Alpenklassiker - Col du Mont Cenis, die Kaiserroute der Westalpen


Vom Kleinen zum Großen Mont Cenis: Türkis schillerndes Wasser am Nordufer.
Alpenklassiker: Col du Mont Cenis (F/I) - Teil 1
Auch unsere neue Alpenserie ist reich an Fahrgenuss und Höhepunkten. Dazu erzählen wir Ihnen die spannenden Geschichte bekannter und unbekannter Alpenpässe. Getreu dem Motto „Man sieht nur, was man weiß“ starten wir mit einem Klassiker der Westalpen.

Der Route des Grandes Alpes folgend, deren Entstehung auf eine Initiative des Französischen Automobilclubs TCF im Jahr 1909 zurückgeht, gelangt man von der südlichen Passrampe des Col de l’Iseran in das Arc-Tal bei Bonneval-sur-Arc. Spektakuläre Aussichten auf vergletscherte Berge machen schnell klar, dass hier eine Hochburg der Westalpengipfel liegt. In den Seitentälern der Maurienne glitzern das ganze Jahr hindurch Gletscher und firnbedecktes Hochgebirge im Sonnenlicht. Tief zwischen den Bergen eingeschnitten liegt in 1400 Metern Höhe bei Lanslebourg der Abzweig zum geschichtsträchtigen Col du Mont Cenis.

Über den Col du Mont Cenis
Kaum ein Pass ist so umfangreich in die Geschichte eingegangen wie der Col du Mont Cenis. Von Römern, Franken und Deutschen Kaisern begangen, von Hannibals Truppen möglicherweise samt Kriegselefanten erklommen und von Na­poleons Truppen als befestigte „Chaussee“ hinterlassen, ist er heute eine gut ausgebaute Motorradstrecke über die französisch-italienische Grenze, deren Verlauf im letzten Jahrhundert mehrfach verschoben wurde. Ein gigantischer Stausee krönt den Passsattel, an dem auch die Grajischen Alpen im Norden und den Cottischen Alpen vom Süden her zusammentreffen. Vom 2083 Meter hohen Pass, der heute in Frankreich liegt, geht es dann auf einer typisch italieni­schen Passstrecke hinunter ins 500 Meter hoch gelegene Susa.
 

Ab Lanslebourg steigen wir auf gut ausgebauten Serpentinen durch den Lärchenwald, bis die Baumgrenze erreicht ist. Mit ersten Blicken auf den riesigen Mont-Cenis-Stausee empfängt uns die Passhöhe des Col de Mont Cenis am ­Relais du Col. Der See ist der größte und höchstgelegensten seiner Art in Europa. Ein Kilometer vorher zweigen rechts Schotterpisten zum Fort Turra und später zum Col de Petit Mont Cenis ab. ­Alternativ leitet hier eine teils geschotterte, bedingt straßenmotorradtaugliche Alternativroute am südlichen Seeufer ent­lang. Die Hauptroute führt hingegen über mehrere Kilometer auf dem Höhenniveau des Passes und bietet neben griffigem Asphalt weite Blicke auf die grandiose Hochgebirgslandschaft und das türkisfarbene Wasser des Sees. Viele Biker fassen das als eine Einladung auf, in den Racing-Modus zu verfallen und jagen auf das südliche Ende des Lac du Mont Cenis mit seiner Schüttdammstaumauer zu. Unterhalb des Ancien Fort de Ronce liegt das Musée Pyramide du Mont Cenis, in dem Dioramen zeigen, wie der Pass zu Zeiten Napoleon Bonapartes und zu Zeiten Hannibals (218 v. Chr.) aussah. Auf der gegenüberliegenden Seeseite tauchen gleich mehrere Militärforts auf, meist in Gipfellage. Das höchstgelegene ist das Fort Malamot (2917 m), das bis in die 1990er-Jahre von geübten Enduris­ten angefahren werden konnte. Seitdem die Auflagen des angrenzenden Vanoise-Nationalparks enger gesteckt wurden, besteht für praktisch alle Forts ein Fahrverbot mit Schranke. 2015 berichteten Enduristen, dass das Fort de la Turra bis zur darunterliegenden Käserei wieder frei anfahrbar ist.

