Drache, Hannya, Koi und Fudo haben schon lange auch in westliche Tattoo-Studios Einzug gehalten. Wir erklären die wichtigsten Motive aus der Bilderwelt des Nihon Irezumi, des Tätowierens im japanischen Stil.
In der klassischen japanischen Tätowierkunst stößt man immer wieder auf die selben Motive; Drachen, muskelbepackte Kriegergestalten, mythische Kreaturen, Götter und Heilige aus dem buddhistischen Pantheon und verschiedene Tiere wie Schlangen, Tiger und Karpfen. Die meisten Tätowierer bedienen sich auch immer wieder der selben Vorlagen; Farbholzschnitte von Künstlern wie Kuniyoshi, Kyosai und Hokusai inspirieren seit knapp 200 Jahren Tätowierer in Japan, oft werden die Holzdrucke der »alten Meister« auch heute noch eins zu eins als Tattoo umgesetzt. Manche Tätowierkünstler wie Horiyoshi III bemühen sich, auch weniger bekannte Motive, die dennoch in der japanischen Tradition verwurzelt sind, als Tattoo-Motive zu etablieren, doch am häufigsten sieht man nach wie vor »Klassiker« wie Drachen, Koi & Hannya. Während es in der westlichen Tattoo-Szene keine Richtlinien für die Kombination von Tattoo-Motiven gibt, liegen japanischen Designs meist bestimmte Erzählungen, Legenden und Mythen zugrunde, aus denen oft klar hervorgeht, welches Motiv den Mittelpunkt der Tätowierung darstellt, welche zusätzlichen Bilder darum angeordnet werden können und welche nicht in Frage kommen. Das setzt voraus, dass japanische Tätowiermeister sich nicht nur eingehend mit Kunst, sondern auch mit Literatur, Volkserzählungen, Geistergeschichten und Legenden von berühmten Räubern und Helden auseinandersetzen. Auch das Thema Religion, insbesondere der Buddhismus, aber auch der Shinto-Glaube, der sich mit den Gottheiten des japanischen Inselreiches befasst, ist für die stimmige Komposition von Ganzkörpertätowierungen von großer Bedeutung.
Einer der 108 Rebellen des Suikoden-Romans bezwingt mit bloßen Fäusten einen Tiger. Tattoo von Shinshu Horigane I aus Nagano.
Suikoden
Das ursprünglich aus China stammende Helden-Epos »Suikoden« erzählt von 108 Rebellen, die sich zu einer Art Guerilla-Armee zusammenschließen um das korrupte Beamtensystem zu bekämpfen. Im Japan des 18. und 19. Jahrhunderts wurde die Erzählung zum Bestseller und viele begeisterte Leser ließen sich Tätowierungen der verwegenen Hauptdarsteller tätowieren – etwa so, wie sich heute manch einer ein Batman- oder Spiderman-Tattoo stechen lässt. Einige Protagonisten sind noch heute besonders beliebt, zum Beispiel der »Blumenmönch« mit seiner Gebetskette und dem schweren Eisenknüppel oder »Neun Drachen«, ein Rebell, der auf seinem Körper neun Drachentätowierungen trägt.
Drachen-Tattoo von von Knockover Decorate (JP)
Drachen
Der Drache ist mit Abstand das am häufigsten gestochene Motiv. Er symbolisiert vor allem Kraft und Stärke. Während Drachen in der westlichen Symbolik eher ein negatives Image haben, gilt der Drache in ganz Asien als ein glücksbringendes, göttliches Wesen. Er wird nicht wie in Europa mit Feuer, sondern mit Wasser assoziiert. Japanische Drachen leben in Flüssen, Seen oder im Meer und bringen Regen und Sturm. Ein Drachen-Tattoo soll die Kraft des Fabeltiers auf den Träger übergehen lassen. Der schlangenartige Körper erlaubt es, insbesondere bei großflächigen Tattoos, das Drachenmotiv optimal an den Körper des Kunden anzupassen.
Oni erkennt man am struppigen Fell und den dichten Augenbrauen, meist sind die Hörner auch etwas kürzer als die der Hannya. Tattoo von Sandor Jordan (Essen).
Hannya & Oni
Obwohl Hannya wie auch Oni stark an abendländische Darstellungen des Teufels erinnern, sind es eigenständige Kreaturen, die ihren Ursprung im japanischen Volksglauben und im Buddhismus haben. Hannya sind grundsätzlich weibliche Dämonen. Man glaubte, dass eifersüchtige, rachsüchtige und zänkische Frauen sich in solche Dämonen mit langen Hörnern und Fangzähnen verwandeln würden. Hannya können in manchen Erzählungen Feuer speien. Oni sind männliche Dämonen und kommen unserer Vorstellung von Teufeln schon relativ nahe. Sie haben ein struppiges orange-rotes Fell und Stummelhörner, oft sind sie mit Äxten oder stachelbewehrten Knüppeln bewaffnet. Oni leben in den Wäldern und fressen Menschen, bevorzugt junge Frauen. Einige Erzählungen berichten davon, wie Hannya und Oni durch das Mitgefühl buddhistischer Heiliger errettet werden. Solche Geschichten sollten belegen, wie selbst die verkommensten Wesen durch Buddha zur Erlösung gelangen können.
Den vollständigen Artikel und alle Bilder findet ihr in der Dezemebr-Ausgabe 2011 …