HR Giger und die Tattooszene


Wie kein anderer Künstler hat HR Giger die Tattooszene beeinflusst. Mehr noch: Mit dem von ihm erfundenen Biomechanoiden hat er sogar einen eigenen Tattoo-Stil etabliert. Der Ausnahmekünstler, der vor allem durch die Gestaltung der Alien-Figur für den gleichnamigen Film Weltruhm erlangte, ist am 12. Mai im Alter von 74 Jahren verstorben.

Dotwork-Astro-Dino von Mateusz vom Zmierzloki Tattoo aus Tychy in Polen.
Alicia Musson mit ihrem Tattoo von Adam Collins vom New Wave Tattoo (London) vor der Originalvorlage im HR Giger Museum. Der Künstler HR Giger (links im Bild) hielt zeitlebens Kontakt mit der Tattooszene.


Schädel und Geisterbahnen
Vor dem Tod habe er keine Angst, äußerte sich HR Giger vor zwei Jahren gegenüber dem Online-Nachrichtenportal Blick.ch. Als Kind habe er sich schon früh mit dem Thema Tod und Vergänglichkeit auseinandergesetzt. Sein Hang zum Morbiden zeigte sich beispielsweise in einer Geisterbahn, »vollgestopft mit Skeletten, Monstern und Leichen aus Pappe und Gips«, die er im Elternhaus aufbaute und deren Benutzung für Mädchen ausdrücklich kostenlos war.
Irritation, Beklemmung, Angst – das sind die Gefühle, die den Betrachter auch heute noch beim Anblick der großformatigen Airbrushgemälde von HR Giger überkommen, die er von 1972 bis 1992 schuf.
 
Mit der mysteriös-düster wirkenden Farbgestaltung unterstreicht Andy Engel aus Kitzingen die Wirkung des Aliens.Mit der Gestaltung des Aliens für den gleichnamigen Film von Ridley Scott wurde HR Giger international berühmt. Die nur dem Überlebenstrieb gehorchende Figur ist Vorlage für zahlreiche Tattoomotive wie hier von Pavel Angel vom Moskauer Angel Studio.
Mit der Gestaltung des Aliens für den gleichnamigen Film von Ridley Scott wurde HR Giger international berühmt. Die nur dem Überlebenstrieb gehorchende Figur ist Vorlage für zahlreiche Tattoomotive (Abb. links) wie von Pavel Angel vom Moskauer Angel Studio. (r) Mit der mysteriös-düster wirkenden Farbgestaltung unterstreicht Andy Engel aus Kitzingen die Wirkung des Aliens.


Lebenshilfe
Todessymbole, Vaginas, Penisse, kopulierend-schleimige Kreaturen, Maschinenbabys, Baphomet, an Schläuchen hängende Kunstwesen, Frauen mit Peniskopf und prallen Brüsten … Schlüsselfiguren, die in seinen Werken grotesk zusammengewoben sind und dem Betrachter eine albtraumhafte Welt vorführen. Wenn das Malen für Giger eine »Lebenshilfe« war, mit der er sich von seinen Albträumen »freigemalt« hat, dürfte ihn angesichts seiner enormen Werksschau mit allein über 600 Gemälden nichts mehr geschreckt haben.
 

Gebärmaschine: Wie Babys aussehende Kugeln werden von einer Pistole ausgespuckt. Genial umgesetzt von Daniel Evers vom US-amerikanischen Studio Dreamland Tattoos.Arbeiten von HR Giger waren auf zahlreichen Plattencover zu sehen. Sehr bekannt wurde der Entwurf für Debby Harry (Koo Koo, 1981) und für Emerson, Lake und Palmer (Brain Salad Surgery, 1973). Nach dem ELP-Cover tätowiert hat Pavel Angel aus Moskau dieses Tattoo eines maskenhaften Frauengesichts mit Peniskopf, eingefasst von einer Maschine.
(l) Gebärmaschine: Wie Babys aussehende Kugeln werden von einer Pistole ausgespuckt. Genial umgesetzt von Daniel Evers vom US-amerikanischen Studio Dreamland Tattoos. (r) Arbeiten von HR Giger waren auf zahlreichen Plattencover zu sehen. Sehr bekannt wurde der Entwurf für Debby Harry (Koo Koo, 1981) und für Emerson, Lake und Palmer (Brain Salad Surgery, 1973). Nach dem ELP-Cover tätowiert hat Pavel Angel aus Moskau dieses Tattoo eines maskenhaften Frauengesichts mit Peniskopf, eingefasst von einer Maschine.


