1. Teil der dreiteiligen Serie über die Yakuza
Drive-by Shooting in Tokyo
Am 5. Februar 2007 wird in Azabu, Tokyo, auf offener Straße und an hellichtem Vormittag Sugiura Ryôichi erschossen. Er saß auf dem Rücksitz eines schwarzen Toyota Century, Fahrer und Beifahrer blieben unversehrt. Sugiura war Vorstandsmitglied eines Gangstersyndikates, der Kobayashi-kai. Die Limousine gehörte seinem Boss, Kobayashi Tadahiro, der an diesem Tag anderswo unterwegs war. Es wird vermutet, dass der Anschlag ihm gegolten habe. Die Attentäter kamen aus der Kokusui-kai, einer Tokyoter Bande, die sich unter den Schutz des größten Gangsterkonglomerats, der Yamaguchi-gumi, begeben hatte. Sie ist gleichzeitig Brückenkopf der in Kôbe beheimateten Yamaguchi-gumi bei deren Vorstoß in die Hauptstadt. Grund der Schießerei waren Revieransprüche auf dem Luxusboulevard Ginza. Konfliktaustragung unter Einsatz von Feuerwaffen passiert in Japan fast ausschließlich unter den Yakuza.

Das Tattoo stellt einen Feuerwehrmann der Edo-Zeit dar. Oft berufen sich Yakuza auch auf diese Volkshelden, die wie auch die Yakuza tätowiert und in Clans organisiert waren. Tattoo von Bunshin Horitsune II aus dem gleichnamigen Bildband.
Kriminelle mit Robin Hood-Ambitionen
Yakuza ist die Bezeichnung für die O.K. (= Organisierte Kriminalität) à la japonaise als »Institution« wie auch für den einzelnen Gangster. Die historischen Traditionslinien der japanischen O.K. bilden zum einen Glücksspieler (bakuto), zum anderen fahrende Händler, Quacksalber und Schausteller (tekiya oder yashi). Dazu gesellten sich in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg Banden »traditionsloser« Mobster, die als gurentai (etwa: »heruntergekommenes Pack«) oder etwas freundlicher als shinkô yakuza (»neue Yakuza-Emporkömmlinge«) bezeichnet wurden. Die Etymologie der Benennung »Yakuza« ist mittlerweilen gut bekannt, sie leitet sich aus einem numerisch auf den ersten Blick gut aussehenden Blatt bei einem japanischen Kartenspiel ab: die Dreierkombination acht (ya), neun (ku) und drei (za). Tatsächlich ist diese Hand »Null« wert, was metaphorisch auf die gesellschaftlichen »Nullen« übertragen wird, aber auch Männer beschreibt, die im Leben alles auf eine Karte setzen. Inoue Takahiko, ein hoher Boss der Inagawa-kai, sieht darin auch ein Zeichen der Bescheidenheit, Yakuza machten sich mit dieser Bezeichnung selber »klein«, schlagen sich auf die Seite der Armen und Schwachen, denen sie im Kampfe gegen die Mächtigen und die Obrigkeit beistehen. »Den Schwachen beistehen, die Mächtigen zerschmettern« lautet die bis heute und auch von Inoue ins Spiel gebrachte Formel.

Formvollendet verabschieden sich Yakuza-Boss und Gefängniswärter bei der Haftentlassung voneinander. Solche »typischen« Szenen werden in den Manga-Comics in Yakuza-Fanzines der jeweiligen Clans dargestellt. Auch bewaffnete Auseinandersetzungen werden darin thematisiert.
Don Inoue bietet aber noch eine andere interessante Etymologie an: eine Schreibung mit chinesischen Zeichen, von denen yaku »Amt, Funktion, Dienst« und za »Sitz, Clan, Dorf, Revier« bedeuten soll. Diese Bezeichnung soll schon seit dem frühen Mittelalter für Leute verwendet worden sein, die eine gewissermaßen friedensrichterliche Rolle in der Dorfgemeinschaft gespielt haben, aber auch für die Verteidigung nach außen zuständig waren. Bis heute kommen Leute in Japan bei Konflikten zu den Yakuza, die dort bekannte Namen und Adresse haben und bitten sie um eine Lösung (gegen fürstliches Entgelt versteht sich). Sie üben damit eine zum Staat parallel verlaufende oder alternative Justiz- und Polizeifunktion aus. Und sie sind »halboffiziell« tief in der lokalen Gemeinde und Gemeinschaft verwurzelt. Sie betonen, dass sie diese Einbindung in die bürgerliche Gesellschaft von »ausländischen« Spielarten der O.K. abgrenzt. »Dem Normalbürger nicht schaden!« ist ein weiterer Slogan, den sie gerne im Munde führen, schließlich sind dies ja auch die Kunden, die ihre Dienstleistungen in Anspruch nehmen. In der Realität sieht es indes oft anders aus. Auch wenn den Klienten nicht physisch geschadet wird, werden sie doch eingeschüchtert und finanziell kaltblütig ausgepresst.

Yakuza verstecken sich nicht. Dunkle Limousinen, bevorzugt deutscher Fabrikation, sind bei den Gangstern sehr beliebt. Hier macht das Nummernschild mit der Silbe »ya« und den Zahlen 9 (ku) und drei (za) überdeutlich, dass der Fahrer im »Dienstleistungsbereich« arbeitet, wie Yakuza ihr Gewerbe gern euphemistisch bezeichnen.
Clan-Verwandtschaft: Der »Vater« und seine »Jungs«
Am 9. April 2011 kurz vor sechs Uhr früh wird der Boss der Bosse Japans, Tsukasa Shinobu, aus Fuchû, Tokyo, dem größten Gefängnis dieses Inselstaates, entlassen. Er wird mit einem schwarzen Kastenwagen von seinen Bandenmitgliedern abgeholt. In einem zur Gänze reservierten Waggon des Shinkansen-Expresszuges fährt er mit seiner Entourage nach Kôbe, wo sich das Hauptquartier seiner Organisation befindet. Gegen Mittag kommt er an und lässt sich unter spontaner Umplanung als erstes zum Grab des dritten Bosses Taoka Kazuo (1913-1981) und einem Gedenkstein der Yamaguchi-gumi fahren, dem Syndikat, dem er vorsteht. Dort verrichtet er sein Gebet, macht als nächstes seinem in den Ruhestand gegangenen Vorgänger Watanabe Yoshinori seine Aufwartung und kommt gegen Viertel nach eins beim Headquarter an. Mit Ledermantel, italienischem Anzug, Hut, Schal, hellvioletter Krawatte und Sonnenbrille. Er begrüßt seine Kader, wechselt im Plauderton Worte mit ihnen und verschwindet dann hinter dem Tor: ein roter Teppich ist dort für ihn ausgerollt worden. Yakuza haben Stil und wissen mit Symbolik umzugehen.
Den vollständigen Artikel und alle Bilder findet ihr in der Dezember-Ausgabe 2011 …