Wheelie


Ist ein Wheelie im öffentlichen Straßenverkehr verboten?
Klare Antwort: Jein. Denn es kommt auf die Umstände an


Ein „Wheelie“ ist kein ganz ungefährliches Unterfangen. Stunt-Profis fahren sie jedes Wochenende, der Harley-Stuntfahrer Rainer Schwarz bewältigt sie sogar auf E-Glides oder langgestreckten V-Rods. Rainer Schwarz wurde damit zum Pionier, denn niemand glaubte vorher, dass ein Wheelie auf einer V-Rod möglich sein könnte.

Der Einfach-Wheelie geht so:  Auskuppeln, Drehzahl,  schnell einkuppeln
Der Einfach-Wheelie geht so: Auskuppeln, Drehzahl, schnell einkuppeln

Wheelie – wie’s gemacht wird

Jeder, der es an der Ampel im öffentlichen Straßenverkehr selbst probiert, sei daran erinnert, dass er nicht nur sein Motorrad zu Schrott fahren, sondern auch sich selbst oder gar andere ernsthaft verletzen kann. Wir erklären also den Wheelie, ohne es zur Nachahmung zu empfehlen. Grundsätzlich also gibt es zwei Möglichkeiten, einen Wheelie einzuleiten: Über die Leistung oder über die Kupplung.
 

Für leichte und PS-starke Bikes, die ihren Schwerpunkt nicht zu weit vorne haben – zum Beispiel V-Zweizylinder – gilt: Das Bike im ersten Gang bei 4.000 bis 5.000 Umdrehungen pro Minute laufen lassen, dann kurz das Gas zumachen. Damit nickt die Vorderradgabel ein, und das ist der Trick, denn sobald sie wieder hochgeht, könnt ihr den Schwung nutzen. Also sofort wieder aufreißen und das Bike an den Griffen nach oben ziehen. Im zweiten Gang funktioniert das auch – dann aber mit etwas höherer Drehzahl. Diese Art des Wheelies bezeichnet man auch als „Gas-Wheelie“.
Für ein „Kupplungs-Wheelie“ müsst ihr mit 4.000 Umdrehungen pro Minute im ersten Gang gleichmäßig fahren, dann das Gas abrupt schließen, hinten bremsen und mit dem Zeigefinger die Kupplung ziehen. Im zweiten Schritt die Drehzahl auf 6.000 erhöhen, gleichzeitig die Bremse lösen und forsch einkuppeln. Für den „Kupplungs-Wheelie“ im zweiten Gang mit 6.000 Umdrehungen starten und dann auf 8.000 erhöhen.

Da Drehzahlen und Drehmomententfaltung sich je nach Motorrad unterschiedlich auswirken, können die Drehzahlangaben natürlich variieren. Aber für beide Arten gilt: Solange nur die Armaturen zu sehen sind, ist alles okay. Sobald der Tank ins Blickfeld rückt, ist der kritische Punkt erreicht. Um den Abgang nach hinten zu vermeiden, ist spätestens dann Schluss!

Wheelie auf der Magic Bike in Rüdesheim: Rainer Schwarz fährt seine Stunts bevorzugt auf einer Buell
Wheelie auf der Magic Bike in Rüdesheim: Rainer Schwarz fährt seine Stunts bevorzugt auf einer Buell

Wheelie – ob’s erlaubt ist

Vielleicht sollten ihr auch vorher schon drüber nachdenken, denn manche Polizisten und erst recht die Richter finden Wheelies gar nicht komisch. Das Amtsgericht Lübeck fällte jüngst sogar ein Urteil. Der dorthin zitierte Beschuldigte hatte auf seiner Suzuki GSX-R einen Gas-Wheelie auf einer öffentlichen Straße durchführen wollen. Zunächst lief alles gut: Durch eine gezielte Betätigung des Gashebels richtete sich das Vorderrad auf und das Bike fuhr auf dem Hinterrad weiter. Aber dann verlor der Angeklagte die Kontrolle über sein Motorrad und stürzte. Dabei rutschte die Suzuki über die Straße auf den Gehweg und prallte schließlich gegen zwei Verkehrsschilder. Zwei Passanten, die sich gerade auf dem Gehweg befanden, konnten dem Bike nur mit Glück gerade noch rechtzeitig ausweichen.

Das Gericht urteilte, dass nach derzeitiger Rechtslage ein „Wheelie“ keinen „gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr“ nach § 315 b StGB darstellt. Der von der Anklage formulierte Vorwurf, beim „Wheelie“ würde das Kraftrad als Waffe oder Schadenswerkzeug missbraucht, traf nach Ansicht des Amtsgerichts nicht zu. Das Fahrverhalten des Beschuldigten sei kein absichtlich auf die Störung des Straßenverkehrs zweckgerichtetes, verkehrsfeindliches oder gar mit mindestens bedingtem Schädigungsvorsatz vorgenommenes Fahrverhalten. Dabei verwies das Gericht auf Urteile des Oberlandesgerichts (OLG) Düsseldorf und des Bundesgerichtshofs. Demnach sei ein „Wheelie“ nicht mit Tatbeständen wie dem absichtlichen Auffahren auf ein vorausfahrendes oder stehendes Fahrzeug oder ein schnelles Zufahren auf eine auf die Fahrbahn gestürzte Person oder etwa ein Abgeben von Schüssen aus einem Fahrzeug gleichzustellen.

Damit rückt die Wertung eines Wheelies in die Nähe des sogenannten „Auto-Surfens“, bei welchem das OLG Düsseldorf die Verwendung eines Pkw mit auf dem Dach liegenden Personen als zwar zweckentfremdetes Mittel der Unterhaltung angesehen, den Vorgang aber nicht als Eingriff in den Straßenverkehr bewertet hat.
 

Dennoch hätte der Beschuldigte eine Gefährdung anderer durch die Wahl einer wenig befahrenen Wegstrecke von vornherein ausschließen können, so das Gericht. Der Leitsatz des Urteils lautete: „Auch ein besonders gefährliches, über die eigentliche Fortbewegung hinaus Unterhaltungszwecken dienendes Fahrverhalten (hier: Fahrt mit einem Motorrad allein auf dessen Hinterrad) stellt für sich noch keinen verkehrsfremden Eingriff in den Straßenverkehr im Sinne des § 315 b StGB dar.“

6 Burnout, ist das erlaubt? Wir warten das nächste Gerichtsurteil ab
6 Burnout, ist das erlaubt? Wir warten das nächste Gerichtsurteil ab

Und trotzdem: Führerschein weg

Das klang milde. Dem Motorradfahrer wurde schließlich trotzdem der Führerschein entzogen. Er verfügte nämlich nicht über die erforderliche Fahrerlaubnis für das Bike. Der Beschuldigte hatte zum Tatzeitpunkt lediglich eine Fahrerlaubnis für Krafträder mit einer Leistung von maximal 34 PS. Die Suzuki GSX-R 750/WVB 3 mit der zulassungsbescheinigten Nennleistung von 34 PS konnte jedoch durch geringfügige technische Veränderungen eine Leistung von 80 PS erzielen. Und in unserem Fall fehlte die Leistungsreduzierung im Ansaugkanal. Wheelie hin oder her. Der Führerschein war nicht mehr zu retten.

Text: Julie Hecker
Bilder: Horst Rösler


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BIKERS NEWS 26.09.2012
Text: Julie Hecker Bilder: Horst Rösler
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