Apokalypse ohne Hoffnung
Die sogenannten Biomechanoiden sind ein Teil dieses Werkes. Organische und technische Elemente verschmelzen zu Landschaften und Kreaturen mit geradezu apokalyptischem Charakter. Es ist eine entmenschlichte Welt, beherrscht von Mensch-Maschinen, die uns der Schweizer präsentiert. Erlösung durch ein »göttliches Element« als Heilsbringer findet sich darin nicht. Dafür aber ein gekreuzigter Jesus, der mit seinen ausgestreckten Armen als Steinschleuder in den Händen einer Dämonengestalt fungiert, und ein Ziegenkopf mit weiblichen Brüsten und einem Pentagram auf der Stirn: Baphomet, der Herr der Finsternis, der »tierköpfige Gott des Todes«. 

Die Tattooszene schätzt den Schweizer Künstler sehr. Tätowiert werden nicht nur Gigers Werke, sondern auch der Künstler wird als Porträt-Tätowierung umgesetzt. Tattoo von Dmitriy Samohin. Lasse aus dem finnischen Studio Individual Ink setzte diese Arbeit aus dem Buch »H.R. Giger?s Biomechanic« als Tattoo um.
(r) Lasse aus dem finnischen Studio Individual Ink setzte diese Arbeit aus dem Buch »H.R. Giger’s Biomechanic« als Tattoo um. (r) Die Tattooszene schätzt den Schweizer Künstler sehr. Tätowiert werden nicht nur Gigers Werke, sondern auch der Künstler wird als Porträt-Tätowierung umgesetzt. Tattoo von Dmitriy Samohin.


Größte Erfolge in Hollywood
Eine Seelenverwandtschaft muss schon der Filmregisseur Ridley Scott beim Betrachten von Gigers Buch »HR Giger’s Necronomicon« (1977) gespürt haben, was ihn dazu bewog, dem Schweizer den Auftrag für die Gestaltung der Alien-Figur zu geben. Das Alien, eine nur dem Überlebenstrieb gehorchende düstere Kreatur ohne Moral und Gefühl, spiegelt genau den albtraumhaften Tenor wider, den man auch in Gigers Werken findet. Belohnt wurde er für seine Arbeit mit dem Oscar in der Kategorie »Beste visuelle Effekte« im Jahr 1980. Die Tür nach Hollywood war ihm damit geöffnet, weitere Filmprojekte folgten: Unter anderem schuf er Figuren für Poltergeist II (1986), Species (1995) sowie eines der Raumschiffe im Film »Prometheus« (2012), das auf Bildern und Entwürfen beruht, die er bereits 30 Jahre zuvor gemacht hatte.
Auf Leinwand nie zu sehen waren die berühmten Harkonnen-Stühle, die er für den Film »Dune – Der Wüstenplanet« erschuf. Den Auftrag erhielt er von Autor und Regisseur en Alejandro Jodorowski, der das Filmprojekt aber nicht verwirklichen konnte. 1984 erschien Dune dann unter der Regie von David Lynch, der Gigers Gestaltungsideen jedoch nicht übernahm. Heute stehen die Harkonnen-Stühle im Schweizer HR Giger Museum.

