»Einfach traditionelle Tätowierungen« sticht der 29-jährige Kevin Berger in Andreas Coenens »The Sinner and the Saint« in Aachen. Nach guter alter Tradition im Walk-in-Verfahren.

Erst sechs Jahre als Tätowierer aktiv, sticht Kevin Berger aus dem Studio The Sinner and the Saint in Aachen astreine Traditionals. Trotzdem bleibt er bodenständig.
»Wir sind Tätowierer, keine Rockstars«, sagt Kevin aus Überzeugung. Der Satz sitzt. Ich höre ihn in diesen Tagen beim Herumreisen durch nordrhein-westfälische Tattoostudios oft. »Wir sind keine Rockstars, bloß Tätowierer«, meint auch Tobias in Düsseldorf. Bevor er sein »Tätowierhandwerk Kirschner« eröffnet hat, arbeitete er bei Ilja Hummels »Glaube, Liebe, Hoffnung« – ein toller Tätowierer wie Kevin. Zwei ganz Bescheidene: uneitel, nicht ruhm- und mediengeil. »Keine Rockstars«, das ist auf die Allüren einiger, insbesondere Berliner Tattoo-Artisten gemünzt. In ihren Wohnzimmerstudios haben sie sich mit den gefährlich-süßen Düften der Selbst- und Fremd-beweihräucherung umnebelt. Verschanzt hinter einer manchmal ausschließlichen Facebook-Einlassluke betreiben sie: Ego-Shooting. Dabei ist bisweilen die Bodenhaftung und der Blick für die Realität abhanden gekommen, im schlimmsten Fall auch der »Geist des Tätowierens«.

Leben in jeder Linie und Farben zum Anbeißen. Ole Kröger zählt zu den besten Neo-Traditionalisten Deutschlands.
Bescheidenheit und Respekt
Auf jeden Fall lebt »der Geist« in Andreas Coenens für die Entwicklung der neuen Tätowierkultur in Deutschlands legendärem »The Sinner and the Saint«-Studio in Aachen. Walk in! Zu Deutsch: Hereinspaziert! Studio ist eigentlich nicht richtig, denn es ist ein ganzes Haus mit mehreren Etagen. Und als müsste der Name des aktuellen Gasttätowierers beweisen, dass Kunst und Moral des Tätowierens zumindest in Aachen noch stimmen, arbeitet Chriss Dettmer im Laden, als ich Kevin für dieses Künstlerporträt besuche.
Was Kevin als selbst noch junger Tattookünstler bei etlichen Kollegen seiner Generation neben Bescheidenheit noch vermisst, ist Respekt. Respekt vor dem Werk älterer Tätowierer: »Im Prinzip können wir doch nur ihre Stile übernehmen.« So sei im Überlebenskampf unter Tätowierern, den Kevin angesichts des überhitzten Tattoobooms kommen sieht, nicht entscheidend, einen neuen Style entwickelt zu haben, sondern mit dem Herzen dabei zu sein. »In den 90ern wollten alle DJ werden, heute Tätowierer«, beobachtet er. Dabei, so Kevin, sehen viele neben dem Coolness-Faktor nicht den ganzen Stress und die nötige Power, die hinter dem trendigen Beruf stecken: »Von wegen aussehen, wie man mag, den ganzen Tag Mist labern und dann nach Hause fahren!«
Mehr Respekt fordert Kevin aber auch von einigen Kunden der jüngsten Generation ein: »Manche haben eine große Klappe, sind richtig frech. Ohne dich zu kennen, behandeln sie dich wie einen Kumpel von der Straße.« Eine Entwicklung, die sicher mit der medialen Allgegenwart von Tattoos, den vielen neuen Studios und fehlender sozialer Kompetenz im realen Leben einiger 359-Freunde-auf-Facebook-Typen zu tun hat.


Ole tätowierte dem Pärchen Kristin und Nils ihren ersten VW-Bus Baujahr '72.
Die Basics von Grund auf gelernt
Es tut der Szene verdammt gut, wenn ein 29-jähriger Tätowierer, der erst seit sechs Jahren in dem Beruf arbeitet, mit seiner kritischen Sicht auf neuere Entwicklungen in der Tattooszene nicht hinterm Berg hält. Einer, der es noch gut findet, in der Ausbildung mit Shop-Putzen und anderen niederen Diensten geknechtet worden zu sein. »Bei New Jack in Duisburg musste ich an zwei Tagen 50 Rosen in unterschiedlichen Stilen zeichnen«, erzählt Kevin. Das kann er jetzt – und vieles andere mehr. »Wer von der neuen Tätowierer-Generation kennt schon noch die genauen Hintergründe japanischer Tätowierkultur, kennt die mythologischen Zusammenhänge?«, moniert Kevin. Als Tätowierer muss man das wissen, meint er, egal in welcher Stilrichtung man tagein, tagaus unterwegs ist.
Zuerst hatte der gebürtige Duisburger Groß- und Einzelhandelskaufmann beim Szeneklamotten-Label »Liquor Brand« gelernt. Sieben Jahre lang war eines der ersten deutschen »Tattoo-Models« seine Freundin: Janine. Nach seiner Zeit bei »New Jack« wirkte er für zweieinhalb Jahre in Bielefeld bei »Blue Harvest«, zum Teil parallel in Aachen. »Das Pendeln, drei Stunden hin, drei Stunden zurück, ging mir auf die Nerven. Außerdem ist Aachen viel schöner.« Sorry, Bielefeld.


