Sebastian (28) wurde von seiner Tätowiererin verschandelt. Seit dem sieht er sich weniger gern im Spiegel. Wie es sich anfühlt, an eine hässliche Tattoo-Gurke gekettet zu sein.
Besonders an heißen Tagen klebt diese rotgrüne, schmierige Tattoo-Gurke an mir wie Motoröl an den Händen eines Kfz-Mechanikers. Ich hatte einen festen Job und die nötige Kohle. Mit dem Koi wusste ich genau was ich wollte: ein traditionell japanisches Motiv. Als gelernter Stuckateur und angehender Bautechniker habe ich über die Jahre ein Auge für Schönheit entwickelt. In meinem Tattoo sollten Schwung, Elan und Ästhetik die Hauptrollen spielen. Doch bekommen habe ich zwei zu schmale, graugrün gestreifte Essiggurken die aussehen als hätte sie jemand in eine Schlammpfütze geworfen, wo sie die Sonne austrocknete. Zerkratzte Kirschblüten säumen ihr staubiges Grab. Mein Tattoo-Alptraum wurde in meiner eigenen Haut beerdigt.
Der 28-jährige Sebastian ist an ein schlechtes Tattoo gekettet, daher trägt er in der Öffentlichkeit eigentlich nichts Kurzärmeliges mehr.
Zeit des Erwachens
Dabei hatte ich meiner Tätowiererin Lilly* herrliche Vorlagen aus Büchern und Magazinen gezeigt. ›Ich setz das um‹ hat sie mir versichert. Sie war überzeugt von sich und somit war ich es von ihr. Wäre das eine Nummer zu groß für sie, würde sie mich woanders hinschicken, glaubte ich. Und trotzdem glaubte ich irgendwie auch, jeder Tätowierer sei so gut wie der andere. Ich war ja so naiv – und das mit 25. Mit Lillys erstem Entwurf war ich zufrieden. Als ich zur ersten Sitzung in den Laden kam, präsentierte sie mir dann aber eine andere Zeichnung. Sie hatte winzige Seerosen eingebaut und die beiden Koi komplett unter Wasser getaucht. Damit war ich nicht einverstanden. Ich wollte Wellen und Kirschblüten. Sie improvisierte schnell, aber hier lag der Fehler längst bei mir. Ich hätte den Termin in diesem Moment canceln müssen. Aber mein Wille, ein Tattoo zu bekomme n, war stärker als die Vernunft. Also hielt ich hin.



Sebastians Tätowiererin lässt die Waterbars den Bach runter gehen, die zu dünnen Koi verlieren die Orientierung und eine saubere Outline will ihr nicht gelingen. 20 Stunden brauchte sie dafür.
Ihr glaubt es vielleicht nicht, aber ich war mit dem Endergebnis sogar eine Zeit lang zufrieden und ich konnte mich mit dem Tattoo identifizieren. Während der Sessions unterhielten wir uns lebhaft über Tattoos und ihren Shop. Auch über mich wollte sie einiges wissen. Ich litt damals wohl am Stockholm-Syndrom, bei dem die Geisel sich mit ihrem Kidnapper anfreundet und mit ihm kooperiert. Doch je mehr sich meine Sachkenntnis über Tätowierungen erweiterte, desto schwerer atmete ich, wenn ich das fledermausartige Irgendwas auf meinem Oberarm sah. Doch Hoffnung auf Besserung und mein Ehrgeiz trieben mich immer wieder zu ihr ins Studio. Und nach der dritten Session, nachdem sie die Schattierungen einbrachte, war es mir plötzlich ganz klar: Mein Tattoo ist eine Riesengurke für die ich 650 Euro verballert habe und für die ich bei drei Terminen über 20 Stunden unter der Nadel gelitten hatte, bevor ich sie ernten durfte.
Den vollständigen Artikel und alle Bilder findet ihr in der Mai-Ausgabe 2012 …