Richtungsweisend: Kompass


Wenn man das Leben als eine Reise ansieht, so wünschte man sich dafür ein Instrument, das einem bei den Weggabelungen, Seitenpfaden, Schleichwegen oder vermeintlichen Abkürzungen im Leben zuverlässig aufzeigt, welcher Pfad der richtige ist und welcher nur ein Irrweg. Orientierung kann ein Kompass geben,zumindest im übertragenen Sinne.
 

Der Kompass von Daniel Evers, Dreamland Tattoos, Florence (US) weist dem Piratenschiff den Weg.
Der Kompass von Daniel Evers, Dreamland Tattoos, Florence (US) weist dem Piratenschiff den Weg.

Orientierung Dank Magnetismus
Den ersten Kompass hatte man oft schon als Kind bekommen. Meist war es einfach ein billiges Plastikteil, ein Kästchen mit durchsichtigem Deckel, darin die dünne, zitternde Nadel, die sich – selbst bei den primitiven Exemplaren aus dem Yps-Heft oder aus einer Wundertüte – nach einer Weile mehr oder weniger präzise in Nordsüd-Richtung ausrichtete. Hatte man dann noch einen Magneten zur Hand, konnte man sich selbst davon überzeugen, dass die Nadel tatsächlich auf Magnetfelder reagierte.
Dass magnetisches Eisen sich in Nordsüd-Richtung ausrichtet, war bereits im antiken Griechenland bekannt, auch wenn man damals noch nichts vom Erdmagnetfeld wusste. Ähnliche Kompasse gab es vor zweieinhalbtausend Jahren auch schon in China; dort kam eine schwimmende Kompassnadel zum Einsatz, die sich aufgrund des geringen Widerstands auf der Wasseroberfläche stets zuverlässig am Magnetfeld der Erde ausrichtete.

Realistisch tätowierter Kompass von Marcin Gadzinski, Bloodline (PL)Auf der Hand ist der Kompass stets im Blickfeld. Tattoo von Coi, New Skin Touch, Knittelfeld (A).

Auf der Hand ist der Kompass stets im Blickfeld, Tattoo von Coi, New Skin Touch, Knittelfeld (A). Der realistisch tätowierte Kompass stammt von Marcin Gadzinski, Bloodline (PL) 


Die Erfindung, oder, vielleicht besser, die Entdeckung des Kompasses, war ein Meilenstein in der Menschheitsgeschichte. Methoden zur Orientierung gab es zwar auch schon davor, beispielsweise dienten Stand der Sonne oder der Gestirne der Positions- und Richtungsbestimmung. Aber diese Methoden waren abhängig davon, ob Sonne und Sterne überhaupt zu sehen waren. Zudem musste man stets die veränderte Position der Himmelskörper zu unterschiedlichen Zeiten im Jahr einberechnen. Der Kompass zeigte dagegen jahraus, jahrein, Tag oder Nacht, bei Sonnenschein oder verdecktem Himmel immer stur und unbeirrt in dieselbe Richtung.
Der Kompass, wie wir ihn heute kennen, wurde Mitte des 13. Jahrhunderts in Italien entwickelt. Dabei wurde die feine Kompassnadel auf einen dünnen Stift gesetzt, auf dem sie sich nahezu reibungsfrei drehen konnte. Nur wenige Jahre später wurde die Kompassrose entwickelt, die die Richtungen anzeigt: Die vier Himmelsrichtungen Nord, Süd, Ost und West, dazu die Unterteilung in beispielsweise Nordost und, noch feiner, in Nord-Nordost oder Ost-Nordost.
 

Sonja von Punktum Tattoo, Oberhausen/Köln, stach den Traum-Kompass.Kompass-Stillleben von Patrick McFarlane, Paradigma Body Art, Arnheim (NL)

Sonja von Punktum Tattoo, Oberhausen/Köln, stach den Traum-Kompass. Das Stillleben mit Rosa wurde von Patrick McFarlane, Paradigma Body Art, Arnheim (NL) gestochen.


Wegweiser nicht nur für Seeleute und Bergarbeiter
Bei Anwendungsbereichen des Kompasses denkt man zunächst vor allem an die Seefahrt, wo die eintönigen Weiten des in alle Richtungen gleich aussehenden Meeres keine Orientierung erlaubten, wenn Sonne und andere Himmelskörper nicht zu sehen waren. Aber auch im Bergbau kamen Kompassnadeln zum Einsatz und wiesen Bergleuten die Richtung, in die sie unter Tage ihre Stollen graben mussten – jedenfalls solange kein magnetisches Erz in der Nähe war, das die Nadel ablenkte.

