Smokestack Lightnin' ? Near to Nashville


Mit dem inzwischen sechsten Studiowerk setzt das Soulbeat-Quartett seine musikalische Reise durch den amerikanischen Musikgeschichtskontinent eindrucksvoll fortMit dem inzwischen sechsten Studiowerk setzt das Soulbeat-Quartett seine musikalische Reise durch den amerikanischen Musikgeschichtskontinent eindrucksvoll fort. Mit tatkräftiger Unterstützung von Rock’n’Roll-Legende Eddie Angel und durch die Produktionszaubereien von Paul Burch ist ein extrem abwechslungsreiches Album voller obskurer und überraschender Coverversionen entstanden.

Diese Sache mit den Bandnamen! Viele Künstler investieren viel Zeit und Gehirnkapazität in die Kreation eines mehr oder weniger aussagekräftigen Namens für die eigene Gruppe, die Jungs von Smokestack Lightnin’ aber wussten sofort, wo ihre Inspirationsquelle liegt und wohin sie ihr persönlicher Musik-Mississippi spülen sollte: Von den Blues- bzw. Rhythm’n’Blues-Ursprüngen durch die musikalischen Südstaaten, Nashville und Memphis, bis zum Mündungsdelta nach New Orleans. „Dieser alte Howlin’-Wolf-Klassiker strahlt so viel wüste Würde aus, klingt so kräftig und rau und dann in einigen Momenten fast melancholisch-wehmütig,“ schwärmt Michael Kargel, „dass uns schnell klar wurde, dass dort die Urquelle für unsere Musik und unseren Bandnamen liegt!“ Es überrascht schon etwas, vier Jungs aus Nürnberg zu treffen, die knöcheltief durch den amerikanischen Musik-Ursumpf waten, aber dem Quartett ist es mit der eigenen Musik nie um vordergründigen Erfolg gegangen, sondern um eine „authentische Haltung gegenüber den geliebten Musikstilen“ und um die „glühende Verehrung einer großartigen musikalischen Ära“, die Phase zwischen den Vierzigern und Siebzigern, gleichzeitig aber auch um die Erhaltung der „absoluten Souveränität und um eine produktive Fuck-You-Attitüde, die sich jede Freiheit gönnt, wenn man der Quelle den nötigen Respekt zollt!“

Die aktuelle Besetzung der Smokestacks – bei den Aufnahmen in Nashville war der neue Gitarrist Andre noch nicht mit dabeiZur Charakterisierung dieser Ideenbandbreite und ihres Musikstils zieht die Band den Begriff „Soul Beat“ heran, eine weitere etymologische Reminiszenz an einen ganz Großen der Fifties-Musikgeschichte: An Carl Perkins, der den gleichnamigen Titel für die B-Seite einer Columbia-Single eingespielt hat – und den die Jungs für seine Mischung aus Rockabilly, Country und hier speziell R’n’B außerordentlich schätzen.

Ab in die Charts, ab durch die Welt

Kurzzeitig konnte die Band sogar im Pop-Segment – auch für sie selbst völlig unerwartet – einen Hit landen, und zwar mit der Coverversion von „Unknown Stuntman“, Titelsong des Kult-Serien-Klassikers „Ein Colt für alle Fälle“. Der Song konnte sich mehrere Wochen in den deutschen Top 100 platzieren, inzwischen tourt die Band sehr erfolgreich und leidenschaftlich durch die Welt, Gastspiele gab es in Moskau und London und auch in den USA konnte die Duftmarke gesetzt werden – im Mekka des eigenen Musikprofils! Das Geheimrezept laut Bernie Batke: „Konzerte sind uns allen heilig, hier können wir unsere Spielfreude und Improvisation ausleben, hier gelingt es uns zu zeigen, dass unser Bandsound weit mehr als die reine Reproduktion von Genre-Klischees bietet!“