Möglichkeiten, auch körperlich in das Giger?sche Universum einzutauchen: die Giger-Bar in Chur und im Museum in Gruyères. Anlässlich der Eröffnung des HR Giger Museums in Gruyère (2011)  kamen auch zahlreiche Tätowierer in die Schweiz, wie hier Paul Booth aus New York.
(l) Anlässlich der Eröffnung des HR Giger Museums in Gruyère (2011)  kamen auch zahlreiche Tätowierer in die Schweiz, wie hier Paul Booth aus New York. (r) Möglichkeiten, auch körperlich in das Giger’sche Universum einzutauchen: die Giger-Bar in Chur und im Museum in Gruyères. Dort sind auch die Harkonnen-Stühle zu sehen.


Ab 1991 legte er seine Airbrushpistole beiseite und widmete sich fortan der dreidimensionalen Kunst. Zahlreiche Skulpturen und Möbel entstanden, bei denen er ebenso seinem großen Thema der Technisierung des Lebens treu blieb.

Kontakt zur Szene
Obwohl Giger ein Künstler von Weltruhm wurde und in Hollywood seine größten Erfolge feierte, blieb er mit seinen Fans immer in Kontakt. Auch mit Künstlern aus der Tattoo-Szene, auf die seine Visionen noch heute einen enormen Einfluss haben. Biomechanik entwickelte sich zu einer eigenen Stilrichtung und als Tattoo erwachen seine Kreaturen quasi zum Leben. Dass er seinen künstlerischen Beitrag für die Welt geleistet hat, dessen war sich Giger schon zu Lebzeiten bewusst. Der Kunstwelt wie auch der Tattoo-Szene bleibt nur, einen ihrer ganz Großen zu betrauern.
 
HR Gigers Einfluss auf die Tätowierszene
 
Varry aus Sissach in der Schweiz war einer der Ersten, die Gigers Stil und auch seine Arbeiten als Tattoo umsetzten. Giger begutachtete und kommentierte stets Varrys Interpretationen seiner Werke und sparte wenn nötig auch nicht an Kritik, so dass Varry praktisch von HR Giger selbst in der tätowiertechnischen Umsetzung seiner Werke unterwiesen wurde. Der Tattookünstler, der eine enge Verbindung zu Giger hatte, schildert seine Beziehung zum Meister der Biomechanik.

Mitte der 90er Jahre lernten sie sich persönlich kennen: Giger und der Sissacher Tätowierer  Varry Varesi und seine Frau Jacky.
Mitte der 90er Jahre lernten sie sich persönlich kennen: Giger und der Sissacher Tätowierer
Varry Varesi und seine Frau Jacky.


Pure Faszination ergriff mich, als ich Gigers Buch Necronomicon das erste Mal zu Gesicht bekam. Und so ist es vielen ergangen, denn Gigers Kunst ist einfach genial, einzigartig und unverwechselbar. Seine unkonventionelle Methode der Vermarktung seiner Werke in Form von Poster und großformatigen Büchern erschwerte ihm wohl den Einzug in die elitäre Kunstwelt, machte ihn aber zu einer Ikone der Jugend-Subkultur.
HR Giger war von Tätowierungen fasziniert, vor allem auf Mumien, aber auch auf lebenden Personen. Er selbst jedoch konnte sich nicht vorstellen, selbst ein Tattoo zu tragen.
»Was ist, wenn es einem plötzlich nicht mehr gefällt?«, fragte er häufiger. Das Einzige, was für ihn in Frage käme, wäre eine kleine Markierung in der Armbeuge – damit man beim Blutabnehmen beim Arzt gleich die richtige Stelle treffe.

