Alpenklassiker - Colle Sommeiller - Gipfeltreffen auf 3000 Metern


Alpenklassiker: Colle som Meiller (I, F)
Dem Susatal folgend, gelangt man zu etlichen der höchsten, legal anfahrbaren Punkte des gesamten Alpenbogens. Am Colle Sommeiller findet jährlich das älteste und höchstgelegenste Motorradtreffen der Alpen statt, das Stella Alpina. Auf 2156 Metern wird gezeltet, die Straße führt weiter hinauf bis auf knapp 3000 Meter.

Von Susa und dem Col de Mont Cenis (RM 2/2016) aus sind es durch das obere Susatal lediglich 37 Kilometer bis Bardonecchia. Die SS 24 führt am Festungsbollwerk von Exilles und unterhalb des Jafferau-Militärforts vorbei. Das Grenzstädtchen Bardonecchia liegt direkt am Fréjus-Tunnel, der geradewegs nach Frankreich in die Region Rhône-Alpes führt.

Der Motorradverkehr wird dichter, als wir uns an einem Juliwochenende dem Colle Sommeiller nähern. Die Strecke dort hinauf ist zwar eine Sackgasse, doch die 26 Kilometer bis zum Gipfel, der an der 3000-Meter-Marke kratzt, sind ein Schmankerl, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Vom Enduro- und Wintersportort Bardonecchia bis zum Fahnenhügel des Punta Sommeiller steigt die überwiegend staubige Piste steil an. Ein britischer Zeitungsredakteur rief hier oben 1967 das höchste Motorradtreffen der Alpen aus. Das erste Stella-Alpina-Treffen fand ein Jahr zuvor noch am Stilfser Joch statt.

47 Kehren bis zum Gipfel
Ab Bardonecchia sollte man sich auf spannende 47 Kehren bis zum Gipfel einstimmen. Keine Angst, bis zum Rifugio auf 2156 Metern Höhe kommen versierte Fahrer auch mit einer Straßenmaschine. In einem Straßenwirrwarr biegen wir zwischen dem Fréjus-Tunneleingang und einem alten Eisenbahntunnel in das viel versprechende Bergtal von Rochemolles ein. Einspurig und auf löchrigem Asphalt leitet die steiler werdende Straße durch den Wald dem Bergdorf entgegen. Kurze Zeit später – wir haben den Verkehr von Bardonecchia weit hinter uns gelassen – folgt der kristallklare Rochemolles-Stausee, an dem sich ein von Felsen und Wiesen geprägtes Panorama eröffnet. Brücke oder Furt lautet die Frage, die sich kurz darauf bei einem Picknickplatz stellt. Ab hier wird die Strecke für Straßenmotorräder schwieriger. Serpentinengruppen wechseln sich mit stetig steigenden und in diesen Tagen staubi­gen Schotterwegen ab. Das Rifugio Scarfiotti, Lagerplatz während der Stella Alpina, liegt am Wegesrand. Dahinter erkennt man einen markanten Wasserfall, neben dem eine geschotterte Serpentinengruppe wie eine Himmelsleiter den Berg hinaufstrebt. Für Straßenfahrer ohne Stollenreifen ist an dieser Stelle, nach 17 Kilometern hinter Bardonecchia, Ende im Gelände.
 
 
Alpenglühen: Abfahrt im letzten Licht des Tages.
Alpenglühen: Abfahrt im letzten Licht des Tages.


Nach diesem ersten, steilen Gipfelanstieg wechseln sich Wasserdurchfahrten und weitere Serpentinen ab. Oft wird man bis in den Sommer hinein von allzu hartnäckigen Schneewechten gebremst. Alte Fotos aus den 1970er- und 1980er-Jahren beweisen, dass damals an den Juli­wochenenden oft noch mit Schnee zu rechnen war. Die Strecke wird auf den folgenden 16 Spitzkehren schmaler, steiler und der Belag sehr viel gröber. Man erreicht die steinige Hochebene des Pian dei Morti. Nachdem das Geröllfeld passiert ist, sind noch mehrere Spitzkehrengruppen zu bewältigen, bis das oft matschige oder schneebedeckte Gipfelplateau erreicht ist. Aber bitte nicht wundern, wenn man hier oben im Sommer schon mal eine Panda fahrende Familie trifft, die es tollkühn mit dem kleinen 4 x 4 hinaufgeschafft hat.

