Mercedes-Benz AMG E34


Mercedes-Benz AMG E34Mercedes-Benz AMG E34
Sportler mit Ecken und Kanten

Klar, AMG-Fahrzeuge gelten als seltene Autos. Aber dieses hier ist ganz besonders selten: Es ist der letzte AMG aus der Zeit, bevor Mercedes offiziell beim Tuner einstieg. Übrigens auch der erste AMG, der offiziell über das Vertriebsnetz von Mercedes-Benz verkauft wurde

Die Geschichte begann zunächst wie viele andere auch. Ein Kumpel wollte sich ein neues Auto kaufen und bat Steffen, einen Kfz-Meister aus Mittelhessen, als Berater mitzukommen. Nachdem die Verhandlungen für den Kumpel abgeschlossen waren, schlenderte Steffen noch einmal über den Gebrauchtwagenplatz. Und da stand er: Ein Mercedes-Benz 300 CE Cabriolet in Blauschwarz Metallic, mit AMG-Optikpaket. Zumindest wies das Verkaufsschild den Wagen so aus. Eigentlich suchte Steffen ja nach seinem Traumwagen, einem Mercedes-Benz 190 E 2.5 – 16 EVO 2, von dem nur 502 Exemplare gebaut wurden. Aber Zustand und Preis des Cabrios passten halbwegs zusammen und Steffen nahm den Benz gleich mit nach Hause. Auf dem Heimweg überlegte er noch, ob der spontane Kauf nicht doch ein Fehlkauf war: Hässliche Alufelgen, abgefahrene Reifen, unzählige Kratzer und Beulen, Verdeck aufgeschlitzt und ohne Funktion, Auspuff undicht. Und das war erst die Bestandsaufnahme auf den ersten Blick.
Mercedes-Benz AMG E34
 Optisch Müll, technisch gut 
In der eigenen Werkstatt angekommen, nahm Steffen den Wagen nochmal genauer unter die Lupe. Die Karosse war zwar optisch runtergekommen, aber unfall- und auch von unten absolut rostfrei. Der leicht siffende Motor hatte die Karosserie im Vorderachsbereich sogar bestens „konserviert“. Auch das Verdeck war nach ein paar geübten Handgriffen wieder funktionstüchtig – schließlich hatte Steffen bei Mercedes gelernt. Ein Blick in die Datenkarte bei Mercedes brachte seine Augen dann zum Leuchten: Das Cabrio wurde exakt so mit Technik- und Optikpaket von AMG vom Werk ausgeliefert. Also nichts mit nachträglich drangepfuscht. Das machte den Wagen natürlich deutlich interessanter und auch wertvoller. Und nun war er sich erst bewusst, was er sich da gekauft hatte: Ein Auto, seltener als sein  eigentlicher Traumwagen. Eine umfangreiche Restauration war nun nicht mehr wegzudenken, und deshalb landete der E34 AMG alsbald auf der Hebebühne. Übrigens: Diese Bezeichnung für den Wagen war niemals offiziell. Beim Mercedes-Dealer hieß er 300 CE 24 AMG 3.4 Cabriolet.


Gas geben? Mit diesem Auto kein problem. Viel Spaß und Exklusivität gab es 1993 aber nicht für Uumme: Der AMG hatte einen Neupreis von 190.000 D-Mark


