Gereiftes Pferd


Nach Jahrzehnten des Siechtums landete Ford mit der 2005er Neuauflage des Mustang wieder einen Volltreffer. Für 2010 wurde das Pony-Car umfassend überarbeitet und die 2011er Modelle sind mit einer komplett neuen Motorengeneration ausgestattet. Wir gaben dem klassischen vier Liter V6 aus Kölner Produktion letztmals die Sporen…Das berühmte Logo des Mustangs

Der Mythos Mustang zehrt noch immer von den ersten beiden Modell-Generationen, die ab 1964 gebaut wurden. Schon die Modelle, die Ford in den 70er Jahren auf die Räder stellte, verloren mit jeder neuen Generation mehr und mehr an Faszination und Strahlkraft. In den 80er Jahren zimmerte man schließlich nur noch völlig belanglose 08/15-Biedermänner zusammen, die auch in den Augen vieler unerschütterlicher Mustang-Fans eine üble Beleidigung fürs Auge darstellten. Vom Tastsinn ganz zu schweigen. Als logische Folge gingen die Verkäufe immer weiter zurück, bis diese Legende amerikanischer Automobil-kultur vollends hingerichtet war.

2011er Mustang V6: Stemmt 380 Nm und mehr als 305 PS.Bis Ford 2004 endlich wieder ein allerfeinst gestriegeltes Pony aus dem Stall zerrte. Als damals erste Fotos des neuen Mustang im World Wide Web grassierten, ging ein regelrechter Hype durchs Netz. Der Server, auf dem die ersten Fotos zu sehen waren, brach innerhalb weniger Minuten zusammen. Nicht nur Muscle Car-Freaks standen Schlange bei den Ford-Dealern. Die Produktion musste massiv ausgebaut werden, um die Nachfrage halbwegs zu befriedigen. Der überwältigende Erfolg des neuen Mustangs hat ein Revival der Muscle Cars eingeläutet und Chevy zur Neuauflage des Camaro sowie Dodge zum Comeback des Challengers animiert.

Um die Attacken der Konkurrenz zu kontern hatte Ford sein Kultmobil für den Jahrgang 2010 gründlich renoviert. Dabei beschränkten sich die Pferdezüchter nicht nur auf ein neues Design der Funzeln, sondern gingen dem Mustang gründlich ans Blech. Die deutlich stärker ausgestellten Kotflügel sorgen für eine knackigere Heckansicht. Die etwas barock anmutende Geradlinigkeit der hinteren Leuchten wich einer schwungvoll arrangierten LED-Einheit, die auch weiterhin die klassische Dreiteilung aufweist. Die gesamte Heckpartie sieht durch die Eingriffe insgesamt zwar weniger maskulin, dafür aber deutlich schnittiger aus. Die Front ziert ein neu gestalteter Stoßfänger nebst schmalerem Kühlergrill. Auch die Scheinwerferpartie mit den integrierten Blinkern fällt nun deutlich flacher aus und blickt grimmiger drein, während die Motorhaube einen fetten Powerdome bekam, der die typische Muscle Car-Optik kraftvoll herausstellt.
 
2011er Mustang V8 GT: 5l Hubraum, über 500 Nm Drehmoment bei Einhaltung der strengen Euro5-NormDas auskeilende Starrachsen-Fahrwerk, das in den vergangenen Generationen immer wieder für Verdruss gesorgt hatte, funktioniert nach umfangreicher Überarbeitung nun erfreulich gut. Straff, verbindlich und frei von Heimtücke. Sicher nicht das Maß der Dinge, aber auch für ambitionierte Angaser absolut akzeptabel.

Die Bremsen packen kraftvoll zu, die Lenkung ist herrlich direkt und dank klassischem Heckantrieb frei von störenden Antriebseinflüssen. Die Automatik schaltet seidenweich und zügig durch ihre fünf Stufen, während der 210 PS starke V6 ordentlich zur Sache geht. Die robuste Maschine basiert in seiner Grundkonstruktion noch immer auf dem ab Mitte der 60er Jahre produzierten Ford-Aggregat mit einer Nockenwelle, das auch schon in Granada & Co. für Vortrieb sorgte. Zuletzt 1997 gründlich renoviert, bekam es seinerzeit je eine obenliegende Nockenwelle pro Zylinderreihe spendiert. Bislang wurde der V6 im Ford Motorenwerk Köln für den Weltmarkt gefertigt und in verschiedenen Modellen wie Land Rover Discovery, Ford Explorer, Ranger und eben dem Mustang verbaut. Künftig werden in der Domstadt nur noch kleinvolumige „Eco-Boost“-Motoren für Fiesta & Co. gefertigt.

2011er Shelby GT 500: Ein 5,4l Kompressor-Triebwerk mit mehr als 700 PSDer Spritverbrauch der „kleinen“ vier Liter-Maschine hält sich beim Mitschwimmen im amerikanischen Verkehr mit gut 12 Litern einigermaßen in Grenzen. Bekommt der Mustang allerdings die Sporen, zieht er ordentlich Saft aus dem 59 Liter fassenden Tank: Gerne werden dann bis zu 20 Liter in die Brennräume geschossen.

