Nicht vom Beckenrand springen!


Nicht vom Beckenrand springen!

Deutsche Kommunen sind nicht gerade bekannt dafür, sich besonders gut um ihre Immobilien zu kümmern. Fehlt das Geld Für Betrieb und Erhalt, werden Gebäude schnell dichtgemacht und der Zeit überlassen. Das ist nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich aber ist, wenn sich ein Werkstatt-Team einem alten Schwimmbad annimmt und so nicht nur den Wert alter Autos erhält.

Manchmal kommen sie heute noch. Dann irren die Rentner mit ihren Schwimmbeuteln verdutzt um das Haus, versuchen, einen Blick auf das Becken zu werfen, in dem sie doch bisher immer ihre Bahnen gezogen haben. 25 Meter hin, 25 Meter zurück, Jahre lang war das so, und nun, auf einmal, geht das nicht mehr. Jetzt hat dort einer alles irgendwie umgebaut: Im großen Becken, fünf Bahnen und 1,80 tief, stehen nun Hebebühnen und Autos darauf. Die Kabine des Bademeisters ist abgerissen. Von den Umkleideräumen ist nichts mehr zu sehen. Und überall liegen – ordentlich zwar, aber immerhin – Schraubenschlüssel und Zangen herum. „Ich amüsiere mich immer noch darüber, wenn ab und zu jemand kommt und ganz überrascht ist, dass er hier nicht mehr schwimmen kann“, sagt Hans, der diese außergewöhnliche Werkstatt an der Arno-Nitzsche-Straße 27 in Leipzig betreibt. Denn das ehemalige Volksschwimmbad ist nicht erst seit gestern dicht – sondern seit inzwischen mehr als sechs Jahren. Hans selbst feiert mit seiner Werkstatt in diesem Februar Einjähriges am unkonventionellen Schrauberstandort. „Wenn diese Leute mit ihren Badehosen hier ankommen, frage ich mich immer, wo sie die letzten Jahre über gesteckt haben.“


Entdeckungsreise. Youngtimer, hochpreisige Klassiker mit gepflegten Messingbeschlägen, rattige Hot Rod-Umbauten


Es muss nicht verwundern, dass Hans mit seinen Autos in einer für seine Zwecke völlig abstrusen Immobilie gelandet ist. Denn normal war bei ihm schon früh eigentlich gar nichts, wie bei so vielen, bei denen zwischen Kindheit in der DDR und Erwachsensein im wiedervereinigten Deutschland die großen Jahre des Wandels lagen. „Zu dieser Zeit habe ich mein Abitur gemacht“, sagt Hans. Doch nicht die Schule und die Frage nach dem Danach bestimmten sein Leben, sondern ein paar Quadratmeter in der väterlichen Doppelgarage vor den Toren Leipzigs. „Da habe ich an Autos geschraubt, was das Zeug hielt. Alte Kisten aus dem Westen, meine erste Karre war ein 123er Mercedes. Nach der Wende wollten alle hier im Osten unbedingt einen Neuwagen haben. Ich nicht. Ich fand die alten Wagen viel besser. Irgendwann musste dann auch ein Ami her.“  1991 fuhr Hans mit seinem eigenen 71er Mercury Cougar herum. „Das war hier in der Umgebung ein absolutes Highlight. So etwas hatte sonst niemand.“ Doch mit den Autos kam die Platznot: Als schließlich selbst der Wagen des Vaters im Hof parken musste, setzte er dem technischen Treiben seines Filius‘ in der Doppelgarage ein Ende: Hans musste mit seiner ersten Hobbywerkstatt ausziehen. 1994 war das.

Unterschlupf fand er bei einem Bauern. Eine leer stehende Scheune, sogar mit Grube; Restbestand eines landwirtschaftlichen Maschinenparks aus sozialistischen Zeiten. Hans schraubte und schraubte. An der Uni, wo er inzwischen Betriebswirtschaftslehre studierte, fragten sie ihn manchmal, woher er die Autos denn hätte. Und: „Was machst du, wenn da mal was dran ist? Wo lässt du so etwas reparieren?“ Damals dämmerte es dem Leipziger BWL-Studenten, dass sich mit „so was“ auch Geld verdienen lässt. Denn schließlich machte er alles selbst. Nach ein paar Jahren in der Scheune hatte auch die ausgedient. Diesmal war es Hans selbst, der erkannte, dass er mehr Platz brauchte. 1996, 1997 entdeckte er eine leer stehende Traktorhalle, baute ein Tor ein, kaufte seine erste Hebebühne, kniete sich tiefer in die Materie mit den alten Autos, vor allem mit Amis. „Learning by Doing. Bei uns  war ja niemand, der einem das beibringen konnte. Wenn ein Weber-Vergaser kaputt war, musste man ihn sich eben selbst erklären.“ Über die Jahre machte er sich in der Szene als Spezialist für Amis und deutsche Klassiker einen Namen, doch noch war alles ein Hobby …

… weiter geht’s in Motor Maniacs 2/11


Classic Lounge
Wolf & Friedrich GbR
Arno-Nitzsche-Str. 27
D-04277 Leipzig
Tel.: 03 41 . 3 06 98 30
www.classic-lounge.de



Text: Boris Glatthaar
Bilder: Volker Rost




11.02.2011
Text: Boris Glatthaar Bilder: Volker Rost
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