Das Empfangskommitee am Eingang im dritten Stock hat es bereits in sich: Etwa ein Dutzend tätowierter Jungs und Mädels stehen stramm und überreichen jedem Besucher ein Geschenkpaket mit Postern, Schlüsselanhängern und ähnlich coolem Merchandise. Selbst mehrere Getränkebons sind im Eintrittspreis inbegriffen.
Der Tattoo-König lädt ein
Organisator Katsuta, ehemaliger Punk-Rock Star und Besitzer des Tokyo Hardcore Tattoo Studios, ist tatsächlich so etwas wie der ungekrönte König unter den Tätowierten Japans. Als berühmter Musiker kann er sich allerhand herausnehmen; zum Beispiel eben eine Tattoo Convention in einem Land zu veranstalten, wo der Durchschnittsbürger durchaus noch eingeschüchtert zusammenzuckt, wenn ein wenig Farbe unter dem Hemdsärmel hervorschaut. Nur wenige Vermieter würden es auch nur im entferntesten in Betracht ziehen, ihre Räumlichkeiten so einem Treffen zur Verfügung zu stellen, da Tätowierte in Japan immer noch als potentiell Kriminelle angesehenen werden. Nur langsam greift hier die hartnäckige Überzeugungsarbeit von so engagierten einheimischen Künstlern wie eben Katsuta, Horiyoshi III oder Shige.
Traditionelle Tattoos, traditionelles Handwerk: Statt nerviger Live-Musik wurde auf der Bühne Mochi-Reiskuchen gestampft!
Es ist ein buntes Getümmel im The Room, einer kleinen Location mitten im schicken Stadtteil Daikanyama. Wo sonst gut betuchte Hausfrauen den neusten Schick aus Europa einkaufen, ist an diesem Wochenende die heißeste Anlaufstelle für Tattoo Fans aus Japan und dem Rest der Welt. Nicht, dass die Szene im Land der aufgehenden Sonne überwältigend groß wäre; mehr als einige wenige Tausend Anhänger der Hautkunst werden es in ganz Japan kaum sein; aber heute sind sie alle hier, und es darf gefeiert werden! Besonderer Anlass zur Freude: Horiyoshi III, die lebende Legende unter Nippons Tintenjüngern, ist nicht nur auf einen Besuch vorbei gekommen, sondern tätowiert dort auch! Seit 2000 hat er nicht mehr auf einer Convention gearbeitet, auf Tattoo-Events in Japan angeblich noch überhaupt nie!
Die Menge drängelt nach vorne, umlagert den Veteranen, der trotz fortgeschrittenen Alters und angeschlagener Gesundheit allerbester Dinge ist. Mit der Maschine, und auch kurz mit den Handinstrumenten, tätowiert er etwa eine halbe Stunde seinen eigenen Sohn und Erben Kazuyoshi, gibt fleißig Autogramme, trinkt mit alten Freunden das eine oder andere Bierchen und amüsiert sich prächtig! Sogar ein öffentliches Interview gibt er (siehe Seite 29), steht den Fans Rede und Antwort und hat stets einen Scherz oder ein Lächeln auf den Lippen. Ein wahrhaft beeindruckender Mann.
Ganz klassisches Nihon Irezumi von Shinshu Horigane I aus Nagano.
Eine handverlesene Tattoo-Elite
Direkt vor der Bühne sticht Sabado auf einen koreanischen Kunden ein; mit höchster Konzentration arbeitet der Meister der Comic Kunst den ganzen Tag, bis seine Version eines Kirin, eines japanischen Drachenpferds, den Arm des überglücklichen Kunden ziert. Manche Kollegen schauen stundenlang zu, wie der jederzeit freundliche Sabado mit schlafwandlerischer Sicherheit, der Präzision eines Computers und der kreativen Kraft eines wahren Künstlers sein Werk vollendet.
Nur knapp 50 Tätowierer können während der drei Tage auf dem King of Tattoo arbeiten, manche sogar nur für einen Tag, um dann von einem Kollegen abgelöst zu werden, der den Stand übernimmt. Aber man kann es deutlich erkennen: Absolut jeder und jede ist stolz, dabei sein zu dürfen!
Jess Yen von My Tattoo hat wieder seine ganze Crew mitgebracht; eine engagierte Truppe, die sich mit Herzblut und viel Cash für die notleidenden Menschen im Erdbebengebiet um Fukushima einsetzen. Manche ausländische Besucher waren im Vorfeld noch skeptisch, inwiefern die Katastrophe den Event beeinflussen würde, aber ihr Sorge war unnötig. Jeden Tag drängeln sich Gäste in den Gängen, und Arbeit ist auch genug da für alle. Kein Wunder bei diesem Aufgebot! Wer wollte nicht von solchen Koryphäen wie Horimasa, Washun, Sword of Rebel, Naoki, Three Tides, Horitsuna oder Red Bunny tätowiert werden?
Den vollständigen Artikel und alle Bilder findet ihr in der Dezember-Ausgabe 2011 …