Supporter, Migranten, Streetgangs


Das neue Jahrtausend brachte neue Clubs, neue Brüder,
aber  auch einen neuen Stil. Der schmeckt nicht allen alten Bikern



Gegen Ende des Jahres 2000 feierte der Bandidos MC Germany sein einjähriges Bestehen in Deutschland. Das fand im Clubhaus des inzwischen verbotenen Chapters Aachen statt, und neben den üblichen Feierlichkeiten und Ehrungen verkündete der Bandidos MC die Gründung so genannter Support-Clubs. Ihre Namen klangen spanisch, sie hießen „Guerrilleros“ und „Diablos“, und ihre Colours zeigten die Bandidos-Farben „Red & Gold“ in der Umkehrung: Gold auf Rot.

 Black Jackets

Support-Club: Das geringere Übel

So etwas hatte es vorher noch nicht gegeben. Auch wir mussten uns das mit den Support-Clubs erstmal erklären lassen: Man konnte in ihnen leichter Member eines colourtragenden MCs werden, denn ihr Regelwerk war nicht so streng, wie das der Onepercenter. Zum Beispiel entfiel für Member von Support-Clubs die unter den meisten Onepercentern übliche Pflicht, eine Harley zu fahren.
Die anderen Onepercenter zogen schnell nach, denn mit den Support-Clubs ließ sich die Mannschaftsstärke ebenso schnell um ein Vielfaches steigern. So entstanden die Red Devils als Supporter der Hells Angels, der erste Red Devils-Charter wurde im November 2001 in Schweden gegründet. Dazu kamen die Black Pistons als Supporter der Outlaws und die Bad Seven MCs als Supporter des Gremium MC. Die restliche Szene verfolgte die Entwicklungen unter den Onepercentern genau, denn mit verlässlicher Regelmäßigkeit prägte deren Stil wenig später den Stil aller anderen. Und so führt inzwischen jeder Club, der in der Szene was gelten will, ebenfalls Support-Clubs.

Ende 2000: Die ersten Support-Clubs in Deutschland hießen „Guerrilleros“  und „Diablos“
Ende 2000: Die ersten Support-Clubs in Deutschland hießen „Guerrilleros“ und „Diablos“

Die Mannschaften der Support-Clubs rekrutierten sich entweder aus neu hinzugekommenen Membern oder aus bereits bestehenden MCs, die ihr altes Colour ablegten und mit dem Vollzug eines regulären Patchovers vollständig in die Liga der Support-Clubs übertraten. Andere behielten ihr Colour, trugen aber zusätzliche Patches, die sie als Supporter oder Freunde auszeichneten. Für kleine Clubs war der Übertritt in den Support-Club des einen großen MCs oft das geringere Übel, wenn sie durch einen anderen großen MC in ihrer Existenz bedroht waren.
Wenig später führten die Bandidos noch eine weitere Liga ein. Das waren die „X-Teams“. Hier musste, wer Mitglied werden wollte, nicht einmal Motorrad fahren. Auch dem folgten die Hells Angels schnell. Sie stellten zum Beispiel für den Münchener Raum das „Regiment 81“ vor. Weitere Supporter anderer Charter hießen dann „Brigade“, „Legion“ oder „Division“, ebenfalls in Verbindung mit der Codezahl „81“ der Hells Angels, oft auch mit den Buchstaben „SC“ für „Support Club“. Polizei und Behörden nahmen nun auch dieses Clubs ins Visier, und so wurde im Juni 2011 neben dem Hells Angels MC Borderland schließlich auch das „Commando 81“ offiziell verboten. In der Szene nannte man diese Vereinigungen schnell „Divisionäre“.

April 2004: Die Münchener Hells Angels stellen das „Regiment 81“ vor
April 2004: Die Münchener Hells Angels stellen das „Regiment 81“ vor

Jetzt kommen die Migranten

Die Entwicklung ging weiter. Im Zuge der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den MCs konnte die Szene immer mehr Nachwuchs gebrauchen – nicht aber gestandene grauhaarige Biker mit Rauschebärten. So vollzog sich der Generationenwechsel des neuen Jahrtausends. Die MCs nahmen Member auf, die nicht ursprünglich aus der Bikerszene kamen, sondern aus anderen Subkulturen: Kampfsportler, Hooligans, Türsteher, ehemalige Nazis, und vor allem Migranten aus der Türkei oder dem nahen Osten. Sie verstanden den Sinn von Bruderschaften und wussten mit den unter Rockern hochgeschätzten Begriffen von „Ehre“ und „Respekt“ was anzufangen. Aber wenn sie auch alle gerne von Ehre und Respekt redeten, so sollte sich in den folgenden Jahren herausstellen, dass sie nicht immer das gleiche meinten. …
 

