Keb Darge - Vom Deep Funk zum Rockabilly


Keb DargeKeb Darge ist ein Mann, dessen Motor die Musik ist. In den Siebzigern und Achtzigern tanzte er zu Northern Soul im Wigan Casino, in den Neunzigern prägte er als DJ eigenhändig das Genre Deep Funk und seit einigen Jahren hat er sich dem Sammeln von Rockabilly und Instrumentals verschrieben. Mittlerweile gehen mehr als 20 Compilations auf sein Konto, der vierte Teil seiner „Legendary Wild Rockers“, die er mit seiner Frau Little Edith zusammenstellt, erschien dieser Tage – Grund genug, dass wir uns etwas näher mit dem schottischen Charakterkopf beschäftigen.


Hallo Keb, deine Frau und du seid ja letztes Jahr auf die Philippinen gezogen. Was war der Grund? Hattest du keine Befürchtungen, dass dir Plattenläden und das Auflegen fehlen würden?
Die Kombination aus viel Sonne und wenig Rechnungen war genau mein Ding. Ich habe quasi als Selbstversorger gelebt – gefischt, Hühner und Schweine gezüchtet und Früchte vom Baum gepflückt. Platten konnte ich immer noch im Netz kaufen und ich habe in Japan, China, Vietnam und Australien aufgelegt. Alles ging also fröhlich seinen Gang.

 Dann kam der Taifun Yolanda und zerstörte die Inseln. Für ein paar Wochen galtest du sogar als vermisst.
Die komplette Geschichte über das Chaos und die Korruption, die folgte, könnt ihr auf meinem Blog profitfrompoverty.blogspot.co.uk nachlesen. Jetzt sind wir zurück in London, bis ich genug Geld zusammengespart habe, unser Haus und das unserer Verwandten wieder aufzubauen. Da Bauen dort drüben relativ billig ist, schätze ich, dass wir in ein paar Jahren wieder zurück auf die Philippinen ziehen können.

Für viele Leute ist dein Name immer noch untrennbar mit Deep Funk verbunden, obwohl du heutzutage Rockabilly bevorzugst. Wie kam es zu dem Sinneswandel?
Ich hab mich in den frühen Achtzigern in Rockabilly verliebt, aber nie eine Möglichkeit gesehen, wie ich das in meine Sets einbauen könnte. Dann kam der Johnny-Cash-Film, der bei meiner „Stammkundschaft“ gewaltigen Eindruck machte. Plötzlich war es kein Problem, Fifties-R’n’B zu spielen; ich schätze, dass mir eigentlich schon immer die härtere Spielart von Garage, Rockabilly und Surf gefallen hat, mir das aber bis vor Kurzem noch nicht bewusst war. Mit Soul und Rockabilly kenne ich mich ziemlich gut aus, Garage lerne ich gerade erst richtig kennen. Ich liebe es, mir unbekannte Lieder anzuhören, deswegen bin ich hier mit Freude wieder Anfänger.


Whiskey trinken mit Sharon Jones

Im Mai warst du Tour-DJ bei Sharon Jones?
Das waren einige der lustigsten Wochen überhaupt. Gabe Roth (Daptone Records) und Sharon wollten mir nach dem Taifun aus der Patsche helfen, das war prima von ihnen. Wir sind Kumpels seit den Anfangstagen des Desco Labels, wir kippen uns alle drei mit Begeisterung eine Flasche Whiskey hinter die Binde und haben Spaß. Ich konnte von den Philippinen nur ein paar Plattenkisten mitbringen, deswegen hatte ich nur eine Handvoll Soultunes. Aber da die meisten in der Band jede Art interessanter Platten lieben, war es kein Problem, Surf, Rockabilly und Garage zu spielen.


Sex, Musik und Prügeleien

Funk ist ja nicht deine erste große Liebe gewesen, du warst schon in der Northern-Soul-Szene der Siebziger aktiv. Wie bist du denn mit Soul in Kontakt gekommen? Und woher kommt dein Faible für Kampfsport?
An einem schönen Tag im Jahr 1973 wurde mir auf dem Schulhof die Scheiße aus dem Leib geprügelt und ich landete im Krankenhaus. Als ich wieder in die Schule kam, tat ich, was ein jeder anständige schottische Teenager damals gemacht hätte: Ich legte mich mit dem einzigen englischen Jungen meiner Klasse an. Innerhalb von Sekunden hatte er mich mit einer Reihe aparter Kicks zerlegt. Ich saß im eigenen Blut und fragte ihn verwirrt, was zum Teufel er da gerade gemacht hatte – Taekwondo war seine Antwort! Ich bin sofort in den örtlichen Taekwondo-Verein eingetreten. Bei der Weihnachtsfeier interessierte ich mich mehr für die Mädels als die Musik, bis drei englische Jungs dem DJ ein paar Platten gaben. Auf einmal kam Musik, die ich nicht aus dem Radio kannte, und als sie dann zu tanzen anfingen – Woohoo! Drehungen und ausgefallene Beinarbeit – es war umwerfend. So was hatte ich noch nie gesehen. Ich wusste sofort, wenn ich das auch könnte, hätte ich definitiv Sex mit Mädchen. Am folgenden Wochenende fuhr ich mit ihnen in diesen neuen Club nach Wigan. Ab da war es um mich geschehen.

