilder: Ray Collins? Hot-Club, Andreas Gehrmann


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DYNAMITE 29.11.2012
Text: Martin Weber Bilder: Ray Collins? Hot-Club, Andreas Gehrmann
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Stand:12 August 2020 12:15:46 Warning: fopen(cache/dea396d8f66c60435fb889d7323c8c3b.html): failed to open stream: No such file or directory in /var/www/vhosts/rockandroad.de/httpdocs/index.php on line 163 Warning: fputs() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/rockandroad.de/httpdocs/index.php on line 164 Warning: fclose() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/rockandroad.de/httpdocs/index.php on line 165