Am Zug


Wenn Custombikes perfekt aussehen, hat das seine Gründe. Und die liegen im Detail

Bowdenzüge

Wenn Custombikes perfekt aussehen, hat das seine Gründe. Und die liegen im Detail. Kenner achten besonders auf unauffällig verlegte, gar im Lenker oder im Rahmen versteckte Züge und Kabel. Bowdenzüge von Showbikes hängen niemals ungebändigt herum. Dahinter steckt eine Menge Arbeit.
Der normale Motorradschrauber sucht Züge aus dem Katalog aus. Die sind für Harley-Davidson-Modelle beispielsweise in gängigen Längenabstufungen anbaufertig bestellbar. Die Harley-Davidson-orientierten Kataloganbieter führen darüber hinaus auch teilkomplettierte Bausätze in Überlänge im Programm, wie beispielsweise die Magnum BYO (Build Your Own) Kits. An denen ist eine Seite des Zuges schon fertig verarbeitet, es muss lediglich die zweite Seite auf Länge gekürzt und bestückt werden. Die Bastler anderer Marken haben es nicht ganz so einfach. Die müssen sich selbst helfen oder Spezialisten beauftragen.

Wo gibt’s die Teile?

Ein cleanes Showbike: 
Spezielle Rahmen­änderungen fassen Züge und Leitungen ein und verschließen den Tank von untenJahrzehntelang gehörte es zum Handwerk eines jeden Schraubers, verschlissene Gas-, Brems- und Kupplungszüge aus einzelnen Komponenten zusammenzubauen. Und ihr braucht viele verschiedene: Bowdenzug-Außenhüllen beispielsweise mit verschiedenen Innen- und Außendurchmessern, sogar mit reibungsmindernden Innenrohren aus Kunststoffen wie Nylon, POM, Teflon oder PVC. Sie sind genauso wie Innenseile in diversen Durchmessern als Meterware lieferbar. Chokezüge müssen sowohl auf Zug wie auf Druck agieren, statt eines Innenseils wird dann ein stabiler Federstahldraht verwendet. Um den Zug zu komplettieren, gibt’s beidseitig passende Endhülsen auf die Außenhülle und Nippel für das Seil.
Da lohnt es, sich durch die Webseiten von Flanders und Venhill zu surfen, oder in den dicken Zubehörkatalogen von Louis oder Custom Chrome Europe zu blättern. Auch der Fahrradhändler um die Ecke kann manchmal helfen – oder natürlich der Besuch von Veteranenmärkten.

Und jetzt selbermachen!

Die beiden Enden eines Harley-
Davidson-Kupplungszuges

Und so geht’s: Falls ein alter Zug als Vorlage vorhanden ist, können hier die Maße für die freie Länge des Innenzuges, die Durchmesser von Innen- und Außenzug sowie die Nippelmaße abgenommen werden. Nach diesen Maßen wird bestellt.
Wenn ein Originalzug nicht vorhanden ist, müsst ihr die groben Maße am Bike mittels einer Schnur ermitteln. Da Außenzüge wie Innenzüge meist in Meterware geliefert werden, sollten die Bestellmaße großzügig ausfallen, weil die tatsächlich benötigte Länge je nach Verlegung variieren kann. Habt ihr einen höheren Lenker oder eine längere Gabel angebaut, dann wird zunächst der Außenzug, auch Zughülle genannt, probeweise verlegt. Ihr steckt ein Ende in das dafür vorgesehene Anschlussstück an der Lenkerarmatur und versucht, in möglichst großen Radien den Zug an Bremshebel, Vergaser oder die Kupplungsbetätigung zu führen. Die Zughülle lässt sich dabei mit Klebeband an der Betätigungsarmatur und an eventuell angedachten Befestigungspunkten fixieren.
Zu beachten ist, dass der Außenzug bei jeder Bewegung des Lenkers knick- und spannungsfrei bleibt. Auch alle Stellschrauben, Adapterhülsen und Endhülsen, selbst zusätzliche Befestigungspunkte, sollten bei dieser Aktion schon mit eingebaut sein. Stellschrauben müssen so eingedreht sein, dass später Längeneinstellungen in beiden Richtungen möglich sind. Bei Gaszügen kann die Verwendung von Winkelanschlüssen am Gasgriff ratsam sein, damit die Zughülle beim Lenkanschlag nicht mit dem Tank in Kontakt kommt, oder der Zug sich in seiner Verlegung der Kontur des Lenkers anpasst.

