Da lass ich keinen anderen ran


Matthias Korte sammelt alte Harleys. Aus Enthusiasmus,
die Kapitalanlage ist ein lukrativer Nebeneffekt



Einen Beruf hat Matthias Korte nie erlernt. Seinen Job nennt er „Berufung“, und zwar für Harley-Davidson. Seit 1976 ist Korte Harley-Händler in Hannover, Frankfurt am Main und Wiesbaden. Das kaufmännische Know-how hatte er sich selbst angeeignet und beim Schrauben die Technik erlernt. Seine erste Harley kaufte er sich 1972. Es war eine Panhead. In seinem Wohnzimmer steht heute eine 1953er Hydra-Glide. Die hat dasselbe Baujahr wie er.
Ihr ahnt es schon, Matthias Korte sammelt Harleys. In 20 Jahren sind um die 40 Maschinen zusammengekommen. Darunter ganz seltene Stücke wie eine Two Cammer von 1929.

Billy Bike und Captain America, die Easy-Rider-Replikas von Matthias Korte
Billy Bike und Captain America, die Easy-Rider-Replikas von Matthias Korte
 
Laut Eurotax Schwacke stammen die wert­stabilsten Motorräder auf dem Markt von Harley-Davidson. Unter den 25 ersten Motorradmodellen im Alter bis zwei Jahre sind 24 Modelle Harleys. Eine Street Glide hat nach dieser Zeit immerhin noch einen Restwert von 87,6 Prozent des Neupreises.
Das wird vielleicht nicht ewig so bleiben. In den letzten Jahren verbuchte die Company einen Boom. Alte Männer im zweiten Frühling hatten sich ihre Jugendträume erfüllt und neue Harleys gekauft. Irgendwann werden sie die nicht mehr halten können, und dann ist mit einer Schwemme von Harleys zu rechnen, die keine Klassiker sind und an denen der Ruf des Altmänner-Motorrades haftet.
Doch die Harley eines besonders alten Mannes erzielte in diesem Jahr den höchsten Preis: Anfang Februar 2014 kam eine Dyna Super Glide für 210.000 Euro unter den Hammer. Die Maschine gehörte dem Papst und war ihm im Jahr zuvor von Harley-Davidson geschenkt worden. Das Auktionshaus rechnete mit 15.000 Euro, was in etwa dem Listenpreis des Motorrads entspricht. Der Käufer wollte anonym bleiben.
Die Zeiten, in denen alte Eisen unterm Heu zu finden waren, sind vorbei. Der Markt findet heute im Internet statt. Trotz moderner Medien bleibt das alte Problem bestehen, und das ist typisch Harley-Davidson: Originale sind höchst selten, die meisten Modelle sind verbastelt, weil Harleys schon immer individualisiert wurden.

Matthias Korte mit seinem aktuellen Liebling:  Eine 1953er Panhead mit Springergabel
 
BN: Matthias, der Mann, der die Harley des Papstes für 210.000 Euro ersteigert hat, muss ein Fanatiker gewesen sein. Warum sammelst du Harleys?

Korte: Ich habe mich in das Produkt Harley-Davidson verliebt im Film Easy Rider. In meiner Jugend waren die Begriffe Harley und Freiheit gleichbedeutend. Als ich mich später mit den Motorrädern beschäftigt habe, stellte ich fest: Die Kisten sind interessant und die Technik aus den Anfangsjahren ist faszinierend. Und was die Optik betrifft, hat sich gar nicht so viel getan. Modelle von heute ähneln denen aus den 1950er Jahren. So konnte ich problemlos meiner Jugendliebe treu bleiben.

Im Herbst 2012 schenkte Willie G. Davidson dem Papst eine Harley.  Im Hintergrund seht ihr den dazugehörigen Tank. Die Harley wurde anderthalb Jahre später für 210.000 Euro versteigert, natürlich für einen guten Zweck
Im Herbst 2012 schenkte Willie G. Davidson dem Papst eine Harley.
Im Hintergrund seht ihr den dazugehörigen Tank. Die Harley wurde anderthalb Jahre
später für 210.000 Euro versteigert, natürlich für einen guten Zweck
 
„Meine erste Harley war eine Panhead.“


BN: Seit wann sammelst du Harleys, welches war dein erstes Stück, was hat die Maschine gekostet und wie viel ist sie heute wert?
 