 
» Was hier Adventurebiker vollbringen, ­schaffen manchmal
auch betagte 4x4 Pandas «


Im Vorfeld des Stella-Alpina-Motorradtreffens wurde die Piste bisher gelegentlich ausgebessert und bei Bedarf vom Schnee befreit. Das erhöht die Chance, sich auch mit weniger geländetauglichen Motorrädern dem Gipfelplateau zu nähern. Dort stand bis 2007 das Rifugio d’Ambin samt Wetterstation direkt am kleinen Gipfelsee. Heute fehlt davon jede Spur – Bardonecchia wählte den Wintersportort Melezet für die Austragung der Snowboard-Wettbewerbe während der Olympischen Winterspiele 2006 –, dafür gibt im einsamen Hochtal von Rochemolles Ausblicke auf den ­nahen Punta Sommeiller (3332 m) oder den Rognosa d’Etache (3382 m), beides Berge, über die die Grenze zu Frankreich verläuft.  


Stella Alpina – das höchstgelegene
Motorradtreffen Europas

Seit 1967 findet am zweiten Wochenende im Juli das Stella-Alpina-Motorradtreffen statt. Der „Legende“ nach soll der Brite Harry W. Louis, Chefredakteur der Zeitschrift „The Motor Cycle“, das ­Treffen initiiert haben. Die Idee für ein Motorradtreffen kam Louis 1964, als er zusammen mit dem Turiner Trialfahrer Mario Artusio die italienisch-französischen Alpen durchquerte. Das erste internationale Treffen organisierten die beiden 1966 noch am Stilfser Joch, im Jahr darauf sollte der neue Treffpunkt unterhalb des Colle Sommeiller die Möglichkeit bieten, ein noch höheres Ziel anzufahren. Die Italiener, bekannt als sehr motorradaffin, haben bis heute nichts dagegen, dass sich bis zu tausend Motorradfahrer auf den Almwiesen vor dem Rifugio Scarfiotti zusammenfinden. 1967 kamen der Überlieferung nach 200 Gäste aus 13 Nationen am Colle Sommeiller bei Bardonecchia zusammen.

 
Einen großen Hype löste das ­alpine Motorradtreffen in den 1970er-Jahren ­unter vielen lederbekleideten Solo- und Gespannfahrern aus.
Einen großen Hype löste das ­alpine Motorradtreffen in den 1970er-Jahren ­unter
vielen lederbekleideten Solo- und Gespannfahrern aus.


Aufgrund der exponierten Lage machte die Stella Alpina von sich reden, 1973 konnte erstmals die 1000-Personen-Grenze geknackt werden. Als Zeltwiese dient nach wie vor die Hochalm am ­Rifugio Scarfiotti (2156 m). Sie liegt auf gut halber Distanz zum Pass (19 km). Das Treffen findet seit 50 Jahren regelmäßig statt, einen offiziel­len Organisator oder eine Webseite dazu gibt es aber nicht.

Während des Treffens waren und sind „Expeditionen“ beliebt, den Colle Som­meiller bei Tag oder auch bei Nacht zu erreichen. Nach der Reglementierung von 2007 gelang es sogar, die Gemeinde von Bardonecchia für eine Ausnahmegenehmigung während der Zeit des Treffens zu gewinnen. Das Rifugio Scarfiotti ist hingegen jederzeit legal zu erreichen, während des Treffens aber geschlossen.

Teilnehmer Spriet Hugues, von dem die historischen Fotos stammen, war 1974, 1977 und 1980 mit dabei. 1974 musste er, von Frankreich mit einer Honda CB 500 Four kommend, die abenteuerliche Fahrt über den Col de Mont Cenis einschlagen. Der kostenpflichtige Fréjus-Straßentunnel (28,– € einfach) wurde erst 1980 eröffnet.

Die Geschichte des Colle Sommeiller
Benannt wurde der 2995 Meter hohe Pass nach dem französischen Inge­nieur Germain Sommeiller (1815-1871), der in den Jahren 1857 bis 1871 für den Bau des zwölf Kilometer langen Fréjus-Eisenbahntunnels zwischen Bardonecchia (Italien) und Modane (Frankreich) verantwortlich war. Sommeiller setzte erstmals Druckluft als Energiequelle für den Betrieb von Maschinen im Tunnelbau ein und konnte die Bauzeit damit entscheidend verkürzen.

Die eigentliche Passstraße ist nur bis Rochemolles befestigt, oberhalb gab es noch nie einen Asphaltbelag. So ist überliefert, dass der Pass zwar schon früh ­begangen wurde, ein Interesse an einer Straßenverbindung mit festerem Unterbau jedoch erst 1939 seitens des Militärs bestand. In dieser Zeit wurden weitere (militärische) Befestigungsanlagen und die Straßenverbindung Bardonecchia-Rochemolles gebaut.

