Alte Rocker ? Aus der BIKERS NEWS vom Januar 2005







Alte Rebellen
Gibt es ein Leben nach Easy Rider?
Wir sollten es endlich zugeben: Wir sind alt geworden


Foto: Mike / Carlo starb mit 84 Jahren als Member des Outlaws MC GermanyAls Carlo von seinen Brüdern zu Grabe getragen getragen wurde, hatte er seinen 84. Geburtstag gerade erst gefeiert. Der Einprozenter war schon zu Lebzeiten eine Legende. Mit 60 Jahren hatte er sich für die Bruderschaft des Ghost-Riders MC entschieden. Wie ein junger Novize verrichtete er seinerzeit die Prospect-Dienste, ließ sich zu seinem 79. Geburtstag das Ghost-Riders Colour auf den Rücken stechen und machte mit 82 Jahren auch den Wechsel zum internationalen Outlaws MC mit. Sein langes graues Haar wehte auf jedem wichtigen Treffen seines Clubs. Aber vor Ort war er längst nicht mehr der einzige Mann mit grauen Haaren.
Für Rocker gilt nicht mehr, was der Duden noch immer allen Ernstes über sie verbreitet: Ein Rocker sei ein "Angehöriger einer Gruppe von Jugendlichen mit Lederkleidung und Motorrad als Statussymbolen". Das mag vor 20 Jahren noch gegolten haben. Damals, als in den ersten BIKERS NEWS-Ausgaben auf jeder Seite Milchgesichter in die Kamera lachten.
Wer heutzutage in einem namhaften Einprozenter-Club seine Laufbahn als Prospect antritt, ist im Durchschnitt 30 Jahre alt. Präsidenten und Vizes, die Entscheidungsträger der gleichen Clubs, steuern allmählich auf die 50 Lenze zu. Juristen können Clubfeindschaften und ihre Auswüchse vor Gericht längst nicht mehr als "Groben Unfug" oder als Jugendsünden abtun. Ihre Klienten haben ihre erste Harnröhrenspiegelung nämlich schon hinter sich. Hämorrhoiden gehören zu ihrem Alltagsgeschäft, und die Starrahmen-Harley haben sie verkaufen müssen, aus gesundheitlichen Gründen. Die Todesanzeigen unserer Clubnachrichten verzeichnen immer mehr natürliche Abgänge. Die Member hat schlichtweg die Alterssschwäche dahingerafft. Denn das ungesunde Biker-Leben mit Alkohol, Drogen und Pommes am Wochenende beschert den Wenigsten die Zähigkeit von Carlo, dem ehemaligen Fallschirmjäger.
Über Zuwachs kann die Szene trotzdem nicht klagen. Nur rekrutiert der sich kaum aus jugendlichen Mopedfahrern, die endlich den Lappen für eine große Maschine aus der Lederjacke ziehen können. Vor einigen Jahren noch brummte es zwar in der ganzen Motorradbranche. Das war Ende der 90er Jahre. Aber auch da gesellte sich nicht wirklich der junge Nachwuchs dazu.