Korte: Meine erste Harley war eine Panhead. Die habe ich 1972 gekauft, gefahren, dann leider verkauft. Heute wäre sie ein schönes Objekt in meiner Sammlung. Vor etwa 20 Jahren habe ich mit dem Sammeln angefangen. Mein erstes Sammlerstück ist eine Hydra-Glide, mit demselben Baujahr wie ich: 1953. Die steht bei mir im Wohnzimmer. Sie stammt von der Canadian Mountain Police und ist fast im Originalzustand. Das Teil hat 120.000 Kilometer auf dem Tacho. Ich hab damals um die 20.000 Mark bezahlt, heute ist die Maschine das Doppelte in Euro wert.

BN: Welches Bikes ist dein wertvollstes in der Sammlung, und wie bist du an die Maschine gekommen?


Korte: Es ist eine 29JD, eine sogenannte Two Cammer mit zwei Nockenwellen und eine der seltensten Harleys überhaupt. Das Modell gab es von 1921 bis 1929, meine ist aus dem letzten Jahr. Sie hat 29 PS und es ist das erste Modell von Harley mit Vorderradbremse. Besonders an dem Motorrad ist, dass nur wenige von dieser Modellreihe gebaut worden sind. Harley schätzt deren Anzahl auf 50 bis 70 Stück. Einzigartig macht dieses Motorrad, dass es in Deutschland ausgeliefert wurde. Ich habe den Original-Kfz-Brief. Es wurde 1928 als 1929er Modell nach Deutschland eingeführt, in Düsseldorf zugelassen, 1939 mit Hakenkreuz-Stempel abgemeldet und vom Besitzer eingemauert, damit es nicht im Krieg eingesetzt werden konnte. Ich habe es von einem Bekannten der Familie erworben.

J Model von 1918
J Model von 1918

BN: Wie viele Maschinen hast du insgesamt?

Korte: Um die 40 Stück.

BN: Was ist dein Sammlerziel? Von jeder Epoche, von jedem Sondermodell oder jeder Technologie-Evolution ein Fahrzeug zu besitzen?


Korte: Mein Ziel ist es, aus den für mich bezahlbaren Modellreihen immer ein erstes und letztes Fahrzeug dieser Baujahre zu besitzen, also 36er und 47er Knuckle, 48er und 65er Panhead, 66er Early-Shovel und 84er Late-Shovel. Vor der Knucklehead habe ich das nicht durchgängig geschafft.

BN: Wo hast du die Stücke gefunden, wo suchst du heute? Im Schuppen unterm Heu, in Deutschland, in den USA, in China?

Korte: Nach China wurden in den 1930er Jahren einige Harleys geliefert. Alte findet man dort höchstwahrscheinlich nicht mehr, dafür umso mehr neue. Die Scheunenzeit ist vorbei. Ich besitze zwei Motorräder, die auf eben diesem Weg in Deutschland gefunden wurden. Das war die Eingemauerte, gefunden hat sie ein Familienmitglied.
Die zweite habe ich selbst aus einer Scheune geholt in der Nähe von Stuttgart. Heute findet man Sammlerstücke auf Motorradbörsen, im Internet und überwiegend im Herkunftsland Amerika. Doch auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wird das Angebot zunehmend spärlicher.

BN: Wer hat dir den Tipp mit der Maschine in der Nähe von Stuttgart gegeben? Und warum gerade dir?


Korte: Ich bin bekannt in der Szene, und die Leute, die etwas finden, wollen das Maximum aus ihren Fundstücken herausholen. Sie informieren sich, wer sich auskennt, in der Hoffnung auf einen hohen Reibach. Und der ist beim Profi wahrscheinlicher als beim Laien.

Knucklehead von 1936
Knucklehead von 1936

„Ich habe vor, ein Museum aufzumachen.“



BN: Sind deine Bikes Kapitalanlage und Spekulationsobjekte, oder werden sie für alle Zeiten in der Familie Korte verbleiben?

Korte: Die Kapitalanlage ist zwar ein schöner Beiwert, der Aspekt meines Sammelns aber ist, dass ich mit den unterschiedlichen Modellen ein rundes Bild von Harley in echtem Eisen habe. Ich habe vor, ein Museum aufzumachen, in dem die Maschinen nach Zeitepochen ausgestellt werden.

BN: Kann man grundsätzlich sagen: Je älter und je weniger Maschinen es von einem Modell gegeben hat, umso begehrter und wertvoller ist das Bike?


