Auch in einer spießigen, mittelgroßen Beamten- und Rentnerstadt wie Wiesbaden kann es Rock’n’Roll geben. In der deutschen Hauptstadt der Millionäre betreibt der Künstler Marc Hegemann seit nunmehr sechs Jahren seine Ladengalerie White Trash Wonderland.
Wahrscheinlich gibt es sie dann doch in jeder halbwegs großen deutschen Stadt: Kleine, subkulturelle Oasen, in denen die vom langen Marsch durch den Mainstream geschundenen Menschen Körper und Seele baumeln lassen können. In Wiesbaden liegt einer dieser Fluchtpunkte nur wenige Gehminuten von Zentrum und Fußgängerzone entfernt: Die Ladengalerie „White Trash Wonderland“ des Künstlers Marc Hegemann aka King Low. Betritt man sein kleines Reich, vergisst man schnell die Botox- und Silikon-gepimpten Damen in den Endfünfzigern, die einem gerade mit ihrem Jaguar fasst die Füße platt gefahren haben. Mit seinem Wunderland hat Marc eine feste Anlaufstelle:
„Das macht schon was aus, wenn man sowas hat. Man hat damit ja immer Ausstellungsfläche. Die Leute können bei mir vorbeikommen und gucken, was ich so mache. Meistens bin ich unter der Woche von 14:00 bis 19:00 Uhr hier, manchmal auch samstags. Offizielle Preise gibt’s bei mir aber ebenso wenig wie feste Öffnungszeiten. Das liegt aber nur daran, dass die Auflagen dann andere wären, ich müsste am End’ noch getrennte Toiletten für Männer und Frauen einbauen ...“
Signatur? Nur auf Kundenwunsch!

Auf all zu viele Jahre Lohnarbeit kann Marc nach eigenen Angaben nicht zurückblicken, obwohl er seit 2000 selbstständig ist. Eigentlich hat er immer schon gemalt, seit er den monatelangen Kampf um die Aufnahme in die Künstlersozialkasse gewonnen hat, ist er quasi auch offiziell ein Künstler. Dabei wollte er eigentlich nie einer sein:
„Früher habe ich mich immer Comic-Zeichner genannt. Künstler? Das klingt mir zu sehr nach Hippie-Kram“, beschreibt er seinen Beruf. Und in der Tat sind die Bilder, die im hinteren Raum seines Ateliers entstehen, stark vom Comic-Stil beeinflusst und wohl irgendwie dem Genre Pop-Art zuzuordnen, stammen seine Motive doch oft aus dem Alltag und der Welt des Konsums. Und eine große Message will der Künstler-verachtende Künstler auch nicht transportieren:
„Die Bilder sollen gefallen. Die Frage, was ich mit ihnen ausdrücken will, sollte sich der Betrachter lieber nicht stellen.“ Da ist es nur konsequent, dass sich auf den Werken von Marc noch nicht einmal eine Signatur befindet, wenn sie auch alle unverkennbar seine Handschrift tragen:
„Das ist mir zu künstlerisch. Und außerdem stört es die Ästhetik des Bildes. Früher hatte ich mal so ’nen Stern mit einem Kürzel. Aber auf Kfundenwunsch würde ich’s vielleicht machen, da ließe sich drüber reden ...“, kommentiert er mit einem Grinsen.
Dabei hätten seine Bilder es wirklich verdient, vom ihrem Erschaffer geadelt zu werden, schließlich sind sie alle Einzelstücke. Noch nicht einmal ein Skizzenbuch, in dem er die „Entstehungsgeschichte“ eines Bildes dokumentieren könnte, hat er. „Obwohl ich mir Skizzen anderer Künstler gerne ansehe: Meine eigenen Entwürfe kann ich nicht sehen.“ Zu gucken gibt’s im Wonderland für die Besucher aber auch so genug. Und viele gucken nicht nur, sondern wollen mehr. „Ich schätze, dass rund 70% über den Verkauf meiner Bilder reinkommen. Damit meine ich die Bilder, die sowieso in meinem Kopf waren und die ich einfach so gemalt habe. Die Leute kommen hier vorbei, schauen rein und nehmen was mit. Ich komme damit über die Runden und die Hauptsache ist für mich, dass ich ohne Zwang malen kann. Ich weiß daher auch gar nicht, wie viel ich eigentlich „arbeite“. Die Preise für meine Bilder sind deswegen – wie bei anderen Künstlern auch – in gewisser Weise willkürlich“, erzählt Marc lachend. „Ich hab’ zwar auch mal die Uhr gestoppt, um zu gucken, wie lange ich für ein Bild brauche, aber das macht eigentlich nur bei Auftragsarbeiten Sinn.“
Künstlerische Freiheit vs. Auftragsarbeit?

Und während viele Künstler sicher Schwierigkeiten damit hätten, nach Kundenwunsch zu malen und zu zeichnen, gibt sich der King Low auch hier unaufgeregt und gelassen – eben irgendwie unkünstlerisch: „Wenn ich Auftragsarbeiten erledige, muss ich mich nicht verstellen, weil ich ja trotzdem meinem Stil treu bleiben kann. Was dabei rauskommt, wird ja nie ein Aquarell sein, das aussieht, als wäre es aus der Toskana. Und die Leute kommen ja auch zu mir, weil sie etwas nach meiner Art haben wollen.“ Im Prinzip läuft es bei Marc also ähnlich wie bei den meisten Tätowierern – und Tattoo-Vorlagen hat er ebenfalls schon angefertigt. Meistens sind aber eher Porträts, Bilder des eigenen Nachwuchses, Visitenkarten und Ähnliches gefragt. Die Freiheit des Schaffens entsteht dabei größtenteils auch aus dem mangelnden Vorstellungsvermögen seiner Kunden: „Selten wissen die Leute, die zu mir kommen, genau, was sie eigentlich wollen. Das ist aber meistens eher ein Vorteil, denn sonst würde es immer Änderungswünsche geben und das Ganze dann schnell ein Fass ohne Boden werden. In der Regel will ich 20% des veranschlagten Preises, wenn ein Auftrag gar nicht gefällt. Das ist bis jetzt aber noch nicht vorgekommen. Ich sehe das auch nicht so streng, das wird mündlich vereinbart und gut. Nur einmal habe ich einen Vorvertrag gemacht, was ab einer gewissen Auftragsgröße wohl auch echt Sinn macht – die Firma ist jetzt beim Insolvenzverwalter … Das eine ist, Bilder im Kopf zu haben, das andere die Umsetzung. Das Handwerkliche kann man vielleicht noch lernen, Kreativität ist eine Begabung. Vorlagen abzeichnen kann jeder.“ Bei allem Talent fürs Pinselschwingen ist Marc aber auch technisch kein unbeschriebenes Blatt, denn auch Websites entwirft der umtriebige Tausendsassa. „Das mache ich zwar auch, aber nicht all zu gerne. Wenn die Bilder für eine Seite soweit stehen, kommt dann ja noch die wirklich rein technische Seite. Und die kann nerven. Deswegen hänge ich diesen Teil meiner Arbeit auch nicht an die große Glocke und vernachlässige manchmal auch meine eigenen Internetauftritte.“
Den kompletten Bericht könnt ihr in der DYNAMITE 03/12 nachlesen...Text: Tilmann ZiegenhainBilder: Tilmann Ziegenhain, King Low