… In der überalterten Rockerszene wurde es mit den um eine Generation jüngeren Migranten nicht gemütlicher. Einen Vorgeschmack davon bekam der Berliner Motorradclub „44er“ schon im Jahr 2005 zu spüren. Die 44er hatten sich nach der alten Postleitzahl des Arbeiterbezirks Neukölln benannt. Sie standen kurz vor der Feier ihres 20-jährigen Bestehens, als sie unfreiwillige Bekanntschaft mit einer gleichnamigen türkisch-arabischen Jugend-Gang machten, die zwar mit Motorrädern nichts am Hut hatte, aber ebenfalls Anspruch auf den Namen „44er“ erhob.
Nun gilt unter Bikern ein Gesetz, seitdem es die Szene gibt: Wer sich einen Namen zuerst zulegt, der hat auch den Anspruch darauf. Kein Motorradclub hätte nachträglich jemals nur auf die Idee kommen dürfen, sich ebenfalls „44er“ zu nennen. Das aber scherte die Jugend-Gang wenig.
Die alteingesessenen Neuköllner Biker waren in ihrem eigenen Bezirk nicht mehr sicher. Sie wurden vor ihrem Clubhaus und vor ihren Wohnungen überfallen. Und sie mussten schließlich sogar die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen. Das war ein Tabubruch in der Gesetzeslandschaft der Biker: Auseinandersetzungen zwischen Motorradclubs werden grundsätzlich ohne Polizei ausgefochten. Doch die 44er wussten sich nicht anders zu helfen, und mit den Neuzugängen in der Szene sollten noch viele weitere Tabubrüche folgen.

Im Jahr 2009 hatten wir die Türken-Gang „Bulldogs“ als Supporter der Bandidos vorgstellt
Im Jahr 2009 hatten wir die Türken-Gang „Bulldogs“ als Supporter der Bandidos vorgstellt

Die Bandidos denken um

Auch die Aufnahme von Migranten förderten die Bandidos zunächst in größerem Maßstab. Aber die Hells Angels wussten selbst hier mit den gleichen Maßnahmen zu reagieren. Migranten oder auch ehemalige Hooligans brachten es innerhalb weniger Jahre auf beiden Seiten zu Chapter- und Charter-Presidenten. Selbst der einzige ursprünglich deutsche Onepercenter-Club, der Gremium MC, stellte zu Beginn des Jahres 2012 ein Migranten-Chapter vor: Den Gremium MC Nomads Bosporus Türkiye.
Das irritierte die bürgerliche Presse, die bis dahin gerne Enthüllungsartikel über die Rechtslastigkeit der Rockerszene publiziert hatte. Spätestens jetzt hätte in den Medien eine Menge vermeintlicher Szenekenner merken müssen, dass an den Einschätzungen was nicht stimmt und dass wir nach anderen Maßstäben zu messen waren. Tatsächlich war es den Rockern gelungen, die verschiedensten Subkulturen auf ihre eigene Weise zu integrieren.
Doch in der Folge verloren die Rocker oft die Kontrolle. Die Meldungen über Rockerkriege hatten unsere Szene für erlebnisorientierte Subkulturen interessant gemacht. Deren Bewerber waren obendrein den Storys der bürgerlichen Presse aufgesessen, in denen es immer wieder hieß, dass es unter Rockern um viel Geld gehen würde. Viele verließen die MCs wieder, als das Geld nicht fließen wollte, oder sie wechselten die Seiten. Die Strukturen einer über Jahrzehnte gewachsenen Szene brachen auf, ihre neuen Mitglieder wurden unberechenbar. Im April des Jahres 2013 kündigte der Bandidos MC in einem ersten Interview mit der BIKERS NEWS eine Neu-Orientierung an. Es sollte „Schluss“ sein mit der Expansion, es sollte wieder „Klasse statt Masse“ zählen.
Aber der Zug rollte bereits. Und plötzlich gründeten sich auch noch neue Onepercenter-MCs unter den Namen von World-Clubs, die bereits jenseits des Atlantiks für Schlagzeilen gesorgt hatten. Das waren zum Beispiel der Mongols MC oder der Rock Machine MC, auch unter ihnen immer wieder mehrheitlich Migranten.
Die ließen sich durch nichts erschrecken. In einem Interview mit BIKERS NEWS verkündeten die Bremer Mongols im Mai 2011: „Wir wollen keinen Rockerkrieg. Aber wenn wir neue Charter gründen, werden wir niemanden fragen.“ Nach mehreren Auseinandersetzungen mit den Hells Angels wurde das Mongols-Charter Bremen im gleichen Monat verboten. Ziemlich genau zwei Jahre später lieferten die Mongols sich in Bremen wiederum heftige Schlägereien mit den Hells Angels.
Und Suat vom Rock Machine MC erklärte im Interview mit uns im November 2013: „Der Rock Machine MC war auch früher ein Motorradclub, nur waren dessen Member „unabhängige Drogendealer“ – so bezeichnete sie jedenfalls die Polizei. Heute sind wir ein reiner Motorradclub, ohne kriminelle Geschäfte.“