Sich einen Kompass tätowieren zu lassen, erscheint auf den ersten Blick eine ziemlich unsinnige Idee zu sein. Der Wert eines Kompasses ergibt sich ja dadurch, dass er beweglich ist und sich stets neu ausrichtet. Die tätowierte Kompassnadel aber ist starr fixiert – ähnlich wie die Zeiger einer tätowierten Uhr, obwohl die Qualität des Zeitmessers ja eigentlich gerade darin liegt, dass er sich unablässig verändert. Aber der Kompass als Tattoo hat nicht tatsächlich die Aufgabe, im geografischen Sinne den Weg zu weisen, sondern vielmehr symbolischen Charakter. Ein »echter« Kompass weist einem die Richtung auf Reisen und in Situationen, in denen es keine anderen Anhaltspunkte zur Orientierung gibt. Wenn man das Leben ebenfalls im übertragenen Sinne als eine Reise ansieht, so würde man sich wohl auch dafür ein Instrument wünschen, das einem bei den oftmals im Leben auftretenden Weggabelungen, Seitenpfaden, Schleichwegen oder vermeintlichen Abkürzungen zuverlässig aufzeigen würde, welcher Pfad der richtige ist und welcher nur ein Irrweg.

Sturmumtoster Leuchtturm von Miss Arianna aus Rimini (IT)Hirschkäfer-Kompass von Niki, Heidi Hay Tattoo, Göteborg

Hirschkäfer-Kompass von Niki, Heidi Hay Tattoo, Göteborg (SE).
Doppelt abgesichert: Orientierung und Richtung gibt das Leuchtturm-Kompass-Tattoo von Miss Arianna aus Rimini (IT). 


Wohin soll die Reise gehen?
Aber ganz so einfach ist das natürlich nicht. Denn was wäre denn das Ziel, auf das sich so ein Lebenskompass ausrichten sollte? Im Gegensatz zum echten Kompass, der recht einfallslos stets nach Norden weist, müsste ein Richtungsweiser fürs Leben wohl für jeden ein anderes Ziel aufweisen; für den einen wäre es der Erfolg im Beruf, für einen anderen Ruhm und Anerkennung, einem dritten wäre die Familie am wichtigsten. Es gibt ganz konkrete Ziele wie Geld und materiellen Besitz, eher abstrakte Ziele wären dagegen Glück oder vielleicht auch einfach nur Zufriedenheit.
Man müsste seinen Lebenskompass also erst mal selbst justieren, und dazu muss man sich zunächst mal im Klaren sein, wohin die Reise überhaupt gehen soll? Einfach ist das nicht. Viele geben einem scheinbar eine Richtung vor – Familie, Freunde oder auch die Erwartungen und Werte der Gesellschaft weisen einen gern immer wieder auf die ausgetretenen Pfade, die sich bewährt zu haben scheinen – aber führen sie auch dahin, wo wir letzten Endes ankommen wollen? Und wo genau wäre das überhaupt? Dazu kommt verwirrenderweise, dass sich unsere Ziele im Laufe unsrer Lebensreise auch plötzlich ändern können. Wer als junger Mensch den Beruf vor alles andere stellt, merkt vielleicht mit zunehmendem Alter, dass andere Dinge wichtiger werden, die bislang vernach-
lässigt wurden, und stellt die bisherigen Ziele in Frage. Hat man den eigenen Kompass als Jugendlicher womöglich falsch justiert? Ist eine Kurskorrektur noch möglich, können neue Ziele überhaupt noch erreicht werden?

Klassischer Kompass von Alex Keller, East Tattoo, Enschede (NL)

Klassischer Kompass von Alex Keller, East Tattoo, Enschede (NL)


Seinen »magischen Kompass«  muss jeder selbst finden

Den ultimativen Kompass dafür besitzt Johnny Depp alias Captain Jack Sparrow in der Film-Trilogie »Fluch der Karibik«: Einen magischen Kompass, der nicht in eine Himmelsrichtung weist, sondern einem den Weg zeigt zu dem, was einem im Leben am wichtigsten ist. Ein hübsche Idee, doch so einen Kompass wird man natürlich nie bauen können. Andererseits: Wozu denn auch? Was einem wichtig ist, wohin die Reise gehen soll, das weiß man doch schließlich selbst am bes-ten. Man ist sich dessen vielleicht nicht immer bewusst, und womöglich braucht man Zeit, Ruhe und Einkehr, um sich darüber klar zu werden, welche Klippen man im Leben umschiffen muss, in welchen Häfen oder fernen Küsten man Station machen möchte und wo man schließlich eines Tages vor Anker gehen will – aber es hat ja auch schließlich keiner behauptet, es wäre einfach, seinen eigenen Weg zu finden.
Und dann wäre da noch die Frage, wie wichtig es überhaupt ist, stets ein festes Ziel vor Augen zu haben? Vielleicht kann es auch manchmal ganz sinnvoll sein, den Kompass für eine Weile wegzustecken und sich treiben zu lassen, einfach zu schauen, an welche unbekannten Ufer einen das Leben spült. Und falls es notwendig erscheint, kann man ja jederzeit den Richtungsweiser wieder aus der Tasche nehmen, ausrichten und wieder auf Kurs gehen. 



Text: Dirk-Boris
Bilder: Archiv TätowierMagazin




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20.08.2013
Text: Dirk-Boris Bilder: Archiv TätowierMagazin
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Stand:22 May 2018 10:16:27