Alpenklassiker - der Gotthardpass, das Herzstück der Alpen


Die ?Tremola? ? die historische Südrampe des Gotthard ist der fahrerische Höhepunkt der Region.
Alpenklassiker: Der Gotthardpass (CH)
Der legendenreiche Gotthardpass in der Schweiz ist einer der ältesten und wichtigsten Übergänge des gesamten Alpenraums. Er war aufgrund seiner Schluchten und Felslabyrinthe einer der gefährlichsten Orte Europas. Und er war eine jener Alpenfestungen, deren wahres Ausmaß bis heute ein streng gehütetes Geheimnis ist.

Wenig Handfestes ist heute noch übrig von jenem „Adula Mons“, dem bereits den Römern bekannten Alpenübergang, der ihnen aber meistens zu gefährlich war. In Geschichts­büchern und Chroniken wird zwar noch oft von ihm erzählt, der heutige Reisende ahnt aber kaum etwas von der Geschichts­trächtigkeit der gesamten Passstrecke, denn Relikte aus längst vergangenen Tagen sind selten am Gotthardpass.

Gotthards heutige Herrlichkeit
Gleich hinter Andermatts Vorort Hospental zweigt die Passstraße gen Süden ab, begrüßt uns zunächst mit einigen weit schwingenden Kurven und Kehren, um dann im oberen Drittel in eine beinahe schnurgerade Kantonsstraße überzugehen. Wer bereits hier ein Stück Gotthard-Geschichte erleben möchte, der achte auf den kopfsteingepflasterten Abzweig rechter Hand kurz vor der Passhöhe. Bereits dieser Abzweig, der uns ganz nah an den idyllischen Stausee Lago di Lucendro heranführt, ist historisches Pflaster.

Die von 1872 bis 1882 erbaute Gotthard-Bahnlinie von Immensee nach Chiasso durch einen 15 Kilometer langen Basistunnel konnte ab 1924 auch Autos huckepack mitnehmen und versetzte der alten Passstraße damit den ers­ten Todesstoß. 1953 begann man mit dem Bau der neuen Gotthardstraße, und mit der feierlichen Eröffnung des Gotthard-Scheiteltunnels 1980 verlor sie endgültig an Bedeutung. Dass heutzutage ein Groß­teil des Transitverkehrs durch den mit 17 Kilometern längsten Tunnel der Alpen rollt, hat die Attraktivität des Passes speziell für Motorradfahrer allerdings erheblich gesteigert.
 

Die Gotthard-Passhöhe zwischen Her­berge und Hospiz zieren der eiskalte Lago della Piazza, ein Fliegerdenkmal sowie das Denkmal General Suvorovs, der Norditalien von den Franzosen befreite und über den Gotthard heimwärts zog. Dazu gesellen sich einige Einkehrmöglichkeiten und Andenkenläden. Auf dem großen Parkplatz treffen sich nahezu jeden Sommertag Biker aus der umliegen­den Region. Im Nebengebäude des Hospizes ist das „Museo Nazionale del San Gottardo“ untergebracht, in dem die Ge­schichte des Passes erzählt wird.    

 
» Für erfahrene Biker ist die Tremola Pflicht –
für alle anderen eher Stress «


Und jetzt bitte stopp: Bevor Sie nun gen Süden auf die neue Gotthardstraße einbiegen, werfen Sie unbedingt einen Blick auf das vor Ihnen liegende Gelände. Dort am östlichen Felshang liegt nämlich eines der geschichtlichen und fahrerischen Highlights des Gotthard – die legendäre „Tremola“. Die historische Gotthardsüdrampe, eine 2011 restaurierte Kopfsteinpflasterpiste, deren Mauern und Steine unzählige Geschichten von Freud und Leid zu erzählen hätten, kann man auch heute noch befahren. Unser Tipp: Fahranfänger sollten an dieser Stelle die neue Gotthardstraße wählen, „alte Hasen“ im Mopedsattel gönnen sich hingegen mit ruhiger Gashand und korrekt ein­gestelltem Federbein die „Tremola“ mit 32 Kehren auf zehn Kilometern Länge hinunter nach Airolo. Es ist historischer Boden in des Wortes kühnster Bedeutung, der bei Nässe allerdings gefährlich rutschig werden kann.

 
Für erfahrene Biker ist die Tremola Pflicht ? für alle anderen eher Stress.
Für erfahrene Biker ist die Tremola Pflicht –
für alle anderen eher Stress.


Und in Airolo angekommen, haben Sie einmal mehr die Qual der Wahl: Rechter Hand wartet der Nufenenpass auf Sie, gleich vor Ihnen im Süden das herrliche Tessin und linker Hand via ­Biasca der Lukmanierpass – wahrlich keine schlechte Ausgangsbasis für das schönste Hobby der Welt.