Die Berliner 44er im Jahr 2005. Sie waren der erste Club, der mit einer Migranten-Gang unangenehme Erfahrungen machte
Die Berliner 44er im Jahr 2005. Sie waren der erste Club,
der mit einer Migranten-Gang unangenehme Erfahrungen machte

Da waren noch die Streetgangs

Und dann waren da noch die Streetgangs. Im August 2011 verbuchte das LKA von Mecklenburg-Vorpommern öffentlich die Zunahme „rockerähnlicher“ Gruppierungen. Die Member der Streetgangs trugen Patches, Rückenabzeichen oder gar Kutten, waren ebenfalls in Chaptern organisiert, und sie redeten in der MC-Szene längst ein paar gewichtige Wörtchen mit.
Wir führten im September 2011 ein Interview mit den pfälzischen Chaptern der Black Jackets. Bei denen handelt es sich um eine Streetgang, die nicht nur rockerähnlich auftritt. Einzelne Chapter der Black Jackets sind sogar als MC auf Motorrädern unterwegs. Angesichts der Tatsache, dass umgekehrt viele MCs Support-Chapter führten, deren Member wiederum nicht Motorrad fahren, wurde hier die Überschneidung am offensichtlichsten, zumal zwischen beiden Szenen eine eigene Besuchskultur gepflegt wird und gelegentlich sogar der Austausch von Membern stattfindet.
Wir hielten es für dringend erforderlich, die Streetgangs auch in der BIKERS NEWS vorzustellen. Dafür kassierten wir eine Menge Kritik von den Bikern der alten Szene. Sie hielten es für unklug, den Streetgangs ein Forum in der BIKERS NEWS zu geben. Aber die Streetgangs waren längst da und redeten mit, wir konnten sie nicht mehr ignorieren.

Zu Beginn des Jahres 2012 stellten wir den Gremium MC Bosporus vor. Das multikulturelle Chapter fuhr unter vielen Fahnen
Zu Beginn des Jahres 2012 stellten wir den Gremium MC Bosporus vor.
Das multikulturelle Chapter fuhr unter vielen Fahnen

Die Szene vor neuen Fragen

Seit dem neuen Jahrtausend stehen die alten Rocker vor neuen Fragen. Und die Frage, ob es sich bei Streetgangs und ähnlichen Gruppierungen um ein kurzfristiges Phänomen handelt, oder womöglich um den längst fälligen Generationenkonflikt in einer längst überalterten Bikerszene, können auch wir nicht beantworten. Wo aber sollten sonst die neuen Rocker herkommen? In den 70er Jahren kam der typische Rocker aus der Arbeiterklasse und begann seine Laufbahn mit einem Kleinkraftrad von Zündapp oder Kreidler. Sozialisationen und Führerscheinregelungen des neuen Jahrtausends sehen anders aus. Die Geschichte lässt sich nicht wiederholen, auch wenn viele der alten Biker nur ihre eigene Wahrheit hören wollen.
Oder ist Vintage eine Wiederholung? Längst ist die Gegenbewegung entstanden: Die sogenannten „Hipster“ treten auf wie die Biker der alten Schule, sie sind nur 30 Jahre jünger. Sie tragen wieder Rauschebärte und Holzfällerhemden. Sie schrauben an alten Harleys und lackieren sie mit Metalflakes. Und es geht ihnen ganz wesentlich um Motorräder. Mit der Rockerszene wollen sie nichts zu tun haben.

Die Hipster sind junge Biker in der Tradition der alten Schule. Mit Rockern wollen sie nichts zu tun haben


Text: Michael Ahlsdorf


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BIKERS NEWS 02.04.2014
Text: Michael Ahlsdorf
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