In den späten 1950er-Jahren wurde das ehemalige Gletscherskigebiet am Sommeiller erschlossen, und im Jahre 1962 eine regelmäßig unterhaltene Straße eröffnet. Wegen des schnellen Rückzugs der Gletscher und der Schwierigkeit, die Straße instand zu halten, wurde das Skigebiet allmählich unbedeutend und verwaiste. Ohne Personenschaden begrub ein Lawinenunglück im März 1969 das Gebäude des heute noch in Karten eingezeichneten Hotel d’Ambin. Eine Rekonstruktion hätte 40 Mio. Lire gekostet. Der winterliche Liftbetrieb wurde eingestellt, später aber eine Bar errichtet, um noch einige Zeit den Sommerskibetrieb auf dem Gletscher aufrechtzuerhalten. Erst 2004 wurden auch die letzten Grundmauern des Rifugios entfernt. 2007 entstand am Endpunkt der Fahrstraße eine große Parkfläche, die mit Holzbarrieren den ehemals anfahrbaren „Fahnenhügel“ abtrennte.

Mythos Fahnenhügel
Zwischenzeitlich galt der Pass als höchster anfahrbarer Punkt in den Alpen – oder zumindest als anfahrbarer 3000er. Beides hielt keiner Überprüfung stand. Da laut Informationen von veralteten Landkarten nur noch ein paar Meter für die 3000er-Marke fehlten, hatten findige Geländewagenfahrer aus Trümmerresten und langen Eisenstangen den so genannten „Fahnenhügel“ errichtet und ihn mit Fahnen und Wimpeln verziert. Man erhoffte so, die fehlende Höhe für ein 3000er-Gipfelfoto erreicht zu haben. Die Fahrt auf den Fahnenhügel ist, abgesehen davon, dass sie verboten ist, auch ziemlich gefährlich. Nach der endgültigen Sperrung des Mont Chaberton im Jahre 2000 führte das leider zu einer erhöhten Frequenz von 4x4-Fahrern und Enduristen, die in den Sommermonaten zunehmend den Wanderern in die Quere kamen. Schließlich wurde die Strecke ab dem Sommer 2007 für den Straßenverkehr reglementiert. Es kam zu einer Lösung, mit der beide Seiten gut leben konnten.
 

Sommeiller-Gipfelplateau: auch im Hochsommer oft mit Schneematsch.Einen großen Hype löste das ­alpine Motorradtreffen in den 1970er-Jahren ­unter vielen lederbekleideten Solo- und Gespannfahrern aus.
Sommeiller-Gipfelplateau: auch im Hochsommer oft mit Schneematsch (links).
Einen großen Hype löste das ­alpine Motorradtreffen in den 1970er-Jahren ­unter
vielen lederbekleideten Solo- und Gespannfahrern aus.



Text: Markus Golletz
Bilder: Markus Golletz, Roberto Guasco, Spriet Huges




T-Shirt Devil Or Angel lila
T-Shirt Devil Or Angel lila
39,90€
14,90€
T-Shirt Spirit Of A Nation schwarz
T-Shirt Spirit Of A Nation schwarz
34,90€
17,90€
Trucker Cap Galer schwarz/weiß
Trucker Cap Galer schwarz/weiß
29,90€
24,90€
Motorradjacke Hillberry braun
Motorradjacke Hillberry braun
229,90€
199,90€
24.08.2016
Text: Markus Golletz Bilder: Markus Golletz, Roberto Guasco, Spriet Huges
auf Facebook teilen

motorrad reisen

Verwandte Artikel

Traut Euch!

Seit Januar gehen bei den Veranstaltern des größten Motorradtreffens in Mecklenburg-Vorpommern die Ticketbestellungen ein. Die Jubiläumsveranstaltung lockt mit fünf Veranstaltungstagen, über 20 Bands, einer gemeinsamen Ausfahrt und vollem Rahmenprogramm.

Mecklenburger
Motorradtreffen in
Malchin

Zum 22. Mal jährt sich das Mecklenburger Motorradtreffen in Malchin. Am ersten Maiwochenende finden sich wieder tausende Biker in der Malchiner Waldarena zum gemeinsamen Abfeiern ein. Auch in diesem Jahr erwartet die Besucher ein bunt gemischtes Unterhaltungsprogramm.

Neuer Weltrekord?

Ein amerikanischer Motocross-Fahrer hat nach eigenen Angaben den Weltrekord im Weitsprung geknackt.

Alpenklassiker - das
Stilfser Joch, die
italienische
Herausforderung

Er ist der höchste befahrbare Gebirgspass in Italien und gleich nach dem französischen Col de l’Iseran ebenso der höchste asphaltierte Pass des gesamten Alpenraums: der Passo Stelvio, das legendäre Stilfser Joch. Seine Nordostrampe zählt zu den schwersten Passstraßen Europas und ist für Anfänger nicht zu empfehlen.

