Nautilus - Harley-Davidson Evo


Auf gerade mal zwölf Quadratmetern hat sich Holger aus dem sächsischen Grüna ein Reich zum Schrauben geschaffen. »Ja schon, ein bisschen beengt«, gibt er zu, »aber besser als nix«. Seit gerade mal sechs Jahren schraubt der passionierte Motorradfahrer an Bikes. »Autos hätten mich auch gereizt, aber dazu habe ich weder die Zeit noch den Platz«, erzählt der 39-Jährige, der einfach den Wunsch hatte, kreativ zu sein und neues Handwerk zu lernen. »Wie man für Oldtimer neue Teile oder sogar ganze Karossen aus Blech per Hand formen kann, das wollte ich einfach selber ausprobieren.« Und dafür ließ sich der gelernte Wirtschaftsingenieur nicht lumpen. Er schaffte traditionelle Machinen wie »English Wheel«, Sickenmaschine und ein Stauch- und Streckgerät an, brachte sich selbst das Schweißen bei und probierte sich an Erstlingsstücken wie Tanks, Sitzbänken oder Schutzblechen. Und klar, dass es irgendwann Zeit für einen Komplettumbau war.



Für die relativ neue Basis, eine Softail Evolution Baujahr 1987 entschied sich Holger nicht ohne Grund. »Ich konnte das Bike günstig erwerben, was noch genug Reserven für die reinen Umbaukosten ließ, trotzdem hatte ich durch das  Baujahr mehr Spielraum beim TÜV.« Außer Rahmen, Motor und Getriebe blieb allerdings von der Evo sowieso nicht viel übrig. Die Richtung für den Rest war klar. Die Optik alter Motorräder faszinierte Holger sowieso, auch alte Maschinen und Geräte, verschnörkelte Details oder Bauteile aus Messing und Kupfer. Im Motorradbau nennt man Holgers Vorlieben Steampunk, und so setzte er sie auch um. Angefangen hat der Umbau schließlich mit dem seitlichen Kennzeichenhalter aus schmiedeeisernen Elementen, die ich im Baumarkt entdeckt habe und dem alten Karbidscheinwerfer, den ich in England bei E-Bay ersteigert habe und der in makellosem Zustand war. 

Nach und nach suchte Holger immer mehr geeignete schmiedeeiserne Teile zusammen und passte diese für seine Zwecke an. Außerdem sollte kein Chrom mehr am Motorrad zu finden sein. Dafür wurden alle Motorabdeckungen vermessingt. Da Holger selbst keine Drehbank oder Fräse besitzt, machte er viele Messingparts in den USA ausfindig oder ließ sie bei lokalen Handwerkern herstellen. So entstanden zum Beispiel Tankdeckel, Rückspiegel oder Handgriffe. Tank und Fender nahm der Sachse selbst in Angriff, besonders das Spritgefäß fertigte er sehr aufwendig. So schweißte er den zweigeteilten Tank aus sieben Teilen zusammen, die er mühevoll aus Tiefziehblech gedengelt hatte. Die Schweißnähte wurden verzinnt und der Tankinnenraum mit Tankversiegelung gegen Rost geschützt. Um die zwei Tankhälften zu befestigen sowie um den Zwischenraum geeignet zu füllen, fertigte Holger ein oberes Rohr an, das TÜV-konform mit dem Rahmen verschraubt, nicht verschweißt wurde. Eine Herausforderung war es auch, die Ölleitungen zu biegen. Um sie dort hinzubekommen wo sie herauskommen sollten, waren oft mehrere Anläufe nötig.



Als besonderes Gadget ließ er sich den doppelten Kupplungszug einfallen. »Da ich keine Fußschaltung, sondern einen Jockeyshifter mit integriertem Kupplungshebel angebracht habe, hätte sich das Bremsen und Anfahren an der Ampel als sehr schwierig erwiesen. Deshalb habe ich einen zweiten Kupplungshebel am Lenker angebracht, damit aus dem Jockeyshifter kein Suicide Shifter wird. Um beide mit einander zu verbinden, habe ich einen Umlenkrollenmechanismus links vorn unterhalb angebracht. So kann man nun beim Halten und Anfahren beide Hände am Lenker lassen«, erklärt Holger seine eigenwillige Konstruktion.

Für das Gesamtbild seines Motorrades war aber noch ein Detail unerlässlich. »Die Blattfedergabel von W&W ist für das ganze Bike natürlich ein Geschenk Gottes. Ohne die wäre die Optik niemals so rübergekommen.« Zwei Jahre baute Holger an seiner »Motopolis«, die aber von allen Freunden liebevoll Nautilus genannt wird, weil sie so sehr an die alten Jules-Verne-Geschichten erinnert. Doch anstatt sein voll regelkonformes Über-Motorrad zu fahren, hat Holger schon neue Ideen im Kopf. Deshalb hat er sich entschieden, die Evo zu verkaufen. Um auf seinen zwölf Quadratmetern Platz für das nächste Kunstwerk zu schaffen.

Text: Katharina Klimpke
Bilder: Benjamin Grna




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09.12.2013
Text: Katharina Klimpke Bilder: Benjamin Grna
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