Painting einer leicht molligen und anmutigen Schönheit. Kevins Motive zeigen Charakter und Geisha im Traditional-Stil, wie aus einem Vorlagenbuch aus den 50ern.
Love till Death
Kevin liebt und sticht Tattoos mit der traditionellen westlichen Bild- und Symbolsprache. Es ist eine Liebe bis zum Ende: »Love till death« heißt auch das Label, das Motto, unter dem er seine Tattoos verkauft. »Liebe ist doch das, was uns alle am Leben hält, bis zum Tod«, philosophiert er. Man darf das auch auf Tattoos münzen, egal welcher Stilrichtung. Kevin freilich hat sich auf die westliche Tradition festgelegt. »Neo- oder New-Traditionals – das ist weit gefächert. Mich zieht es einfach stark ins Traditionelle.«
Beschränkung auf das Wesentliche ist angesagt. Kräftige Linien, wenig Farben. Vier aus 450, um genau zu sein. Neben Schwarz kommen bei ihm in die Haut: Rot, Gelb, Grün und Braun. Immerhin, manchmal mischt er sie zu einem neuen Farbton zusammen.

Sechsfacher Herzschmerz. Der Träger muss im Leben einiges erlitten haben.
Tattoos to go
Auswachsen kann so ein Tattoo bei ihm auch zum ganzen Sleeve oder Backpiece. »Natürlich lässt sich zum Beispiel ein ›Rock of Ages‹ auf Rückengröße hochziehen«, meint er. Es muss aber nicht sein. Tattoos, die so groß sind wie eine Handfläche: genau Kevins Kragenweite. Gerne fertigt er diese Sammlerstücke auch spontan an seinen beiden wöchentlichen Walk-in-Tagen. »An jedem Freitag und Samstag hat jeder die Chance, alles zu bekommen, was er möchte.«
Der Kunde kommt rein, mit einem Motiv im Kopf, vielleicht Vorlagen im Gepäck. Ein Schädel soll es sein? Kevin zeichnet ihn auf Papier, verändert ihn, paust ihn auf die Haut. Nach ein- bis eineinhalb Stunden verlässt der Kunde glücklich den Laden. Der Nächste bitte! So direkt, so unkompliziert kann Tätowieren sein, und ganz ohne biographisches Bedeutungs-Brimborium (was im Einzelfall auch seine Berechtigung hat). Tattoos to go, für den kleinen Tattoohunger zwischendurch.

Zurückhaltung bei Trendkörperstellen wie Hände und Hals.
Zurückhaltung bei Hals und Händen
Mit dem neuen Trendberuf Tätowierer geht die Entwicklung zu Händen und Hals als Trend-Körperstellen für Tattoos einher. Gerade ganz junge Kunden wollen zur Schau stellen, was sie an Farbe in der Haut haben. Kevin ist, wie viele verantwortungsbewusste Tätowierer, gerade bei jungen, noch nicht oder wenig tätowierten Kunden sehr zurückhaltend, was diese exponierten Platzierungen anbelangt. »Man weiß, man kann damit ein ganzes Leben versauen. Aber folgt man dem Willen des Kunden nicht, tut es ein anderer Tätowierer.«
Natürlich hat auch Kevin schon Hände und Hälse gestochen. »Die waren schon krass tätowiert«, meint er, »da machte es nichts, noch ein Tattoo von mir hinzuzufügen.« Zudem redet er mit jedem Kunden ausführlich. »So bekomme ich von ihm ein Bild und spüre, ob sein Wunsch naiv-kindischem Verhalten entspricht, oder das Hand- oder Hals-Tattoo zu einhundert Prozent gewollt ist.« In letzterem Fall tätowiert er, bevor der Kunde Wochen oder Monate später mit Schrott auf der Körperstelle wiederkommt und ihn gecovert haben will.


Glasklarer Schädel und Donnerwolke, zwei Tattoos, die bestimmt ruck, zuck in der Haut waren.
Für nichts zu schade
Kevin, das ist einer, in dem der Geist von Herbert Hoffmann weiterlebt, freilich mit künstlerisch wesentlich besserem Output. »Bloß Tätowierer«, ist er sich für nichts zu schade. So hat er am letzten Januar-Wochenende an seinen beiden Walk-in-Tagen nur Schriften in Schwarzgrau gestochen. Die Kunden, die bei »The Sinner and the Saint« hereinspaziert waren, wollten es so. Angst vor Kleinkram kennt Kevin nicht. Mal sehen, was er bei den Conventions in Liverpool, Rotterdam und Balingen demnächst in Haut verewigt oder zumindest »till death«.
KONTAKT
Kevin Berger
The Sinner and the Saint Tattoo
Sandkaulstraße 46
52062 Aachen
Tel.: 0241-40 52 86
www.thesinnerandthesaint.com
love.till.death@gmx.de
Text: Volker Müller-VeithBilder: Kevin Berger, Volker Müller-Veith