Giger und die Tattoo-Szene
Ansonsten war er der Tätowierszene aber sehr zugetan. Er zeigte Fotos und erzählte, dass er in New York zusammen mit einer Tätowiererin eine Convention besucht habe und sehr beeindruckt war. Auf den Conventions in Berlin und Sempach hat er sich in die Jury gesetzt, treffen konnte man ihn beispielsweise auch auf der Tattooausstellung »Forever – Die Tätowierung« im Museum Das Gelbe Haus in Flims. Mir wurde die große Ehre zuteil, dass ich in seinem Atelier der Oberhexe des Magiers Akron Gigers Baphomet tätowieren durfte; am selben Ort, wo das Originalbild entstand. Im Nobelkaufhaus Loeb in Bern durfte ich auch während einer Giger-Austellung ein Biomech-Tattoo stechen. Auch war Giger anwesend und hat mir von Zeit zu Zeit über die Schulter geschaut, ein sehr spezielles Gefühl. Unvergesslich auch die Autogrammstunde, die er zur Neueröffnung meines Studios 1999 abhielt.


Gigers Kunst eignet sich sowohl für große Körperpartien als auch als Single-Motiv. Tattoo von Varry Varesi.Giger betrachtet  das frisch gestochene Baphomet-Tattoo auf der Oberhexe des Magiers Akron.
(l) Giger betrachtet  das frisch gestochene Baphomet-Tattoo auf der Oberhexe des Magiers Akron. (r) Gigers Kunst eignet sich sowohl für große Körperpartien als auch als Single-Motiv. Tattoo von Varry Varesi.


Airbrush- und Tattoo-Technik
Gigers Werke eignen sich vorzüglich als Vorlagen und Inspirationen für Tätowierungen. Zum einen sind sie zum Teil sehr körperbezogen. Endlosmuster, Überschneidungen, unterschiedliche Ebenen und sogar einzelne Elemente lassen sich auf alle Seiten ausdehnen und jedes Körperteil ästhetisch verzieren. Elemente, die von jeher mit Tattoos in Verbindung stehen wie Totenköpfe, Fabelwesen und Frauenkörper, sind fester Bestandteil seiner Werke. Zudem verwendete der Meister schwarze Tusche, die er mit einer Retuschierspritzpistole auf ein leicht bräunliches Papier sprühte, und holte mit Weiß die Highlights heraus. Das funktioniert auch mit einer guten Tätowiermaschine auf Haut. Diese Vorzüge und nicht zuletzt die überwältigende Ausstrahlung von Gigers Bildern haben dazu geführt, dass der biomechanische, gigereske Stil einen festen Platz im Repertoire vieler Tätowierkünstler auf der ganzen Welt eingenommen hat und heute nicht mehr wegzudenken ist.

Nachhilfe in Biomechanik
Persönlich kennengelernt habe ich ihn Mitte der 90er Jahre bei einer seiner Ausstellungen in Zürich. Durch einen befreundeten Fotografen wurde ich ihm vorgestellt und als er erfuhr, dass ich mit Vorliebe seine Kunst auf Menschenhaut tätowiere, zeigte er sich sehr interessiert, schrieb mir Adresse und Telefonnummer auf und bat mich, Fotos zu schicken. Das habe ich getan und kurz darauf erhielt ich vom Meister persönlich einen Anruf. Er kommentierte jede meiner Tätowierungen und Airbrushbilder, geizte weder mit Lob noch mit Tadel, erklärte, wie gewisse Effekte erreicht werden und gewährte mir dadurch einen unbezahlbaren Lehrgang in Sachen Biomechanik. Wir haben das ein paar Mal gemacht, bis er schließlich mit Tattoofotos aus der ganzen Welt
überschwemmt wurde und keine Zeit mehr für Einzelanalysen blieb. Geplant war ein Buch über Tätowierungen im Giger-Stil, mit dem Titel »Giger Under your Skin«, was daraus wurde und ob es jemals veröffentlicht wird, weiß ich leider nicht.


Hansruedi Giger habe ich als liebenswerten, großzügigen und humorvollen Menschen kennengelernt. Die Welt hat einen ihrer größten Künstler verloren. Danke für alles Hansruedi!
 


Text: Heide Heim
Bilder: Archiv, Aga Hairesis, Travelingmic, Varry Varesi




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17.08.2014
Text: Heide Heim Bilder: Archiv, Aga Hairesis, Travelingmic, Varry Varesi
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Stand:30 August 2016 20:44:23