Ruhe vor dem Sturm


Cooles Volk und bunte Typen gibt es zuhauf in Daytona BeachNächstes Jahr wird fett gefeiert, denn dann wird die 75. Ausgabe der Daytona Bike Week wohl mehr Besucher anlocken als dieses Jahr

Die Urmutter aller Bike Weeks hat schon seit einigen Jahren mit sichtbarem Besucherschwund zu kämpfen. Auch wenn die Stadt wie eh und je von einer halben Million Bikern spricht: Wer zuletzt in den 90er Jahren in Daytona war, dürfte sich verwundert die Äuglein reiben, wie luftig es selbst in der Main Street mitunter zugeht. Natürlich ist es am Wochenende rappelvoll, allerdings drängen sich dann auch abstoßend viele Pick ups und SUVs mit meist übergewichti­gen, dauerfotografierenden Gaffern durch Daytonas Epizentrum. Hier fahren alle durch, viele scheinen überhaupt nichts anderes zu machen. Nach zwei, drei Stunden ist man eigentlich durch mit diesem skurrilen Wahnsinn aus gechoppten Mofas und selbstgezimmerten V8-Trikes, Big-Wheel-Baggern und Langschwingen-Sportlern, Rollatoren und Raketen auf Rädern. Es sei denn die Verlockungen der zahlreichen Saloons ziehen einen an die Tränke und in den Sog aus krachender Live-Mucke, dröhnenden Motoren und kreischendem Partyvolk. Dann wird dieser merkwürdige Ort mit jedem Schluck aus der eiskalten Pulle mehr und mehr zum best place on earth. Neben dir steht ein versiffter Spiderman, die Lady gegenüber hat ’ne Python um den Hals hängen und der besoffene Freak hat nicht nur einen, sondern vier Vögel: drei Papageien und einen Kakadu. Denn wenn es so etwas wie einen Trend gibt, dann ist es das Mitbringen von Tieren. Selbst Tiger­babys und Leguane haben wir in der Main Street schon angetroffen. Von den kleinen Kötern im rosa Harley-Outfit ganz zu schweigen. Awesome …

Echte Trends? Na ja, die Baggermania dürfte ihren Höhepunkt mit zweiunddreißigzölligen Vorderrädern erreicht haben. Auffällig ist da eher schon die Rückbesinnung auf fahrbare Oldschool-Dresser mit Knuckle-, Pan- oder Shovel-Aggregaten. Mal schauen, ob das was wird. Ansonsten scheinen die Amis ihr Custombudget derzeit eher in die Beleuchtung zu stecken. Unzählige LEDs auf, unter und in allen Ritzen der Bikes sorgen für vielfarbige Christbaumoptik. Gibts zwar schon seit Jahren, ist jetzt aber zum absoluten Must-have mutiert. Auch das – ziemlich awesome …
 
 

Die Rat?s Hole Show ist schon wieder umgezogen, kostet jetzt aber immerhin keinen 
Eintritt mehrDas wahre Bikerleben findet aber eh nicht auf der Main Street statt, sondern auf den Campgrounds und den Partyhotspots rund um den Iron-Horse- und Broken-Spoke-Saloon oder beim Cabbage Patch, wo das legendäre Krautcatchen auch gehobenen Entertainment-Ansprüchen gerecht wird. Dicke Ladys in öligem Weißkohl beim verbissenen Ringkampf – sehr, sehr awesome! Auch die Clubs, während der Bike Week in zentrumsnähe traditionell ohne Kutte unterwegs, lassen es dem Anlass entsprechend sehr ordentlich krachen. In den Club-häusern und auf privatem Gelände sind Member, Supporter und authentisches Bikervolk willkommen. Kameras nicht – Berichterstattung unerwünscht. Wo was geht, erfährt man eh nur, wenn man es erfahren soll, insofern lohnt hier kein Blick in den offiziellen Bike-Week-Guide …

