Traum in Grün ? Eine Reise durch Neuengland


Der Leuchtturm von Portland HeadKleine gewundene Straßen und Kurven ohne Ende, pittoreske Städtchen aus dem Bilderbuch, romantisch gelegene Seen, weiße Sandstrände und zerklüftete Küsten – Neuengland ist wild und schön. Ein Traum in Grün

Es ist warm, die Sonne scheint, Schönwetterwolken hängen träge am blauen Himmel. Yes. Genau so hatte ich mir den Start für unsere Rundreise durch ein paar Neuengland-Staaten gewünscht. Beim Harley-Davidson-Dealer in North Hampton packen Horst, mein getreuer Fotograf, und ich zwei schwarz glänzende Street Glides. Wir starten die Maschinen und düsen erstmal rauf Richtung Norden, nach Maine, nach Meer. Das erste Stück Weg führt uns am wilden Atlantik entlang. Der grandiose Ausblick mit tobender Brandung erfreut sich größter Beliebtheit: Hier steht eine Villa neben der anderen. Umringt von großen Grundstücken mit 5-cm-Rasen und protzigen Mauern wirken sie wie Festungen. Zwischendrin gibt es aber immer noch das ein oder andere trotzig wirkende Neuengland-Holzhäuschen mit Veranda und Schaukelstuhl. Hütten und Paläste. Obwohl ein ordentliches Pensum von 240 Meilen vor uns liegt – wir wollen am Abend in Bar Harbour sein –, stoppen wir immer wieder an der herrlich wilden Küste. Sie ist vor allem wegen ihrer Leuchttürme berühmt. Von weitem sieht man sie schon, strahlend weiß ragen sie in die Höhe. In Cape Elizabeth steht nicht nur der älteste Leuchtturm Maines (erbaut 1794), sondern wahrscheinlich auch der schönste des ganzen Susi genießt die majestätische Aussicht im Acadia- NationalparkLandes.

Acadia-Nationalpark
Der Highway Number 1 trägt uns geduldig immer weiter, bis wir am Abend Bar Harbour entern. Ein Ort wie im Bilderbuch – und das hat sich offenbar rumgesprochen. Etwas überrascht nach der Einsamkeit an der Küste müssen wir uns hier zwischen Touristenschlangen und Reisebussen hindurchschlängeln. Die Hafenstadt war vor etwa hundert Jahren ein Refugium für Millionäre, darunter Joseph Pulitzer, J.P. Morgan oder John D. Rockefeller Jr. Und damit niemand ihre Ruhe stören konnte, kauften sie drumherum kurzerhand 13000 Hektar Land, um es alsdann dem Staat zu schenken, der daraus flugs den Acadia-Nationalpark, einen der meistbesuchten Nationalparks der USA, entstehen ließ. Er birgt ein kleines Paradies in sich. Die von zerklüfteten Granitfelsen gestaltete Küste gibt sich wild und zumeist unnahbar, denn die tobende Brandung des Atlantiks kennt keine Gnade. Hier gibt es viele Refugien für Motorradfahrer, Radfahrer und Wanderer. Wilde Aussichtspunkte und sentimental stimmende Ruhepunkte wechseln sich ab. Man sollte sich mindestens zwei Tage Zeit nehmen, um den Park zu erkunden. Und wer einmal den Sonnenuntergang vom 466 Meter hohen Cadillac Mountain genossen hat, der wird so schnell keinen prächtigeren mehr sehen, denn die Messlatte ist jetzt echt hoch angesetzt.

Sonnenuntergang in 
Bar HarbourGenug der Ruhe und Besinnlichkeit: Am nächsten Morgen brechen wir auf, um uns ins Getümmel der Laconia-Motorcycle-Week zu stürzen. Der Weg, egal, welche Strecke man wählt, ist lang: Man braucht fast einen ganzen Tag, denn immer wieder laden kleine Antik-Geschäfte an der Straße und herrliche Panoramen zu willkommenen Pausen ein. So erreichen wir das kleine Laconia erst bei Anbruch der Dunkelheit. An allen Hotels, Motels und B&Bs prangen die gleichen zwei Worte: No vacancy. Alles voll. So auch unser – im Vorfeld gebuchtes – Motel, vor dessen Zimmern nur Motorräder stehen, kein Auto weit und breit. Dieses Motorradtreffen am Lake Winnipesaukee ist das zweitgrößte nach Sturgis und das älteste in den USA: in diesem Jahr findet es zum 93. Mal statt. Die Luft ist benzingetränkt, die Akkustik ein einziges Geknatter, das Stadtbild von Motorrädern gezeichnet. Zehntausende sind hier, vielleicht Hunderttausende.
 
 

Das idyllische Bar Harbour ist im Sommer Treffpunkt der Schönen und ReichenDie Promenade ist ein Mix aus T-Shirt-Buden, Tattoo-Zelten, Schmuck-Ständen (vorzugsweise Totenköpfe in allen Variationen) und einem einzigen Barbier. Auch das Info-Zelt der Hells Angels darf nicht fehlen. Am Abend starten die verrückten Partys. Doch als mein Lippenstift aufgelegt und die Helmfrisur endlich wieder Fasson hat, öffnet der Himmel seine Schleusen und gießt alles Wasser aus, was er hat. Alles. Das ist nicht nur für mich, sondern selbst für die härtesten Biker zu viel: Die Meile ist schnell menschenleer, Partyzelte ebenfalls.

