Alpenklassiker - das Stilfser Joch, die italienische Herausforderung


Alpenklassiker: Stilfser Joch (I)
Er ist der höchste befahrbare Gebirgspass in Italien und gleich nach dem französischen Col de l’Iseran ebenso der höchste asphaltierte Pass des gesamten Alpenraums: der Passo Stelvio, das legendäre Stilfser Joch. Seine Nordostrampe zählt zu den schwersten Passstraßen Europas und ist für Anfänger nicht zu empfehlen.

Ihren Titel als „Schwerste Passstrecke der Alpen“ und „world greatest driving road“ trägt sie vollkommen zu Recht. Das Stilfser Joch oder besser ­gesagt dessen Nordostrampe, aus dem Vinschgau kommend, will hoch konzentriert gemeistert werden, denn erschwerend kommt nicht nur der zu überwindende Höhenunterschied von 1900 Metern hinzu, sondern auch der vor allem an Sommerwochenenden extreme Verkehr auf der gesamten Strecke. Dann versperren überforderte Auto- und Wohn­mobilfahrer nahezu durchgängig die Ideallinie. Unser Tipp: Fahren Sie das Stilfser Joch möglichst unter der Woche.

Trotz aller Schwierigkeiten müssen auch Anfänger und Wiedereinsteiger nicht auf das obligatorische Gipfelfoto verzichten. Unser Tipp dazu: Die gut ausgebaute Rampe von Bormio kommend ist deutlich leichter zu erfahren und mit 30 Kehren keinesfalls langweilig in ihrer Streckenführung. Alternativ können Sie auch über den im Nord­westen liegenden Umbrailpass anreisen, die Details entnehmen Sie bitte unse­rem Tourentipp auf Seite 53.

Die nahezu komplett überbaute Passhöhe zieren diverse Einkehrmöglichkei­ten und Andenkenläden, in denen es auch den begehrten Aufkleber für Koffer oder Windschild gibt. Ein Fußweg führt hinauf zur berühmten „Cima ­Garibaldi“, der „Dreisprachenspitze“ auf 2843 Höhenmetern, einstmals das Dreiländereck zwischen Italien, Österreich und der Schweiz.
 

Etwas unterhalb des Jochs Richtung Umbrailpass und Bormio liegt die Albergo Folgore, die immer wieder Ziel von Motorrad- und Oldtimer-Veteranen­veranstaltungen ist wie zum Beispiel dem „Motoraduno Stelvio International“, einem weithin bekannten viertägigen Treff nicht nur italienischer Biker. Es findet alljährlich Ende Juni nach der Schneeschmelze statt.

 
» Auch mit erneuertem Belag ist der Pass
immer noch sehr anspruchsvoll «


Seitdem das Joch auch immer wieder Etappenziel des berühmten Giro d’Italia ist, gehören neben Bikern vor allem auch Radfahrer zur Zielgruppe des Tourismus rund ums Joch. Und einmal jährlich – heuer am 27. August – wird das gesamte Joch inklusive Umbrailpass speziell für Radfahrer gesperrt. Das sollten Sie bei der Tourenplanung berücksichtigen.

Der ewige Streit: die Maut
Ein Thema, das Mitte des 19. Jahrhunderts beinahe dazu geführt hätte, die Passstraße komplett aufzugeben, schwelt seit einigen Jahren erneut: die Erhebung einer Maut am Stilfser Joch. 2013 sollte es unmittelbar nach der Winterpause so weit sein, zehn Euro sollte die Tagesmaut für Motorradfahrer kosten. Doch vor allem der Tourismus im Vinschgau läuft dagegen Sturm und hat es auch für 2016 nochmals geschafft, den happigen Wegezoll zu verhindern. Abhaken dürfen wir das Thema keinesfalls, denn viele Befürworter bringen als Argument die Großglockner-Hochalpenstraße in die Diskussion, die nicht nur Jahr für Jahr satte Mauteinnahmen generiert, sondern im Umfeld der Straße auch zahlreiche neue Arbeitsplätze geschaffen hat. Und die Bestrebungen, den Nationalpark Stilf­ser Joch als UNESCO-Welterbe anzumelden, könnten dazu führen, dass mittels Maut eine deutliche Reduzierung der vor allem im Sommer erheblichen Verkehrsbelastung versucht wird. Noch gibt es also keinen Grund, in puncto Maut aufzuatmen.