Auch wenn der Grauguss-V6 einen ordentlichen Job macht – der Alu-V8 stellt seinen kleinen Bruder in allen Belangen in den Schatten. Der 4,6 Liter große V8-Motor mit 315 PS ist der blubbernde Souverän und im Prinzip die einzig legitimierte Antriebsquelle. Zwar nicht übertrieben antrittsstark, aber jederzeit kraftvoll und erhaben zur Sache gehend. Wer der Meinung ist, dass das Ende des Erdölzeitalters stramm durchgezogen gehört, muss zum Big Brother greifen, der lässig mehr als 20 Literchen auf 100 Kilometer verbrennt.

Doch da wir im Zeitalter der Vernunft leben, ist Effizienz gefragt. So packte Ford seinem Pony Car für den Modelljahrgang 2011 nun zwei moderne, Euro 5 kompatible Alu-Maschinen mit variabel einstellbaren Ventilsteuerzeiten und dramatisch gewachsenem Leistungsvermögen unter die Haube. Ergänzt werden die beiden Kraftprotze durch das bereits aus dem Shelby GT500 bekannte Sechsgang-Getriebe, das sowohl als Handschalter als auch (gegen Aufpreis) als Automatik-Version angeboten wird.
Das neue V6-Aggregat hat „nur“ 3,7 Liter Hubraum, legt aber um nahezu 100 auf nunmehr 305 Pferdestärken zu. Das nimmt dem Wort Basis-Triebwerk irgendwie das Ärmliche. Der V8 bekam vier Ventile spendiert und hat wieder volle fünf Liter Hubraum, aus denen er 412 PS mobilisiert – ebenfalls ein Zuwachs von knapp 100 Gäulen. Trotz der enormen Leistungssteigerung sind die neuen Triebwerke sogar einen Tick sparsamer als die bisherigen Aggragate. Die V6-Version soll tatsächlich mit weniger als acht Litern auskommen können – bei extrem gezügeltem Gasfuß versteht sich. Insgesamt eine sehr ordentliche Vorstellung: Statt die gewiss nicht armselige Leistung zu belassen und den Verbrauch Richtung Ökomobil zu senken hauen die Männer bei Ford einfach 100 Ponys drauf. Eine beachtliche Effizienzsteigerung also, die allerdings weniger der Umwelt als primär dem Fahrvergnügen zugute kommt. Hier unterstellen wir hedonistische Tendenzen.

Im Vergleich zu seinem 2011er Nachfolger sieht das 2005er Pony Car bereits alt ausWer dazu steht, kann sich gleich für die volksnahe Shelby-Version entscheiden. Der GT500 stürmt mit seinem feingeschliffenen 5,4 Liter V8 und satten 550 Pferdestärken in die absolute PS-Oberliga. Wie es sich anfühlt, wenn die knapp 700 Newtonmeter auf die Starrachse einwirken, sollte man zumindest einmal im Leben gespürt haben. Die Brembo-Eisen (die optional auch im Standard-GT montiert werden) sorgen bei ungezügelter Fahrfreude jederzeit für solide Deeskalationsmöglichkeiten.

Der größte Kritikpunkt am Vorgänger­modell war das aus billigstem Knarz-Plastik zusammengetackerte Cockpit. Im Zuge der Modellpflege wurde nun deutlich mehr Wert auf Gediegenheit gelegt, was sich nicht zuletzt an einem deutlich niedrigeren Geräuschpegel im Innenraum bemerkbar macht. Höherwertige Materialien, hinterschäumte Flächen und überraschend sorgfältige Montage sorgen dafür, dass sich der aktuelle Mustang in Sachen Haptik nicht mehr hinter Mittelklasse-Europäern verstecken muss. Selbst beim Klopftest gibt sich das neu arrangierte Interieur keine Blöße, wobei das, was nach edlem Chrom und gebürstetem Alu ausschaut, zumeist veredeltes Plastik ist. Gimmicks wie die 125 wählbaren Farben der Tachobeleuchtung blieben an Bord. Die Sitze leider auch. Zwar erscheinen sie anfangs recht bequem, bei längeren Fahrten kommt jedoch der Wunsch nach etwas mehr Körperunterstützung auf. Außerdem gibt das Gestühl in kurvigem Geläuf zu wenig Seitenhalt.

Die abgelöste Mustang-Generation hat in jedem Fall das Zeug zum maskulinen KlassikerSo bietet auch der aktuelle Jahrgang das, was den Mustang immer ausgezeichnet hat: viel Leistung für wenig Geld. Das muskulöse Schnäppchen wurde in der Basisversion zwar um knapp 2.000 Euro teurer, liegt aber auch weiterhin auf Golf-Niveau: 22.000 Dollar (zuzüglich der Sales Tax die je nach Bundesstaat zwischen sieben und knapp zehn Prozent beträgt) für ein sehr ordentlich zusammengebautes 300 PS-Sportcoupé sind eine Ansage. Denn angesichts des Leistungszuschlags ist der Mehrpreis für die 2011er Mustangs ein denkbar gutes Geschäft: Macht gerade mal 20 Bucks per horse. In diesem Preis sind bereits Klimaanlage, eine stattliche Hifi-Anlage, ABS, Airbags und das ganze Sicherheits-Geraffel bis hin zum elektronischen Schleuderschutz an Bord. Hierzulande werden die aktuellen Pony Cars zulassungsfertig ab 28.000 Euro angeboten. Wer da noch zu einem VW Scirocco greift, ist selber schuld.

Text: Carsten Heil
Bilder: Carsten Heil




25.09.2012
Text: Carsten Heil Bilder: Carsten Heil
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