Wegen seiner Farb-Tattoos ohne Outlines war Tätowierer Boris aus Ungarn nicht immer unumstritten. Kritiker orakelten den schnellen Verfall seiner Arbeiten voraus. Heute ist Boris einer der anerkanntesten Meister der Szene. Die farbigen Schattierungen seines auf Realismus basierenden Fantasy-Styles setzen weiterhin den Standard, sein bescheidenes Auftreten und seine angenehme Persönlichkeit überzeugen jeden Skeptiker. Dieses Jahr feiert Boris sein 20-jähriges Tätowierer-Dasein.
Für Motive wie dieses braucht man starke Nerven – und viel Geduld!
Boris, ich habe dich ja schon mehrmals interviewt, und dennoch sind nach 20 Jahren in der Szene immer noch Fragen offen. Seit unserem letzten Gespräch hast du wieder einiges an Erfahrung gewonnen. Wie hat sich seitdem deine Vorgehensweise geändert?
Moment mal, wie lange ist unser letztes Interview her? Sieben Jahre, oder? Das war ein echter Wendepunkt in meiner Karriere, die Zeit als ich in der Szene wirklich international bekannt wurde. Da begannen die Kunden aus aller Welt nach Zalaegerszeg zu kommen und ich musste meine Arbeitsweise radikal ändern, nicht nur den Stil, sondern auch die Technik. Wenn ein Tätowierer vor allem lokale Kundschaft hat, kann er die Leute immer mal wieder für eine Überarbeitung ins Studio holen. Das geht nicht mehr, wenn der Kunde eigens für dich nach Ungarn fliegt. Dann gibt es nur diese einzige Chance. Auch meine Motive änderten sich. Durch die vielseitigen Wünsche, basierend auf den jeweiligen Kulturen, lernte ich mir bis dahin fremde Welten kennen. Was für einen Deutschen, Schotten oder Australier völlig alltäglich erscheinen mag, war oft ganz neu für mich. Ich habe viel Energie aufgewendet, um mich in neue Designs einzuarbeiten und deren Hintergründe zu erforschen. Die Effizienz meiner Zeiteinteilung wurde noch wichtiger: Zehn Stunden Tätowieren täglich wurde normal und ich machte Sleeves oder sogar Rücken in wenigen Sessions innerhalb von ein oder zwei Wochen. Dieses Wahnsinnstempo hatte natürlich Einfluss auf meine Technik. Die richtige Vorausplanung wurde unumgänglich, so dass die Anwesenheit des Kunden vollkommen für die letzten Details und das Tätowieren verwendet werden konnten. Vor zehn oder elf Jahren basierten die meisten meiner Arbeiten noch auf Fantasy Art oder Comics, dem Ursprung meines Stils. Doch heute liegt der Fokus eindeutig auf der Ausarbeitung meiner eigenen Vorstellungswelt, kreativen Ideen und meinem eigenen Referenzmaterial. Ich fotografiere, zeichne und mache selbst Skulpturen zu diesem Zweck.


Nicht nur in Sachen Realistic, auch in Ausdruck und bei Effekten läuft Boris auf Hochtouren.
Da hat sich ja einiges bei dir getan. Aber wie kommst du mit diesem wahnsinnigen Pensum zurecht?
Jahrelang habe ich, neben den anderen Aufgaben eines Tätowierers und Shopbesitzers, an fünf Tagen die Woche bis zu zehn Stunden gestochen, und mich damit an den Rande des Zusammenbruchs und Burn-outs gebracht. Deswegen begann ich, nur noch drei Tage zu tätowieren und zwei Tage für die Vorbereitung zu nutzen. Außerdem habe ich neue Aufgaben übernommen und arbeite eng mit der uns umgebenden Industrie zusammen, den Suppliern, den Herstellern von Maschinen und Pigmenten, helfe bei der Entwicklung, teste das Material selbst und bin im Marketing involviert. Ich gebe Seminare und erstelle ein Lehrvideo. Und du weißt ja, dass ich eine Frau und zwei Kinder habe, denen ich so viel Zeit wie möglich widmen möchte. So weit das mit den vielen Conventions und Guest Spots machbar ist.
KONTAKT
Boris Tattoo
Eötvös u. 3.
8900 Zalaegerszeg, Ungarn
Tel.: 0036-92-347-889
www.boristattoo.com
boristattoo@freemail.hu
Den vollständigen Artikel und alle Bilder findet ihr in der Juni-Ausgabe 2012 …