Die Geschichte der legendären Stilfser-Joch-Passstraße
Wormser Steig“ nannte man das ­Stilfser Joch im frühen Mittelalter, benannt nach der im Süden liegenden Stadt Bormio, zu Deutsch „Worms“ (nicht zu verwechseln mit der Nibelungenstadt Worms am Rhein). Archäologische Funde zeigen, dass sogar schon zur Bronzezeit Menschen über den Pass gewandert sein müssen, vermutlich um die heißen Quellen rund um Bormio zu besuchen. Die Römer bauten einen einfachen Steig über das Joch, um die über den naheliegenden Reschenpass führende Handelsstraße „Via Claudia Augusta“ von Süddeutschland nach Norditalien rasch zu erreichen.

Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) zogen immer wieder vor allem auch mailändische Truppen über das Joch, um ­Österreichs Erzherzog Leopold beizustehen. Ja, sogar 20 000 Soldaten aus dem fernen Spanien kamen 1634 über das Joch und fielen im Vinschgau ein.

 
Historischer Blick auf die Nord­rampe, die Trassenführung stammt aus dem 19. Jahrhundert.
Historischer Blick auf die Nord­rampe, die Trassenführung
stammt aus dem 19. Jahrhundert.


Vor allem auf Betreiben der Stadtoberhäupter von Bormio sollte dann 1795 ein alter Saumpfad über das Joch zu einem einspurigen Karrenweg ausgebaut werden. Doch die westlich angrenzenden Engadiner Landesfürsten befürchteten, dass der zollpflichtige Warenverkehr zum Reschenpass, der bislang durch ihr Territorium führen musste, über Italien umgeleitet werden könnte und verhinderten das Straßenbauprojekt. 1820 begann das österreichische Kaiserreich schließlich mit dem Bau der 50 Kilometer langen Straße, 1825 zogen erste Fuhrwerke über die Piste und nach der Schneeschmelze 1826 war feierliche Eröffnung. Damals ­gehörte die Lombardei zum Kaiserreich, eine Tatsache, die sowohl militärisch als auch wirtschaftlich genügend Argumente lieferte, dieses technisch aufwändige und damit teure Bauvorhaben zu realisieren. Fünf Meter breit war die Straße, maximal zehn Prozent betrug ihre Steigung und alle 500 Meter gab es flache Abschnitte, um Pferdefuhrwerken die Möglichkeit zum Verschnaufen zu geben. Vor allem im Winter, wenn die Lasten auf Schlitten geladen wurden, war die Überquerung des Jochs ein lebensgefährliches Unterfangen für Mensch und Tier.

Beamtenmäßig durchnummeriert
78 durchnummerierte Spitzkehren besaß die Trassierung damals, 48 davon auf der Ost- und 30 auf der Westrampe. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Passstraße wurde zum Prestigeobjekt des damals schon weithin bekannten italienischen Bauingenieurs Carlo Donegani, der sich damit ein architektonisches Denkmal setzte. Als 1859 das österreichi­sche Kaiserreich die Lombardei an das Königreich Italien abgeben musste, verlor die Handelsstraße über das Joch rapide an Bedeutung. Jahre später wurde sogar eine Maut eingeführt, um die immensen Kosten der Instandhaltung der Straße zu finanzieren – beinahe der Todesstoß für die Passstraße.

 
» Die Einführung einer Maut versetzte dem
Pass einmal fast den Todesstoß. «


Tiroler Landeshauptmänner erkann­ten allerdings die Bedeutung des Stilfser Jochs für den einsetzenden Fremden­verkehr und forderten vehement die Erneuerung der Piste. 1897 begann man damit, sie zu verbreitern und lawinen­sicherer zu machen. Im Ersten Weltkrieg verlief die Italienfront direkt über das ­Stilfser Joch, das gesamte Gebiet versank im Krieg zwischen Italien und Österreich-Ungarn. Überreste alter Wehranlagen sind auch heute noch allerorten zu entdecken.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg ­begann man damit, die arg ramponierte Passstraße wieder aufzubauen, ohne ­allerdings ihre ursprüngliche Trassierung zu verändern. Es gab vor allem entlang der Nordostflanke schlichtweg keine ­bessere Streckenführung, als die aus dem 19. Jahrhundert.
 

Auf der Passhöhe gibt es oftmals nur unter der Woche ein Plätzchen zum Durchatmen.Alle 500 Meter gab es Ausweichstellen, an denen Mensch und Tier verschnaufen konnten.
Auf der Passhöhe gibt es oftmals nur unter der Woche ein Plätzchen zum
Durchatmen (links). Alle 500 Meter gab es Ausweichstellen, an denen Mensch
und Tier verschnaufen konnten.



Text: Heinz E. Studt
Bilder: Heinz E. Studt, Wikipedia, fotolia




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17.10.2016
Text: Heinz E. Studt Bilder: Heinz E. Studt, Wikipedia, fotolia
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