Alpenklassiker - Col
du Mont Cenis, die
Kaiserroute der
Westalpen

Auch unsere neue Alpenserie ist reich an Fahrgenuss und Höhepunkten. Dazu erzählen wir Ihnen die spannenden Geschichte bekannter und unbekannter Alpenpässe. Getreu dem Motto „Man sieht nur, was man weiß“ starten wir mit einem Klassiker der Westalpen.

Hohe Berge …

Buchtipp: Die Hochstraßen der Alpen

22nd Harley Meeting
Ruhrpott

Am Sonntag dem 7. August bebt der Pott. Dann treffen sich im LWL Industriemuseum Henrichshütte Hattingen, einer der spektakulärsten Industriekulissen in Europa, wieder tausende Freunde des satten V2-Klangs.

Alpenklassiker - der
Gotthardpass, das
Herzstück der Alpen

Auch unsere neue Alpenserie ist reich an Fahrgenuss und Höhepunkten. Dazu erzählen wir Ihnen die spannenden Geschichte bekannter und unbekannter Alpenpässe. Getreu dem Motto „Man sieht nur, was man weiß“ starten wir mit einem Klassiker der Westalpen.

Panzerbike

Den Titel des mächtigsten Motorrads der Welt nimmt neuerdings das Monster der Harzer Bike Schmiede für sich in Anspruch. Es wird vom V12-Motor eines russischen Panzers aus der T 55-Baureihe angetrieben. Der hat sagenhafte 38.000 Kubikzentimeter und 1000 PS.

Auto-Treffen am
legendären Ace Cafe
London

Das Ace Cafe London ist legendär: 1938 an der North Circular Road der großbritannischen Hauptstadt als Raststation für Lkw-Fahrer mit Café, Tanke und Werkstatt eröffnet, wurde das Gebäude im Zweiten Weltkrieg durch einen Luftangriff zerstört.

X-Ray

Aus Baden-Württemberg, genauer gesagt aus dem Raum Schwäbisch Hall, kommt die Hardrock- und Heavy-Metal-Coverband X-Ray.

Carrera Fire Fighter
im Redaktionstest

Carrera hat ein neues ferngesteuertes Auto auf den Markt gebracht – den Fire Fighter Watergun, ein SUV mit einigen Features wie Luftreifen auf Felgen in Chrom-Optik …

Heiße Nächte in
Helsinki

Die skandinavischen Sommertage sind lang und hell. Wie die Zeit nutzen? In den 80ern starteten ein paar Jungs in der Finnischen Hauptstadt …

Peel P50

Das kleinste Serienauto der Welt wurde nur etwa 50 mal gebaut. Es hatte mit einer Gesamtlänge von 1,34 Meter gerade einmal Platz für eine Person und einen Aktenkoffer.

Leserbriefe 02/08

Auszug aus den Leserbriefen der BIKERS NEWS-Ausgabe Februar 2008 Frequently asked Hallo, ich hätte da mal eine Frage zu den Rubriken „Gründung/Auflösung“ in Euren Clubnachrichten. Ich lese sie sehr gerne und muss mich immer wundern, dass die Leute sich nicht in dem Buch „Alles über Rocker“ informieren, was abgeht und wie man sich in der Szene zu verhalten hat.

DOPPEL-WHOPPER

Salzburg Ein Motorrad mit einem Radstand von knapp zwei Metern zu bauen, verlangt entweder nach Mut oder einem durchdachten Konzept. Hier trifft mit Sicherheit zweiteres zu. Seit 2002 tüfteln die österreichischen Techniker an einem Bike, das sowohl Tourenfahrer als auch Geschäftsleute begeistern soll. Während beim Prototyp der Alagardo als Basisfahrzeug eine FJ1200

Transportfahrzeuge

Motorräder haben den unbestreitbaren Vorteil, dass sie sich bei Bedarf in einem Auto verstauen lassen. Etwa wenn der Regen nervt, der Rücken drückt, die alte Karre ständig zickt oder schlicht die Faulheit über den willigen Geist siegt. Doch mit welcher Fahrzeuggattung macht der Biketransport am meisten Laune? CUSTOMBIKE hat eingeladen

Neubaugebiet

Wer bei einem Trip in den Staaten ohne heißes US-Car unterwegs ist, ist selbst Schuld …
Newsletter bestellen
weiter
Welche Themen interessiern dich?
Bike Auto Tattoo Musik
Stand:19 January 2019 21:42:37