Weite und Einsamkeit  
Unter Motorradfahrern ist besonders die italienische Passrampe sehr beliebt. Wir können das bestätigen, denn allein in der Anlage der Serpentinengruppen und im zu bewältigenden Höhenunterschied offenbart sich ein breit ausgebau­tes Meisterwerk italienischer Straßenbaukunst. Der erste High-Speed-Rausch wird durch die große Freifläche unterhalb des Staudammes unterbrochen. Hier wurde den Bauarbeitern des heutigen Dammes bei Gran Croix eine ­Unterkunft errichtet, die noch als „Hotel Malamot“ existiert. Von kleineren kosme­tischen Veränderungen abgesehen, dürfte sich das Gebäude fast noch im Originalzustand befinden. Äußerlich präsentiert sich der Bau wenig attraktiv, die Küche wird aber sehr gelobt.

In vier langgestreckten Serpentinen mit weit sichtbaren Begrenzungssteinen fährt man anschließend ins Val Cenisio ein, an dessen Flanken einst für kurze Zeit eine Eisenbahnlinie entlangfuhr. Das geübte Auge erkennt heute noch die Trassenführung der besonders steigfähi­gen Fell’schen Mont-Cenis-Bahn, einer Zahnradbahn, die ab 1868 über den Pass führte. Die Bahn diente dem Transport der „Indian Mail“, Englands wichtiger und schneller Kommunikation mit den Kolonien. Sie war nur drei Jahre in Betrieb. Die rasche Fertigstellung des benachbarten Mont-Cenis-Eisenbahntunnels am Col de Fréjus aus dem Jahr 1871 machte die mühsame Passquerung schnell überflüssig. Verfallene, schmale Eisenbahntunnel säumen auch heute noch besonders im Grenzgebiet die Passstraße.

 
Die vorletzte Kehrengruppe ?Le Scale? im Val Cenisio macht noch mal mächtig Meter, oben die Kuppe des Staudammes.
Die vorletzte Kehrengruppe „Le Scale“ im Val Cenisio macht noch
mal mächtig Meter, oben die Kuppe des Staudammes.


Etwas später ist die italienische Grenze erreicht, an der sich das Tal weiter öffnet. Hier mündet auch die alte Passstraße vom Val Cenisio ein, die sich auch heute noch als Alternativstrecke fast ohne Kunstbauten dem Col du Mont Cenis entgegenschlängelt. Diese alte Pass­straße dürfte auch der ehrwürdige Sig­nore Adalberto Garelli im Winter 1914 benutzt haben. Die alte Moncenisio-Provinzstraße führt an einem weit sichtbaren Wasserfall von Susa hinauf zum Pass. Bei dem heutigen Verkehr auf der gut ausgebauten Strecke ist es schwer vorstellbar, wie sich einst der Warenverkehr über diese minimale Straße gedrängt haben muss.

Die italienische SS 25 del Moncenisio ist heute Lkw-gerecht ausgebaut, was in unserem Fall nur wenig störend ist. Ähn­lich wie auf der französischen Passhöhe hat sie eine Trassenführung, die sich mit perfekten, leicht überhöhten Radien dem Susatal entgegenschlängelt. Einige verfallene Case Cantoniera (Straßenwärterhäuschen der ANAS) säumen den Weg. Bei Bar Cenisio passiert man die alte Grenzstation und der Wald wird dichter.

Susa ist ein Ort zum Bleiben. Daher sollte man unbedingt auf der Piazza am Fluss eine Pause einlegen und sich zumindest einen Cappuccino oder ein Eis gönnen. Die Gebirgskulisse ist sensationell und Susa eignet sich gut, um Unternehmungen in Sachen Pässefahren zu planen oder einfach das süße Leben ­Italiens auf sich wirken zu lassen. Der Assietta-Kamm, die Nordrampe des Col di Finestre (47 Kehren!) und weitere Endurostrecken münden hier, außerdem bietet Susa großartige Blicke auf den ­gewaltigen Rocciamelone (3538 m) am Südrand der Grajischen Alpen.