Die Maße des neuen Bowdenzuges werden gemäß der verlangten Dimensionen geschnitten und mit den nötigen Endkappen, Einstellschrauben und Nippeln bestückt

Schneiden mit der Flex

Ist die Länge der Außenhülle schließlich festgelegt, wird sie auf die benötigte Länge gekappt. Für das Schneiden der Züge empfiehlt sich die Verwendung einer Flex mit dünner Trennscheibe für Stahl. Mit Seitenschneider geht’s auch, aber da drückt sich die Spirale des Außenzuges meist zusammen und verengt den Durchlass des Innenseils oder quetscht Teile des Außenzugs. Da der Durchlass reibungslos gestaltet sein muss, empfiehlt es sich auf alle Fälle, den durch den Schnitt entstandenen Grat mit einem Schaber oder einer Schlüsselfeile zu entfernen.
Jetzt werden die Endkappen auf den Außenzug gedrückt und der Innenzug, also das Zugseil, durchgeschoben. Je nach Ausführung dieser Hülsen halten sie von selbst auf dem Plastiküberzug der Außenhülle oder sie können mit Zweikomponentenkleber verklebt oder verpresst werden. Ein Körnerschlag hilft auch schon. Stellschrauben ohne Schlitz haben jetzt auch schon ihren Platz zu finden.
Beim Einführen des Innenzugs ist darauf zu achten, dass er sich beim Durchschieben nicht aufzwirbelt, was bei dünn drahtigen, stark gedrallten Edelstahlseilen leicht geschehen kann. Manche Innenzüge sind einseitig schon mit einem verpressten Nippel bestückt, bei Meterware müssen beidseitig noch die Nippel auf dem Seil befestigt werden. Gehen wir jetzt davon aus, dass auf der einen Seite des Seils schon ein Nippel sitzt, dass vor dem Einfädeln auf allen Seiten der Außenhülle keine Stellschraube, kein Winkelstück und auch keine Endkappe vergessen wurde, dann kann – wenn die Nippel bestückte Seite bis auf Anschlag eingeschoben ist – die freie Länge des Innenzuges nach vorgegebenem Maß abgeschnitten werden. Falls später nicht ein geschlitzter Quernippel verwendet wird, muss nun zunächst ein Quernippel eingefädelt, dann der trompetenförmige Lötnippel auf das Drahtseil geschoben werden. Es ist ratsam, sowohl das Seilende als auch den Lötnippel mit Kunstharzverdünnung, Isopropanol oder Bremsenreiniger zu entfetten.

Das ist Steampunk! Ein offen arbeitender doppelter Gaszug

Unordnung mit Sinn

Nach dem Durchführen werden einzelne Drähte des Seils an dessen Ende mit einer Spitzzange zu kleinen Haken buschig gebogen. Die Unordnung hat Sinn, denn nur so kann das Lot zwischen allen Drähten zerfließen und der Nippel kann nicht mehr rausrutschen.
Um den vorher aufgesteckten Lötnippel nun wieder zum Seilende zu schieben, ist schon etwas Gewalt nötig. Den Innenzug mit dem Nippel nach oben gerichtet im Schraubstock kurz gespannt, kann man ihn mit der Klinge eines Schraubendrehers zum Seilende drücken. Jetzt sollten sich die zu kleinen Haken buschig gebogenen Drähte im aufgesenkten Kopf des Trompetennippels verankert haben.
Das Seil wird jetzt am Schraubstock gelöst und etwas weiter weg von den Spannbacken nochmals gespannt, weil die Backen beim Lötvorgang zu viel Hitze ableiten würden. Mit einem guten leistungsfähigen Lötkolben, einer Gasflamme oder mit der Heißluftpistole, ist nun der Lötnippel zu erhitzen. Von oben in den ausgehöhlten Nippelkopf, wo sich auch die verankerten Drahtenden stauen, wird dann ein spezielles bleifreies Weichlot mit Silberanteil (DIN EN 29453) und Kolophoniumfüllung (Vertrieb durch TMP) mit einer Schmelztemperatur von circa 220 °C eingeführt. Das soll im erhitzten Nippel nicht nur den Nippelkopf füllen, sondern es muss auch dem Seil entlang durch den Lötspalt dringen und am Schaftende austreten. Dank der Kolophoniumfüllung, die als spezielles Flussmittel agiert, lassen sich auch Edelstahlzüge löten.

Bogenstücke ersparen manchen Knick in der Zughülle

Nur einmal heißmachen!

