Porsche Traktor


Porsche TraktorShow ’n’ Scheune

Markus hat eine Autolackiererei – und ein Faible für außergewöhnliche Fahrzeuge. Einen alten Porsche-Traktor baute er deshalb nicht einfach wieder auf, sondern komplett um. Der „Streamler“ ist  keine Landmaschine, sondern ein Designstück
 
 
Gut, auf die Idee, einen Traktor auf Hot Rod zu machen, muss man erst einmal kommen. Das setzt sicherlich einen gewissen Humor voraus. Aber wenn Markus von seinem Porsche-Traktor erzählt, merkt man ganz schnell, dass dieser Umbau ihm wirklich am Herzen liegt. Als Basis diente ihm ein Porsche-Diesel-Traktor Baujahr 1959. Da die Anschaffungspreise für einen regulären Porsche definitiv in einer anderen Liga spielen und auch die normalen Gebrauchten immer teurer werden, ist die Traktor-Lösung sicherlich ein charmanter Ausweg. Denn Buicks oder Chevys sieht man häufig, gemachte Landmaschinen eher selten.

Das Interesse an etwas gröberen Gerät liegt wohl in Markus' Familiengeschichte begründet. Sein Vater Peter Niedergesäß, Europameister von 2004 in der Truck-Trial-Klasse S4 und mehrmaliger Vizeeuropameister, hat seinen Sohn schon früh ins familieneigene Team integriert. So ist die Zuneigung zum schweren Gerät nicht verwunderlich. Zum anderen erkennt man aber auch, dass für den gelernten Lackierer Kraft und Schönheit sehr wohl eine gemeinsame Schnittmenge haben können. So bekommen in der familieneigenen Lackiererei nicht nur Landmaschinen einen neuen Anstrich, sondern auch ganze Lastzüge werden dort frisch lackiert und fahren nicht selten mit einem eigens für den Kunden entworfenem Pinstriping oder Airbrush vom Hof.

 Fast Vergessene Geschichte  Porsche Traktor
Wer sich in der Landmaschinengeschichte Deutschlands nicht so gut auskennt: Ja, Porsche hat auch Traktoren gebaut, und zwar in den 1950er Jahren und der ersten Hälfte der 60er Jahre. Der Porsche-Traktor hatte seinen Ursprung gewissermaßen schon vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Wie auch bei vielen anderen deutschen Marken ist diese Vergangenheit des heutigen Sportwagenherstellers fast gänzlich vergessen.

Der 1875 in Maffersdorf in Böhmen geborene Ferdinand Porsche wurde im Jahre 1937 von der Nazi-Organisation „Deutsche Arbeitsfront“ mit der Entwicklung eines Kleinschleppers beauftragt. Der „Volkstraktor“ sollte gut und günstig sein und die von Adolf Hitler angestrebte „Massenmotorisierung“ auch auf dem landwirtschaftlichen Sektor unterstützen. Wie bei so vielen ehrgeizigen Projekten in dieser Zeit, verhinderte auch hier der Beginn des Zweiten Weltkrieges die Serienfertigung. Lediglich einige Prototypen und Versuchsfahrzeuge wurden vor Kriegsbeginn hergestellt und getestet.


Die Preise fur alte Neunelfer sind hoch und steigen beharrlich. Da ist der Traktor eine charmante Alternative von Porsche


Porsche Traktor1950 entstand aus einer Weiterentwicklung des „Volkstraktors“ der erste echte Porsche-Traktor. In den 50er Jahren arbeitete Porsche mit der Uhinger Firma Allgaier Werke GmbH und dem Mannesmann-Konzern zusammen und entwickelt weitere Modelle. Nach der Zusammenlegung der Traktorenproduktion von Porsche und MAN 1962 kam es dann im Folgejahr zum vollständigen Verkauf der Traktorensparte an Renault.

 

Während der ganzen Zeit verbaute Porsche die verschiedensten Motorentypen in seinen Traktoren. Angefangen bei einem Einzylindermotor mit 822 Kubikzentimeter Hubraum und zwölf PS bis hin zu einem Vierzylindermotor mit 3,5-Litern Hubraum und 50 PS. Die Namensgebung der Modelle war klar und eindeutig: So steckte hinter dem „Porsche Junior“ die Einzylinder-Baureihe, und unter dem Namen „Porsche Master“ die großen Vierzylinder-Serie.