Von Hannibal bis Napoleon –
die spannende Geschichte des Mont Cenis   

Napoleon Bonaparte veranlasste den Ausbau und die Befestigung des Passes in den Jahren 1803 bis 1810. Der Pass sollte es Napo­leons Truppen ermöglichen, ­ähnlich wie schon am Simplon, auch mit schwerem Kriegsgerät schnell nach Italien gelangen zu können. Dass der Mont Cenis schon lange vorher von Menschen begangen wurde, belegt die Geschichtsschreibung der Griechen Livius und Polybios. Bei ­ihnen ist zu lesen, dass 218 v. Chr. Hannibals Heer samt Kriegs­elefanten an dieser Stelle die Alpen überquert haben könnte. Sechzehn Tage soll diese Querung gedauert haben, viele Menschen und alle bis auf einen der 37 Kriegselefan­ten fielen den Witterungsbedingungen zum Opfer.

 
Die gleiche Kehrengruppe wie auf Seite 47 von oben: ?Le Scale? im Mai 1956.
„Le Scale“ im Mai 1956.

Da Livius selbst kein Zeitgenosse Hannibals war, sondern etwa 250 Jahre später lebte, stützen sich seine Schriften auf ­Primärquellen und auf die Aufzeichnun­gen griechischer Sklaven beziehungsweise Schreiber, die Hannibal begleitet haben. In der Rekonstruktion des Alpenübergangs ist von zwei oder auch drei Überfällen der „Bergbewohner“ auf Hannibals Zug die Rede. Bei Livius sind es die Gallier, die Hannibals Zug am hellichten Tag zunächst blockiert haben sollen. Hannibals Truppen besetzten nachts die frei gewordenen Höhenzüge und eroberten tags darauf befestigte Anlagen und umliegende Gehöfte, was existentiell wichtig war, um seine Armee für weitere Tage ernähren zu können. Als alternativer Pass für Hannibals Alpenüberquerung gilt der weiter südlich gelegene Mont Clapier.

Auch in der Neuzeit ist die Geschichte geprägt von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und Italien. Am Hochplateau des Col du Mont Cenis befand sich bis nach der Jahrhundertwende nur ein kleiner Natursee, an dessen Gestaden ein Hospiz lag, das für Generationen von Reisenden von großer Bedeutung war. So hatte Napoleon trotz seiner Abneigung gegen Klöster eine Ausnahmegenehmigung für den Bau des Mont-Cenis-Hospizes erteilt. Als Dank für die Hilfe im Krieg gegen Österreich traten die Savoyer am 24. März 1860 ihr Stammland an das französische Kaiserreich ab. Savoyen gehörte fortan zu Frankreich und nicht mehr zum Königreich Sardinien, wodurch der Col du Mont Cenis zu einem strategisch wichtigen Grenzpass aufgewertet wurde. Auch die militärische Aufrüstung schritt voran – zwischen 1874 und 1887 baute das Königreich ­Italien fünf große Befestigungsanlagen um den damals noch viel kleineren Mont-Cenis-See: die Forts Ronce, Variselle, Pattacreuse, Malamot und Cassa.

1921 entstand auf Höhe des Hospizes die erste Staumauer. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1947 gemäß den Vereinbarungen des Friedensvertrags mit Italien die Grenze zugunsten Frankreichs verschoben. Italien erhielt in diesem Vertrag Garantien, die auch in Zukunft die Wasser- und Stromversorgung aus dem Lac du Mont Cenis sichern sollte. Der Staudamm heutigen Ausmaßes wurde 1968 vom Stromversorger EDF fertiggestellt. Auf dem Boden von Europas höchstgelegenem Stausee schlummern nun die Ruinen des Hospizes und des Fort Cassa. Beim Baubeginn 1962 mussten über 15 Millionen Kubikmeter Erde bewegt werden.

Schmalspur-Tunnel: Hier fuhren zwischen 1868 und 1871 die britischen Fell-Lokomotiven der Mont-Cenis-Bahn.Nostalgiefassade: ehemaliges ­Straßenwärterhäuschen der ANAS an der SS N 25 del Cenisio.
Schmalspur-Tunnel: Hier fuhren zwischen 1868 und 1871 die britischen
Fell-Lokomotiven der Mont-Cenis-Bahn (links). Nostalgiefassade: ehemaliges ­
Straßenwärterhäuschen der ANAS an der SS N 25 del Cenisio.



Text: Markus Golletz
Bilder: Markus Golletz, Touring Club Italiano Archiv Milano




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17.04.2016
Text: Markus Golletz Bilder: Markus Golletz, Touring Club Italiano Archiv Milano
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