Der gelötete Zug darf erst dann bewegt werden, wenn das Lot vollständig ausgehärtet ist. Nochmaliges Erhitzen ist stets zu vermeiden. Das eventuell überstehende, hart gewordene Lot lässt sich nach dem Abkühlen leicht abfeilen. Damit ist der neue Bowdenzug einbaufertig.

Winkelanschlüsse sind hilfreich, wenn der Verlauf des Zuges eine bestimmte Richtung halten soll

    Warum heißt das Bowdenzug?    

Die technischen Komponenten der ersten Motorräder mussten über Gestänge und Winkelumlenkungen bedient werden. Aber in den Jahren 1896 und 1897 bekam Ernest Monnington Bowden das britische und das US-amerikanische Patent für „die Benutzung eines flexiblen nicht dehnbaren Seils innerhalb eines flexiblen nicht dehnbaren Rohrs“ zugesprochen.
Zunächst war es nur für die Betätigung von Magnetzündanlagen an Motorrädern vorgesehen. Doch E. M. Bowdens Erfindung eignete sich auch für die Ansteuerung von Bremsen, Kupplungen, Schaltgetriebe und elektrischem Zubehör. Das erkannte George Larkin, der sich 1902 das Patent für die „flexible Seilzugbremse“ für Zweiräder sicherte. Doch es blieb der Name Bowdens, der in die Geschichte einging.

Eine Indian aus den 20er Jahren, immer noch ohne Bowdenzüge. Kupplung und Bremse werden über Gestänge betätigt

    Go and No-Go    

Das Lot
Bowdenzüge werden stets mit Weichlot gelötet. Hartlot oder sogenanntes Silberlot darf keinesfalls verwendet werden, um Nippel am Seil zu befestigen. Durch die hohen Löttemperaturen würden die Drähte des Seils ausglühen und ihre Zugfestigkeit verlieren.

Edelstahlseile
Edelstahlseile und Nippel lassen sich nicht mit normalem flussmittelgefüllten Lot löten. Aber durch die Verwendung des Flussmittels A-014 von Chemet in Verbindung mit Sonderweichlot TZ-40 (Sn96Ag4), werden die nötigen Voraussetzungen zum Löten von Edelstahl geschaffen. Chemet liefert auch an Endverbraucher. Auch das Kolophonium gefüllte Bowdenzug-Lot von TMP-Löttechnik eignet sich dazu. Es ist kein spezielles Lötwasser erforderlich.

Schraubnippel

Schraubnippel
Für den Notfall könnt ihr euch ein Sortiment von Schraubnippeln in die Werkzeugrolle legen. Aber nur für den Notfall unterwegs! Durch die das Seil klemmende Schraube werden die Drähte des Seils gequetscht und dadurch zur Sollbruchstelle.

Kunststoffhüllen
Ein in die Außenhülle geschobenes Teflon- oder Plastikrohr verbessert die Gleitfähigkeit des Seils. Achtung, informiert euch beim Hersteller: Jeder Kunststoff reagiert anders, und eine zusätzliche Schmierung mit Fett kann den Zug unbrauchbar machen.

Kunststoffhüllen

    Drive-by-Wire    
Harleys brandneue Touren-Sportster hat es noch immer nicht, aber die großen Tourenbikes von Harleys haben es seit 2008. Neuere BMWs und aktuelle Autos haben es sowieso, und selbst in Flugzeugen findet man es unter der Bezeichnung Fly by Wire. Wir nennen es Throttle-by-Wire, Drive-by-Wire, Electronic Engine Management, und Harley Davidson nennt es: Electronic Throttle Control. Dabei handelt es sich um ein System, das den althergebrachten Gaszug durch ein elektrisches Kabel und einen Sensor ersetzt. Der überwacht die Gasgriffstellung und leitet sie elektronisch an einen Geber an der Einspritzanlage weiter. Es ist also ein eigener Elektromotor, der die Gemischfütterung öffnet und schließt.
Konservative Biker beschweren sich über die mangelnde Direktheit dieser Systeme. Andererseits kann ein so geregelter Motor sich nicht mehr verschlucken. Was besser ist, wird sich durchsetzen. Bei den Bremsanlagen stellt ja auch keiner mehr Hydraulikleitungen in Frage.

Harleys brandneue Touren-Sportster. 
Bei größeren Harley-Modellen würdet ihr unter dem Lenkergriff gar nichts sehen

Text: Horst Heiler




26.11.2014
Text: Horst Heiler
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motorrad test und technik

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