Korte: Ja und nein. Sicherlich wirkt sich bei Oldtimern aus, wie hoch die produzierte Stückzahl ist. Von der WLA wurden in den 1940er Jahren große Stückzahlen gebaut, und es sind viele gut erhaltene Fahrzeuge vorhanden, was das Modell für Sammler wenig interessant macht.

BN: Du bist schon lange im Geschäft mit Harley-Davidson. Was fasziniert an der Marke?

Korte: Eine Harley ist anders als andere Motorräder. Ihr Kult, das Design, der Motor, dessen Sound – das ist einzigartig. Wenn eine Harley an mir vorbeiblubbert, ist das für mich nicht Fortbewegung, sondern Ausdruck eines Lebensgefühls. Speziell die alten haben extrem niedrige Leerlaufdrehzahlen. Und wenn so eine auf dem Seitenständer steht und das Motorrad hin- und hervibriert, dann bekomme ich immer noch Gänsehaut. Das schafft kein anderes Motorrad.

BN: Für das päpstliche Bike wurde ein Sensationspreis erzielt, der sicherlich die Ausnahme in der Sammlerszene von Harley-Davidson sein dürfte. Zu welchen Preisen werden welche Modelle gehandelt?

Korte: Ich hab mir eine Captain America nachgebaut, Peter Fonda hat sie signiert. Das Motorrad ist zur Zeit im Haus der Geschichte in Bonn ausgestellt, zusammen mit dem Billy Bike, das ich auch nachgebaut habe. Eine Repro-Captain-America im schlechten Zustand ist um die 35.000 Euro wert, ein Spitzennachbau kann 50.000 Euro bringen. Von den Originalen gab es zwei: Eine ist zerstört worden, die andere wurde gestohlen.

Knucklehead von 1947
Knucklehead von 1947

„Captain America ist ein Chopper mit ideellem Wert.“


BN: Ist eine Captain America ein begehrtes Sammlerstück?

Korte: Für manche. Die Captain America ist ein nachgebauter Chopper mit ideellem Wert. Den hatte ja auch die päpstliche Harley. Eine von Steve Mc Queen versteigerte WL hat fünfmal so viel gekostet wie der übliche Marktwert ist. Auch in dem Fall zahlen die neuen Besitzer für den Namen des alten mit. Richtig wertbeständige Oldtimer sind Knuckleheads, insbesonders die frühen von 1936, die sehr selten sind. Die 1947er Knuckle ist auch eine gute Investition, obwohl sie in wesentlich größeren Stückzahlen gebaut wurde. Eine 36er liegt zwischen 60.000 und 100.000 Euro. Die 47er wird zwischen 40.000 und 70.000 Euro gehandelt. Ich habe beide Modelle, leider nicht im Originalzustand. Bei der 36er ist die Bremstrommel nicht original. Es ist schier unmöglich, eine solche zu bekommen. Die alten Trommeln sind verschlissen oder wurden ausgetauscht, weil spätere besser waren.

BN: Was unterscheidet ein Sammlermodell von einem anderen Bike: Muss es unverbastelt im Originalzustand sein? Sind bestimmte Dokumente oder Gutachten notwendig? Muss es ein bestimmtes Alter haben, eine ausgefallene Technik oder Optik oder Farbe?

Korte: Bei Harleys ist es schwierig, die Historie nachzuvollziehen. Viele Motorräder wurden von den GIs nach dem Krieg einfach stehengelassen. Der Wert bestimmt sich in erster Linie nach der Originalität. Schutzbleche sind ganz wichtig und es kommt darauf an, wie viele Schrauben original sind. Und wenn man Unterlagen und Dokumente hat, was bei Harleys nur selten der Fall ist, hebt das den Wert spürbar an. Ein originales Motorrad mit Originallack ist mehr wert als eine spitzenrestaurierte Maschine. Mein ältestes Fahrzeug ist Baujahr 1918. Das Fahrzeug blieb nach dem ersten Weltkrieg an der Maginotlinie in Frankreich in einem Militärsammellager stehen. Von dort wurde die Maschine zunächst nach Belgien, dann nach Österreich verkauft, bevor ich sie erworben habe. Sie ist die einzige von allen meinen Stücken, die noch den Originallack trägt. Schon früher haben Harley-Besitzer ihre Maschinen nach ihrem Geschmack umlackiert und umgebaut. Deswegen sind Originalfahrzeuge höchst selten.

Panhead von 1948
Panhead von 1948

BN: In Deutschland gibt es einige Sammler, die allesamt Enthusiasten der Marke sind und nicht mit den Maschinen spekulieren, so heißt es in der Szene. Wie ist es in anderen Ländern, den USA vor allem?


