Lee Fields - Meister des Southern Soul


Lee FieldsNachdem Lee Fields in unseren Breiten vor allem als Funkmaster bekannt geworden ist, legt er mit seiner neuen Veröffentlichung „Emma Jean“ ein Glanzstück des Southern Soul vor – ein klassisches Album des Genres, das zwar an die alten Meister des Soul erinnert, aber in keinster Weise antiquiert klingt.


Herr Fields, Sie haben Ihr neues Album „Emma Jean“ nach Ihrer Mutter benannt. Wie wichtig ist Ihre Familie für Sie und Ihre Musik?
Ganz wichtig, denn meine Musik entsteht aus der Liebe zu meiner Familie. Die Familie ist alles für mich und deswegen ist meine künstlerische Tätigkeit fest darin verwurzelt. Meine Familie ist der Boden von allem, was ich bin.

Haben Sie früher auch mit Ihrer Familie musiziert?
Klar doch. Als ich ein Kind war, haben mein Vater, meine Mutter, ich und meine Geschwister stets miteinander gesungen.

Haben Sie in Ihrer Familie spezielle Werte kennengelernt, die Sie auch mit Ihrer Musik transportieren wollen?
Absolut. Ich wurde mit der Bibel großgezogen, deren Prinzipien ich immer noch als Grundlagen für mein Handeln betrachte. Ich benutze sie sozusagen als Landkarte für mein Leben, ich richte alles danach aus.

Für mich ist Soulmusik mehr als nur Musik, weil die Musik eine bestimmte Haltung zur Welt transportiert. Stimmen Sie mir zu? Können Sie uns Ihre Haltung zur Welt darlegen?
Ja, das stimmt. Soul hat einen bestimmten Spirit – und der kommt von Gott. Deswegen gibt es auch zwischen Soul und Gospelmusik ganz wenig Unterschiede, aber die wenigen elementaren gibt es: In der Gospelmusik verkündet man die frohe Botschaft, dass Jesus bald kommen und uns erlösen wird, ich singe hingegen von Dingen, die im Alltagsleben passieren. Aber auch ich habe immer Gott mit im Blick, wenn ich singe. Ich versuche, das Leben zu besingen; aber nicht, indem ich das Anstößige mit in meine Lieder nehme, sondern die kleinen und auch niederziehenden Dinge in wohlgeformte Worte kleide. Ich versuche immer, künstlerisch einen Punkt zu erreichen, von dem es überhaupt erst möglich wird, über solche Dinge zu singen. Ich will immer über echte Dinge singen, aber niemals anstößig wirken. Wie bei allem, was ich tue, habe ich auch in meiner Musik immer Gott im Sinn.


Kämpfen, scheitern, weiterkämpfen

Das erste Lied auf Ihrer CD heißt „You Just Can’t Win“. Worum geht es darin? Ist das ein Statement über die Situation, in der sich die einfachen Leute in den USA heutzutage befinden?
Nein, es ist ein Statement über die Leute im Allgemeinen. Alle Leute wollen wie ihre Helden in den TV-Serien sein: Gute Menschen, die stets Herr ihrer Lage sind und aus allen Schwierigkeiten bestätigt und gestärkt hervorgehen. Aber in der Realität sieht das ganz schön anders aus: Immer wieder kommen wir zu einem Punkt, an dem wir zugeben müssen, dass es nicht so geht, wie wir wollen. Trotzdem versuchen wir es immer wieder und hoffen, dass wir eines Tages gewinnen werden. Ich glaube, dass das ganz wichtig ist, weil Hartnäckigkeit der Schlüssel zu allem ist. Wir müssen uns in die Dinge einmischen und hartnäckig bleiben, um gewinnen zu können, auch wenn es bis dahin heißt „You Just Can’t Win“.


Verwurzelt im Hier und Jetzt

Soulmusik hatte stets einen großen Glauben an die Zukunft. Denken Sie, dass sich in 20 Jahren alles zum Guten gewendet hat?
Ich singe immer vom Hier und Jetzt. Auch wenn das Lied im Grunde verzweifelt ist und nicht meint, dass es in Zukunft besser wird: Wenn es ein gutes Lied ist, kann es von allem handeln, ohne das Streben nach Besserem verächtlich zu machen. Alltagsleben, Liebeskummer, Politik, Glück, wie wunderbar Frauen sind – das sind meine Themen. Ab und an singe ich sogar immer noch vom Tanzen.

