Ein anderes Bild machen


Kinobetreiber weigerten sich, einen Hells Angels-Film zu zeigen.
Aber es bewegt sich was. Wir sprachen mit dem Regisseur

Foto: Halm / Dreharbeiten

BN: Marcel, du bist Regisseur und hast mit dem Stuttgarter Hells Angels-Charter den Film „Ein Hells Angel unter Brüdern“ gedreht. Wir hatten den Film in der Januar-Ausgabe angekündigt. Unsere Leser fragten daraufhin, wo sie den Film sehen können, aber der lief in kaum einem Kino. Warum?

Marcel Wehn: Die Kinobetreiber nannten viele verschiedene Gründe für die Ablehnung des Films.
Einige meinten, das Thema würden sie grundsätzlich nicht zeigen. Vielen gefiel die Haltung des Films nicht. Als Film über die Hells Angels war er ihnen zu unkritisch.
In Nordrhein-Westfalen hatte ein Kinobetreiber Angst, dass ihm die Bandidos das Kino kaputtschlagen, wenn er einen Hells Angels-Film zeigt. Und in Kiel, Hamburg oder Hannover, wo die Angels sowieso einen zweifelhaften Ruf haben, wurde grundsätzlich abgelehnt.
So kamen anfänglich nur zehn Kinos zusammen, die sich trauten, den Film zu zeigen.

Regisseur Marcel Wehn: ?Ich war der, der den Film mit den Hells Angels gedreht hat. Da hat man schon mal in Frage gestellt, ob ich der richtige Regisseur für die nächste Produktion bin.?

„Die Hells Angels sind kriminell, das weiß man ja.“

BN: Wir hatten mal über ein polizeiinternes Strategiepapier berichtet. Es sah die „Sensibilisierung“ derer vor, die mit Rockern zu tun haben. Gibt es Hinweise darauf, dass zum Beispiel Kinobetreiber von der Polizei vor diesem Film gewarnt wurden?

Marcel Wehn: Das kann ich so nicht sagen. Aber das allgemeine Klima könnte gut was mit dem Strategiepapier zu tun haben. Es wird nicht mal zugelassen, dass man sich ein anderes Bild machen könnte. Das Argument vieler Kinobetreiber lautete nämlich ganz pauschal: Die Hells Angels sind kriminell, das weiß man ja.

BN: Der Film ist ja nun kein Actionfilm aus Hollywood, dürfte also sowieso nur in Off-Kinos gezeigt werden. Die kleinen Kinos werden oft aus der altlinken Ecke betrieben. War das vielleicht auch ein Problem? Dort ist man politisch manchmal zu korrekt, wittert gleich Vernetzungen zwischen Rockern und Neonazis.

Marcel Wehn: Im Gegenteil! Die wenigen, die sich trauen, kommen oft aus der linken Ecke – zum Beispiel zwei Programmkinos in Berlin. Auch die linke Berliner Zeitung TAZ hatte den Film positiv aufgenommen.

Foto: Halm / ?Am Anfang hatten wir schon weiche Knie. Da kamen wir uns vor wie ein Virus.? Regisseur Marcel Wehn unter den Hells Angels

„Wir haben die Hells Angels über Jahre begleitet.“

BN: Was erzählt der Film denn überhaupt?

Marcel Wehn: Wir haben die Hells Angels über Jahre begleitet. Es ist ein Film, der sich Zeit lässt, vielleicht ein ruhiger Film. Aber es ist in der Zeit wahnsinnig viel passiert: Die Tötung eines Polizisten bei einer Hausdurchsuchung …

BN: Das war in der Nähe von Koblenz, als die Polizei in das Haus eines Hells Angels eindringen wollte. Der Angel hatte aus putativer Notwehr geschossen und wurde freigesprochen.

Marcel Wehn: Ja, er kommt im Film ausführlich zu Wort. Dann hatten wir während der Dreharbeiten die Club-Verbote und die vielen Selbstauflösungen der Charter. An den Colour-Verboten sind wir haarscharf vorbeigesegelt, die kamen erst, als wir fertig gedreht hatten. Die Abzeichen konnten wir also alle noch filmen.

BN: Einige Kinobetreiber hatten abgelehnt, weil ihnen der Film zu unkritisch war. Lieferst du Hofberichterstattung für die Hells Angels? Du weißt, dass nicht alle Hells Angels-Member so weiße Westen haben, wie die des Charters Stuttgart.

Marcel Wehn: Klar, Lutz, der President der Stuttgarter Hells Angels, ist wegen seiner intensiven Öffentlichkeitsarbeit sehr bekannt. Damit hat er den Ruf eines Vorzeige-Angels. Aber im Laufe der Dreharbeiten durften wir Mitglieder anderer Charter kennenlernen, die Lutz im Charakter durchaus ähnlich sind. Zu einigen anderen Chartern hat uns Lutz aber auch bewusst keine Türen geöffnet.
Und okay, der Film ist nicht polemisch. Er haut nicht drauf, wie all diese anderen Enthüllungen über organisierte Kriminalität und Schutzgelderpressungen. Aber er spricht eine Menge Kritikpunkte aus, wenn auch ein bisschen leiser.