Geteilte Leidenschaft

Das aktuelle Album wurde noch in der Triobesetzung in Nashville aufgenommen, ein Traum für viele Musiker aus den Genres Rock’n’Roll, Country oder R’n’B. Als Kerntrio seid ihr jetzt schon seit beinahe 20 Jahren unterwegs. Wie muss man gestrickt sein, um so lange Zeit gemeinsam arbeiten zu können?
Michael: Das funktioniert nur, wenn man sich als Mensch und Musiker blind versteht und die gleichen Leidenschaften teilt. Wir sind als Musiker nach unserem Verständnis Grenzgänger: Uns hält die Liebe zu klassischen Musikgenres wie Country, Blues und Rock’n’Roll und deren modernistische und eigenwillige Auslegung zusammen. Damals waren wir, also Bernie und ich, schon als Rockabilly-Band unterwegs, unter dem Namen The Brewster. Unser damaliger Gitarrist Jürgen Lommes ging nach Paris – und damit begann die erfolgreiche Zeit als Band Smokestack Lightnin’, aber auch die der Gitarristenfluktuation! Unser damals neuer Mann an den Saiten, Frieder Graef, hatte eine klare Countryvergangenheit und -affinität, wir wollten nicht mehr nur den klassischen, straighten Rockabilly spielen – und so begann alles!

Nur die Position des nicht unwichtigen vierten Mannes war immer wieder vakant beziehungsweise unterlag in all den Jahren wiederholt einem Wechsel. Woran lag das und was zeichnet euer neues, aktuelles und hoffentlich jetzt lange Zeit aktives Bandmitglied aus?
Bernie: Andre Langer ist wie aus dem Nichts aufgetaucht! Dabei ist die Liste unserer Gitarristen tatsächlich sehr lang: Erst Lommes, der alte Rockabilly, dann Dirk Hess, der ebenso eine Zeit lang dabei war wie Wolfgang Bub und zuletzt Frieder, der uns verlassen hat, weil er mit einer anderen Band beziehungsweise mit eigenen Projekten sein Spektrum erweitern wollte. Aber alles ging in Frieden und Freundschaft vonstatten. Und Andre stand plötzlich bereit und konnte sofort fast alle Riffs spielen, hat sich nahtlos und fast widerspruchslos (lachend) ins Bandgefüge integriert, ein Glücksfall für uns alle. Für das Nashville-Album war er im Studio noch nicht dabei, denn die gesamte Planung und Organisation lief ja noch vor seiner Zeit, aber das kommende reguläre Album der Smokestax wird auch maßgeblich durch ihn und seinen Stil geprägt werden. Und live sind wir wieder eine feste Einheit!
 

Die Nashville-Atmosphäre

Auf dem neuen Album zeigen die Jungs erneut, dass man sich auch von Nürnberg aus auf die Suche nach erstklassigem Country machen kannDas aktuelle Album habt ihr noch in der Triobesetzung in Nashville aufgenommen, ein Traum für viele Musiker aus den Genres Rock’n’Roll, Country oder R’n’B. Wie genial waren die Sessions beziehungsweise wie desillusionierend war die Erkundung der Nashville-Mentalität, deren Business-Schattenseiten ja auch sehr oft kritisch hinterfragt werden?
Bernie: Nashville als Stadt ist wirklich sehr schön, aber wir hatten das ganz große Glück, dass unser Studio extrem idyllisch außerhalb von Nashville gelegen ist, so konnten wir zum einen sehr intensiv und entspannt arbeiten, aber danach und in den Kreativpausen auf dem Hügel die Skyline der Stadt genießen, ihre Vibrationen spüren! Nach unserem Tageswerk sind wir dann in die Innenstadt gefahren, haben die Restaurants, Bars und Clubs besucht – wir hatten mit den Jungs vor Ort ja echte Insider dabei, die uns all die Locations gezeigt haben, die wirklich toll sind. Und zwischendurch waren wir natürlich auch tagsüber in der Stadt, um unsere Vinyl-Sammlungen in all den kleinen Plattenläden weiter zu verfeinern. Nashville hat wirklich Atmosphäre, mehr als Memphis, denn dort gibt es tatsächlich nur wenige, wenn auch wichtige Orte. Aber in Nashville kann man den Atem der Musik deutlicher spüren, wenn man all die Figuren und Produkte der Plastik-Country-Pop-Szene ignoriert und das echte Nashville sucht und findet.