 Luftgekühlte Landmaschine 
Markus’ „Streamler“ ist ein Junior aus dem Jahre 1959. Bei einem Hubraum von 822 Kubikzentimetern leistet der Kleine stolze 14 PS bei einem Leergewicht von zirka 980 Kilogramm. Die von Porsche angegebene Höchstgeschwindigkeit für den luftgekühlten Einzylinder liegt bei 18 Kilometern pro Stunde. Tatsächlich schaffte es der kleine Rote aber auf knapp 35 Kilometer in der Stunde. Sicherlich noch kein Hochgeschwindigkeitsbolide – aber für einen Traktor? Nicht schlecht! Bei der Frage nach der Viertelmeilenzeit antwortet Markus kurz und knapp: „15 Minuten.“ Klar übertrieben. Aber die Tendenz stimmt.

Um aus dem Geschwindigkeitshimmel wieder sicher zurückkehren zu können, besitzt der Einzylinder eine innenliegende Trommelbremse am Hinterrad. Eine Vorderbremse erachtete man in der damaligen Entwicklungsstufe nicht für notwendig, und er kommt auch ohne ganz gut zum Stehen. Sicherheitsgurte sucht man auf dem Traktor vergebens, und auch sonst ist die Ausstattung eher für das Feld als für die Straße gedacht. Trotz der Bezeichnung „Junior“ sind dessen Ausmaße nicht zu verachten. So ist die Fuhre ganze 2,7 Meter lang und stattliche 1,7 Meter breit. Die Höhe beträgt 1,4 Meter.

Den kompletten Motor hat Markus in der zweijährigen Bauzeit zwar komplett überholt, aber keine wesentlichen Änderungen an der Technik vorgenommen. Außer dem selbstgebauten Auspuff und dem KN-Luftfilter wurde die altbewährte Technik belassen und leistet so auch Tag für Tag gute Dienste. Nach nur einem Startversuch ist die Kiste an und tuckert ganz gemütlich vor sich hin, was bei Fahrzeugen dieses Alters ja nicht immer der Fall ist. Und der Kleine steckt derart voller Energie, dass er selbst nach dem Abschalten der Zündung noch eine Minute freudig vor sich hin brummelt, um dann mit einem lautstarken „Blub!“ gänzlich zu verstummen. Der Porsche steht auf zwei Starrachsen, wovon lediglich die vordere mit zwei Konis pendelnd gelagert ist. Die hinteren Räder bestehen aus 22,5-Zoll-Felgen von Speedline mit 385/65-R22,5-Dunlop-Gummis. Vorn steht er auf 17-Zoll-Jaguar-Felgen mit 235/50-ZR17-Pirellis.

Auch im „Cockpit“ wurde bis auf die Sitzgelegenheit nach sauberer Aufarbeitung alles lackiert. Der Lenker, die Pedale und die Hebel wurden ebenfalls lackiert und das Holz wurde fachgerecht behandelt. Die Sitzgelegenheit für Fahrer und Beifahrer ist natürlich so nicht original. Hier wurde der typische Traktorsitz gegen eine Doppelsitzgelegenheit ausgetauscht, die sich per Dämpfersystem auf die jeweilige „Zuladung“ einstellen lässt. Natürlich bekamen bei dieser Gelegenheit die Sitze handgemachte Lederbezüge mit dem dazugehörigen Firmenlogo verpasst.

 Ackergaul mit Blattgold 
Ganz besonderes Augenmerk hat Markus auf die Lackierung gelegt – was bei seinem Beruf natürlich nicht verwunderlich ist. So wurde der gesamte Traktor inklusive Motorblock in Kandy Apple Red lackiert – angelehnt an das Rot, in dem die Traktoren früher ausgeliefert wurden und daher auch ihren Spitznamen „Rote Nasen“ bekamen. Verfeinert wurde die Grundlackierung mit etwas Pinstriping, Blattgold und Bernsteinperl.

Das Thema TÜV will Markus in nächster Zeit auch angehen. Wobei das bei diesem Baujahr nicht wirklich zu einem Problem werden sollte. Zu schnell ist die Fuhre definitiv nicht – und zu laut? Nun ja, … es ist und bleibt halt eine Landmaschine … und die müssen so …

Handwerklich ist der Traktor erste Sahne, ohne Frage. Vor allem die Lackierung ist echte Handwerkskunst. Sicherlich werden jetzt wieder einige hinter der Werkbank oder unter der Motorhaube hervorgekrochen kommen und irgendetwas vom Traktor und der Feldarbeit erzählen. Aber die Geschmäcker sind ja, Gott sei Dank, verschieden und das Ding hat einen Verbrennungsmotor. Ja, natürlich gehören auch Traktoren zum Kulturgut der schützenswerten Fahrzeuggeschichte Deutschlands – gerade wenn auf dem Motor „Porsche“ steht.


Text: Ben Grna
Bilder: Ben Grna




17.08.2012
Text: Ben Grna Bilder: Ben Grna
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