– wurde das Fernsehpublikum, das zu Beginn der 80er oft kaum Berührungspunkte mit der Tattoo-Welt hatte, plötzlich nahezu täglich mit den Tätowierungen der Rock-Stars konfrontiert. So gelangten Tattoos zunächst ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit und schließlich auch zu mehr Akzeptanz. Heute dienen die Stars selbst als Inspiration für Tattoo-Motive. Aber weshalb?

Porno-Brille, dicke Klunker und Elvis-Tolle: MC Kool Keith macht seinem Vornamen alle Ehre. Tattoo von: Kyle Cotterman, Dayton/Kingsport, Ohio, USA
Popstars bilden aus Text, Ton, Optik und Attitude ein Rezept, das Teens und Groupies zum Kreischen und Ausrasten bringt, die Gesellschaft aufhorchen, die Jugend rebellieren, Politiker wütend rotieren, sowie Stadien überquellen lässt. Die Ursache für diese Reaktionen liegt oft darin begründet, dass Popstars nicht selten polarisierende Polemiker sind: Wenn der Detroiter Rapper Eminem sich auf der Bühne an einer Gummipuppe vergeht, die seine Ex-Ehefrau Kim darstellen soll, und danach Extasy vor laufender Kamera und versammeltem Publikum einschmeißt, ist das die pure Provokation und Widerstand gegen alle Norm. Tattoos des »Angry Blonde« stehen für Eigensinn, unangepasst sein und – da der Rapper vor allem seiner eigenen Mutter in seinen Texten schonungslos das Fell über die Ohren zieht – auch für den Ungehorsam gegenüber jeglicher Autorität. Eminem erhebt sich in seinen Shows so zum Anwalt all derer, die unter dem eigenen Elternhaus zu leiden hatten – und da das nicht gerade wenig sind, ist eine breite Fan-Basis praktisch garantiert. Zusammen mit Industrial-Rockstar Marilyn Manson war und ist er das personifizierte Böse und Feindbild Numero Uno amerikanischer Moralapostel. Sich dessen bewusst, traten die beiden Künstler auch schon gemeinsam solidarisch bei Konzerten, oder in Eminems Video-Clip »The Way I Am«, auf.

Endkrasses Manson Portrait im Realistic Trash Polka Style von Volker, Buena Vista Tattoo Club, Würzburg, D
Marilyn Manson, der selbsternannte »Antichrist Superstar«, zerfetzte bei seinen Auftritten demonstrativ die heiligen Schriften der Bibel. Desweiteren zählte zu seinem Showprogramm Fellatio an einem Mann zu praktizieren oder sich selbst massiv mit scharfkantigen Gegenständen zu verletzen, bis ihm das eigene Blut über den Körper strömte. Der Sinn dieser schockierenden Darbietungen war für Manson stets, der Doppelmoral des Christentums den Spiegel vorzuhalten und diese zu enttarnen. Tattoos des Künstlers repräsentieren den Antichristen, der sich gegen offensichtliche Dummheit und Intoleranz stellt. Mansons einzigartiges Make up und seine abrasierten Augenbrauen machen sein Antlitz individuell wie einen Fingerabdruck – und ihn selbst zu einem mega-beliebten Fan-Motiv.
Ein Provokateur aus einer anderen Zeit war auch der »King«, Elvis Presley, der in den 50ern, wie kein anderer vor ihm auf einer Bühne, seine Hüften rhythmisch zu seiner Musik schwang. Das brachte ihm den Spitznamen Elvis the Pelvis ein – Elvis das Becken . Seine schwungvoll kreisenden Hüftbewegungen waren revolutionär und wirkten in den 50er und 60er Jahren mindestens genauso schockierend auf überbesorgte Erziehungsberechtigte, wie es heutzutage eben Eminem oder Marilyn Manson tun. Denn das was uns heute harmlos erscheint, war keineswegs so unschuldig, wie man denken könnte: Elvis’ Hüftschwung symbolisierte ganz schlicht und einfach Sex – für das prüde und bigotte Amerika der 50er Jahre eine schier unerträgliche Provokation!

Der erfolgreichste weiße Rapper aller Zeiten, Oscar-Preisträger, begnadeter Flow-Techniker und Storyteller vor dem Herrn: Eminem a.k.a. Marshall Mathers a.k.a. Slim Shady verdient geschätze 18 Millionen Dollar im Jahr. Tattoo von: Fabian, Clockwork Tattoos, Naturns, Italien
Stars rebellieren im Namen ihrer Fans gegen überkommene Normen und heuchlerische Moralvorstellungen und kreieren ihren Anhängern dadurch oft musikalische Lebenswelten, nach denen diese ihr Leben ausrichten können. Man kann also behaupten, Musik ist ein Sinn des Lebens. Oder wie der Philosoph Nietzsche (*1844; † 1900) sagte: »Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.« Musik stillt das menschliche Grundbedürfnis nach Obhut und emotionaler Zuwendung. Dies erklärt warum sich viele Fans ihren Jimmy Hendrix tätowieren lassen, wie er seine Gitarre hinterm Kopf oder mit den Zähnen spielt, oder Rapper Snoop Dogg, der immer wieder vor Gericht stand und letzten Endes doch ein freier Mann blieb.

Stets guter Dinge: Reggae-Gott Bob Marley. Tattoo von: Bob Tyrrell, Night Gallery, Detroit, USA
Im Abbild des Tattoo-Künstlers, aus Tinte in der Haut, steckt weit mehr als nur ein Klecks Farbe. Man zollt seinem Idol dafür Respekt und Anerkennung, dass es einem so sehr aus dem Herzen spricht, einen durchs Leben begleitet und nachvollziehbare Lebenskonzepte aufzeigt. Musik ist eine globale, grenzüberwindende Erscheinung und Popstars geben ihr ein greifbares Gesicht. Schriftsteller und Multitalent E.T.A. Hoffmann formulierte es treffender Weise so: »Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an.« Diese Mechanismen beschränken sich nicht nur auf Rock oder Rap; jede Sparte hat ihre bemerkenswerten Vertreter hervorgebracht, die ihren Anhängern die Ideale und Lifestyles vorleben, die in der jeweiligen Szene bedeutsam sind. Für die Punks ist es Rebellion, für Hardrocker das Lebensgefühl von Freiheit und Abenteuer und für Techno-Freaks sind es die Ideale der Spaßgesellschaft, für die sie in ihren jeweiligen Stars Bestätigung finden. Ob Mainstream oder Underground, ob Techno, Minimal, Gothic, Metal, Industrial, Jungle, Drum and Bass oder Crunch – Musik ist Teil unserer Lebensqualität, und wie Pop-Ikone Madonna es im Jahr 2000 in ihrem Hit »Music« auf den Punkt brachte: »Music makes the people come together«.
Im zweiten Teil unseres Motive-Specials, erscheinend in der nächsten Ausgabe des TätowierMagazins am 25. September, widmen wir uns den »Tools of the Trade«, den Musik-Instrumenten. Bis dahin, Rock on!