Korte: Im Land der Marke, den USA, gibt es logischerweise die meisten Harleysammler, versteckt und offiziell, sie stellen ihre Fahrzeuge in Museen aus oder halten sie geheim. Dort gibt es eine deutlich größere Szene als bei uns.
1903 wurde die erste Harley gebaut, das war ein Einzylinder. Die erste Zweizylinder hatte die Modellbezeichnung 5D, sie wurde 1909 vorgestellt. Von diesem Motorrad wurden nur 27 Stück gebaut, weil es technische Probleme machte, die sich nicht beseitigen ließen. Wertvoll dürfte die Maschine dennoch sein.

Die Hydra Glide von 1953 steht im Wohnzimmer
Die Hydra Glide von 1953 steht im Wohnzimmer


„Ich will fahren, dafür sind Motorräder schließlich gebaut.“


BN: Ist es für dich als Sammler wichtig, dass deine Maschinen laufen, oder geht es nur ums Anschauen?

Korte: Es gibt zwei Kategorien von Sammlern: Die einen stellen die Maschinen nur hin, die anderen wollen fahren. Ich will fahren, dafür sind Motorräder schließlich gebaut. Jedes meiner Motorräder soll bewegt werden können und fahrbereit sein. Standmodelle, die sich die Reifen platt stehen, sind nichts für mich.

BN: Fährst du deine Motorräder regelmäßig oder zu bestimmten Anlässen?

Korte:
Wenn die Sonne scheint, steigt mein Lustgefühl auf Pan-, Knucklehead oder älteres Eisen.

BN: Wie aufwändig ist deren Pflege und machst du das selbst?

Korte: Ja, natürlich mache ich das selbst. Da lass ich keinen anderen ran. Man muss die Motorräder abschmieren, Radnaben und Brems­anker zum Beispiel. Wenn die Maschine länger gestanden ist, aber vorher gefahren wurde, ist ein Ölwechsel fällig. Ansonsten sind Harleys recht wartungsarm, wenn man seine Arbeiten richtig macht. Dazu gehören regelmäßig Kontakte überprüfen und im Winter das Benzin ablassen, dann funktionieren die Dinger immer.

Police Panhead von 1965
Police Panhead von 1965


„Ich mache nur Führungen im kleinen Kreis.“


BN: Genießt du deine Sammlung im Stillen oder zeigst du deine Schmuckstücke Freunden und präsentierst sie auf Ausstellungen?

Korte: Ich präsentiere sie nur als kleine Ausstellung, weil das Museum, das ich baue, Teil einer großen Halle ist. Aus Sicherheitsgründen des Brandschutzes und anderer rechtlicher Vorgaben dürfen nur höchstens 20 Leute zur gleichen Zeit in die Halle. Deshalb mach ich nur Führungen im kleinen Kreis.

BN: Wann schaust du die Goldstücke an? Sind das feste Besuchstermine oder emotionale Momente?

Korte: Ich mache das aus guter Laune heraus und fahre sie, um gutes Wetter und die Landschaft zu genießen. Das gelingt mit einem alten Motorrad besser als mit neuen, auf denen man schneller unterwegs ist.

BN: Wenn du dir drei Maschinen aussuchen dürftest, um welche Modelle würdest du deine Sammlung bereichern?

Korte:
Mich interessieren vor allem zwei: Die frühen Einzylinder, aus den Anfangsjahren von Harley, und die Achtventiler Sporttrack-Rennmaschinen mit Two-Cammer-Motor. Geschätzt gibt’s davon weltweit noch fünf Stück. Die Fahrzeuge hatten weder Bremsen, noch Getriebe. Ihr Sammlerwert liegt bei 200.000 Euro.

BN: Welches ist dein liebstes Modell in der Sammlung?


Korte: Da schlagen mehrere Seelen in meiner Brust. Im Moment ist es eine Panhead mit Springergabel, die den Chopper-Style der frühen 1960er Jahre ausdrückt. Die fahr ich zur Zeit sehr gern, weil sie leicht ist im Handling. Mit deren Restauration und Aufbau bin ich 2013 fertig geworden.


Matthias Korte: „Richtig wertbeständige Oldtimer sind Knuckleheads.“
Matthias Korte: „Richtig wertbeständige Oldtimer sind Knuckleheads.“
 



Text: Peter Ilg


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BIKERS NEWS 11.06.2014
Text: Peter Ilg
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