Honda VT 600 Shadow


Die Kumpels sind schuld, keine Frage. Niemand infiziert sich einfach so mit dem Umbauvirus und stürzt sich in Abenteuer, bei denen weder Ende noch Kosten absehbar sind. Jens ist da keine Ausnahme. Sein Kumpel war schon mit einer VT 600 in unserem Magazin, als es noch »Bikers live!« hieß. Eine Initialzündung für den Hessen, der seine erste VT 600 immerhin ganze 15 Jahre über die heimischen Straßen getrieben hat. Dieser Umbau ist erst sein zweites Motorrad – wieder eine VT 600. Warum auch etwas anderes nehmen, wenn man weiß, was man daran hat?

Die Gabelbrücken stammen von einer Ducati 999

Inzwischen ist es gut fünf Jahre her, da reifte der Gedanke, eine kleine Shadow in einen waschechten Dragstyler zu verwandeln. Warum? »Weil Walz mit seinem Stil schon immer so eine Art Vorbild war«, gibt Jens als Motiv an. Doch bis zum fertigen Objekt ist es ein langer, steiniger Weg. Jens nutzt die Zeit und sammelt Teile. Aus Kostengründen bevorzugt er Parts von Serienherstellern, vermeidet teure Customprodukte. Der Aufwand wird dadurch noch größer, denn er muss messen, rechnen, wieder messen und weiter suchen.

Wie bei der Einarmschwinge die er sich in den Kopf gesetzt hat und die er unbedingt realisieren will. Das Problem dabei: welche nehmen? Einarmschwingen werden von vielen Herstellern zum Einsatz gebracht, doch entscheidend für Jens‘ VT 600 ist die Länge. Ist die Schwinge zu kurz oder gar zu lang, ändert sich zwangsläufig die Fahrwerksgeometrie. Dann kann aus der kreuzbraven Shadow ein nervöser oder schlimmer noch, ein sturer Bock werden, der außer Geradeauslauf nichts kennt. Die Lösung liegt bei Honda selbst. In der CB 1000 R tut ausgerechnet eine Schwinge aus Dienst, die auf den Millimeter genau passt. Auch beim Zentralfederbein reicht der Griff ins Hondaregal. Diesmal wird eine Hornet 900 zum Spender. Die Anpassung der Bauteile übernimmt Jens selbst.

Klare Linienführung, keine Kompromisse. Von der ursprünglichen VT 600 ist außer dem Rahmen nicht mehr viel übrig geblieben

Da der kleine Cruiser von Geburt an etwas schwächlich auf der Lunge ist, soll das größere Triebwerk aus der VT 750 Ace Verwendung finden. Mehr Hubraum, mehr Leistung. Auch wenn 45 PS angesichts heutiger Hubraum- und PS-Monster wie ein Witz klingen, ein bisschen mehr Dampf schadet nichts. In England ersteht Jens das passende Aggregat. Der V-Motor hat einen Brandschaden, was aber nicht weiter stört, da er sowieso neu aufgebaut wird. 850 Euro kostet ihn der Spaß, plus 100 Euro Versand. Dann steht das Teil vor der Tür. Andere Komponenten liefern Verkäufer aus Kleinanzeigen, so wie die Moto-Guzzi-Gabel oder Gabelbrücken, Räder, Bremsen und Lenker Marke Ducati. Italienische Superbikes sind Jens gerade gut genug für seinen Umbau.

Neben der Teilebeschaffung arbeitet er auch an der Weiterentwicklung seiner eigenen Fähigkeiten. Er macht sich mit Metallbearbeitung vertraut, formt und dengelt selbst, lernt den Umgang mit einer kleinen Drehbank. Was er nicht selbst herstellen kann, gibt er in Auftrag – zusammen mit detaillierten Zeichnungen, die er zuvor angefertigt hat. Beim Rahmen allerdings überlässt Jens die Änderungen den Fachmännern von U.S. Custombikes, die den schwülstigen Subframe entfernen und den Sitzbereich gut sechs Zentimeter tieferlegen. Erst jetzt nimmt der Dragstyler seine typische Form an. Dazu trägt auch der Tank bei, den, wen wundert‘s, wieder Honda liefert. Eine VTX 1300 Fury muss sich für das Spritfass opfern.

Die Änderungen des Tunnels haben leider einen Beigeschmack. Nur noch 6,5 Liter beträgt das Fassungsvermögen. Damit schrumpft die Reichweite auf gut 100 Kilometer zusammen. Doch Jens stört das nicht. Er zieht seinen Umbau konsequent durch, frei nach dem Motto: »Was nicht passt, wird passend gemacht«. Dennoch verliert er nie das Gesamtbild aus den Augen, lässt sich nur widerwillig auf Kompromisse ein, sucht stattdessen auch nach ungewöhnlichen Lösungen, und gibt sich nie mit dem Erreichten zufrieden.

Inspiriert von der Hockenheimer Bikeschmiede Walz Hardcore, realisiert mit einfachen Mitteln und noch mehr Einfallsreichtum

Es ist diese Akribie, mit der er ans Werk geht, die letztlich in jedem Winkel, jedem Detail an der ehemaligen VT 600 zu erkennen ist. Man steht davor, wandert mit den Augen vom Frontend zum Heck mit der Einarmschwinge und wieder zurück, bleibt nirgends hängen oder stört sich an Unstimmigkeiten. Auf der linken Seite mit dem imitierten Primärgehäuse erkennt man gar erst auf den zweiten Blick die Linie, die sich vom Kurbelgehäuse bis zum Kettenschutz durchzieht.

Letztlich wird ihn das penible Arbeiten gut eineinhalb Jahre kosten. Auch die ursprünglich angepeilten Umbaukosten steigen mit der Zeit von sechs- auf achttausend Euro an. Hunderte von Arbeitsstunden, die Jens investiert, nicht mitgrechnet. Doch der Lohn, er steht jetzt vor ihm – und fährt. Ganz offiziell. Mit TÜV.

Text: Christian Heim
Bilder: Christian Heim




23.11.2015
Text: Christian Heim Bilder: Christian Heim
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