Als Mithelfer habt ihr die R’n’R- und Surf-Ikone Eddie Angel gewonnen, zu der ihr eine inzwischen jahrelange Freundschaft unterhaltet. Wie kann man den Lesern die fruchtbare menschliche und musikalische Kooperation erklären?
Axel: Mit Eddie Angel verbindet uns ja schon eine jahrelange Freundschaft! Ähnlich wie mit Bela B. von den Ärzten waren wir mit ihm schon sehr oft als Backing-Band unterwegs, dadurch ließ sich die Kooperation ohne große Probleme bewerkstelligen. Eddie hatte inzwischen auch Paul Burch kennengelernt und die Chemie zwischen beiden hat funktioniert. So hatten wir im Handumdrehen zwei geniale Paten für unser Projekt, die sehr gut harmoniert haben. Eddie Angel spielt seine Gibson 335 oder die Fender Jazzmaster so eindrucksvoll, dass man weinen könnte – dafür sind wir ihm sehr dankbar

Prominente Unterstützung

Ihr hattet das große Glück, mit Paul Burch einen echten „Alternative-Country-Nerd“ als kreativen Produzentenkopf zu gewinnen. Wie hat sich die Zusammenarbeit konkret gestaltet, wie stark war sein Einfluss auf die Platte?
Michael: Wir verehren Paul schon seit Langem für seine Arbeit als Musiker und Produzent. Er ist in der Lage, aus den Bands das jeweils Beste herauszuholen – und dabei auch überraschende Facetten ans Tageslicht zu bringen! Und Paul hat sich wiederholt auch als Gastmusiker persönlich mit eingebracht, um die Songs zu verfeinern. Und noch ein echtes Highlight: Durch ihn haben wir die Hilfe von Chris Scruggs, dem Enkel der großen Bluegrass-Legende Earl Scruggs, und seine unverwechselbaren Künste an der Pedal-Steel-Gitarre erhalten.

Bei der Auswahl des Songmaterials könnte man euch auf den ersten Blick vorwerfen, dass „Stolen Friends ...“ ja „nur“ ein Coveralbum geworden ist! Allerdings finden sich zum einen eher obskure Titel auf der Platte, zum anderen sind die Versionen schon stark „smokestax-isiert“. Weiht uns ein in die Geheimnisse der Songauswahl: Was hat euch an den Nummern so magisch angezogen?
Bernie: Die Grundidee war eine klassische „Schnapsidee“ während der langen Autofahrten von Gig zu Gig. In diesen langen Nächten haben wir dann so herumgesponnen, wie cool es wäre, einmal bei Eddie in Nashville aufnehmen zu können. Und die Idee mit den Coverversionen ist ebenso spontan dabei entstanden, denn als „Soundtrack“ all dieser Spinnereien haben wir uns gegenseitig Lieblingssongs oder Obskuritäten aus unseren Plattensammlungen vorgespielt, so kam die Auswahl zustande, die ja bewusst nicht die immer gleichen alten Klassiker recycelt, sondern überraschende Momente präsentieren soll. Im Zentrum stehen schrägere Nummern aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, neben Country- eben auch R&B-, Garage- oder Folktitel, querbeet, ungedüngt und wildwuchernd! Mit dabei sind eine wie wir finden sehr bissige Version von „Wandering Soul“, eine Variante von „Swamp Country“, eine echte Bayou-Hymne, der Everly-Brothers-Klassiker „Gone Gone Gone“ oder „Can’t Get Away“ von Sixto Rodriguez, einem tollen, verschollenen Künstler, der gerade durch einen sehr interessanten Doku-Film wieder populär geworden ist!

www.smokestacklightnin.de


Text: Emmerich Thürmer
Bilder: Smokestack Lightnin?, Dörte Eckhardt


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Stand:08 December 2019 18:43:54 Warning: fopen(cache/76529e99bd83fa7c6d804b1ccddaf2e3.html): failed to open stream: No such file or directory in /var/www/vhosts/rockandroad.de/httpdocs/index.php on line 163 Warning: fputs() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/rockandroad.de/httpdocs/index.php on line 164 Warning: fclose() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/rockandroad.de/httpdocs/index.php on line 165