BIKERS NEWS Titel Januar 2005

Kaum eine Perspektive: Biker auf 125ern

Kurt profitiert mit seinen 54 Jahren davon, vor dem 1. April 1980 seinen Autoführerschein gemacht zu haben. Seit Februar 1996 gestattete es ihm das neue Fahrerlaubnisrecht, auch Motorräder mit bis zu 125 ccm zu fahren. Da langte er gerne zu, und zu seinem 50sten Geburtstag stellte seine Frau eine 125er Honda Shadow auf den Gabentisch. Einen Japan-Chopper also, und irgendwie konnte Kurt auch die Beweggründe eines echten Bikers formulieren: "Es geht um des Gefühl, im Freien zu sein." 20.000 Kilometer reitet er seitdem alljährlich ab, ganz wie einer von den Großen.
Er blieb damit nicht der einzige. Prompt erreichten uns Anfragen von 125er-Fahrern, ob es denn auch einen Club für sie gebe? Und tatsächlich: Die Interessengemeinschaft "The Onetwentyfive's" führt bereits Chapter in Frankfurt, Hamburg, Mittelrhein, Niederrhein, Leipzig, Saarbrücken, Ostwestfalen, Oldenburg und Kaiserslautern.
Trotz ihrer Abzeichen und Gliederungen in Chaptern können die 125er-Treiber natürlich nicht ernsthaft die Reihen der Einprozenter auffüllen. Auch ist nicht damit zu rechnen, daß alte Herren aus dieser Szene auf größere Maschinen umsatteln. Deren Generation hat sich gesetzt. Sie werden kaum neue Dinge wagen, und auch Kurt zieht's nicht zum echten, gefährlichen Biker-Leben: "Mit einer großen Maschine würde ich mich totheizen. Mit der kleinen 125er kann das nicht passieren."
Immerhin bescherten die 125er der Motorradbranche den letzten richtigen Boom. Ende der 90er Jahre konnte sie sich über ihre Zahlen nicht beklagen. Doch als der Markt der grauen Neueinsteiger nach wenigen Jahren gesättigt war, folgte der große Katzenjammer. Am Rande der letztjährigen Intermot in München inszenierten die Interessenvertretungen der Motorradindustrie gleich mehrere Tagungen und Symposien, die sich um die Überalterung unter Bikern und Motorradfahrern drehten. Die Industrie verfügte immerhin über Zahlen. "Bike und Business" beklagte bei den Haltern von Motorrädern im Alter von 18 bis 20 Jahren einen Rückgang von 77% im Vergleich zu 1984. Statt 106.213 jungen Bikern im Jahr 1984 sind heute also nur noch 24.565 unterwegs. Nochmal in Worten: Vor zwanzig Jahren fuhren viermal soviele frischgebackene Biker über Deutschlands Straßen.
Aber statt zu jammern, tritt die Industrie neuerdings die Flucht nach vorne an. Die kommende Internationale Motorrad Ausstellung (IMOT) in München kündigt für den Januar "spezielle Aktionen an", die "vor allem junge Leute mobilisieren" sollen. Denn das Institut für Zweiradsicherheit vermerkte als Ergebnis seiner Tagung vom letzten Jahr, daß Motorradfahren auch bei den Kids noch "cool" sein. Der Motorradführerschein stehe auf der Wunschliste der 15- bis 17-Jährigen ganz oben, wenn sie am Ende aber doch den Autoführerschein bevorzugen würden. Aus pragmatischen Gründen.
Und Michael Kusmanov, der Pressesprecher des Industrieverbands Motorrad (IVM) erklärt es uns nach diesen Tagungen genauso selbstbewußt: "Motorradfahren wird von Jugendlichen nicht negativ bewertet, sondern es findet bei ihnen nicht statt. Zeigt den Kids Motorräder, dann finden sie die auch toll." Sprichts und verweist uns auf die Internetseite des IVM: www.spirittour.de. Unter diesem Zeichen inszeniert der IVM inzwischen drei Festivals im Jahr, die den Kids das mit den "coolen" Motorrädern nochmal erklären.
Tatsächlich lassen die Kids sich so hinterm Ofen vorlocken. Ihre Motorräder sind dann freilich alles andere als Chopper oder Cruiser. "Freestyle" auf bunten Scramblern ist ganz sicher "cool", Berührungspunkte zur Szene unserer Hardcore-Biker finden sich aber kaum.

Ein junger Club im Norden

Die großen Einprozenter-Clubs scheinen die Problematik ihrerseits zu ahnen. In ihren Support-Clubs eröffnen sie auch jüngeren Membern den Einstieg in die Szene. In dieser Saison lernten wir Member des Black Pistons-Chapters Bergstraße kennen. Von diesen Supportern des Outlaws MCs war garantiert keiner über 30, und uns war es das wert, gleich die Kamera draufzuhalten. Wir stellen die Black Pistons in diesem Heft ausführlicher vor.
Unabhängig von der etablierten Einprozenter-Szene treibt die Clublandschaft noch weitere Blüten hervor. Hoch oben im Norden, irgendwo im Dreieck zwischen Hamburg, Bremen und Cuxhaven, da können die Jungs vom Night Hawks MC Oldendorf sich rühmen, ebenfalls durchgängig unter 30 zu sein. Dennis, ihr Präsi, zählt 22 junge Lenze, Hendrik, ihr Vize, zählt 23. Die Heißsporne bringen frischen Wind in die Szene, auch in Hinsicht aufs Eventmanagement: Ihr sogenanntes "Oktoberfest" steigt jeden dritten Samstag im Oktober. Für 20 Euro pauschal servieren sie alle Getränke inklusive, und seit 1999 ist die Zahl ihrer Gäste auf über 1000 angestiegen. Darüber hinaus engagieren sie sich für die Charity in der Oldendorfer Jugendbetreuung, und auch sonst machen sie von sich reden. Zum Beispiel mit der Ausrichtung des "Arschloch-Kneipen-Fußballurniers" in Heinbockel.
Damit dürfte freilich einiges über die Strukturen im Norden gesagt sein. Wer dort nicht im Feuerwehr- oder Schützenverein mitmacht, der nimmt eben den örtlichen Motorradclub. Eine Protest-Kultur bildet die Szene der Kuttenträger im Norden nicht wirklich. Vielmehr handelt es sich auf dem Lande um eine durchaus noch übliche Laufbahn. So sieht das auch Hendrik: "Mofa, 80er, richtiges Motorrad." Und: "Klar, das haben wir unseren großen Brüdern abgeschaut." Es geht den Bikern im Norden zuletzt darum, den Alten mit einer eigenen Biker-Subkultur etwas entgegenzustellen. Und weniger werden auch sie sowieso. Selbst im Norden fährt die Mehrheit der Jugend inzwischen Auto.
Der Geist der Einprozenter weht trotzdem durch Oldendorf. Hendrik erzählt noch davon, wie auch seine Night Hawks an den Runden Tischen teilnehmen würden. Dabei handelt es sich um örtlich begrenzte Versammlungen colourtragender Clubs, kleine, informelle Präsi-Versammlungen also. Und auch dort wird darüber beraten, was man dagegen tun könnte, daß es inzwischen aber auch in jedem noch so kleinen Dorf einen Club geben würde.
Die Überalterung unserer Szene muß sich also nicht nur darin begründen, daß die Industrie keine preiswerten Einsteiger-Motorräder anbieten würde, oder daß der Motorradführerschein so teuer geworden wäre. Die Szene grenzt sich gelegentlich durchaus ganz von selbst aus.