Foto: Halm /  ?An den Colour-Verboten sind wir haarscharf vorbeigesegelt, die kamen erst, als wir fertig gedreht hatten. Die Abzeichen konnten wir also alle noch filmen.?

„Am Anfang hatten wir weiche Knie.“

BN: Wie war die Zusammenarbeit mit den Hells Angels? Hattest du während der Dreharbeiten jemals weiche Knie?

Marcel Wehn: Am Anfang hatten wir schon weiche Knie. Da kamen wir uns vor wie ein Virus. Man braucht ein Jahr, bis diese riesigen Gestalten sich öffnen.

BN: Es soll ja schon Probleme während der Dreharbeiten gegeben haben, Drehgenehmigungen wurden verweigert oder zurückgezogen …

Marcel Wehn: Wir hatten zum Beispiel schöne Fahraufnahmen geplant, auf Flughäfen und auf Teststrecken von Autoherstellern. Die sagen normalerweise immer zu. Als sie erfuhren, dass die Hells Angels auf ihren Strecken fahren wollen, hatten sie wieder abgesagt. Sie wollten mit deren Namen nicht in Verbindung gebracht werden.
Es gab auch schon Probleme bei neueren Produktionen. Da war ich der, der den Film mit den Hells Angels gedreht hat. Da hat man schon mal in Frage gestellt, ob ich der richtige Regisseur für die nächste Produktion bin.

Lutz auf der Premiere des Films im Delphi Arthaus-Kino, StuttgartBN: Der Film wurde auch mit öffentlichen Fördermitteln finanziert. Die Bild-Zeitung hatte es gar geschafft, das als Skandal-Schlagzeile zu verkaufen. Wie habt ihr die Fördermittel in so einem Klima aufgetrieben?

Marcel Wehn: Das ist sicher dem Arek Gielnik und den guten Kontakten seiner Produktionsfirma „Indi Film“ zu verdanken. Viele der Förderer haben aber auch zugesagt, weil sie ahnten, dass so eine Gelegenheit so schnell nicht wieder kommt. Obendrein hatten wir im Jahr 2008 angefangen, da war der Ruf der Rocker noch nicht so beschädigt.

BN: Wie groß war denn der Anteil der öffentlichen Förderung an den gesamten Produktionskosten?

Marcel Wehn: Drei Viertel der Finanzierung kommen aus staatlichen Fördermitteln.

BN: Öffentlich-rechtliche Fernsehsender wie SWR oder Arte stecken auch mit drin. Ist also damit zu rechnen, dass der Film sowieso irgendwann im Fernsehen läuft?

Marcel Wehn: Erstmal kommt der Film als DVD raus, vielleicht gegen Ende des Sommers. Im nächsten Jahr kann er dann im Fernsehen gesendet werden. Da zeigt man ihn aber in einer anderen Fassung.
Die Kinofassung läuft ohne Off-Text, im Fernsehen läuft der Film mit Off-Text. In der Fernsehfassung wird also was erklärt, nach meiner Meinung eindeutig zu viel. Die Kinofassung lässt mehr Spielraum für eine eigene Meinung, sie zeigt viel Für und viel Wider. Da ist der Zuschauer mehr gefordert, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Foto: Halm / Dreharbeiten

„Wir entwickeln gerade rebellische Gedanken.“

BN: Gäbe es denn die Möglichkeit, den Film auf anderen Wegen an die Öffentlichkeit zu bringen? Könnte man ihn zum Beispiel in Clubhäusern zeigen?

Marcel Wehn: Wir entwickeln gerade rebellische Gedanken. Produzent und Verleiher denken über einiges nach. Aber wir können den Film nicht verschenken, das erlaubt schon das Filmfördergesetz nicht. Wir müssen natürlich unsere Mitarbeiter bezahlen und ordnungsgemäß abrechnen. Aber umgekehrt können wir die Rocker auch nicht dafür bezahlen lassen, dass wir bei ihnen drehen durften. Vielleicht fällt uns noch was ein.
Und dann haben sich Fangemeinden gebildet, die sogar was bewirken. Die Fans treiben nach und nach weitere kleine Kinos auf, die den Film zeigen. Es kam sogar in Hannover nach wochenlangen Verweigerungen zu einer – einzigen – Sondervorstellung.

Foto: Woithe / Filmteam und Darsteller auf dem Film-festival Max-Ophüls-Preis im Jahr 2014

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Text: Michael Ahlsdorf




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01.04.2015
Text: Michael Ahlsdorf
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