Die Geschichte des Gotthard
Der Grund dafür, warum sogar abenteuerlustige Römer den Gotthard vorzugsweise mieden und stattdessen über Brenner- oder Reschenpass zogen, lag in der lebensgefährlichen und deshalb weithin gefürchteten Schöllenenschlucht an der Nordflanke des Passes. Sie galt über 1000 Jahre lang als unbezwingbar, erst 1220 gelang es, eine bis dato unpassierbare Engstelle der Schlucht mit einer 60 Meter langen Holzbrücke zu überbauen – eine technische Meisterleis­tung für damalige Zeiten. Teufelsbrücke wurde das waghalsige Konstrukt genannt und verlangte von denjenigen, die sie begehen wollten, großen Mut. Dennoch legte sie den Grundstein für den ersten befestigten Saumweg über den Gotthard, der bald schon mit Granitplatten gepflas­tert und so für Fuhrwerke nutzbar wurde.

Bis zu 12 000 Menschen zogen in der Folge Jahr für Jahr über den Pass, ja die Gotthardzölle wurden rasch zu einer der Haupteinnahmequellen der im fernen Luzern regierenden Habsburger. Und so trieben sie den Ausbau des Gotthard-Saumwegs kräftig voran, bereits um 1500 n. Chr. erzählen Handelschroniken davon, dass jährlich 170 Tonnen Waren von 10 000 Säumern und 9 000 Tieren über den Pass geschafft wurden. Und das sogar im Winter, man tauschte dazu einfach die Räder der Karren gegen Kufen. Mindestens 30 Stunden dauerte damals die Überquerung und kos­tete nicht nur bei Eis und Schnee ungezählte Opfer.

Mönche durften Schuhe tragen
Um 1430 begannen Mönche, das erste Gotthard-Hospiz zu errichten, denn nicht nur die Säumer, auch mehr und mehr ­Pilger auf ihrem Weg nach Rom suchten Unterkunft und Verpflegung. Ab 1685 wurde das einfache Hospiz von Kapuzinermönchen geführt, die wegen des ­extremen Wetters sogar die Sondergenehmigung bekamen, Schuhe tragen zu dürfen. Damals erhielt jeder Reisende, auch ein mittelloser, ein Stück Brot und Käse, einen Becher Wein und ein einfa­ches Nachtlager; und mittags eine heiße „geschmalzte Suppe“.

 
Abenteuerlich: ?Cabrio?-Touristenbus auf der Gotthard-Südrampe.
Abenteuerlich: „Cabrio“-Touristenbus auf der Gotthard-Südrampe.


Nachdem die umliegenden Kantone vier Millionen Franken Zuschuss zugesagt hatten, beschloss Uri im Jahr 1818, neben dem mit Granitplatten ausgelegten, bis zu fünf Meter breiten Saumweg eine erste befestigte Fahrstraße über den Gotthard zu bauen. Deren Gesamtfinanzierung sollte über eine 35-jährige, drastische Erhöhung des Wegezolls gesichert werden. Schon 1826 und damit in verdächtig ­kurzer Zeit waren die Bauarbeiten abgeschlossen, allerdings so mangelhaft ausgeführt, dass in der Folge viele Trassen, ja sogar ganze Brücken einstürzten. Fast die gesamte Strecke musste nochmals neu gebaut werden und wurde erst 1830 freigegeben.

 
» tödliche Schluchten, Pfusch am Bau und
eine geheimnisvolle Festung «


1886 begann das Schweizer Militär damit, geheime Festungen und mächtige Sperrwerke zu errichten. Vor allem im ­Ersten Weltkrieg wurde der Gotthard zu einer der wichtigsten Alpenfestungen der Schweiz ausgebaut, um die sich bis heute unzählige Geheimnisse ranken. Die Gotthardfestungen waren von großer Bedeutung für den Schweizer Widerstand gegen deutsche Besatzer. Von kilometerlangen Gängen im Fels, von Bunkern, Kanonenständen, ja ganzen unterirdischen Hospitälern ist auch heute noch die Rede. Und so manche Ruine, so manche Tür im Fels ist auch heutzutage noch unentdeckt, denn Pläne sind verschwunden oder als geheim eingestuft und Zeitzeugen seit Jahrzehnten tot. Es wird sogar kolportiert, dass der Gotthard derart durchlöchert sei, dass man am Urner See in den Fels fahren könnte und erst bei Bodio im Tessin wieder ans Tageslicht gelange.

Apropos: Im Juli 1902 fuhr erstmals ein Auto über den Gotthard. Der deutsche Dichter Otto Julius Bierbaum – besser bekannt als Simplicissimus – steuerte einen acht PS starken Phaeton aus den Adler-Fahrradwerken in Frankfurt über den Pass. Damals noch ein echtes Abenteuer.

Die rote Herberge am Gotthard bietet Komfort für alle Reisenden, das historische Hospiz gegenüber nur einfachste Unterkunft.General Suvorov befreite Nord­italien von den Franzosen und zog mit letzter Kraft heimwärts über den Gotthard.
Die rote Herberge am Gotthard bietet Komfort für alle Reisenden,
das historische Hospiz gegenüber nur einfachste Unterkunft (links). General Suvorov
befreite Nord­italien von den Franzosen und zog mit letzter Kraft heimwärts
über den Gotthard.



Text: Heinz E. Studt
Bilder: Heinz E. Studt




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22.06.2016
Text: Heinz E. Studt Bilder: Heinz E. Studt
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Stand:19 January 2019 21:37:01