Auf dem Turm des wunderschönen alten Harley-Ladens am Halifax-River prangt jetzt das Indian-Logo. Dutzende in Zahlung genommene Harleys stehen davor und zeugen davon, dass die neuen Chiefs und Scouts den Nerv der US-Biker treffen. Und auch die zweite Marke des Polaris-Konzerns scheint gut aufgestellt: Das Daytona Police Department hat komplett auf Victory umgesattelt. Zusammen fügen die beiden Polaris-Marken der Motor Company aus Milwaukee mittlerweile nicht nur kleine Kratzer, sondern schon ernsthafte Schnittwunden zu. Üppig dimensionierte Räder, fette Tüten, verchromte Becherhalter und unnützes Gedöns gibt’s bei den fliegenden Händlern und Zubehörmultis, die am Speedway und im großen Harley-Areal „Destination Daytona“ ihre Zelte aufgeschlagen und Trucks geöffnet haben. Gerade hier zeigt sich der Rückgang deutlich, viele Flächen liegen brach und die Besucher schlappen gelangweilt durch die lichten Reihen.

Auch Daytonas legendäre Bikeshows schwächeln. Harleys Ride-In-Show, auf der noch vor wenigen Jahren mehr als hundert gepimpte Eisen um prestigeträchtige Pokale und einen warmen Händedruck von Willie G. himself kämpften, ist komplett platt. Die zuständigen Marketingmenschen bei der Company hatten im Vorfeld irgendwas in den sozialen Netzwerken angeleiert, was wohl kaum jemanden interessierte. Am Ende steht vielleicht ein Dutzend belangloser Kackstühle im Harley-Areal am Speedway. Kein bisschen awesome!

Die Rats Hole Show, immerhin einst die wichtigste Custombike-Ausstellung der Welt, ist schon wieder umgezogen. Die neue Hei-mat ist nun der Parkplatz hinter dem Indian-Dealer in Bei strahlendem Sonnenschein und 25 Grad lässt sich?s lässig durch die Main Street cruisender North Beach Street. Etwa 50, vielleicht 60 Mopeds, eine Handvoll Perlen darunter, buhlen um die Gunst der neuen Jury. Denn die alten Judges, die zum Teil schon seit mehr als drei Jahrzehnten die besten Bikes dieser Show auswählen, sind übergelaufen und voten jetzt für die Boardwalk-Show. Zu den Hintergründen dieses spektakulären Wechsels bekamen wir von beiden Seiten nur hohle Phrasen zu hören. Macht nix, es interessiert uns eh nicht wirklich und am Ende geht’s sowieso immer um Geld und/oder gekränkte Eitelkeiten. Viel wichtiger: die Jurys beider Shows beweisen guten Geschmack, indem sie das gleiche Moped zum Best of Show küren. Eine ultrafeine Boardtrack-Shovel, die in dieser Ausgabe ab Seite 70 ff. ausführlich vorgestellt wird.

Neben diesen drei Klassikern gibt es noch jede Menge andere mehr oder weniger bedeutende Bikeshows – allein drei reine Bagger-Exhibitions haben wir gezählt. Am unterhaltsamsten ist Willie’s Old School Chopper Show, wo zwar viel Schrott, aber auch anbetungswürdiges Material steht. Und wo die Coolen mehr oder weniger unter sich sind, weil der gemeine Bike-Week-Besucher mit dem alten Geraffel ohne Blingbling wenig bis nix anfangen kann. Das Fazit der 2015er Bike Week fällt heiter bis awesome aus: Abgesehen von den ersten zwei Tagen war es trocken, warm und schön. Der hohe Anteil selbstfahrender Ladys und die extreme Typenvielfalt von Mensch und Maschine sind weltweit nach wie vor einmalig. Der Sprung über den Atlantik lohnt also nach wie vor. Aber nicht beim Flattrack-Rennen, wo keine einzige XR mehr an den Start geht. Nur Japaner und KTM. Die 30 Bucks Eintritt sparen wir uns nächstes Jahr – bei der 75. Daytona Beach Bike Week.
Bike Week 2016: 4. – 13. März 2016
 
 


 

Text: Dr. Heinrich Christmann
Bilder: Carsten Heil




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19.07.2015
Text: Dr. Heinrich Christmann Bilder: Carsten Heil
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