Ein jahrtausende altes Gesetz der Menschheit

Doch seien wir ehrlich: Gebietsansprüche und Durchfahrverbote tragen auch nicht die Alleinschuld an der Dezimierung der jungen Biker auf ein Viertel.
Schließlich gilt nach wie vor das jahrtausende alte Gesetz der Menschheit, daß die nächste Generation es immer anders macht. Conny, einer unserer treuen Leser, schickte uns ein Bild von seiner Tochter Charlotte, die vom Motorradfahren "voll begeistert" sei. Ein Sparbuch für ihren ersten Chopper hätte er schon angelegt. Und dann erklärte er uns noch, wie man verfahren müsse: "Ich bin davon überzeugt, daß wir, die heute fahrende ältere Motorradgeneration, ihrem Nachwuchs die Ideale wieder vermitteln muß. Das Gefühl von Freiheit und Abenteuer erlebt man nicht vor dem PC, auch nicht vor der Playstation, auch nicht, wenn man immer das neueste Handy hat."
Gut gemeint, und vielleicht klappt's ja auch mit seiner Charlotte. Die Erfahrung aber zeigt, daß zu Jugendlichen gewordene Kinder ihre Meinung ändern. Übrig bleibt dann nur die Ratlosigkeit alter Herren, die wie ihre Väter die Kids von Überholtem überzeugen wollen. Erinnern wir uns nur an die Belehrungen unserer Väter, wie erfrischend doch gemeinsames Wandern oder Singen sein könnte.
Noch entlarvender die Worte unseres Lesers Lumpi, die wir schon mal veröffentlicht hatten: "Ich bin der Ansicht, daß die heutige Jugend überhaupt nicht mehr die Lebenseinstellung zu Motorradfahren und MCs besitzt, sondern nur noch in Diskos rumhängt und Computermusik hört. Es gibt nur noch ganz wenige in jungem Alter, die noch den alten Lebensstil in sich tragen. Frag doch nur einmal einen Jugendlichen, ob er das Lied "Stairway to Heaven" von Led Zeppelin kennt?" Damit hatte Lumpi in der Sache sicher recht. Er schien trotzdem nicht zu merken, wie er sich in den Tonfall seiner Eltern gesteigert hatte. Bei solchen Altvorderen hat die Jugend guten Grund, es anders zu machen. Beängstigend nur die Meinung mancher Mitvierziger, mit so einer Geisteshaltung auch noch "jung" geblieben zu sein.
Gibt es eine Lösung? Gibt es ein Leben nach Easy Rider? Vernehmen wir nur noch Meldungen von alten Männern, die sich Jugendträume erfüllen, sich nach vierzig Jahren ihre erste Harley kaufen und damit im Schongang über die Route 66 schleichen? Immerhin, in solchen Fällen sind die alten Männer zwar betagt, aber auch betucht. Und irgendwie geht es schließlich immer um die Kohle. So um Optimismus bemüht sieht das auch Michael Kusmanov vom Industrieverband Motorrad: "Wir stehen ganz einfach vor einer demographischen Entwicklung. Wir haben mehr 40-Jährige, also haben wir auch mehr 40-jährige Biker." Und als genüge das nicht zum Schönrechnen, schickt er das schlagendste Argument hinterher: "Das Hochpreissegment boomt weiter, und wenn jemand Geld für Motorräder hat, dann ist das die Generation 40 plus."

Wie sieht’s mit unserem Nachwuchs aus? Mehr gibts in der BIKERS NEWS 04/15


Text: Michael Ahlsdorf




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13.05.2015
Text: Michael Ahlsdorf
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Stand:19 January 2019 22:10:14