Ziel ist Mt. Washington
Wir wollen weiter, der Sonne entgegen. Über den herrlichen Kancamagus Highway No. 112 steuern wir die White Mountains an, Ziel ist der Mount Washington. Von wegen der Sonne entgegen: Auf dem Gipfel des 1917 Meter hohen Berges gibt es angeblich das schlechteste Wetter der Welt. Hier herrschen ähnlich klimatische Bedingungen wie auf dem Mount Everest. Nur noch schlimmer. Auch ohne eine Besteigung des höchsten Bergs der Welt schenke ich dieser Aussage Glauben, denn am Gipfel angekommen schaffen wir es kaum, aus dem Kleinbus zu steigen, mit dem wir hinaufgefahren sind. Mit dem Motorrad – no way, bei dem Wind hinaufzukommen – selbst Horst nicht, und der hat echt schon viel gesehen ... Es tobt ein Sturm! Der Regen peitscht gnadenlos, der wahnsinnig starke Wind bläst wie ein Orkan. So etwas habe ich noch nie erlebt. Mit Mühe kriechen wir zum Gipfelkreuz und krallen uns daran fest, damit wir nicht rücklings runterfallen. Horst muss aufpassen, dass ihm seine Kamera nicht weggeweht wird. Irre!!! Hier wurde 1934 die stärkste Windgeschwindigkeit der Welt gemessen: 370 km/h! Heute sind es nur 197…

Wieder am Boden erreichen wir über eine überdachte Holzbrücke das am Fuße des Mount Washington ruhig gelegene Dorf Jackson. Die „Covered Bridges“ sind ein Markenzeichen New Hampshires, wo man heute immer noch 54 von einstmals 400 finden kann. Wir chillen am rauschenden Wasserfall am Dorfrand, bevor im stilvollen Wentworth Inn ein fürstliches Dinner serviert wird. Als wir später im Wildcat Inn unsere müden Häupter betten, warnt uns Besitzer Cheryl vor den Schwarzbären, die besonders gerne Harley-Sitzbänke fressen. Oh my god… Aber unsere Sättel wurden verschmäht – am nächsten Morgen sind unsere Rösser unversehrt. Über die 302 knattern wir durch die wilde Landschaft der White Mountains. Vorbei an Bretton Woods, von wo die Coq Railway seit 1869 hinauf zum Mount Washington ächzt. Damals war sie die erste Zahnradbahn überhaupt, die einen Berg hinaufratterte – über die zweitsteilste Schienenstrecke der Welt! Wir hingegen rattern in den Westen, verlassen New Hampshire und entern Montpelier, die Hauptstadt Vermonts. Endlich lacht die Sonne wieder. Die kleinste Bundesstaatshauptstadt der USA hat sich durch ihr alternatives Image im ganzen Land einen Namen gemacht. Hier gibt es keinen McDonald, Werbetafeln sind tabu und überhaupt: Vermont ist nicht nur irre grün, hier denkt man grün. Eine Öko-Oase im ansonsten eher von Plastik dominierten Amerika. Hier gibts mehr Bio-Farmen als im Rest des ganzen Landes.

Geheimtipp Smugglers’ Notch Park
Wir treffen Eric und Spencer von Moto Vermont. Sie bieten Motorradtouren an und wollen uns ein wenig von ihrem schönen Land zeigen. Doch bevor wir losfahren, statten wir rasch Peter Shumlin, dem Gouverneur des Staates, einen Kurzbesuch ab. Hier gehen die Uhren anders: Das State Capitol, mit unserem Landtag zu vergleichen, ist für jedermann offen. Man kann alle Räume und Büros betreten – selbst das des Gouverneurs. Leider hat er gerade ein Meeting, sonst hätte er gern ein Selfie mit uns gemacht. Cool.

Nicht ganz ohne Stolz präsentiert uns Spencer sein Vermont, während die Sonne hoch und hell am Himmel steht. Er führt uns über kleine Sträßchen, Route 100 und 125, später über die 73. Alles ist satt grün und kurvig – ich bin einfach glücklich und genieße das Cruisen durch die Natur. Zwischendurch zeigt uns Spencer ganz versteckt im Wald das Sommerhaus von Robert Frost. Hierhin zog sich der Dichter und vierfache Pulitzer-Preisträger zurück, um die Stille der Einsamkeit in sich aufzusaugen und gegebenenfalls in poetische Zeilen umzusetzen.

Bevor unser Guide uns am Abend verlässt, rät er uns, unbedingt zum Smugglers’ Notch State Park zu fahren. Auch hier gilt: Der Weg ist das Ziel. Wir lassen uns Zeit und cruisen durch den Sommer Richtung Norden. Der Park liegt nordwestlich von Montpelier bei Stowe, dem angesagten Wintersportort. Eine kleine, sehr enge Straße windet sich durch Haarnadelkurven steil hinauf. Vermont ist ein Traum für Motorradfahrer. Zurück in den Süden wählen wir die kleine Route 116, die am Fuß der grünen Berge, den Green Mountains, entlangführt. Immer wieder lenkt die wunderschöne Aussicht den Blick von der Straße ab. Man sieht sich einfach nicht satt, möchte gar nicht mehr weg, will immer weiter fahren ...

Im Flugzeug schaue ich noch einmal hinab auf das grüne Stück Land unter mir. Die Leuchttürme werden immer kleiner, die Farben blasser … Die Sehnsucht, noch einmal zurückzukehren, immer größer.

Text: Susi Boxberg
Bilder: Horst Rösler




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26.03.2017
Text: Susi Boxberg Bilder: Horst Rösler
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