Ich denke, Sie sind im Moment 63 Jahre alt ...
Tatsächlich werde ich in paar Tagen 64 Jahre.

Wenn Sie sich die Tage ihrer Kindheit in Erinnerung rufen und diese Welt mit der von heute vergleichen: Wie sehr hat sich Amerika seitdem verändert?
Die USA haben sich in dramatischer Weise zum Besseren verändert: In meiner Kindheit gab es noch einen unvorstellbar krassen Rassismus. Die Rebellionen wurden zwar niedergeschlagen, aber heutzutage gibt es viel mehr Möglichkeiten für einen Menschen, das zu erreichen, was er möchte. Es ist vieles viel besser geworden.

Lee FieldsWie sind Sie auf die Idee gekommen, „Magnolia“ von J. J. Cale zu covern?
Mein Produzent Leon Michaels hat mir eines Tages den Song vorgespielt und mich gefragt, was ich davon halten würde, ihn zu covern. Ich mochte ihn gleich. Leon kennt eben meinen Geschmack. J. J. Cale war einer der größten amerikanischen Songschreiber und ich bewundere ihn dafür, dass er so viele wunderbare Lieder geschrieben hat.


Aufgewachsen mit Country
Auf dem aktuellen Album meine ich mehrmals Countryeinflüsse herausgehört zu haben, was ja auch kein Wunder wäre, weil Country ein wichtiger Bestandteil des Southern Soul ist ...
Ich bin in North Carolina, also im Süden Amerikas, aufgewachsen und höre seit meiner Kindheit Country und Gospel. Im Radio wurde damals sehr viel Countrymusik gespielt und ich liebe sie auch. So war es für mich ganz natürlich, auf dem neuen Album meine Countryeinflüsse kenntlich zu machen. Countrymusik zeigt auch, wer ich bin. Ich bin mit ihr verwachsen.

Was sind denn die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Soul und Country? Ich denke, sie haben die gleichen Themen, nur behandeln sie sie völlig anders ...
Country und Soul sind einander sehr ähnlich, weil sie beide die Probleme des Alltagslebens im Hier und Jetzt besingen. Kann sein, dass Country mehr Wehmut über vorübergegangene Tage transportiert, aber hier will ich mir kein generelles Urteil anmaßen.

Was sind Ihre Lieblingscountrysänger?
Ich liebe Paul Wagner; und Hank Williams senior. Er hat Country auf ein völlig neues Level gehoben. Auch Willie Nelson und Dolly Parton sind nichts anderes als großartig.

 


Zwischen Musik, Immobilien und Fischen

In den Achtzigerjahren hatten Sie einige Dancefloor-Hits in den europäischen Charts. Ich habe aber gehört, dass Sie die so furchtbar fanden, dass Sie für einige Jahre in das Immobiliengeschäft gewechselt sind. Welchen Einfluss hatte denn Disco auf Soulmusik?
In den Siebzigern und Achtzigern veränderte sich schwarze Musik sehr in Richtung Tanzmusik und auch ich habe mich dann darin versucht. Aber die Achtziger waren in puncto Musik insgesamt keine gute Zeit für mich und so habe ich mich unter anderem im Immobiliengeschäft getummelt, um Geld für meine Familie aufzutreiben. Allerdings war der Umfang dieser Geschäfte eher bescheiden. In den Neunzigerjahren habe ich sogar für einige Zeit in unserem Haus ein Fischgeschäft aufgemacht, obwohl meine Kenntnisse darüber nicht besonders großartig sind. Meine Frau fragte mich damals, was ich denn von Fisch wüsste und ich antwortete ihr: Er schmeckt gut. So wurden meiner Frau meine geschäftlichen Bestrebungen dann rasch zu viel und ich habe mich wieder auf mein altes Metier verlegt: Soul. Und seitdem habe ich damit nicht mehr aufgehört. Zu dieser Zeit habe ich oft in Theatern des Chitlin’ Circuit gespielt.