Du hast dann auch schnell angefangen, Platten zu sammeln und selbst aufzulegen?
Im Casino gab es einen großen Plattenstand, da kaufte ich meine ersten Soulplatten. Dann dachte ich mir irgendwann, warum eigentlich nicht selbst in die USA fliegen und die Platten dort billig kaufen? Ich hatte gerade etwas Geld zur Hand, weil wir immer in Apotheken einbrachen und das geklaute Speed dann auf den Nightern verkauften. 1975 zog ich nach Aberdeen und weil es dort keine Soulclubs hatte, gab ich dem DJ der örtlichen Popdisko ein paar Platten. Er kannte die Lieder nicht, wusste aber, dass Northern immer populärer bei den Kids wurde, also fragte er, ob ich sie nicht selber spielen wollte (die besten Songs musste jedoch er starten, weil ich ja darauf tanzen wollte). Wir begannen, sonntags den „Aberdeen Center City Soul Club“ zu machen und innerhalb von wenigen Monaten wurden aus ein paar Besuchern jedes Mal Hunderte von Leuten. Das war 1976, Northern Soul explodierte förmlich in Großbritannien. Der Beginn meiner DJ-Karriere.


 
Das waren wohl prägende Zeiten?
Durch Wigan wurde definitiv meine Sicht aufs DJing geprägt. Platten mussten aufregend sein, du musstest zwar ein paar spielen, die jeder kannte, aber die Hauptsache waren Platten, die wirklich niemand kannte und die einen guten Beat zum Tanzen haben mussten. Da entstand in mir der Antrieb, „Unknowns“ zu finden. Der „Top Of The World“-Nighter in Stafford hat zwar die Northern-Szene belebt, aber auch geholfen, sie ins Grab zu bringen. War sogar hauptsächlich meine Schuld. Ich startete meinen „Es muss soulful sein, schließlich heißt es Northern Soul“-Kreuzzug und brachte dadurch viel Erbsenzählerei in die Szene. Es wurde auf Leute herabgeschaut, die zu wild tanzten oder weiße Musik hörten. Das Spannende, das in Wigan noch da gewesen war, wurde abgetötet, es wurde von einer Tänzer- zu einer Sammlerszene – seeehr langweilig.

Du hast ja mehrere Tanzwettbewerbe gewonnen. Tanzt du heute noch, auch zu Rockabilly?
Ich habe sogar schon mehrmals jungen Leuten Tanzunterricht für Filme über das Wigan Casino gegeben – und ja, ich jive auch.
Keb Darge
Vor Kurzem erschien auf BBE der vierte Teil der „Legendary Wild Rockers“, den du mit deiner Frau Little Edith zusammengestellt hast. Gibt’s da bei der Auswahl manchmal Streit?
Wir haben denselben Geschmack, manchmal gibt es Streit, aber ich gewinne immer ...
ha ha. Vielleicht gibt es ja irgendwann mal ein Volume mit den langsamen guten Sachen. Vor allem geht es mir aber darum zu zeigen, was typischerweise bei unseren Sets gespielt wird.

Zielpublikum Otto Normalverbraucher

Neben unbekannten Tracks sind ja auch immer viele Lieder enthalten, die in der Rock’n’Roll-Szene schon seit Jahren laufen ...
Mein Zielpublikum war von Anfang an der Otto Normalverbraucher. Die Szene wird das meiste schon von anderen Compilations kennen, aber das Tolle an BBE Records ist, dass sie weltweit ein breites Publikum erreichen und diese Leute vor einem Leben voller Scheißmusik bewahren.

Und Sachen von aktuellen Künstlern?
Meine Favoriten im Moment sind die Sirocco Bros, von denen ich mir ein paar Platten gekauft hatte, bevor ich herausfand, dass es alte Kumpels von mir sind – jetzt krieg ich ihre Platten umsonst, juchhu! Es kommen großartige Sachen auf Labels wie Sleazy, Wild und Rollin’ Records raus, ich bin allerdings kein Freund von Coverversionen, da die selten ans Original herankommen.
Okay, zum Abschluss: Was war die schrägste Geschichte, die dir je beim Auflegen passiert ist?
Ich legte in Queenstown, Neuseeland, auf. Ein paar sehr dicke britische Mädchen begannen, direkt vor dem DJ-Pult zu tanzen. Kurz darauf begannen meine Platten zu springen und es wurde immer schlimmer. Also lehnte ich mich vor und schlug ihnen vor, doch weiter in der Mitte der Tanzfläche zu tanzen, da ich sicher war, dass das Problem durch ihr Übergewicht und ihre Betrunkenheit ausgelöst wurde. In diesem Moment fielen alle Gläser und Flaschen aus der Bar, Putz kam von der Decke und der Boden brach auf. Tatsächlich erlebten wir gerade das stärkste Erdbeben Neuseelands seit 70 Jahren. Das war mir den Girls gegenüber dann etwas peinlich …
 

www.facebook.com/DJKebDarge



Text: Jens Rank
Bilder: Siobhan Bradshaw




17.09.2014
Text: Jens Rank Bilder: Siobhan Bradshaw
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musik rock-and-roll

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