Mercedes-Benz AMG E34Niemand weiß genau, wie viele Fahrzeuge dieser Art genau produziert wurden, die Zahlen variieren zwischen 7 und 25 Stück. Einem einschlägigen Forum zufolge sollen allerdings exakt sieben dieser Fahrzeuge mit dem AMG-Technikpaket (Code 957) ausgeliefert worden sein. Das allein wäre ja schon selten genug, aber dieses Exemplar ist sogar ab Werk mit der Fünfgang-Handschaltung ausgestattet. Einige „Spezialisten“ sind zwar der Meinung, dass es in diesem Modell niemals eine Handschaltung gegeben habe. Der Blick in den original Verkaufsprospekt von 1993 jedoch beweist eindeutig, dass der Wagen serienmäßig mit dem Schaltgetriebe 717.450 ausgestattet wurde. Und das bedeutet: erster Gang hinten links. Diese Ganganordnung ist manchen eventuell vom 190-E-16-Ventiler bekannt. Sportlich eben.
 Aber genug der Fakten. Wir wollen wissen, wie sich so ein seltenes Fahrzeug fahren lässt. Platz nehmen, Sitz und Spiegel einstellen und den Zündschlüssel rumdrehen. Der Sound ist beeindruckend. Deutlich kerniger als beim serienmäßigen 300er-24V. Erster Gang rein, hinten links und los geht’s. Die 252 PS des AMG machen mächtig Druck, nach 7,8 Sekunden stehen schon 100 Sachen auf dem Tacho. Schluss ist erst bei Tacho 260. Die Fahrleistungen und die Motorcharakteristik ähneln sehr stark denen der schnellen 190er 16V. Auch der 3.4 AMG braucht Drehzahl … Aber dann geht die Post ab und der Reihensechszylinder spielt infernalische „Sinfonien“, von denen man normalerweise nur am Stammtisch und vom Hörensagen etwas mitbekommt. Kräftig, kernig mit einem sehr prägnanten Ansauggeräusch. Der Drehzahlmesser stoppt erst kurz vor der 8000er-Marke. Ein zweites Saugrohr rechts vom Luftfilterkasten, nicht zu vergessen bearbeitete Einlasskanäle und Ansaugkrümmer machen‘s möglich.

 

 Präzision in fünf Gängen 
Ganz Mercedes-untypisch lassen sich die fünf Gänge präzise durchschalten. Durch die Hubraumvergrößerung des Serienmotors vom AMG auf 3314 ccm ist auch der Durchzug deutlich besser als beim serienmäßigen 300er. Und auch das AMG-Fahrwerk und die 18-Zöller erfüllen ihren Zweck: Der Benz liegt auf der Straße wie ein Brett. Die Kiste macht richtig Spaß. Das sieht auch Steffens Freundin so. Sie fährt den seltenen Benz genauso gerne wie er selbst. Und jedes Mal zaubert er ihr ein fettes Grinsen ins Gesicht.

Obwohl Steffen hier ein super seltenes Exemplar an Land gezogen hat, ein Originalitätsfreak ist er nicht. Damit ihm der Wagen auch für die Ewigkeit gefällt, musste die Facelift-Haube aus dem 93er-Modell rauf, dazu Blinker vom US-Modell und einen Kühlergrill im Avantgardelook aus dem Zubehör. Schließlich hat Steffen noch alle Stoßstangenteile in Wagenfarbe lackiert. Die 18-Zoll-Felgen im „Segin“-Design stammen übrigens vom großen Mercedes CL 500.
 Exklusives hat seinen Preis
Gas geben? Das kann man mit diesem Auto ganz gewiss. So viel Spaß und Exklusivität gab es aber 1993 nicht für umme. Der Basispreis für einen Mercedes-Benz 300 CE 24 Cabriolet lag bei satten 99.636 DM. Ohne AMG-Pakete, ohne Extras von Mercedes. Das AMG–Technikpaket 957 stand mit 29.982 D-Mark in der Aufpreisliste und beinhaltete den 3,4-Liter-Motor auf Basis des M104.980, ein Sportfahrwerk und AMG-Leichtmetallräder in 7,5 x 17 Zoll mit 225/45-
ZR-17-Bereifung. Letztere waren leider beim Kauf nicht dabei. Aber sie hätten ohnehin den 18-Zöllern weichen müssen. Das AMG-Optikpaket 772, der AMG-Heckspoiler 773 und der AMG-Endschalldämpfer 777 kosteten genauso wie die Extras von Mercedes noch einmal richtig Aufpreis.

Der hier vorgestellte AMG hatte mal einen Neupreis von knappen 190.000 D-Mark. Und noch eine kleine Anmerkung: Die Lampen in den vorderen Stoßfängern sind keine Nebellampen. Die sind – wie beim 124er üblich – neben den Hauptscheinwerfern. Es handelt sich hier vielmehr um zusätzliche Fernscheinwerfer. Also viermal Fernlicht. Schließlich will Steffen auch nachts den Überblick behalten. Es könnte ja irgendwo ein Mercedes-Benz 190 2.5 16
EVO 2 stehen, der einen neuen Besitzer sucht. Dann hätte er seine beiden Traumwagen beisammen.

 



Text: Iskender Isikci
Bilder: Volker Rost




19.10.2012
Text: Iskender Isikci Bilder: Volker Rost
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