Sie waren in den Siebzigern sogar für kurze Zeit der Leadsänger von Kool & The Gang?
Ja, aber nur eine kurze Zeit und nicht bei den Plattenaufnahmen. Den Job hatte mir der Manager der Band verschafft, segne ihn Gott dafür. Die Jungs waren ihrer Zeit echt voraus und die Arbeit mit ihnen war eine sehr gute Erfahrung.

„Emma Jean“ ist jetzt Ihre dritte Zusammenarbeit mit den Expressions und die Musik hört sich sehr sehr frisch an. Haben Sie eine Ahnung, warum der Modern Soul der Achtziger und Neunziger, der sich mit all seinen Drumcomputern und Synthesizern krampfhaft bemühte, modern zu klingen, heutzutage so schrecklich altmodisch wirkt?
Die Leute mögen eben echte Musik! Ich finde Synthesizer nicht schlimm, mir gefällt aber Livemusik, gespielt mit echten Instrumenten, einfach besser. Ich finde hier den Rahmen, um menschliche Gefühle auszudrücken, einfach weiter. Ich finde auch, dass sich mein neues Album ziemlich frisch anhört und denke, dass es bislang mein bestes Werk ist.

Was halten Sie Lee Fieldsdann von Hip-Hop und zeitgenössischem R’n’B?
Ich liebe Hip-Hop und R’n’B, weil diese Musikgenres ganz andere Bereiche abstecken. Jedes Genre entwickelt seinen eigenen speziellen Geschmack. Ich bin jetzt im Hip-Hop bereits einige Male gesampelt worden und ich finde, es hört sich gut an. Aber ich mag sowieso viele unterschiedliche Musikstile. An einem Tag höre ich Country und Western, am anderen die Beatles, dem nächsten Miley Cyrus und so weiter. Ich höre so ziemlich alles und sauge auch viel Inspiration daraus, verarbeite es dann aber auf meine Art. Es ist für mich als Künstler immer wunderbar, anderen Künstlern zuzuhören und von ihnen zu lernen.

Sie wissen ja, dass einige Ihrer alten Platten eine Stange Geld wert sind. Konnten Sie damit ein bisschen Geld verdienen?
Tatsächlich habe ich unlängst eine Box mit seltenen Singles von mir in meinem Haus gefunden. Das Vinyl ist aber hitzegeschädigt und so werde ich die Singles nicht verkaufen. Ich verkaufe kein minderwertiges Zeug von mir.

Sie haben im Laufe Ihrer Karriere sowohl mit der Southern-Soul-Legende O. V. Wright als auch mit der Northern-Soul-Legende Darrel Banks getourt. Wie war’s?
O. V. Wright ist einer meiner ganz großen Helden und mein neues Album ist auch stark von ihm beeinflusst. Als ich als Jungspund mit ihm in seinem Vorprogramm getourt bin, habe ich mir immer nachher seine Auftritte angesehen, die mir in Erinnerung geblieben sind, als wären sie gestern gewesen. Mit Darrel Banks bin ich in den Spätsechzigern durch den Süden getourt. Das war ein echter Gentleman und auch ein großartiger Sänger.

Letzte Frage: Ich bin jetzt 46 Jahre und ich muss zugeben, je älter ich werde, desto mehr nimmt für meine Ohren der Klang des Wortes Ruhestand an Süße zu. Wie geht es Ihnen damit? Wie sehen Sie die Zukunft?
Die Zukunft kann für mich wirklich riskant werden, also versuche ich meine Karriere als Künstler weiter auszubauen und auf der Bühne zu bleiben, solange ich kann. An Ruhestand mag ich nicht denken. Wer rastet, rostet – das stimmt zumindest für mich.
 

www.leefieldsandtheexpressions.com



Text: Reinhard Jellen
Bilder: Davi Russo




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18.07.2014
Text: Reinhard Jellen Bilder: Davi Russo
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musik ska und soul

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Stand:27 August 2016 11:47:23